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Dirigieren auf dem Königsweg

Zum bereits dritten Mal in Folge präsentiert die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien einen Christian-Thielemann-Zyklus. Er reicht ins Jahr 2025 hinein, in dem sich ein Vierteljahrhundert Interpretationsgeschichte rundet, das Christian Thielemann, Wien und den Musikverein verbindet.

<© Markenfotografie

„Am besten an einem kleinen Theater korrepetieren, Operette dirigieren, Zweiter Kapellmeister werden, dann Erster, dann GMD, auch mal gastieren – so sollte das bis 30 laufen. Und dann wird’s schon“: So hat Christian Thielemann einmal die ideale Laufbahn eines Dirigenten skizziert. 2022 war das, im Gespräch mit den „Musikfreunden“. Thielemann hat sich selbst an diese Maxime des langsamen, aber gründlichen Lernens, des geduldigen Wachsens und Werdens gehalten – und dann nicht zuletzt im Wiener Musikverein einige seiner größten Triumphe gefeiert. Dies nicht nur durch die besonders innige Beziehung zum Publikum ebenso wie zu den Wiener Philharmonikern, wobei der Grundstein im Herbst 2000 gelegt wurde: Damals war Thielemann noch an der Deutschen Oper Berlin als Generalmusikdirektor tätig. Genau dort freilich, in seiner Geburtsstadt, hatte er seinerzeit, mit 19 Jahren, als Korrepetitor begonnen und auch bei Karajan assistiert. Gelsenkirchen, Karlsruhe, Hannover: Stationen der berühmten „Ochsentour“, des Sich-Hocharbeitens, das sich im besten Fall als Königsweg zu den prominentesten Pulten der Musikwelt herausstellt. Erster Kapellmeister an der Düsseldorfer Rheinoper, dann jüngster GMD Deutschlands am Staatstheater Nürnberg – und das große Aufhorchen mit Richard Wagners „Tristan und Isolde“ dort. Beim genannten Debüt im Goldenen Saal hatte Thielemann gerade seinen ersten Sommer im „mystischen Abgrund“ der Bayreuther Festspiele hinter sich: mit den „Meistersingern von Nürnberg“.

© Markenfotografie

Doch auch und gerade an die Sache mit der Operette hat er sich gehalten. Das scheinbar Einfache, bloß Unterhaltende: Es erfordert alle nur denkbare musikalische Raffinesse. „Operette wird erst richtig gut, wenn sie auf einem hohen Niveau musiziert wird“, sagt Thielemann – und zieht eine vielleicht überraschende Lehre daraus: In diesem Genre könne man „die Kunst der leichten, geschmackvollen Temporückungen lernen. Bei Wagner müssen Sie manchmal auch den Holzhammer nehmen. Aber danach geht es auch wieder um subtilste Abschattierungen … Operette schult die Geschmackssicherheit.“ So betrachtet, ist geradezu eine Lektion vergnüglichster Art zu erwarten, wenn Thielemann gemeinsam mit Christiane Karg, Piotr Beczała und den Wiener Philharmonikern mit einem Operettenpasticcio betört – auch und besonders deshalb, weil da einige Raritäten aus dem Schaffen von Johann Strauß Sohn auf dem Programm stehen. Dass Thielemann freilich beim herkömmlichen Repertoire nicht minder für außergewöhnlich packende Erlebnisse garantiert, war schon in der Saison 2023/24 mit Musik von Johannes Brahms zu erleben. Diesen Themenstrang setzt er am Pult der Wiener Philharmoniker nun mit zwei großartigen Werken fort: mit der janusköpfig-energischen, in Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen blickenden Symphonie Nr. 4 und auch seiner verkappten „Fünften“, also dem späten, expressiven Doppelkonzert für Violine (Augustin Hadelich) und Violoncello (Gautier Capuçon). Das Autograph dieses Werks liegt im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und ist Teil der kostbaren Brahms-Sammlung, die von der Unesco als „Memory of the World“ ausgezeichnet wurde.

„Das Leise, oder besser, das Differenzierte: Mit dem Streben danach verbringt man am Pult sein halbes Leben“: Diese Thielemann-Weisheit wird sich auch im dritten Programm bestätigen, bei dem der Dirigent erstmals mit seinem neuen Klangkörper im Goldenen Saal gastiert, der Staatskapelle Berlin, dem Orchester der Staatsoper Unter den Linden, wo Thielemann im Herbst 2024 die Nachfolge Daniel Barenboims als Generalmusikdirektor antritt. Mit Orchesterliedern von Richard Strauss, gesungen von Erin Morley, und Anton Bruckners „Keckster“, also dessen ebenso origineller wie leider oft unterschätzter Symphonie Nr. 6, wird er dabei zweien seiner musikalischen Hausgötter huldigen – 25 Jahre nach seinem Debüt im Musikverein.

Walter Weidringer

Konzerte in der Saison 24/25

September 6, 2023

06

Großer Saal

September 6, 2023

05

Großer Saal

September 5, 2023

04

Großer Saal

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    Zeitgenössische Musik

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    Juwelen im Wechselbad der Gefühle

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    Einfach dirigieren

    © Deutsche Grammophon - Andreas Hechenberger

    Mit Charisma und Temperament

    © Julia Wesely

    Starke Beziehungen

    © Felix Broede

    Sogwirkung

    © Archiv, Bibliothek und Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

    Fein und duftig

    © Arnold Schönberg Center, Wien

    Kolossale Klänge