Brahms in China

Der Singverein auf Tour

Es war die größte Tournee, die der Singverein im letzten Vierteljahrhundert absolviert hat. Sie führte nach Leipzig, Paris, Tokio und erstmals auch nach China, nach Schanghai. Es war eine Reise in die Ferne. Und zugleich eine in die Tiefe.

„Reisen“, sagt der chinesische Philosoph Laotse, „ist besonders schön, wenn man nicht weiß, wohin es geht. Aber am allerschönsten ist es, wenn man nicht mehr weiß, woher man kommt.“ Auf den Wiener Singverein, der erstmals in Laotses Heimat reiste, trifft das so nicht zu. Aber abgewandelt lag etwas von der Laotse’schen Weisheit in dem, was er erlebte. Schön war es, trotz minuziöser Vorbereitung nicht wirklich wissen zu können, wohin es geht. Und noch schöner, im Spiegel des Fernen neu darüber nachdenken zu können, woher man kommt. Es ging bei dieser Premiere nicht nur darum, das immer neugieriger werdende Musikland China zum ersten Mal mit Wiens berühmtem Konzertchor bekanntzumachen. Auf dem Prüfstand stand auch – und das mehr als andernorts – die Botschaft seines Singens.

Mozarts Requiem und „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms, Werke, die im Repertoire des Singvereins ihren selbstverständlichen Platz haben, sind ein Politikum in China. Erst 2012 fand im zentral regierten Riesenreich die erste Aufführung des Brahms-Requiems statt, das Mozart-Requiem war vier Jahre zuvor für eine erste repräsentative Aufführung freigegeben worden. Aber bis heute gilt: Es braucht ganz besondere Konstellationen, um Werke dieser Art in China musizieren zu dürfen. Eine solche war mit dem Wiener Singverein gegeben. Seine Konzerte in Schanghai waren Ereignisse von kulturpolitischer Dimension, die in der chinesischen Presse wie in der Presse des Westens kommentiert wurden.

Die „Financial Times“ hielt in einem langen Korrespondentenbericht fest, dass die Worte „Requiem“ und „Messe“ kaum je die Herzen chinesischer Zensoren erwärmten. Andererseits verlange das chinesische Publikum mehr und mehr nach Spitzenmusikern aus deutschsprachigen Ländern: Die Wiener Philharmoniker hätten gerade erst eine China-Tour beendet, die „Berliner“ reisten eben durchs Land. Und nun also der Wiener Singverein – unmittelbar bevor Jonas Kaufmann und Diana Damrau beim selben Orchester, dem Shanghai Symphony Orchestra, angesagt waren. Auch hier spielte, bestätigt die „Financial Times“, der große Name eine Rolle. „Vienna’s Musikverein“, man muss es einfach im Original zitieren, „is arguably the gold standard in name recognition – the Chanel of concert halls …“ Die Prägung dürfte noch die Runde machen: Der Musikverein als Chanel der Konzertsäle. Und der Singverein als vokale Edelrezeptur. Die entsprechenden Qualitäten bestätigte ihm auch die „Financial Times“: „lightness and transparency“ (bei Mozart) und „favoured warmth“ (bei Brahms).

„Musik“, so wurde Chordirektor Johannes Prinz in chinesischen Medien zitiert, „kennt keine Grenzen zwischen Religionen. Die Kraft dieser beiden Requien wird auch die Herzen des chinesischen Publikums erreichen.“ Und so war es. Der Singverein begegnete bei seinem ersten China-Auftritt einer neugierigen, aufgeschlossenen und begeisterungsfähigen Hörerschaft. Dass die Botschaften, die sich mit „seiner“ Musik verbinden, dabei auf ein spannungsreiches und widerspruchsvolles Wertesystem treffen, war auch ohne Sprachkenntnisse aus tausend eindrucksvollen Bildern zu lesen. In Schanghai, der 20-Millionen-Metropole, prallt Archaisches auf Hypermodernes: primitives Kleinsthandwerk vor der Kulisse von Designertempeln, Suppenküchen vor Luxushotels, Handkarren vor dem Shanghai Tower, dem zweithöchsten Bauwerk der Welt.

Welchen Platz die Musik eines Mozart und Brahms hier finden wird, mag noch offen sein. Doch seien wir ehrlich: Auch bei „uns“ ist ihr Stellenwert fragil, und es kann nicht anders sein. Die Botschaft, die in diesen Werken steckt, ist stets aufs Neue zu ergründen, neu zu durchdringen, neu zu vermitteln. Nie ist abschließend festzuhalten, was solche Kunst zu sagen hat, immer noch gibt es ein unentdecktes Geheimnis dahinter. Auch das wurde auf dieser Reise zum Erlebnis. Und das dank Herbert Blomstedt.

Es war Blomstedt, der sich den Singverein für die große Jubiläumstournee zu seinem 90. Geburtstag wünschte. Der Chor der Gesellschaft der Musikfreunde, den er 2014 bei einer Aufführung des Brahms-Requiems in Wien schätzen gelernt hatte, sollte sein Partner sein, wenn er dieses Herzstück seines Repertoires nun mit dem Gewandhausorchester mit auf Reisen nehmen würde. Der Singverein durfte sich doppelt ausgezeichnet fühlen: durch die Einladung, bei diesem international ausgerichteten Geburtstagsfest nicht nur unter den Gratulanten, sondern unter den Mitwirkenden zu sein. Und mehr noch durch das Privileg, mit Herbert Blomstedt arbeiten zu dürfen. Man wird – Blomstedt vermittelt dies mit größter Herzensinnigkeit – nie „fertig“ mit einem Meisterwerk wie dem Brahms-Requiem, und so nützte der 90-Jährige jede Minute einer Anspielprobe, sei’s in Leipzig, Paris, Wien oder Tokio, um aufs Neue in die Tiefe zu gehen und weitere bedeutungsvolle Details ans Licht zu heben.

Dem Wunsch Herbert Blomstedts, den Singverein auf seiner großen Geburtstagstournee dabeizuhaben, verdankt der Chor auch sein Debüt in China. Und das kam so: Das Gewandhausorchester beauftragte eine in Tokio, Paris, Schanghai und Peking tätige Konzertagentur mit der Planung ihrer Asienreise – und so war es der Asienspezialist Kajimoto, der drei weitere Singvereinskonzerte um den Tokioter Auftritt mit Blomstedt organisierte: die beiden Konzerte in Schanghai mit dem dortigen Symphonieorchester, dirigiert vom jungen lettischen Dirigenten Andris Poga, und ein weiteres Konzert in Tokio, bei dem wieder das Brahms-Requiem auf dem Programm stand – diesmal in einer Fassung des Orchesterparts für zwei Klaviere und Pauke. Bei diesem Konzert in der 2000 Plätze fassenden Hitomi Memorial Hall der Tokyo Showa Women’s University stand Chordirektor Johannes Prinz am Pult.


Begonnen hatte die Tournee in Leipzig, war es doch eine Idee des Gewandhausorchesters, seinen Ehrendirigenten Herbert Blomstedt mit Werken zu feiern, die in Leipzig uraufgeführt worden waren. Damit kam auch die Musikstadt Wien ins Spiel, denn viele der großen Leipziger Premieren haben bekanntlich auch ihre Wiener Geschichte – und die des Brahms-Requiems erst recht. Im Gewandhaus fand 1869 die Uraufführung der vollständigen siebensätzigen Fassung statt. Die ersten drei Sätze aber waren schon 1867 in Wien erklungen – mit dem Wiener Singverein. So gesellten sich dann – ein schöner symbolischer Akt – bei den ersten Blomstedt­Konzerten in Leipzig auch dreißig Sänger des Gewandhauschors zu den neunzig Choristen, die aus Wien angereist waren.

In Paris (wie auf den weiteren Stationen der Reise) gehörte dann dem Singverein allein das Chorpodium. Er erntete hymnische Kritiken für seinen Auftritt in der Neuen Philharmonie. Der Chor bestätige vollauf seinen legendären historischen Ruf, fand die Presse, und begeistert zeigte sie sich, um ein Detail zu nennen, von der „pureté d’intonation quasi surnaturelle“, einer fast übernatürlichen Reinheit der Intonation. „Das Klangerlebnis übertrifft alle Erwartungen. Der Apostel Blomstedt (l’apôtre Blomstedt) bringt alle zum Leuchten, die seinen Gesten folgen, wobei sich der Singverein auszeichnet, einwandfrei vom Anfang bis zum Ende.“

So führte die Reise, gelenkt von Herbert Blomstedt, nicht bloß in die Ferne, sondern in die Tiefe. Der Singverein erlebte neu, woher er kommt, wovon er singt.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.