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Musikfreunde

Das Online Magazin

Mai 2, 2023

Paris tanzt!

Die rauschende Revolution der „Ballets Russes“

Veränderung lag in der Luft. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war sie in Paris schon zu spüren. Die feine Nase dafür hatte aber vor allem einer:

„Étonnez-moi!“ war die Forderung von Sergej Diaghilew an alle, die er zur Mitarbeit einlud. „Lasst mich staunen!“

Veränderung lag in der Luft. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war sie in Paris schon zu spüren. Die feine Nase dafür hatte aber vor allem einer: Sergej Diaghilew. „Wer war er?“, fragte der deutsche Ballettkritiker und Autor Horst Koegler, und gab die Antwort: „Kein Tänzer, kein Choreograph, kein Ballettmeister, kein Musiker, kein bildender Künstler, kein Schriftsteller, kein Regisseur, kein Manager. Und doch war er, der sich selbst einmal bescheiden als Beleuchter bezeichnet hat, von all dem ein bisschen – eine unbestrittene Autorität ohne Handwerk. Eines zeichnete ihn vor allem aus: Sein angeborenes, untrügliches Gespür für künstlerische Begabungen und für künstlerische Strömungen.“

Veränderung lag in der Luft. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war sie in Paris schon zu spüren. Die feine Nase dafür hatte aber vor allem einer: Sergej Diaghilew. „Wer war er?“, fragte der deutsche Ballettkritiker und Autor Horst Koegler, und gab die Antwort: „Kein Tänzer, kein Choreograph, kein Ballettmeister, kein Musiker, kein bildender Künstler, kein Schriftsteller, kein Regisseur, kein Manager. Und doch war er, der sich selbst einmal bescheiden als Beleuchter bezeichnet hat, von all dem ein bisschen – eine unbestrittene Autorit ät ohne Handwerk. Eines zeichnete ihn vor allem aus: Sein angeborenes, untrügliches Gespür für künstlerische Begabungen und für künstlerische Strömungen.“

Geboren 1872 in eine Offiziersfamilie im Norden Russlands,  wurde Sergej Pawlowitsch Diaghilew zum Studium vom Familiensitz in Perm nach St. Petersburg geschickt, wo er Geschichte und Kunstgeschichte studierte, daneben Komposition bei Nikolai Rimskij-Korsakow sowie Klavier. Durch frühe Reisen in Europa verschaffte er sich einen Eindruck von dem, was in der bildenden Kunst und Musik so vor sich ging, sowie von der geringen Kenntnis der russischen Kunst. Das wollte er ändern! Mit St. Petersburger Studienkollegen wie Alexander Benois, Lew Bakst, Nikolai Tscherepnin, Nikolai Roerich und anderen hatte er bereits die Vereinigung „Mir Isskustwo“ (Welt der Kunst) gegründet und begonnen, vorerst dort Kunstausstellungen zu organisieren. Diaghilews Eigenwilligkeit und seine aufmüpfige Art brachten ihn in fast ständigen Konflikt mit der kaiserlichen Beamtenschaft, die Neuerungen wie die Pest fürchtete. Also beschlossen Diaghilew und seine Mitstreiter, ihre Aktivitäten gänzlich nach Paris zu verlegen. Nach erfolgreichen Gemäldeausstellungen und Konzerten mit russischen Komponisten 1907 und 1908 sowie dem Debüt von Fedor Schaljapin an der Opéra ging Diaghilew an seine Hauptaufgabe: Das russische Ballett mit seinen herausragenden Tänzern sollte Paris im Sturm erobern. Das französische Orchester „Les Siècles“ und sein Chefdirigent François-Xavier Roth zeichnen im Musikvereins-Programmschwerpunkt „Paris tanzt!“ diese sensationelle Erfolgsgeschichte nach.

Am Beginn konnte Diaghilew nur Repertoire aus dem Mariinskij-Theater zeigen – meist mit rasch nachgebauten Dekorationen und Kostümen, weil das Ausleihen verweigert wurde. Aber mit welchen Tänzerinnen und Tänzern! Michail Fokin, Vazlav Nijinsky, Tamara Karsawina, Anna Pawlowa, Vera Karalli, Adolf Bolm und, und, und! Die Aufführungen fanden im neu adaptierten Théâtre Châtelet statt, weil die Pariser Opéra noch misstrauisch auf Distanz gegangen war. Der unbestrittene Star der Anfangsjahre war der Pole Vazlav Nijinskij. Seine unglaubliche Virtuosität, sein Charisma, seine erotische Ausstrahlung setzte die Pariser Damenwelt in helles Entzücken.

Diaghilew wollte aber vor allem Neues, ganz Neues. Und bereits damals, in der zweiten Saison 1910, entstand etwas Wegweisendes: eine neue Art von Gesamtkunstwerk, nicht im Sinne Wagners, sondern nach einem Workshop-Prinzip. So geschehen erstmals beim „Feuervogel“. Die Idee dafür gab Michail Fokin, inzwischen zum Choreographen avanciert. Gemeinsam mit den bildenden Künstlern Lew Bakst und Alexander Golowin  aus dem Diaghilew-Kreis wurde ein Libretto entworfen, das mehreren russischen Märchen um die Zentralgestalt des Feuervogels entnommen war. Jetzt fehlte nur noch der Komponist: Diaghilew dachte zuerst an Anatolij Ljadow, doch der erwies sich als zu langsam. Da zog der Impresario einen Überraschungskandidaten buchstäblich aus dem Ärmel: den blutjungen Igor Strawinsky. Diaghilew hatte ihn einige Jahre zuvor bei einem Akademiekonzert in St. Petersburg gehört und war beeindruckt.

„Der Feuervogel“ hatte am 25. Juni 1910 Premiere, diesmal in der Opéra, mit der wunderbaren Tamara Karsawina in der Titelrolle. Strawinskys für damalige Ohren ungewohnte Musik stieß auf geteilte Resonanz, doch mit der Handlung an sich lag man richtig: Märchen aus alter Zeit, vor allem aber viel geheimnisvoller Orient gefielen dem Publikum, wie beispielsweise „Scheherezade“ mit Rimskij-Korsakows lasziv schillernder Musik. Dem Orientalismus huldigte eine weitere Premiere, „Les Orientales“, ein ­Divertissement in fünf Teilen mit einem Szenario von Diaghilew persönlich. So gut wie vergessen, haben Roth und sein Orchester es aus Archiven rekonstruiert. Von der „Danse orientale“ des norwegischen Komponisten Christian Sinding und dem „Kobold“ (Le Djinn) von Edvard Grieg sind die Orchestrierungen von Sergej Tanejew bzw. Igor Strawinsky verloren gegangen und wurden für Les Siècles neu nachempfunden. Die Musik der drei übrigen Teile stammt aus Balletten von Alexander Glasunow und Anton Arenskij.

Das Hauptaugenmerk galt in der Saison 1911 „Petruschka“, einer Burleske mit Figuren des russischen Puppentheaters (Rajok). Die Musik von Strawinsky sollte ursprünglich ein Klavierkonzert werden. Als Diaghilew ihn mit „Petruschka“ beauftragte, schrieb der Komponist dieses einfach als Ballettpartitur um, zu hören noch am prominenten Klavierpart. Die Zentralgestalt der tragischen Puppe im Jahrmarkttreiben vor der Fastenzeit wurde zu einer Signaturrolle Nijinskijs, von Fokin kongenial choreographiert, von Alexander Benois stilgerecht ausgestattet und mit einem neuen Dirigenten, dem jungen Pierre Monteux, am Pult. Bei einem Gastspiel der Ballets Russes 1913 an der Wiener Hofoper stieß „Petruschka“ übrigens auf Ablehnung, vor allem seitens des Hofopernorchesters, das die Aufführungen torpedierte.

Die griechische Antike, ebenfalls ein damals beliebtes Thema, brachte erstmals französische Komponisten in das Programm der Ballets Russes der Saison 1912. Maurice Ravel erhielt den Auftrag für „Daphnis et Cloé“; „L’après-midi d’un faune“ entstand nach dem gleichnamigen Orchesterwerk von Claude Debussy. Fokin war für ­„Daphnis“ zuständig, für den „Faun“ ließ Diaghilew erstmals Nijinskij als Choreographen reüssieren. Er erhielt längere Probenzeiten, was Fokin und Ravel verärgerte und schließlich zum Bruch des Choreographen mit Diaghilew führte. Diaghilews Erwartungen gingen bei Nijinsky, der den Faun auch selber tanzte, voll auf. Wegen einer „obszönen“ Handbewegung am Schluss wurde die Premiere ein echter „Succès de  scandale“. Ganz Paris sprach davon, Diaghilew war hochzufrieden, Nijinskij fortan auch als Choreograph die Nummer eins.

Ganze zwei Jahre benötigte das Team, das an „Le Sacre du printemps“ arbeitete. Die Idee dazu reklamierte Igor Strawinsky in seinen Memoiren für sich, doch hatte der Maler und Archäologe Nikolaj Roerich selber schon einen derartigen Entwurf parat, als der Komponist mit seiner Idee zu ihm kam. Beiden ging es um ein Opferritual aus dem heidnischen Russland. Dazu sollte Nijinskij eine Choreographie entwickeln, die dem Charakter des Sujets entsprach. Mit Hilfe einer Spezialistin für die neu aufgekommene „Eurhythmie“ schuf Nijinskij einen völlig avantgardistischen Stil, die Tänzer trugen Bauernkittel und Strohpantoffeln. Strawinskys Partitur erwies sich als extrem schwierig für alle Ausführenden. Der 29. Mai 1913, der Tag der Premiere, ging als größter Theaterskandal, den Paris bis dahin erlebt hatte, in die Geschichte ein. Über die Krawalle und Ausschreitungen gibt es zahlreiche Berichte, wie von Strawinsky selbst oder Jean Cocteau. Pierre Monteux dirigierte ungerührt die Vorstellung zu Ende.

Für die „Ballets Russes“ brachte der Beginn des Ersten Weltkriegs nur eine Zäsur, aber nicht das Ende. Mit neuen Komponisten, Tänzern und Bühnenkünstlern feierte die Truppe weiterhin weltweite Erfolge. Diaghilew starb unerwartet 1929. „Étonnez-moi!“ war seine Forderung an alle, die er zur Mitarbeit einlud. „Lasst mich staunen!“ Das Staunen hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten.

Edith Jachimowicz

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