Lesen statt hören

Die Musik im Haus muss schweigen – es geht nicht anders im Moment. Doch machen wir das Beste daraus. Indem wir uns, zum Beispiel, Zeit zum Lesen nehmen. Wir wollen Sie dazu einladen. Was Sie in diesen Tagen hätten hören können, soll Anlass für Texte sein, die wir Tag für Tag für Sie schreiben. Viel Vergnügen beim Lesen wünscht Ihnen 

Ihre Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Sie hätten heute, am 18. März 2020, im Musikverein gehört: zwei der Rasumowsky-Quartett von Ludwig van Beethoven …

Distanz und Nähe

Ganz für sich sein. Niemand um sich herum haben. Auch die Musik kennt die Situation, dass jemand ganz allein ist und sich selbst genügen kann. Was braucht ein Pianist mehr als sein Klavier? Solipsistisch kann er sich einspinnen in die Musik. Doch reicht ihm das? „Wenn ich ganz allein in einem Raum spiele und irgendjemand hereinkommt“, erzählte Yefim Bronfman kürzlich den „Musikfreunden“, „dann wird sich mein Spiel verändern, weil ich die Präsenz einer Seele spüre.“ 

Ähnlich ist es beim Streichquartett. Zu viert könnten sie hübsch unter sich bleiben, gemäß dem Titel eines einst viel gelesenen und noch mehr verschenkten Büchleins, „Das stillvergnügte Streichquartett“. „Vier vernünftige Leute“, die „sich unterhalten“: Goethe beschrieb es so. Aber der Dichter war eben als Hörender dabei und genoss es, „ihren Diskursen etwas abzugewinnen“. Also muss es zugegeben werden: Auch die intimsten Formen der Musik suchen die Berührung mit anderen. Schon die Kammermusik ist auf seelische Ansteckung aus.

So drängte sie hinaus aus den kleinen exklusiven Räumen, den „Kammern“ und den adligen Salons, und suchte den öffentlichen Raum. Der Geiger Ignaz Schuppanzigh kündigte mit seinem Quartett 1804/05 öffentliche Kammerkonzerte an. Das war ein entscheidender Schritt in eine neue Dimension. Das Streichquartett, alles andere als nur mehr „stillvergnügt“, setzte sich mit professionellem Anspruch an die Spitze der Neuen Musik. Was Haydn vorbereitet hatte, wurde von Beethoven weitergetrieben. Und die „Rasumoswky-Quartette“, für das Schuppanzigh-Quartett geschrieben, zeigten, wie kühn in diesem offenen Feld agiert werden konnte. Beethoven beschritt da, dezidiert, einen „neuen Weg“.

Den Einzelnen aber brauchte er doch für diesen Gang an die Öffentlichkeit. Und merkwürdig genug: Adlige Mäzene waren es, die diese Demokratisierung der Kunst ermöglichten. Graf Rasumowsky, zaristischer Gesandter in Wien, war einer von ihnen. Der reiche Kunstfreund und Amateurgeiger protegierte das Schuppanzigh-Quartett und stand so auch hinter Beethovens zukunftsweisenden Quartetten Opus 59, die dann auch ihm gewidmet wurden. Der Komponist, berichtet ein Vertrauter, „war … im fürstlich Rasumowsky’schen Hause so zu sagen Hahn im Korbe: Alles was er componierte, wurde dort brühwarm aus der Pfanne durchprobiert.“ Dass sich Beethoven später viel kühler, ja eiskalt über diese Art von Nähe äußerte, steht auf einem anderen Blatt. „Gegen alle Menschen äußerlich nie die Verachtung merken lassen, die sie verdienen, denn man kann nicht wissen, wo man sie braucht.“

Joachim Reiber

Subscriptions 2020/21


We are confident to present you the subscription programme of the Musikverein for the season 2020/21. The word, often and often used, has received an unexpectedly strong response - and so it is deliberately stated here: Yes, we are confident that in 2020/21 we will again be able to offer you joyful and inspiring encounters with music but without restrictions. With a lot of creativity we have planned an exciting, diverse, glamorous season for you. It includes 73 subscriptions: 73 different ways to experience life with music during the year.

Your house, the Musikverein in Vienna, offers the best place for this. Since 1870, it has been the first address in the music world to bring together a wide variety of genres under one roof: classical music that radiates in all directions. What the Musikverein has to offer in 2020/21, you will find thematically grouped in the categories "Orchestermusik", "Kammermusik", "Stimme", "Kontrapunkt", "Originalklang", "Im Fokus", "Next Generation" and "Kinder und Jugend ”.

Whichever way you choose to experience music at the Musikverein in the season 2020/21 - we look forward to your visit!

Subscriptions 2020/21 (PDF)

To the subscriptions

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© Wolf-Dieter Grabner

 

Membership

Becoming a member of the Gesellschaft der Musikfreunde has always been something special. Feelings of belonging and participating, identification and love for a shared interest were all reasons for the creation of the society more than 200 years ago. They remain defining themes today. The Musikverein connects people who share not only an interest but also an ideal. It is this that brings them together as “supporting members”, as defined in the society’s founding statutes.

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© Wolf-Dieter Grabner

 

Other forms of support

Alongside the traditional options of either regular membership or youth membership of the Musikverein, there are now other forms of involvement that take the supportive aspects of membership a step further. As a Musikverein Supporter, Sponsor or Patron, you can enjoy additional, personal and tailor-made advantages.

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© Wolfgang Födisch

 

Club20

With our Club20, we would like to offer young adults from 14 - 29 the opportunity to enjoy concerts of the Gesellschaft der Musikfreunde from the best seats in the hall - and that for only EUR 20 / EUR 10 per ticket!

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© Wolf-Dieter Grabner

 

Stellenangebote

Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien / Musikverein Wien gehört zu den traditionsreichsten Konzertveranstaltern Europas mit mehr als 800 Eigen- und Fremdveranstaltungen pro Jahr und sucht derzeit Verstärkung.

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© Wolf-Dieter Grabner

 

Guided tours

As one of the world's most beautiful concert halls and most decorative and striking buildings on Vienna's Ringstrasse, the Musikverein can be best appreciated in the setting of a concert. However, the Gesellschaft der Musikfreunde is also opening the doors of this magnificent building for public tours.

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Concert archive

What was played by whom and when? Our digital concert archive will give you the desired information. It documents 75 years of history: 37,060 events in the Musikverein, 28,753 performers, 10,132 composers, 64,600 works ... The immense treasure trove of concert history: just one click away.

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© Gesellschaft der Musikfreunde

 

Concert vouchers

The ideal present for every occasion!

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150 years Musikverein Vienna

Lesen statt hören

Die Musik im Haus muss schweigen – es geht nicht anders im Moment. Doch machen wir das Beste daraus. Indem wir uns, zum Beispiel, Zeit zum Lesen nehmen. Wir wollen Sie dazu einladen. Was Sie in diesen Tagen hätten hören können, soll Anlass für Texte sein, die wir Tag für Tag für Sie schreiben. Viel Vergnügen beim Lesen wünscht Ihnen 

Ihre Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Sie hätten heute, am 18. März 2020, im Musikverein gehört: zwei der Rasumowsky-Quartett von Ludwig van Beethoven …

Distanz und Nähe

Ganz für sich sein. Niemand um sich herum haben. Auch die Musik kennt die Situation, dass jemand ganz allein ist und sich selbst genügen kann. Was braucht ein Pianist mehr als sein Klavier? Solipsistisch kann er sich einspinnen in die Musik. Doch reicht ihm das? „Wenn ich ganz allein in einem Raum spiele und irgendjemand hereinkommt“, erzählte Yefim Bronfman kürzlich den „Musikfreunden“, „dann wird sich mein Spiel verändern, weil ich die Präsenz einer Seele spüre.“ 

Ähnlich ist es beim Streichquartett. Zu viert könnten sie hübsch unter sich bleiben, gemäß dem Titel eines einst viel gelesenen und noch mehr verschenkten Büchleins, „Das stillvergnügte Streichquartett“. „Vier vernünftige Leute“, die „sich unterhalten“: Goethe beschrieb es so. Aber der Dichter war eben als Hörender dabei und genoss es, „ihren Diskursen etwas abzugewinnen“. Also muss es zugegeben werden: Auch die intimsten Formen der Musik suchen die Berührung mit anderen. Schon die Kammermusik ist auf seelische Ansteckung aus.

So drängte sie hinaus aus den kleinen exklusiven Räumen, den „Kammern“ und den adligen Salons, und suchte den öffentlichen Raum. Der Geiger Ignaz Schuppanzigh kündigte mit seinem Quartett 1804/05 öffentliche Kammerkonzerte an. Das war ein entscheidender Schritt in eine neue Dimension. Das Streichquartett, alles andere als nur mehr „stillvergnügt“, setzte sich mit professionellem Anspruch an die Spitze der Neuen Musik. Was Haydn vorbereitet hatte, wurde von Beethoven weitergetrieben. Und die „Rasumoswky-Quartette“, für das Schuppanzigh-Quartett geschrieben, zeigten, wie kühn in diesem offenen Feld agiert werden konnte. Beethoven beschritt da, dezidiert, einen „neuen Weg“.

Den Einzelnen aber brauchte er doch für diesen Gang an die Öffentlichkeit. Und merkwürdig genug: Adlige Mäzene waren es, die diese Demokratisierung der Kunst ermöglichten. Graf Rasumowsky, zaristischer Gesandter in Wien, war einer von ihnen. Der reiche Kunstfreund und Amateurgeiger protegierte das Schuppanzigh-Quartett und stand so auch hinter Beethovens zukunftsweisenden Quartetten Opus 59, die dann auch ihm gewidmet wurden. Der Komponist, berichtet ein Vertrauter, „war … im fürstlich Rasumowsky’schen Hause so zu sagen Hahn im Korbe: Alles was er componierte, wurde dort brühwarm aus der Pfanne durchprobiert.“ Dass sich Beethoven später viel kühler, ja eiskalt über diese Art von Nähe äußerte, steht auf einem anderen Blatt. „Gegen alle Menschen äußerlich nie die Verachtung merken lassen, die sie verdienen, denn man kann nicht wissen, wo man sie braucht.“

Joachim Reiber

Lesen statt hören

Die Musik im Haus muss schweigen – es geht nicht anders im Moment. Doch machen wir das Beste daraus. Indem wir uns, zum Beispiel, Zeit zum Lesen nehmen. Wir wollen Sie dazu einladen. Was Sie in diesen Tagen hätten hören können, soll Anlass für Texte sein, die wir Tag für Tag für Sie schreiben. Viel Vergnügen beim Lesen wünscht Ihnen 

Ihre Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Sie hätten heute, am 18. März 2020, im Musikverein gehört: zwei der Rasumowsky-Quartett von Ludwig van Beethoven …

Distanz und Nähe

Ganz für sich sein. Niemand um sich herum haben. Auch die Musik kennt die Situation, dass jemand ganz allein ist und sich selbst genügen kann. Was braucht ein Pianist mehr als sein Klavier? Solipsistisch kann er sich einspinnen in die Musik. Doch reicht ihm das? „Wenn ich ganz allein in einem Raum spiele und irgendjemand hereinkommt“, erzählte Yefim Bronfman kürzlich den „Musikfreunden“, „dann wird sich mein Spiel verändern, weil ich die Präsenz einer Seele spüre.“ 

Ähnlich ist es beim Streichquartett. Zu viert könnten sie hübsch unter sich bleiben, gemäß dem Titel eines einst viel gelesenen und noch mehr verschenkten Büchleins, „Das stillvergnügte Streichquartett“. „Vier vernünftige Leute“, die „sich unterhalten“: Goethe beschrieb es so. Aber der Dichter war eben als Hörender dabei und genoss es, „ihren Diskursen etwas abzugewinnen“. Also muss es zugegeben werden: Auch die intimsten Formen der Musik suchen die Berührung mit anderen. Schon die Kammermusik ist auf seelische Ansteckung aus.

So drängte sie hinaus aus den kleinen exklusiven Räumen, den „Kammern“ und den adligen Salons, und suchte den öffentlichen Raum. Der Geiger Ignaz Schuppanzigh kündigte mit seinem Quartett 1804/05 öffentliche Kammerkonzerte an. Das war ein entscheidender Schritt in eine neue Dimension. Das Streichquartett, alles andere als nur mehr „stillvergnügt“, setzte sich mit professionellem Anspruch an die Spitze der Neuen Musik. Was Haydn vorbereitet hatte, wurde von Beethoven weitergetrieben. Und die „Rasumoswky-Quartette“, für das Schuppanzigh-Quartett geschrieben, zeigten, wie kühn in diesem offenen Feld agiert werden konnte. Beethoven beschritt da, dezidiert, einen „neuen Weg“.

Den Einzelnen aber brauchte er doch für diesen Gang an die Öffentlichkeit. Und merkwürdig genug: Adlige Mäzene waren es, die diese Demokratisierung der Kunst ermöglichten. Graf Rasumowsky, zaristischer Gesandter in Wien, war einer von ihnen. Der reiche Kunstfreund und Amateurgeiger protegierte das Schuppanzigh-Quartett und stand so auch hinter Beethovens zukunftsweisenden Quartetten Opus 59, die dann auch ihm gewidmet wurden. Der Komponist, berichtet ein Vertrauter, „war … im fürstlich Rasumowsky’schen Hause so zu sagen Hahn im Korbe: Alles was er componierte, wurde dort brühwarm aus der Pfanne durchprobiert.“ Dass sich Beethoven später viel kühler, ja eiskalt über diese Art von Nähe äußerte, steht auf einem anderen Blatt. „Gegen alle Menschen äußerlich nie die Verachtung merken lassen, die sie verdienen, denn man kann nicht wissen, wo man sie braucht.“

Joachim Reiber

Lesen statt hören

Die Musik im Haus muss schweigen – es geht nicht anders im Moment. Doch machen wir das Beste daraus. Indem wir uns, zum Beispiel, Zeit zum Lesen nehmen. Wir wollen Sie dazu einladen. Was Sie in diesen Tagen hätten hören können, soll Anlass für Texte sein, die wir Tag für Tag für Sie schreiben. Viel Vergnügen beim Lesen wünscht Ihnen 

Ihre Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Sie hätten heute, am 18. März 2020, im Musikverein gehört: zwei der Rasumowsky-Quartett von Ludwig van Beethoven …

Distanz und Nähe

Ganz für sich sein. Niemand um sich herum haben. Auch die Musik kennt die Situation, dass jemand ganz allein ist und sich selbst genügen kann. Was braucht ein Pianist mehr als sein Klavier? Solipsistisch kann er sich einspinnen in die Musik. Doch reicht ihm das? „Wenn ich ganz allein in einem Raum spiele und irgendjemand hereinkommt“, erzählte Yefim Bronfman kürzlich den „Musikfreunden“, „dann wird sich mein Spiel verändern, weil ich die Präsenz einer Seele spüre.“ 

Ähnlich ist es beim Streichquartett. Zu viert könnten sie hübsch unter sich bleiben, gemäß dem Titel eines einst viel gelesenen und noch mehr verschenkten Büchleins, „Das stillvergnügte Streichquartett“. „Vier vernünftige Leute“, die „sich unterhalten“: Goethe beschrieb es so. Aber der Dichter war eben als Hörender dabei und genoss es, „ihren Diskursen etwas abzugewinnen“. Also muss es zugegeben werden: Auch die intimsten Formen der Musik suchen die Berührung mit anderen. Schon die Kammermusik ist auf seelische Ansteckung aus.

So drängte sie hinaus aus den kleinen exklusiven Räumen, den „Kammern“ und den adligen Salons, und suchte den öffentlichen Raum. Der Geiger Ignaz Schuppanzigh kündigte mit seinem Quartett 1804/05 öffentliche Kammerkonzerte an. Das war ein entscheidender Schritt in eine neue Dimension. Das Streichquartett, alles andere als nur mehr „stillvergnügt“, setzte sich mit professionellem Anspruch an die Spitze der Neuen Musik. Was Haydn vorbereitet hatte, wurde von Beethoven weitergetrieben. Und die „Rasumoswky-Quartette“, für das Schuppanzigh-Quartett geschrieben, zeigten, wie kühn in diesem offenen Feld agiert werden konnte. Beethoven beschritt da, dezidiert, einen „neuen Weg“.

Den Einzelnen aber brauchte er doch für diesen Gang an die Öffentlichkeit. Und merkwürdig genug: Adlige Mäzene waren es, die diese Demokratisierung der Kunst ermöglichten. Graf Rasumowsky, zaristischer Gesandter in Wien, war einer von ihnen. Der reiche Kunstfreund und Amateurgeiger protegierte das Schuppanzigh-Quartett und stand so auch hinter Beethovens zukunftsweisenden Quartetten Opus 59, die dann auch ihm gewidmet wurden. Der Komponist, berichtet ein Vertrauter, „war … im fürstlich Rasumowsky’schen Hause so zu sagen Hahn im Korbe: Alles was er componierte, wurde dort brühwarm aus der Pfanne durchprobiert.“ Dass sich Beethoven später viel kühler, ja eiskalt über diese Art von Nähe äußerte, steht auf einem anderen Blatt. „Gegen alle Menschen äußerlich nie die Verachtung merken lassen, die sie verdienen, denn man kann nicht wissen, wo man sie braucht.“

Joachim Reiber


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