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Der Meister mit dem Hammer und der feinen Klinge

Pierre Boulez zum 100. Geburtstag

Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien würdigt ihr Ehrenmitglied Pierre Boulez mit einer Sonderveranstaltung anlässlich seines 100. Geburtstags am 26. März 2025. Zu den Gästen zählen langjährige Weggefährten wie der Pianist Pierre-Laurent Aimard.

© Peter Schramek I Musikverein

Sein wohl berühmtestes Zitat stammt gar nicht von ihm: „Sprengt die Opernhäuser in die Luft!“, betitelte das Magazin „Spiegel“ 1967 ein Interview mit Pierre Boulez. Dabei hatte der Komponist und Dirigent eigentlich nur die Schwierigkeiten beklagt, zeitgenössische Opern in Repertoiretheatern zu spielen, und einen respektlosen Tagtraum formuliert: „Die teuerste Lösung wäre, die Opernhäuser in die Luft zu sprengen. Aber glauben Sie nicht auch, dass dies die eleganteste wäre?“ Notabene: Boulez formulierte seine surreale Vision im Konjunktiv und betonte im selben Gespräch auch, politisch sei er kein Revolutionär. Ernst zu nehmen war jedoch seine grundsätzliche Skepsis gegenüber der blinden Pflege der Tradition – und gegenüber der Möglichkeit moderner Oper: Seit Alban Bergs „Wozzeck“ und „Lulu“ sei hier kein gelungenes Werk mehr entstanden. Erst viel später erwog er selbst einen Beitrag zur Gattung – es sollte aber nicht dazu kommen. Und so beschränkte sich sein Umgang mit Opern auf seine umfangreichen Aktivitäten als Dirigent, gerade auch in der Auseinandersetzung mit Werken des Repertoires – etwa mit dem legendären „Jahrhundert-,Ring‘“ 1976 bei den Bayreuther Festspielen gemeinsam mit Regisseur Patrice Chéreau.

„Wenn man sich nicht jeden Tag infrage stellt, finde ich, hat das Leben keinen Sinn.“

Pierre Boulez

Zugleich wurde er als Komponist eine der prägenden Persönlichkeiten des 20. und frühen 21. Jahrhunderts: zunächst als Pionier der Seriellen Musik, dem Komponieren auf Basis einer strengen Vorordnung des Materials nach Tonhöhen und -dauern, Lautstärkegraden, Artikulationsweisen usw. Freilich gelang es ihm bald, seine Arbeit mehrfach zu öffnen: hin zu nicht festgelegten Formen, zum Mitkomponieren von Raumaspekten: „Ich habe das Musizieren mit offenen Formen oft mit einem Stadtplan verglichen. Sie kennen eine Stadt und wollen von A nach B gehen. Es bieten sich Ihnen außer dem geraden Weg die verschiedenen Kombinationen von Straßen an. In der Musik muss diese Wahlfreiheit durchaus nicht pedantisch und demonstrativ genutzt werden. Die Freiheit überhaupt zu besitzen, ist mir einzig wichtig.“ Die kompositorische Freiheit, wie sie Boulez verstand, führte allerdings auch dazu, dass er seine Werke beständig überarbeitete und transformierte. Vieles war Work in Progress: „Der Weg entsteht im Gehen. Im Gehen entsteht der Weg.“ (Antonio Machado)

Konnte man seine Werke seit der Gründung des Festivals Wien Modern 1988 regelmäßig im Musikverein hören, später auch innerhalb der „klassischen“ Abonnementzyklen, so war Boulez – seit 2005 Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien – auch als Dirigent regelmäßig hier zu Gast, etwa am Pult der Wiener Philharmoniker oder der Staatskapelle Berlin, mit der er sich 2008/09 bei einem Mahler-Zyklus, den er abwechselnd mit Daniel Barenboim dirigierte, in das kollektive Gedächtnis der Musikstadt Wien einschrieb.

Begonnen hatte seine Präsenz als Dirigent im Musikverein jedoch als Leiter des von ihm 1976 gegründeten Ensemble Intercontemporain, dessen Pianist Pierre-Laurent Aimard als einer von Boulez’ wichtigsten Wegbegleitern auch einer seiner bedeutendsten Interpreten wurde. Im persönlichen Umgang liebenswürdig, warmherzig und charmant, erinnert man sich auch in Wien anlässlich seines bevorstehenden 100. Geburtstags in der Saison 2024/25 an eine Jahrhundertpersönlichkeit. Eines seiner wichtigsten Werke ist „Le Marteau sans maître“ (dt. „Der Hammer ohne Meister“, 1955). Boulez war ein Meister, der rhetorisch mitunter den Holzhammer benutzte, jedoch in jeder Hinsicht auch die feine Klinge beherrschte und bei künstlerischen Forderungen nicht zuletzt sich selbst gegenüber rigoros blieb: „Wenn man sich nicht jeden Tag infrage stellt, finde ich, hat das Leben keinen Sinn.“

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