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Musikverein Festival: Claras Blumenalbum

10. März bis 12. April 2025

Unter den unzähligen Schätzen, die das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien bewahrt, ist dies der vielleicht feinste, zarteste – und sicherlich der zärtlichste: ein Album mit Sträußchen getrockneter Blumen, die Clara Schumann für Johannes Brahms gesammelt hat. Im Musikverein Festival 2025 bildet „Claras Blumenalbum“ den Ausgangspunkt eines blühenden Programms rund um die Themen Liebe, Freundschaft und die Natur als Resonanzraum des Gefühls. Was man nicht einfach in Worte fassen kann, das können Blumen sagen. Und natürlich: die Musik!

© Stephan Trierenberg

„Nimm dies, mein lieber Johannes, als Gedenkbüchlein von Deiner Freundin Clara Schumann“. So schrieb sie es selbst als Widmung auf die erste Seite, direkt unters erste getrocknete Sträußchen in diesem Album, das sie ihm am Heiligen Abend 1854 schenkte. Es war ein denkwürdiges Weihnachtsfest, das da in Schumanns Wohnung gefeiert wurde. Denn er fehlte. Im März 1854 hatte man Robert Schumann auf eigenen Wunsch in eine psychiatrische Anstalt gebracht. Hinter Anstaltsmauern verschwand er im Schweigen. Clara hörte nichts von ihm, monatelang kam kein Wort. Dann – endlich – ein Zeichen! Im Anstaltsgarten hatte Schumann Blumen gepflückt und kryptisch bemerkt, man wisse schon, für wen sie seien. So gingen sie an Clara, die sich auf die stummen Boten stürzte, um sie als „erstes Liebeszeichen“ zu begrüßen.

Doch nun, im Dezember 1854, gab es Blumen auch für ihn: den 21-jährigen Johannes Brahms, der nach Düsseldorf geeilt war, um Clara in ihrer Not beizustehen. Als Helfer und Tröster war er gekommen, als Freund durfte er sich fühlen. Aber so einfach, so klar war es nicht, die Gefühle drängten ihn aus der Bahn – wortwörtlich auch, als er im Sommer 1854 eine Bahnreise durch Süddeutschland Hals über Kopf abbrach, um eilig zu ihr zurückzureisen. Und sie? Als sie zum Weihnachtsfest 1854 heim nach Düsseldorf kam, vertraute sie ihrem Tagebuch an: „… ich hatte mich nach Johannes unendlich gesehnt!“ Sollte dieses Gefühl nicht anders heißen? Clara sicherte sich ab in der Widmung des Blumenalbums, das sie als „Freundin“ überreichte. Brahms aber traute sich das Wort, als er ihr im Sommer 1855 schrieb: „… behalten Sie mich lieb, ich liebe Sie sehr!“ Clara war zu dieser Zeit in Detmold, für etliche Tage am Fürstenhof. Dort sammelte sie gleich drei Sträußchen für ihn: zarte Gebinde mit blauen Bändchen und rosa Schleifen, geknüpft für Johannes, festgehalten in Claras Blumenalbum.

Geht es nicht überhaupt darum in solch einem Album? Dass dort gepresst, getrocknet, dauerhaft gemacht wird, was in Wahrheit doch so flüchtig ist: die Liebe, ja das Leben überhaupt – vergänglich „wie des Grases Blumen“. Brahms fand später die Musik dazu, in seinem „Deutschen Requiem“ auf den Bibeltext in Luthers Deutsch: „Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen.“ Claras Blumenalbum aber behielt er als Zeichen einer Liebe, die sich dem Vergänglichen entzog: durch Verwandlung. Nach Roberts Tod wurden sie kein Paar – Clara und Johannes blieben allein, um einander weiter zugetan zu sein, verbunden durch die Musik, die sie einander zuspielten.

In dieser Sprache der feinen Chiffren und intimen Zeichen durfte die Liebe sprechen. Gerade das vermag ja die Musik wie keine andere Kunst: vielsagend zu sein, ohne sich in der tückischen Direktheit von Worten zu verfangen, Schwingungen zuzulassen, die ein Geheimnis bleiben dürfen.

© Stephan Trierenberg

„Claras Blumenalbum“, das Musikverein Festival 2025, schlägt dazu viele Seiten auf: natürlich auch mit Musik von ihr, von Clara Schumann, die schon im Alter von 19 Jahren Ehrenmitglied des Musikvereins wurde, und von den beiden, denen sie – so oder so – ihre Liebe schenkte. Neben Kammermusik und Liedern der drei (Altenberg Trio / Christiane Karg und Malcolm Martineau) ist auch kostbar Rares aus anderen Genres zu hören, darunter Clara Schumanns Klavierkonzert (Orchester Wiener Akademie) und Robert Schumanns Chorwerk „Der Rose Pilgerfahrt“ (Wiener Singverein). Die Münchner Philharmoniker, dirigiert von Mirga Gražinytė-Tyla, kommen mit Schumanns „Frühlingssymphonie“ und seinem Violinkonzert (Vilde Frang) nach Wien. Das Concertgebouworkest spielt unter seinem designierten Chefdirigenten Klaus Mäkelä Schumanns Vierte, Schönbergs „Verklärte Nacht“ und Mahlers Erste – allesamt Werke, die auch von der schmerzreich-lustvollen Poesie des Liebens erzählen.

Überhaupt Mahler. „Ich weiß für mich“, sagte er, „daß ich, solang ich mein Erlebnis in Worten zusammenfassen kann, gewiß keine Musik hierüber machen würde.“ So trug er die blaue Blume der Romantik hinüber in die Moderne und lauschte neu auf „Des Knaben Wunderhorn“, in seiner Vierten Symphonie etwa, die bei der Festival-Eröffnung mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Andris Nelsons zu hören ist. Der „Blumine“-Satz steht tags darauf auf dem Programm des Gewandhausorchesters – er stammt bekanntlich aus der Frühfassung von Mahlers Erster, für die er zunächst auch einen anderen Titel vorgesehen hatte: „Der Titan“ nach dem Erzromantiker Jean Paul. Von hier spannt sich übrigens wieder fein ein biographischer Faden zu Clara und ihrem Blumenalbum: Am Heiligen Abend 1854 schenkte sie Johannes nicht nur dieses zarte Büchlein, sondern auch eine Gesamtausgabe der Werke von Jean Paul.

Romantisches also, wohin man blickt: von unerfüllter Liebe verzehrt bei Faurés „Pelléas et Mélisande“ und  Wagners „Wesendonck-Liedern“ oder im Bann der Natur in Beethovens Sechster Symphonie, der „Pastorale“, zu erleben in einem Festival-Programm der Wiener Symphoniker, sagenhaft naturnah bei Dvořák und seinem „Goldenen Spinnrad“, zu dem ihn die Balladensammlung „Kytice“ (Blumenstrauß) anregte (Gewandhausorchester), oder verträumt wie in Chopins Erstem Klavierkonzert (Wiener Concert-Verein). Eine unerfüllte Liebe verwandelte sich da in Musik – so wie später dann, in ganz anderer Sprache, bei Alban Berg und seiner „Lyrischen Suite“ (im Festival-Programm mit einem Kammermusikensemble der Wiener Philharmoniker). In Chiffren wurde versiegelt, was öffentlich nicht gesagt werden konnte. Tonsymbole wie getrocknete Blumen.

© Stephan Trierenberg

Das Romantische – so gesehen, so gehört – lässt sich nicht einengen auf eine Epoche. Nikolaus Harnoncourt sagte es einst unvergesslich in einem Gespräch mit den „Musikfreunden“, als er über die glühenden Romantiker in der Alten Musik sprach: die großen Meister der entgrenzenden Leidenschaft wie Claudio Monteverdi. Das Bach Consort Wien bringt diese Liebesmusik zum Blühen, der Concentus Musicus Wien wiederum geht weiter bis zu Mozart. Dessen c-Moll-Messe erzählt im sakralen Gewand auch von Constanze, der ihm frisch angetrauten heißgeliebten Frau. Das Artis-Quartett ergänzt das Festival-Bouquet um Mozarts „Veilchen-Quartett“ und zwei große Werke, die mit heimlicher Liebe zu tun haben: Janáčeks „Intime Briefe“, ganz gewiss, und Mendelssohns f-Moll-Quartett, womöglich …

Ganz offen von der Liebe gesungen wird dann in einem Festival-Programm, das den Strauß in den Frühling bringt – ja, richtig, den Johann Strauß, und das in Luxusbesetzung, wie es nicht anders sein kann zum 200. Geburtstag des Walzerkönigs im Musikverein: Christian Thielemann dirigiert Auszüge aus Strauß-Operetten mit den Wiener Philharmonikern. „Claras Blumenalbum“ lässt allenthalben die Kreativität sprießen – Künstlerinnen und Künstler, Ensembles und Orchester, die dem Musikverein verbunden sind, beteiligen sich mit vielen weiteren fantasievollen Programmen am Festival, unter ihnen als Protagonisten in den Vier Neuen Sälen Karl Markovics, Corinna Harfouch, Max Müller, Michael Köhlmeier, Die Strottern, das Trio Frühstück und das Duo Minerva. Die Kinder- und Jugendprogramme schlagen weitere Albumseiten auf: Dodo und Tatz erzählen musikalisch von der Freude am Schenken, Agathes Wunderkoffer entfacht „Blütenluftduft“, und im Großen Musikvereinssaal heißt es „Love is in the air“, wenn Sebastian Radon ein Familienkonzert zum Festival moderiert. Auch die Musikvereins-Reihe Souvenir für Menschen mit besonderen Bedürfnissen lässt sich von Schumanns Muse inspirieren und bezieht ihr Motto von einem Lied, das Robert seiner Clara zur Hochzeit schenkte: „Du bist wie eine Blume“.

„Lieber Johannes, welche Schätze sammle ich!“, schrieb noch die 74-jährige Clara Schumann entflammt an den 60-jährigen Johannes Brahms, als er ihr wieder eines seiner neuen Stücke geschickt hatte. Claras Blumenalbum war da schon lange verstaut, ein Erinnerungsschatz aus alter Zeit. Ihre Liebe aber blieb jung – dank der Musik. Was im Leben nicht hätte gedeihen können, das blühte in der Kunst.

Joachim Reiber

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