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Zwischen Stille und Klang

Stille und Klang: Im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Polen entsteht die Musik von Rebecca Saunders. Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien nimmt 2023/24 das OEuvre der in Berlin lebenden britischen Komponistin in den Fokus – von klein besetzten Werken bis hin zu einer Auftragskomposition für großes Orchester.

© Astrid Ackermann

Am liebsten arbeitet sie nachts. Dann sitzt sie an ihrem schmucklosen, weißen Tisch in ihrer Berliner Wohnung, und zwei Lampen erleuchten den fast leeren Raum. Vor ihr liegt das Fenster, das den Blick in die schwarze Nacht freigibt. Rebecca Saunders, 55, ist ein Großstadtkind, das für seine Arbeit eine urbane Umgebung braucht: Aufgewachsen im pulsierenden Londoner Stadtteil Brixton, lebt sie heute am Prenzlauer Berg. „Die Energie und der Klang eines städtischen Ambientes geben mir das Gefühl, lebendig zu sein“, sagt sie. Ihr gefalle es, ihre Ohren scharfzustellen und immer wieder neu auszurichten. Sie mag es, mit ihrer eigenen Wahrnehmung der Klangereignisse zu spielen: „Mit der Oberfläche der Klänge in der Kakophonie einer städtischen Klanglandschaft – bis zu dem Punkt, wo mir das alles wie ein fast schon betäubendes weißes Rauschen vorkommt.“ 

Erst aus der Stille heraus entstehe der Klang. „Drawing music out of silence“ erklärt sie ihr – dialektisches – Kompositionsprinzip. Wobei sie die unterschiedlichen Facetten der Stille ebenso faszinieren wie das Geräusch: „Schon eine Fermate oder eine Pause können ganz unterschiedliche Auswirkungen haben – auf das, was vorher war und was danach geschehen wird. Sie können Ausdehnung sein oder Stillstand, aber auch Totenstille.“ Dass sie eines Tages Komponistin werden würde, wunderte niemanden, der ihre Familie näher kennt. Der Großvater war Organist, auch die Großmutter spielte Klavier, beide Eltern waren Pianisten. „Ich erinnere mich, dass ich als kleines Kind Bilder malte, während ich an der Wand im Arbeitszimmer meines Vaters saß und er übte oder Sänger unterrichtete. Und dass ich unter dem Klavier gelegen habe und mich die Resonanz des Instruments durchflutete.“ 

Den Weg zur Komposition findet sie durch Wolfgang Rihms „Chiffre“-Zyklus. 1991 zieht sie nach Karlsruhe, wird seine Studentin. Und auch wenn sie von 1994 bis 1997 noch einmal nach Großbritannien zurückkehrt, um ihre Doktorarbeit zu schreiben – Deutschland ist seitdem ihre zweite Heimat. Der Erfolg kommt schnell: Bereits 1996 erhält sie den Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung. Viele weitere Preise sollten folgen, darunter der Royal Philharmonic Society Award. 2019 dann die größte Auszeichnung der Musikwelt: der Ernst von Siemens Musikpreis. 

Dass die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien sich nun intensiv ihres OEuvres annimmt, liegt auf dieser Linie. Wien Modern ist dabei ein ebenso leidenschaftlich engagierter Partner – wichtige Konzerte der Saunders- Reihe im Musikverein finden als Koproduktionen mit Wien Modern statt. Ihre Inspiration findet sie oftmals in den Filmen oder Büchern von Derek Jarman. „Chroma“ etwa – eine raumgreifende Collage aus Kammermusiken, komponiert für die Turbinenhalle der Tate Modern – verdankt seinen Titel dessen „Buch der Farben“. Oder in den Werken von James Joyce. Der Gedankenmonolog der Molly Bloom beispielsweise, mit dem „Ulysses“ endet, zieht sich durch ihr gesamtes OEuvre. Zunächst als poetischer Vorstellungsraum für die „Molly’s Song“ benannten Instrumentalwerke, zuletzt mehrfach als vertonter Text. Manchen Partituren stellt sie aber auch einzelne Zitate voran, insbesondere von Samuel Beckett. „Er wiegt jedes einzelne Wort ganz genau ab“, sagt sie dazu. Seine Texte seien „gnadenlos direkt und außerordentlich fragil“. Seine Sprache wirke wie skelettiert, bringe sich selbst an den Rand der Möglichkeit, überhaupt etwas zu sagen. Beckett sei sprechend ins Schweigen eingegangen, lautet ein Bonmot des Philosophen Ulrich Pothast über den irischen Schriftsteller. Ein Satz, mit dem man eines Tages vielleicht auch Saunders’ Kompositionsweg beschreiben wird. 

Ein Text von Margot Weber.