Christian Gerhaher

Schoeck, Berlioz, Zemlinsky: An drei Abenden ist Christian Gerhaher in einer großen Bandbreite seines künstlerischen Schaffens zu erleben.

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Wenn Musik auf Lyrik trifft

Herr Gerhaher, Sie sind in der kommenden Saison in Ihrem Porträt mit drei verschiedenen Programmen im Musikverein zu hören. Zunächst können wir Sie im Oktober mit einem Streichquartett bzw. -sextett erleben. Der Abend beginnt mit Othmar Schoecks „Notturno“ für Quartett und Singstimme.
Das ist ein fantastisches Stück, aber ungewohnt, und schwierig anzuhören. Ehrlich gesagt ist es eigentlich ein Streichquartett mit sich dazu fügender Gesangsstimme. Diese findet darin allerdings zu einer einzigartigen Deklamationsweise. Ein kompliziertes Stück, vor allem der 2. Satz ist auch recht virtuos.

Auch die Texte sind nicht gerade leichte Kost: neun Gedichte Nikolaus Lenaus und eins von Gottfried Keller. Tiefromantisch, dunkel, todesnah.
Ich sehe hier eine spezielle Klangwelt Schoecks, wie auch in seinem anderen großen Lenau-Zyklus, der „Elegie“: In beiden Werken geht es um den verzweifelten Umgang mit der irdischen Vergänglichkeit. Vor allem im 3. Satz setzt sich Schoeck atemlos mit dieser Frage auseinander – das Nicht-glauben-Können, dass alles einfach enden muss, wird geradezu manisch ausgebreitet: In einer atemlosen Deklamation rennt das Subjekt des Gedichts immer wieder gegen diese Perspektivlosigkeit an – und befragt die Natur dazu: die fallenden Blätter, die Wildgänse, den Bach.

Haben Sie einen persönlichen Favoriten unter den zehn Gedichten?Vielleicht – „Blick in den Strom“, am Ende des 1. Satzes. Da heißt es: „Die Seele sieht mit ihrem Leid/ Sich selbst vorüberfließen“. Für mich ist das einer der am schönsten vertonten Sätze der Lied-Literatur – der ganze lange erste Satz, in den vier Gedichte gepackt sind, läuft in einem gleichzeitig sonoren wie nach unten schreitend durchsichtigen Klang aus. Wie in einem umgekehrten Flageolett endend, erscheint hier eine der sinnlichsten Klangübersetzungen in der Liedliteratur, die ich kenne.

Am selben Abend hören wir im Anschluss die „Nuits d’été“ von Hector Berlioz, bearbeitet für Singstimme und Streichsextett. Was hat es mit dieser Bearbeitung auf sich?
Es gibt zwei Fassungen dieses Zyklus durch den Komponisten, eine für Orchester und eine für Klavier. Beide sind phänomenal: einerseits eine wie magisch weit in die Zukunft weisende Vision, wie Liedzyklen zu orchestrieren sind, dagegen in der früheren Klavierfassung eine eher das Einfarbige zelebrierende Klangwelt. Auf dieser beruht unsere Neufassung für Streichsextett – es geht nicht darum, beispielsweise die Holzbläser nachzuahmen oder auch nur an sie zu erinnern. Die Klavierfassung vertritt eine eigene, eher in Graustufen verharrende Ästhetik, und die hoffen wir in der Sextett-Fassung weitergeführt zu finden.


Die es aber noch nicht gibt?

Ja, das Arrangement besorgt David Matthews. Im Juli 2021 werden wir es erstmals öffentlich aufführen.

Das Programm für Ihren Liederabend im Dezember steht hingegen noch nicht fest. Sicher ist nur, dass Sie – wie immer – mit dem Pianisten Gerold Huber auftreten werden. Sie beide widmen sich schon ...
... knapp 33 Jahre lang gemeinsam dem Liedrepertoire. Wir sind gleich alt und beide in Straubing aufgewachsen. Sein Vater war mein Geigen- und Bratschenlehrer, außerdem haben wir beide in dessen Chor gesungen. 1988 gingen wir zeitgleich nach München, er an die Musikhochschule, ich an die Universität. Ich habe zunächst Philosophie, dann Medizin studiert – Gesang lediglich als Gaststudent. Der gemeinsame Studienbeginn, mit dem auch unsere Liedbegeisterung begann, hat uns zu besten Freunden gemacht. Er ist eigentlich fast wie ein zweiter Bruder für mich geworden. Wir haben uns das Liedrepertoire zusammen erarbeitet, haben uns den Überblick über dieses Repertoire, so es einen solchen geben kann, angesichts dieser unendlichen Klang-Weiten, gemeinsam geschaffen.

Die Betonung liegt auf dem „Lied“?
Ja, das Lied ist bis heute mein berufliches Zentrum. Ich bin primär Sänger geworden, um Lieder zu singen.

Gab es dafür eine Initialzündung?
Ein Konzert mit Hermann Prey 1988 in München, mit Schumanns „Dichterliebe“ und „Kerner-Liedern“. Danach habe ich begonnen, Gesangsunterricht zu nehmen. Gerold Huber und mich verbindet seither die Faszination für das Kunstlied. Wir ergänzen uns: Ich bin als Sänger, ein wenig wie ein Schauspieler, eher dem Wort verpflichtet, er bildet mehr die musikalische Seite unseres Duos. Eine Art Symbiose.

Und wie fühlt sich das gemeinsame Musizieren heute an, nach 33 Jahren?
Wir müssen uns rhythmisch meist nicht mehr bewusst verständigen – als ob uns ein starker Gummi beieinander hielte. Und das gibt uns die Freiheit, uns auf anderes zu konzentrieren, beispielsweise auf klangliche Aspekte.

Abseits des Konzertsaals kann man Sie ja auch noch auf der Bühne erleben. Wie gewichten Sie Ihre Opernabende in Relation zu Ihren Liederabenden?
Hier zu gewichten ist für mich nicht wichtig – ich rechne die Abende und die Zeiten nicht gegeneinander auf. 

Was ist im Konzert anders? Ist überhaupt etwas anders?
Dietrich Fischer-Dieskau, eines meiner Vorbilder, sagte einmal, dass man Oper und Lied nicht unterschiedlich singen sollte. Ich sehe das nicht so.

 
Inwiefern?

Die Art der Deklamation ist natürlich jeweils eine andere – in jedem Lied, in jeder Oper. Aber die Situation ist unterschiedlich: Die Oper will eine Handlung vermitteln – das Lied neigt zum Abstrakten und erweckt als lyrisches Ereignis eher Ahnungen. In der Oper muss man – häufig in besonders großen und vor allem langen Räumen – bis in die letzte Reihe verstanden werden. Um dem zu begegnen, sehe ich an mir die Neigung, in eine klangliche „Maske“ zu singen, um eben die Stimme überall hin zu projizieren. Für das Lied finde ich eine solche Klanglichkeit aber problematisch: Die dynamische und die farbliche Volatilität sind eingeschränkt – in meinen Augen keine gute Basis für einen Liedklang.

Und wie ist das bei Werken wie Alexander Zemlinskys „Lyrischer Symphonie“ aus dem Jahr 1924? Das sind sieben Gesänge nach Gedichten von Rabindranath Tagore für Sopran, Bariton und Orchester, also quasi eine Art Zwitterwesen: keine Oper, aber auch kein intimes Lied mit Klavier. Damit sind Sie Ende März im Großen Saal zu Gast.
Das ist ein aufregendes, aber auch ein äußerst herausforderndes Werk. Zum einen ästhetisch: Tagores Texte sind Ausdruck einer gewissen Mode – es ist ein historisches Phänomen, dass diese Texte zur damaligen Zeit als so bezwingend galten. Zum anderen vokalsymphonisch: Es ist – über die Anlage bis zur Besetzung mit abwechselnd heller und dunkler Stimme – stark beeinflusst von Gustav Mahlers „Lied von der Erde“. Weniger jedoch, was die äußerst dramatisch wirkende Instrumentierung angeht. Dennoch muss ein lyrisch-intimer Ausdruck gefunden werden – ein schwieriger Spagat. Schlicht gesagt ist die „Lyrische Symphonie“ ein äußerst lautes Werk.

Da hilft dann vermutlich, dass Sie den Dirigenten des Abends, Christian Thielemann, gut kennen. Oder?
Ich habe schon einige Male unter seiner Leitung gesungen. Wie bei nur wenigen sehe ich in ihm alle Anforderungen an einen Dirigenten völlig ausgeglichen repräsentiert – rhythmisch-agogisch, harmonisch-farblich, melodiös-intonatorisch. Und er hat eine besondere Fähigkeit, die Deklamation deutscher Texte orchestral zu begreifen. Ich denke an unsere gemeinsamen Konzerte mit großer Freude und Bewunderung zurück und freue mich sehr auf das, was kommt.

Das Gespräch führte Margot Weber

Konzerte des Porträts

3. Oktober 2021

Christian Gerhaher | Bariton
Isabelle Faust | Violine
Anne Katharina Schreiber | Violine
Timothy Ridout | Viola
Danusha Waskiewicz | Viola
Jean-Guihen Queyras | Violoncello
Christian Poltéra | Violoncello

Othmar Schoeck
Notturno. Fünf Sätze für Streichquartett und eine Singstimme, op. 47
Arnold Schönberg
Verklärte Nacht, op. 4 
Hector Berlioz
Les Nuits d’été, op. 7 (Bearbeitung für Singstimme und Streichsextett von David Matthews)

Anschließend: Auf ein Glas mit Christian Gerhaher

Dieses Konzert ist Teil des Zyklus
Soirée musicale

Sonntag, 03. Oktober 2021, 19.30 Uhr

10. Dezember 2021

Christian Gerhaher | Bariton
Gerold Huber | Klavier

Lieder von Johannes Brahms

Dieses Konzert ist Teil des Zyklus
Meisterinterpreten II

Freitag, 10. Dezember 2021, 19.30 Uhr

30. Mai 2022

Sächsische Staatskapelle Dresden
Christian Thielemann | Dirigent
Julia Kleiter | Sopran
Christian Gerhaher | Bariton

Felix Mendelssohn Bartholdy
Symphonie Nr. 3 a-Moll, op. 56, „Schottische“
Alexander Zemlinsky
Lyrische Symphonie für Sopran, Bariton und Orchester, op. 18

Dieses Konzert ist Teil des Zyklus
Das Goldene Musikvereinsabonnement I

Montag, 30. Mai 2022, 19.30 Uhr

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