Sir András Schiff

Die Gesellschaft der Musikfreunde widmet Sir András Schiff ein umfassendes Porträt.

Zu den Konzerten

Die faszinierende Vielfalt Europas

Fast 45 Jahre ist es her, dass er sein Debüt im Goldenen Saal feierte: Am 16. April 1977 stellte er sich, ein unbekannter junger Pianist aus Budapest, mit Bartóks Drittem Klavierkonzert beim Wiener Publikum vor, begleitet von der Ungarischen Nationalphilharmonie unter János Ferencsik. Zwei Jahre später riskierte er die Flucht aus dem bedrückenden gesellschaftlichen Klima im kommunistischen Ungarn. Damals schien der Zusammenbruch des „Ostblocks“ noch unvorstellbar, und dass András Schiff 1987, noch ehe die Berliner Mauer fiel und der Eiserne Vorhang hochging, die österreichische Staatsbürgerschaft bekam, hat er stets mit Dankbarkeit vermerkt. Ins Wiener Musikleben hatte er sich zu diesem Zeitpunkt längst auf unverwechselbare Weise eingeschrieben. Insbesondere mit seiner Bach-Interpretation hatte er in den 1980er Jahren neue Maßstäbe gesetzt. Der österreichische Pass ermöglichte ihm nun jene internationale Karriere, für die er sich in diesem entscheidenden Dezennium qualifiziert hatte. So wurde er zum Weltbürger im Zeichen der Musik.
Mit London, wo er einst bei George Malcolm studierte, war er intensiv verbunden; davon zeugen sein britischer Pass und das Adelsprädikat, das er seit 2014 führen darf. Aber lang vor dem Bruch Großbritanniens mit der Europäischen Union hat Sir András Florenz zu seinem Lebensmittelpunkt gewählt, diese „Bastion der Schönheit“, wie er es nennt: „Florenz ist die Stadt, die mich am meisten inspiriert, trotz aller Probleme und des Chaos, das es dort gibt.“ Er habe nämlich „eine sehr alte italienische Seele“, die sich dort zu Hause fühlt; weil die Kunst verflossener Jahrhunderte ganz selbstverständlich in den modernen Alltag integriert und nicht bloß Objekt in einem von Touristen bevölkerten Museum ist, wie etwa in Venedig; weil die Stadt Rückzugsmöglichkeiten bietet vor dem Lärm und der Vulgarität unserer Gegenwart. 

Mit Wien wiederum verbindet ihn die besondere Erfahrung der historischen Konzertsäle. „Was Wien für die Musikwelt bedeutet, ist einmalig. Wenn ich daran denke, was sich hier am Beginn des 19. Jahrhunderts abgespielt hat, mit Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert – unglaublich! Und was damals erklungen ist, ist ja nicht weg, das befindet sich im Weltall, das ist in den Sälen gespeichert! Wenn man die richtigen Antennen hat, spürt man, wie es resoniert. Ich empfinde das sehr stark. Da kommt etwas ganz anderes zurück als in einem Saal in Amerika.“ 

Als Weltbürger im Zeichen der Musik hat Sir András jahrzehntelang alle Kontinente bereist. Jetzt, wo das Reisen keine Selbstverständlichkeit mehr ist, weil eine Pandemie all unsere Gewohnheiten bedroht und unsere Gesellschaft in den Grundfesten erschüttert, schärft sich sein Profil als Kosmopolit mitteleuropäischen Zuschnitts. Als „mitteleuropäisch-kosmopolitisch“ bezeichnet er die Musizierweise seiner 1999 gegründeten Cappella Andrea Barca, in der sich der wienerische Streicherklang mit dem intellektuellen Ton der französischen Oboe zu einem musikantischen Miteinander verbindet, das dem Andenken seines Vorbilds Sándor Végh verpflichtet ist. Und in diesem Sinne vereint András Schiff in seinem Wesen den abgründigen Humor der Ungarn mit italienischer Lebensfreude, britischem Understatement und dem strukturierten Denken, das ihn Johann Sebastian Bach gelehrt hat. Dessen unerschöpfliches Œuvre bleibt sein Vademecum, sein tägliches musikalisches Glaubensbekenntnis. „Keine andere Musik gibt mir dieses komplette Vergnügen, spirituell, emotional und intellektuell, auch physisch“, bekennt er. Und die unerhörte Freiheit, die sich dem Interpreten innerhalb der strengsten formalen Strukturen eröffnet, bedeutet für ihn nichts weniger als „eine moralische Belehrung“, die sein Weltbild geprägt hat. 
Mit Nationalismus könne er nichts anfangen, sagt Sir András. „Mozart war Kosmopolit im damaligen Europa. Er hat in Salzburg und Wien gelebt, aber was wäre er ohne Italien? Diese Vielfalt von Kulturen, die er auf seinen Reisen in sich aufgenommen hat! Wobei, auch Bach, der nie aus Deutschland hinausgekommen ist, hat das Italienische auf musikalischem Gebiet beherrscht. Das Schöne an Europa ist, dass wir verschiedene Nationen haben. Wir sind nicht die Vereinigten Staaten von Europa! Wie viele Regionen und Dialekte gibt es in Deutschland – wie verschieden ist die Architektur der italienischen Städte! Diese Vielfalt ist das Besondere an Europa. Dafür müssen wir kämpfen!“ 


Ein mitteleuropäisches Panorama ergibt demgemäß auch das Programm seines Porträts, zu dem die Gesellschaft der Musikfreunde ihn eingeladen hat. Am Anfang und am Ende stehen quasi die Eckpfeiler des 18. Jahrhunderts, dem sich Schiff so besonders verbunden fühlt: Mozart erklingt bei der Eröffnung im November mit zwei seiner signifikanten Klavierkonzerte und der „Linzer“ Symphonie, musiziert von der Cappella Andrea Barca. Bach bildet im Juni den Schlusspunkt mit beiden Bänden des „Wohltemperierten Klaviers“ – zwei Konzerte, die zugleich im Zentrum des Musikverein Festivals stehen. Dazwischen ereignen sich vier maßgeschneiderte Abende, an denen Sir András im Verein mit bewährten Freunden und Kollegen der Vielfalt nachspürt, die im 19. Jahrhundert aufblühte. Da gibt es etwa eine opulente Schubertiade mit einer illustren Sängerschar und exquisiter Kammermusikbesetzung, ein Liedprogramm mit Cecilia Bartoli und einen Duo-Abend mit dem jüngeren Kollegen Jewgenij Kissin, bei dem unter anderem eine vierhändige Klavierfassung von Smetanas Tondichtung „Die Moldau“ erklingt. Hochspannung ist nicht zuletzt beim Termin mit den Berliner Philharmonikern unter Kirill Petrenko angesagt, bei dem sich Sir András dem Zweiten Klavierkonzert von Johannes Brahms widmet. 
Über die unmittelbaren musikalischen Erlebnisse hinaus soll das Publikum aber auch die Möglichkeit erhalten, Sir András auf Augenhöhe und im persönlichen Dialog zu begegnen: als geistreichem, umfassend gebildetem Gesprächspartner im zwanglosen Zusammentreffen im neuen Gesprächsformat „Auf ein Glas mit ...“ nach Konzerten und als erfahrenem Mentor in der Begleitveranstaltung namens „Building Bridges“, in der er drei junge Pianistinnen vorstellt. Und weil er sich seit langem auch mit historischen Klavieren intensiv beschäftigt, soll eine zusätzliche Darbietung auf einem Instrument aus den Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde dieses Rahmenprogramm abrunden. 

Monika Mertl

Konzerte des Porträts

3. November 2021

Capella Andrea Barca
Sir András Schiff | Dirigent | Klavier

Werke von Mozart

Anschließend: Auf ein Glas mit András Schiff

Dieses Konzert ist Teil des
András-Schiff-Zyklus

Mittwoch, 03. November 2021, 19.30 Uhr

13. Jänner 2022

Solisten- und
Instrumentalensemble
Robert Holl | Bass
Sir András Schiff | Klavier

Lieder von Schubert

Dieses Konzert ist Teil des Zyklus
Liederabende

Donnerstag, 13. Jänner 2022, 19.30 Uhr

15. Februar 2022

Berliner Philharmoniker
Damen des Singvereins
Kirill Petrenko | Dirigent
Sir András Schiff | Klavier

Werke von Brahms und Suk

Dieses Konzert ist Teil des Zyklus
Meisterinterpreten II

Dienstag, 15. Februar 2022, 19.30 Uhr

10. März 2022

Sir András Schiff | Klavier
Jewgenij Kissin | Klavier

Werke für zwei Klaviere von Mozart, Schumann, Dvorák und Smetana

Dieses Konzert ist Teil des
András-Schiff-Zyklus

Donnerstag, 10. März 2022, 19.30 Uhr

8. Mai 2022

Cecilia Bartoli | Mezzosopran
Sir András Schiff | Klavier

Lieder von Haydn, Schubert und Rossini

Dieses Konzert ist Teil des
András-Schiff-Zyklus

Sonntag, 08. Mai 2022, 15.30 Uhr

11. Juni 2022

Building Bridges

Shir Semmel | Klavier
Kiana Reid | Klavier
Nathalia Milstein | Klavier
Sir András Schiff | Moderation

Dieses Konzert ist Teil des Zyklus
Musik(verein) entdecken

Samstag, 11. Juni 2022, 18.30 Uhr

12. Juni 2022

Sir András Schiff | Klavier

Johann Sebastian Bach
Das wohltemperierte Klavier (Teil 1)

Dieses Konzert ist Teil des
András-Schiff-Zyklus

Sonntag, 12. Juni 2022, 19.30 Uhr

14. Juni 2022

Sir András Schiff | Klavier

Johann Sebastian Bach
Das wohltemperierte Klavier (Teil 2)

Anschließend: Auf ein Glas mit András Schiff

Dieses Konzert ist Teil des Zyklus
Große Solisten

Dienstag, 14. Juni 2022, 19.30 Uhr

Porträts

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