Mirga Gražinytė-Tyla

Auf Einladung der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gestaltet die junge litauische Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla ein Porträt.

Zu den Konzerten

Musik für die Ewigkeit

„Ich wünsche mir, dass das eine lebenslange Freundschaft und Beschäftigung bleiben möge“, sagt Mirga Gražinytė-Tyla mit ihrer hellen, klaren und so bestimmten wie sanften Stimme. Sie spricht von Mieczysław Weinberg und seinem reichen kompositorischen Œuvre. Bei ihrem dreitägigen Porträt im Musikverein mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra, dem die 34-Jährige seit 2016 als Music Director verbunden ist, werden Weinbergs Dritte und Vierte Symphonie zu hören sein. Schon bei Gražinytė-Tylas ersten Auftritten im Musikverein im Rahmen der Wiener Festwochen 2015 stand der russische Komponist polnisch-jüdischer Herkunft im Fokus. Ihre Partner waren Gidon Kremer und die Kremerata Baltica. Und Kremer war es auch, der die junge Dirigentin damals mit der Musik Weinbergs bekannt machte, der gewissermaßen den Weinberg-Samen in ihre Seele einpflanzte. Die Saat ging auf. „Jedes seiner Werke, die ich bisher studiert, gehört oder aufgeführt habe, löst in mir den Wunsch aus, wieder darauf zurückkommen zu dürfen. Es sind diese Tiefen, die man nicht zur Genüge erforschen kann, weil man immer mehr und immer wieder Neues findet.“ Nicht allein das kompositorische Können ist es, das sie so einnimmt: „Es gibt darüber hinaus etwas, das mit Worten schwer zu fassen ist.“
Weinbergs Musik aus Kremers Händen. Es ist kein Zufall, dass der Lette Kremer zum Anwalt – auch – der Musik Mieczysław Weinbergs wurde. Und es ist kein Zufall, dass die Litauerin Gražinytė-Tyla sich in solchem Maße euphorisieren ließ. Die Menschen aus Ländern der (ehemaligen) Sowjetunion verbindet ein gemeinsames Schicksal, eine gemeinsame Vergangenheit. „Meine Geschichte, meine Wurzeln –“, setzt Mirga Gražinytė-Tyla an, „Weinberg war in der Nähe.“ Sie denkt an die Dramatik von Weinbergs Leben, an seine persönlichen Katastrophen, verursacht durch Stalins Regime – ein oftmaliges Künstlerlos im Russland des 20. Jahrhunderts und freilich doch ein Einzelschicksal, das jeder für sich zu tragen hatte. „Trotzdem bleibt seine Musik nicht auf dieser Ebene, sondern erhebt sich auf eine Ebene, die von zeitlichen und auch biographischen Einflüssen nicht mehr abhängt.“ 
„Es gibt Musik, die sehr wichtig für eine bestimmte Zeit ist, und es gibt Musik, die für die Ewigkeit ist. Weinberg gehört für mich ganz klar zu dieser zweiten Kategorie“, zitiert Mirga Gražinytė-Tyla Gidon Kremer und fügt hinzu: „Für mich in jedem Fall auch.“ 

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Mirga Gražinytė-Tyla war vier Jahre alt, als Litauen 1990 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als unabhängiger Staat in die Zukunft blickte. Geboren wurde sie in Vilnius als Tochter einer Pianistin und eines Chordirigenten. Auch eine ihrer Großmütter und deren sechs Geschwister waren Musiker. „Es ist eine meiner Lieblingserinnerungen: Meine Mutter übte Klavier, bereitete Prüfungen und Konzerte vor. Ich lag im Bett oder beschäftigte mich anderweitig, aber zwei Zimmer weiter hörte ich dieses Üben. Das war für mich die Seligkeit.“ 

Geborgen in der Musik wuchs Gražinytė-Tyla heran. Mit elf Jahren stand für sie fest, dass sie sich nichts anderes für ihr Leben vorstellen konnte als Musik – und sie Dirigentin, Chordirigentin, werden wollte. Sie besuchte die angesehene Čiurlionis-Schule, an der sie eine fundierte, umfassende Ausbildung sowohl in musikalisch-künstlerischen Fächern wie auch auf anderen Fachgebieten erhielt. Nach der Matura 2004, es war das Jahr, in dem Litauen der Europäischen Union beitrat, kam Mirga Gražinytė-Tyla nach Graz, um hier Chordirigieren und später auch Orchesterdirigieren zu studieren. 
„Wenn man einen sehr starken Traum hat, finden sich früher oder später die Wege“, hat die Dirigentin einmal gesagt. Mit dreizehn dirigierte sie erstmals einen Chor („Ich stand im Raum und war beflügelt“), mit 24 gab sie in Osnabrück ihr Operndebüt mit „La traviata“. Danach ging es Schlag auf Schlag: Sie wurde Kapellmeisterin in Heidelberg und Bern, ab 2015 folgten zwei Spielzeiten als Musikdirektorin am Salzburger Landestheater. Bereits 2012 hatte sie den Salzburg Festival Young Conductors Award gewonnen und im Jahr darauf bei den Festspielen das Gustav Mahler Jugendorchester dirigiert. Gustavo Dudamel wurde auf sie aufmerksam, holte sie über das Dudamel Fellowship Program zum Los Angeles Philharmonic, mit dem sie in der Folge bis 2017 zunächst als Assistant, dann als Associate Conductor zusammenarbeitete.
Eine Sensation in England und weit darüber hinaus war ihre Berufung als Music Director des City of Birmingham Symphony Orchestra. 2016 trat sie die Position an. „Das war schon ein sehr großes Geschenk“, sagt Mirga Gražinytė-Tyla. „Das CBSO hat die Tradition, seine Chefdirigenten auf Händen zu tragen – in dem Sinne, dass sie junge Dirigenten engagieren und ihnen vertrauen. Durch dieses Vertrauen und natürlich durch ihre Erfahrung und das gemeinsame Arbeiten machen sie ihnen ein unglaubliches Wachstumsgeschenk.“ Beschenkt sind in diesem Fall beide Seiten gleichermaßen. Im Repertoire machte Mirga Gražinytė-Tyla dem CBSO auch die Musik Mieczysław Weinbergs zum Geschenk. Sie brachte mehrere seiner Symphonien nach Birmingham, die Suite aus dem Ballett „Das goldene Schlüsselchen“, das Violinkonzert mit Gidon Kremer, und es entstand eine erste CD-Einspielung mit den Symphonien Nr. 2 und 21 im Zusammenspiel mit der Kremerata Baltica. Gražinytė-Tylas Birminghamer Musiker zählen Weinberg mittlerweile zu ihrem Kernrepertoire – Musik für die Ewigkeit.

Musik für die Ewigkeit ist freilich auch das Œuvre von Johannes Brahms, das „Deutsche Requiem“ im doppelten Sinn. Dieses Werk steht beim Porträt Mirga Gražinytė-Tyla Anfang April 2022 gleich zweimal auf dem Programm. Eigentlich wollte sie das Brahms-Requiem schon früher im Musikverein dirigieren. Doch dann kam Corona, und die Konzerte fielen dem Lockdown im März 2020 zum Opfer.
Für Mirga Gražinytė-Tyla sind diese Konzerte von ganz besonderer Bedeutung. Das Brahms-Requiem am Pult ihres Orchesters im Musikverein zu dirigieren, am Ort der ersten Gesamtaufführung unter Brahms’ eigener Leitung, der einst als Konzertdirektor der Gesellschaft der Musikfreunde auch künstlerischer Leiter des Singvereins war. Doch es gibt einen weiteren Grund: Chordirektor Johannes Prinz war in Graz Gražinytė-Tylas Professor für Chordirigieren. „Schon im Dezember 2019 hatten wir uns getroffen, um die Details zu besprechen – obwohl wir das Werk während meines Studiums schon einmal gemeinsam vor uns hatten“, erzählt sie. „Johannes hat damals immer wieder gesagt, es wäre ein Traum, einmal den Chor für eine seiner Schülerinnen vorzubereiten ...“ 

Über den Porträt-Konzerten, die Mirga Gražinytė-Tyla im Musikverein gestaltet, liegt auch ein Hauch von Abschied: Zum Saisonende 2021 / 22 wird sie ihre Funktion als Music Director des City of Birmingham Symphony Orchestra zurücklegen. Doch klar ist: Die Bande, die da so innig geknüpft wurden, lockern und wandeln sich nur, Mirga Gražinytė-Tyla wird „ihrem“ Orchester weiterhin als Principal Guest Conductor verbunden bleiben. „Zu wissen, dass das alles weitergeht und eine Reise wird mit allem, was auf der Reise passieren wird, ist ein unglaublich schönes Gefühl“, hatte Mirga Gražinytė-Tyla schon vor ihrem Antrittskonzert in Birmingham 2016 gesagt. Das Leben ist und bleibt eine Reise für sie. Der Musikverein freut sich, sie begleiten zu dürfen.

Ulrike Lampert

Konzerte des Porträts

1. April 2022

City of Birmingham Symphony Orchestra
Mirga Grazinyte-Tyla | Dirigentin 
Patricia Kopatchinskaja | Violine

Mieczysław Weinberg
Symphonie Nr. 3, op. 45
Igor Strawinsky
Konzert für Violine und Orchester D-Dur
Peter Iljitsch Tschaikowskij
Romeo und Julia. Fantasie-Ouvertüre
Mieczysław Weinberg
Symphonie Nr. 4 a-Moll, op. 61

Dieses Konzert ist Teil des Zyklus
Meisterinterpreten III

Freitag, 01. April 2022, 19.30 Uhr

3. und 4. April 2022

City of Birmingham Symphony Orchestra
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Mirga Grazinyte-Tyla | Dirigentin
Camilla Tilling | Sopran
Florian Boesch | Bariton

Johannes Brahms
Ein deutsches Requiem, op. 45

Am 4. April 2022 anschließend: Auf ein Glas mit Mirga Gražinytė-Tyla

Diese Konzerte sind Teil der Zyklen
Das Goldene Musikvereinsabonnement I
Das Goldene Musikvereinsabonnement II

Sonntag, 03. März 2022, 19.30 Uhr

Montag, 04. April 2022, 19.30 Uhr

Porträts

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