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Musikfreunde

Das Online Magazin

Mai 2, 2023

„Jeder Mensch muss das Seine auf ehrliche Weise tun!“

Elisabeth Leonskaja

Elisabeth Leonskaja gibt einen Klavierabend im Brahms-Saal mit Werken von Mozart und Brahms. Ein Gespräch über die Kunst der Interpretation, Ehrlichkeit und Lüge.

„Das Klavier ist eines der schönsten Ins­trumente der Welt. Wenn ich ein zweites Mal leben würde, würde ich dasselbe machen.“

Elisabeth Leonskaja

Frau Leonskaja, als Mozart 1781 nach Wien gekommen ist, hat er seinem Vater geschrieben: „Hier ist doch gewis das Clavierland!“ Haben Sie es bei Ihrer Übersiedlung rund 200 Jahre später auch so empfunden, dass es hier eine spezielle Tradition gibt?

Mein Gedanke damals war: Das ist das Musikland. Als ich noch in Moskau zu Hause war und zu Konzerten nach Wien gekommen bin, habe ich einen Strauß-Abend im Musikverein mit Willi Boskovsky gehört. Dieser Glanz, die Festlichkeit, die schiere Anzahl der Konzerte – das hat mich überwältigt. Die Selbstverständlichkeit des Geschehens, dass die Säle voll sind und die Menschen das brauchen …

Und der sprichwörtliche Taxifahrer weiß, wer am Abend an der Staatsoper dirigiert …

Das weiß ich nicht. Damals hatte ich kein Geld für das Taxi, und heute gehe ich lieber zu Fuß.

Das scheint sich ebenso wenig geändert zu haben wie Ihre Liebe zu Ihrem Instrument.

Ja, das Klavier ist eines der schönsten Instrumente der Welt. Wenn ich ein zweites Mal leben würde, würde ich dasselbe machen. Es ist unerschöpflich. Als Studentin war ich oft in der Klasse von David Oistrach, und ich hatte das Gefühl, er mochte mich. Einmal sagte er: „Wissen Sie, Lisa, ich habe schon dreimal alle Beethoven-Sonaten aufgenommen. Und es war mir nie langweilig.“ Auch mir war noch nie langweilig mit dem Klavier. Mühsam – ja. Schrecklich – ja, wenn man etwas nicht kann. Aber nie langweilig, denn es liegt einfach ein unendlicher Reichtum darin.

So wie – in besonderer Weise – in Mozart …

Wissen Sie, wenn man jung ist, dann fühlt sich Mozart fröhlich und leicht an. Je älter man wird, umso anders denkt man. Eigentlich ist er für mich bis heute ein Phantom – je weiter man kommt, umso mehr. Seine Musik ist höchst sensibel, so perfekt, so vollendet, hat so viel Intensität, aber sie muss genau aus dem Moment heraus entstehen: jetzt in dieser Sekunde, sonst ist es verloren. Ist es die Vollendung? Ich suche immer nach Worten oder nach einem Wort, aber ich finde es nicht … In der Arbeit kann man manchmal glücklich sein, wenn man denkt, man hat etwas gefunden, und denkt: Jetzt, jetzt, jetzt, jetzt. Die Musik ist endlos, unendlich schön, aber auch die Arbeit daran ist endlos.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Bei aller Kreativität von Haydn ist dessen Musik viel leichter: zwar auch sehr emotional, aber viel nachvollziehbarer. Ich war vor einigen Jahren, als ich mich intensiv mit Mozart beschäftigt habe, sehr niedergeschlagen. Zufällig habe ich Yehudi Menuhin getroffen und ihm davon erzählt. Seine Worte waren wirklich sehr schön: „Wissen Sie, Bach war ein geistiger Komponist, und wir wissen, wohin mit den Gedanken. Mozart war irdisch, aber er hatte den Himmel in der Tasche.“

Sie spielen in Ihrem Recital zwei Sonaten von Mozart, beide in D-Dur.

Ja, denn ich fand es animierend, zwei so verschiedene Sonaten in derselben Tonart zu spielen: aus ganz unterschiedlichen Schaffensperioden und ganz unterschiedlich in ihrer Form und Struktur. Die Sonate KV 284, geschrieben in Mannheim, ist hoch inspiriert: mit ihrem „symphonischen“ Allegro des ersten Satzes, einem sehr ungewöhnlichen zweiten Satz, „Rondeau en Polonaise(!)“, und dem Finale: zwölf Variationen mit einem himmlischen Adagio an vorletzter Stelle. Und die Sonate KV 576, Mozarts letzte, ist ein Juwel der polyphonen Virtuosität im ersten Satz, der zweite, langsame Satz ist so himmlisch wie immer bei Mozart, und unnachahmlich ist der dritte Satz mit seiner knappen melodischen Idee, und so virtuos und heiter.

Ist der Kampf – oder sagen wir neutraler: die Arbeit – der Interpretin bei Brahms leichter als bei Mozart?

Es ist völlig anders. Brahms ist uns heutigen Menschen viel näher, weil er aus einer anderen Epoche kommt als Mozart. Ähnliches gilt auch für die Literatur aus dieser Zeit. Mozarts Zeit – die Zeit mit Perücken – können wir nicht so gut nachvollziehen. Mozart und Haydn, die sich glücklich schätzen konnten, eine Anstellung zu haben, waren eigentlich in einer Reihe mit dem Frisör oder Koch. Das können wir uns heute überhaupt nicht mehr vorstellen. Für Brahms war der Glaube von großer Bedeutung. Wenn er gefragt wurde: „Wie komponieren Sie?“, hat er immer das Evangelium zitiert. Er war der Überzeugung, dass Gott in uns ist. Die Persönlichkeit und der Glaube sind untrennbar – das ist etwas, was wir heute verloren haben.

Wie interpretieren Sie?

Brahms?

Generell. Wie geht der Weg vor sich?

Das ist der Prozess der Arbeit … Ich kann das sagen, was ich oft sage, und Heinrich Neuhaus und seinen einfachen, genialen Satz zitieren: „Finde nicht dich in der Musik, sondern diese Musik in dir.“ Das ist das Erste, und das macht natürlich in der Arbeit einen Riesenunterschied. Man sammelt natürlich viele Erfahrungen.

Das klingt sehr einfach.

Es klingt einfach, aber als junger Mensch spielt man sowieso anders. Jeder Tag des Lebens bringt etwas, man ändert sich. Aber wenn man bei einer so reinen, eigentlich heiligen Substanz ist wie der Musik, macht das unser Leben ganz anders. Es reinigt uns auch. Unehrlich kann man mit der Musik nicht leben.

Das sind große Worte. Ist es in der Realität des Konzertlebens nicht so, dass auch manche Interpretinnen und Interpreten eine tiefgehende Auseinandersetzung missen lassen?

Ich kann nur von mir sprechen.

Es ist ja bei Ihnen schon immer eine geistige, umfassende Annäherung.

Immer. Das ist für mich ein einzigartiges Glück. Wie soll man sonst auf die Bühne gehen? Es ist aber nicht so, dass ich nur mit Musik zu tun habe. Es ist auch das, was ich im Leben tue. Musik klingt in den Seelen, weil sie zum Leben gehört. Und jeder Mensch muss das Seine auf ehrliche Weise tun. Sonst wird die Gesellschaft krank. Es darf nicht die Lüge Wurzeln schlagen.

Sie haben vorhin angedeutet, wie sehr sich der Zugang zu Musikstücken im Laufe der Zeit verändern kann … so wie auch die künstlerische Persönlichkeit?

Es ist eine persönliche Sache, die immer objektiver wird. Man sucht auch immer nach Objektivität. Aber die Arbeit ist eigentlich endlos: Wenn man zum Beispiel nach einiger Zeit ein Stück wieder spielt, macht man die Noten auf und sieht plötzlich etwas Neues – oder auch Verbindungen zwischen Stücken. Nachdem ich zum Beispiel Schönberg und Berg studiert habe, habe ich viel Neues gesehen – bei Schubert! Das liegt daran, dass man zuerst sozusagen mit alten Gewohnheiten durch den Notentext geht. Bei Schönberg ist es so, dass man so genau durch den Text gehen muss – denn sonst dringt man nicht durch –, dass man viel mehr Kleinigkeiten bemerkt. Man ist sozusagen auf jeden Beistrich angewiesen.

Nach Wien sind immer Musikerinnen und Musiker zugereist, viele haben den Wiener Tonfall gelernt …

Ich leider nicht 

Musikalisch aber schon – da sind Sie doch sehr wohl stark hier verwurzelt.

Ja, wahrscheinlich schon. Doch, Sie haben recht. Und das Wienerische kommt schon auch in die Persönlichkeit – vielleicht nicht in der Art zu reden, aber in der Art zu denken.

Und zu fühlen?

Natürlich, das ist dasselbe!

Das Gespräch führte Daniel Ender.

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