Wenn Herren reisen

Der Singverein auf Tour

Bei der jüngsten Auslandstour des Singvereins waren nur Herren auf Reisen. Sie brachten bemerkenswerte Souvenirs mit nach Wien: ein köstliches Kompliment und eine rare Zeichnung von Dirigentenhand.

Es wurde nicht viel geredet. Wie auch? Was hat man sich schon zu sagen samstags um 5.15 Uhr? Genau um diese nachtschlafen-frühmorgendliche Zeit fuhr der Bus los, vom Musikverein Richtung Flughafen. In die gähnende Leere des Wageninneren hatten sich vierzig noch müde Männer geschoben, Sänger des Singvereins. In Düsseldorf, Ankunft 8.55 Uhr, waren sie schon munterer. Und dann erst recht am Abend, beim Singvereinsdebüt in der Essener Philharmonie. Da stimmte einfach alles. Energielevel: 100 Prozent.

Warum reisten nur die Herren? Weil sie Rücksicht aufs größere Schlafbedürfnis der Damen nahmen? Weil sie nur unter sich sein wollten? Weder noch. Die Männertour erfolgte partiturgemäß und auf besonderen Wunsch der St. Petersburger Philharmoniker. Schostakowitschs 13. Symphonie, „Babij Jar“, komponiert für großes Orchester, Bass-Solo und Bass-Männerchor, war Kernstück der Europa-Tournee des russischen Meisterorchesters. Bei zwei Konzerten der St. Petersburger im Wiener Musikverein war der Herrenchor des Singvereins natürlich fix gesetzt. Ihnen sollten noch zwei weitere Konzerte folgen: eines in der Essener Philharmonie, eines in der Philharmonie von Luxemburg. So teilte der Männerchor des Singvereins auch hier das Podium mit den Gästen aus Russland. Und er machte seine Sache perfekt. So perfekt, dass man ihn in Deutschland glatt für ein Parade-Ensemble aus Russland hielt. „No doubt”, sagte eine Konzertbesucherin aus Essen nach der Aufführung, „this work – in such a quality! – can only be sung by a Russian choir.“
Natürlich war der Text enorm wichtig bei der Einstudierung. Ein Sprachcoach wurde beigezogen, um die Probenarbeit von Chordirektor Johannes Prinz auch in dieser Hinsicht optimal zu gestalten. Dann erschien Yuri Temirkanov, Chefdirigent der St. Petersburger Philharmoniker, zur Klavierprobe. Und es wurde, von nun an, nicht mehr viel geredet. In nur wenigen Worten und per Zeichensprache bekundete der Maestro, wie glücklich er mit dem Chor sei. Die Lakonie war nicht nur Teil der Arbeitsökonomie. Sie hatte, spürte man, auch mit den Erfahrungen zu tun, die hinter Schostakowitschs Dreizehnter stecken. Den Worten ist nicht immer zu trauen. Es kann zu jedem Text einen Subtext geben, ein Hinter- und Untergründiges. Und Temirkanov, das war deutlich, versteht diesen Schostakowitsch durch und durch, als Meister des Doppelbödigen. 1938 geboren, lernte er Schostakowitsch noch persönlich kennen und teilte mit ihm die Erfahrungen der Stalin-Zeit. „Babij Jar“, Schostakowitschs Symphonie auf Texte von Jewtuschenko, hob ins Bewusstsein, wovon so schwer zu sprechen war. 
Es wurde nicht viel geredet. Auch dann nicht, als Johannes Prinz zum Abschluss der Tournee bei Temirkanov im Dirigentenzimmer vorbeischaute, um sich ein Autogramm in seine Partitur schreiben zu lassen. „Very, very good!“ Das sagte er schon. Dann aber bedeutete Temirkanov seinem Gast, einfach Platz zu nehmen, nahm still seinen Stift und zeichnete. Schostakowitsch, in wenigen Zügen – eine Karikatur aus Meisterhand. Wenn Herren reisen, braucht es nicht viele Worte.

Joachim Reiber