Michael Haneke

Musikverein Perspektiven - 24. bis 27. März 2022

Geboren 1942 in München, begann Michael Haneke seine Karriere im deutschsprachigen Theater und Fernsehen und debütierte 1989 als Kinofilmregisseur. Seine Werke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter die Goldene Palme (für „Das weiße Band“ und für „Amour“) und der Oscar für den besten fremdsprachigen Film („Amour“).

Eine wichtige Eigenschaft von Hanekes Filmen ist ihre Musikalität: „Für jedes Drehbuch“, so Haneke, „muss man eine ästhetisch durchdachte Form finden, die man meinetwegen auch ‚musikalisch‘ nennen kann. Die Kunstform, die dem Film am nächsten steht, ist zweifellos die Musik.“ Oder, so Haneke an anderer Stelle: „C’est le rythme ... pour moi, le cinéma est plus proche à la musique que à la litérature“ („Es geht um Rhythmus ... für mich ist das Kino näher an der Musik als an der Literatur“). 

Privat ist Michael Haneke ein leidenschaftlicher Musikliebhaber. Im Dialog zwischen ihm, dem Musikverein und dem Österreichischen Filmmuseum ist ein mehrtägiges Programm entstanden, in dem ausgewählte Filme von Haneke mit Konzerten kombiniert werden, die musikalische Aspekte in Hanekes Schaffen sowie seine Leidenschaft für die Musik aufgreifen. Das Projekt ist in enger Zusammenarbeit zwischen dem Musikverein und dem Österreichischen Filmmuseum entstanden, das zum 80. Geburtstag von Michael Haneke im Frühjahr 2022 eine umfassende Retrospektive seines Schaffens realisieren wird. Diese wird Film- und Fernseharbeiten von Michael Haneke sowie die Aufzeichnung seiner Inszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ beinhalten.

24. März 2022

Musikverein | Gläserner Saal
18.30 Uhr | Begrüßung und Einführung
Dr. Stephan Pauly (Intendant der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien), 
Michael Loebenstein (Direktor des Österreichischen Filmmuseums)

Donnerstag, 24. März 2022, 18.30 Uhr

19.00 Uhr | Konzert
7 Kontinente 71 Fragmente 
Marino Formenti | Klavier
Werke und Fragmente von Schubert, Furrer u. a.

Donnerstag, 24. März 2022, 19.00 Uhr

Österreichisches Filmmuseum
20.30 Uhr | Film 
Der siebente Kontinent 
(1989 / 104 Min.)
Michael Haneke | Drehbuch und Regie 

Donnerstag, 24. März 2022, 20.30 Uhr

Es ist dies die erste Kooperation von Filmmuseum und Musikverein – die Musikverein Perspektiven verstehen sich innerhalb der Retrospektive des Filmmuseums als ein Forum, in dem die Musikalität von Hanekes Filmen beleuchtet wird und seine Leidenschaft für die Musik. Dabei verfolgen die vier Abende sehr unterschiedliche Ansätze: manchmal wird Musik aus den Filmen aufgegriffen, manchmal die Musikalität der Filme selbst, manchmal musikalische Interessen von Haneke als Musikliebhaber und manchmal musikalische Reaktionen auf Themen von Filmen. Michael Haneke selbst wird in Gesprächen über seine Filme in den Musikverein Perspektiven zu erleben sein.
Eine der wichtigsten Werkgruppen im frühen Schaffen von Michael Haneke ist die „Triologie“ aus den Jahren 1989 bis 1994. Der erste Film „Der siebente Kontinent“ (1989) ist einer der radikalsten, die Haneke realisiert hat – und einer der musikalischsten. Haneke erweist sich in diesem Film als Meister des Rhythmus, der Schnitte, der Gestaltung von Sequenzen. Für den Eröffnungsabend der „Perspektiven“ haben wir den Pianisten Marino Formenti dazu eingeladen, ein Konzertprogramm zu entwickeln, das er direkt vor dem Film spielen und in dem er auf die Härte, den Rhythmus, den Fluss und den Takt des Films bzw. der filmischen Sprache Hanekes musikalisch reagieren wird. Er wird dabei sowohl mit musikalischen Fragmenten arbeiten als auch vollständige Musikwerke zerschneiden, zerstückeln, fragmentieren – um dann alles neu anzuordnen, zu collagieren, zu musikalischen Sequenzen zu montieren. Dabei werden Schuberts Impromptus D 899 in diesem ersten Konzert eine wichtige Rolle spielen – sie werden am letzten Abend wiederkehren und so den musikalischen Bogen über die Musikverein Perspektiven spannen. 

Michael Haneke hat in Interviews über sich oft gesagt, er sei ein Ohrenmensch. Zugespitzt formulierte er, er könne Schauspieler besser sehen, wenn er die Augen zumache und Ihnen zuhöre – ihren Stimmen, dem, was sie sagen, und wie sie es sagen. Michael Haneke ist fasziniert von Stimmen. Seine musikalische Leidenschaft gilt historischen Stimmen und Sängerinnen und Sängern aus der Geschichte der klassischen Musik. Im zweiten Abend der Perspektiven plaudert Michael Haneke mit Otto Brusatti über seine Faszination für Gesangsstimmen aus der Geschichte und über seine Passion für historische Aufnahmen. Im Gespräch erklingen Aufnahmen von Sängerinnen und Sängern wie Heinrich Schlusnus, Julius Patzak, Hugues Cuénod, Lotte Lehmann und Lauritz Melchior. Und, als Gegenpol aus unserer Zeit: von Josef Bierbichler, der als Schauspieler mit Haneke in mehreren Filmen zusammengearbeitet hat und Liedern mit seiner sehr eigenen, berührenden, anderen Gesangsstimme Ausdruck verleiht. 
Der Inhalt von „Das weiße Band“ ist viel diskutiert worden – manche sehen darin einen Film über den Protestantismus in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, andere einen Film über das Entstehen von Faschismus. Haneke selbst hat in Interviews oft zum Ausdruck gebracht, dass er diese verengten Sichtweisen nicht teilt. Er versteht „Das weiße Band“ eher als eine filmische Beschreibung einer Situation, in der Unterdrückung von Menschen der Nährboden sein kann für Radikalisierung überhaupt, für Ideologisierungen sozusagen jedweder Art – und für das große Leid, in das Menschen in solchen Situationen stürzen bzw. gestürzt werden können. Der dritte Abend der Musikverein Perspektiven reflektiert diese Themen des Films in einem anschließenden Konzert. Es erklingen Werke von Komponisten, die ähnliche Fragen stellen, wie sie in „Das weiße Band“ gestellt werden: Mahler, Mendelssohn, Schönberg und Bach. Eine musikalische Reflexion auf das Gesehene. Ein Konzert als fragender, nach-hörender Rückblick auf den Film. Zwischen dem Film im Filmmuseum und dem Konzert im Musikverein bleibt Zeit, ein paar Schritte zu gehen, von einem Ort zum anderen, und Luft zu atmen. Das letzte Werk des Abends ist zudem ein Nachklang zum ersten Abend der Musikverein Perspektiven: Bachs Kantate „Ich habe genug“ verwendet Haneke in „Der siebente Kontinent“. 

25. März 2022

Musikverein | Gläserner Saal
19.30 Uhr | Gespräch

„Ich kann Dich besser sehen, wenn ich die Augen zumache“

Michael Haneke im Gespräch mit Otto Brusatti über Stimmen und über das Höre

Anschließend: Drinks an der Bar mit den Künstlern

Freitag, 25. März 2022, 19.30 Uhr

26. März 2022

Österreichisches Filmmuseum
14.30 Uhr | Gespräch
Michael Haneke und Josef Bierbichler im Gespräch
Michael Loebenstein (Direktor des Österreichischen Filmmuseums) | Moderation 

Samstag, 26. März 2022, 14.30 Uhr

Österreichisches Filmmuseum
16.00 Uhr | Film
Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte (2009 / 144 Min.)
Michael Haneke | Drehbuch und Regie 

Samstag, 26. März 2022, 16.00 Uhr

Musikverein | Großer Saal
19.30 Uhr | Konzert 
Orchester Wiener Akademie
Wiener Singverein
Martin Haselböck | Dirigent
Florian Boesch | Bassbariton

Johann Sebastian Bach
Fantasie und Fuge c-Moll, BWV 537 
Gustav Mahler
Kindertotenlieder nach Gedichten von Friedrich Rückert
Felix Mendelssohn Bartholdy
Symphonie Nr. 5 d-Moll, op. 107, „Reformations-Symphonie“
Arnold Schönberg
Ein Überlebender aus Warschau, op. 46
Johann Sebastian Bach
Kantate „Ich habe genug“, BWV 82

Samstag, 26. März 2022, 19.30 Uhr

27. März 2022

Österreichisches Filmmuseum
17.45 Uhr | Film
Amour (2012 / 127 Min.)
Michael Haneke | Drehbuch und Regie 

Sonntag, 27. März 2022, 17.45 Uhr

Musikverein | Brahms-Saal
20.30 Uhr | Konzert 
Rudolf Buchbinder | Klavier

Franz Schubert
Impromptus, D 899

Sonntag, 27. März 2022, 20.30 Uhr

In „Amour“ („Liebe“) erzählt Michael Haneke von George und seiner Frau Anne. Musik spielt eine wichtige Rolle in ihrem Leben: Anne war Klavierlehrerin, sie geht mit ihrem Mann in Konzerte, hält Kontakt zu ehemaligen Klavierschülern. Schuberts Impromptus erklingen im Film, im Konzert wie in der Wohnung der beiden. Anne erkrankt schwer; ihr Zustand verschlechtert sich immer mehr, George kümmert sich um seine Frau bis über die Grenze der Belastbarkeit hinaus. Haneke geht der Frage nach, wie George mit dem Leid seiner geliebten Frau umgeht. Die Musik spielt dabei im Film eine wichtige Rolle – freilich nicht im Sinne von begleitender „Filmmusik“, denn diese gibt es in keinem der Filme von Michael Haneke. Musik ist in seinen Filmen nur zu hören, wenn sie in der Handlung zu hören ist, wenn gesungen oder gespielt wird oder Musik aus Fernsehern oder Radios erklingt oder auf der Straße. In „Amour“ hören wir in verschiedenen Situationen Klaviermusik von Schubert. Und so sehr Haneke diese Musik von Schubert nicht als Kommentar zu den Fragen des Films versteht, so sehr macht für viele Zuseherinnen und Zuseher die Musik von Schubert umso mehr auf berührende, ins Herz und ins Mark treffende Weise spürbar, worum es in dem Film geht: Wie geht man mit dem Leid eines geliebten Menschen um? Das Konzert nach dem Film versteht sich daher als Möglichkeit, die Eindrücke und Fragen nachklingen zu lassen, die der Film hinterlässt. Musik als kostbarer Nachklang und Resonanzraum zum Film: Rudolf Buchbinder spielt nach „Amour“ die Musik, die im Film erklingt: Schuberts Impromptus D 899 – im intimen, kostbaren Rahmen des Brahms-Saals im Wiener Musikverein.

Michael Haneke
© Brigitte Lacombe

Michael Haneke 

Musikverein Perspektiven: Michael Haneke

Alle Veranstaltungen dieses Programmschwerpunkts können im Rahmen eines Abonnements zusammen erworben werden. 

Zur Abonnementbestellung

Themen und Festivals

Programm- schwerpunkte

der Saison 2021/22
Im Programm der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien finden sich in der kommenden Saison zahleichte Schwerpunkte. 

weiterlesen

Themen und Festivals

Musikverein Festival: A! | Musikverein Perspektiven: Michael Haneke | Musikverein Perspektiven: Georg Baselitz

weiterlesen

Musikverein Festival: A!

Mit über 50 Konzerten widmet sich das Musikverein Festival dem Stimmton A – inspiriert von einem ungewöhnlichen Objekt aus den Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde

weiterlesen

Georg Baselitz

Vom 22. bis 25. November 2021 ist Georg Baselitz, einer der führenden Maler, Graphiker und Bildhauer unserer Zeit, in den „Musikverein Perspektiven“ zu Gast. 

weiterlesen