„Ich war mir bewusst, dass ich meinen Platz nicht selbstverständlich habe“

Die Autorin Nava Ebrahimi

Geboren ist Nava Ebrahimi im Iran. Als kleines Kind kam sie mit ihrer Familie nach Köln. Sehr schnell lernte sie nicht nur Deutsch, sondern auch, sich „extrem anzupassen, um Rassismus nur ja nicht zu provozieren“. Im Wiener Musikverein liest die Schriftstellerin aus ihrem Roman „Sechzehn Wörter“. Der Auftritt der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin 2021 ist Auftakt eines neuen Programmakzents in den Wort-Musik-Programmen des Musikvereins, die stärker auf Diversität und Dialog setzen.

Sie kamen mit drei Jahren nach Köln und haben sehr schnell Deutsch gelernt. Können Sie noch persisch sprechen?
Ich kann mich verständlich machen, aber auf keinem hohen Niveau. Meine Mutter erzählt, dass meine Schwester und ich sehr früh anfingen, nur noch deutsch zu sprechen, obwohl sie mit uns persisch gesprochen hat. Ich glaube, wir wollten uns, gerade wenn andere Kinder dabei waren, nicht so isolieren. Ich sehe das auch bei meinen Kindern. Ich habe auch versucht, mit ihnen persisch zu sprechen, aber das hat nicht gut funktioniert. Wenn man keine Community um sich hat, dann sieht man keinen Sinn, die Sprache zu sprechen.

Nava Ebrahimi
© Peter Rigaud, Shotview

Nava Ebrahimi 

19. September 2022

Nava Ebrahimi | Lesung 
Kurdophone 

Nava Ebrahimi
Sechzehn Wörter 

Anschließend: Auf ein Glas mit Nava Ebrahimi

Montag, 19. September 2022, 20.00 Uhr

Sie besuchten sehr gute Schulen. Hat Ihr Migrationshintergrund für Sie als Kind eine Rolle gespielt?
Ja, schon. In der Schule war ich immer die einzige Ausländerin, wie man in den 80ern noch sagte. Mir war früh klar, dass bei uns zu Hause alles ein bisschen anders läuft und andere Regeln gelten. Ich habe deshalb früh eine Sensibilität für Unterschiede entwickelt.

Wobei, jede Familie funktioniert ein wenig anders.
Das stimmt, jede Familie funktioniert anders. Es gibt große Unterschiede, je nachdem welcher sozialen Schicht oder welcher Kultur man angehört. Im Iran steht zum Beispiel Gastfreundschaft über allem. Aber nicht nur der Gastgeber, sondern auch der Gast muss sich vielen Konventionen unterwerfen. Das habe ich früh verinnerlicht. Wenn ich bei Freundinnen zu Hause war, habe ich genau beobachtet, wie man sich benehmen muss und welche No-Gos es gibt. Ich wollte nur nicht auffallen, nur nicht anecken.

Sind Ihnen Ihre Mitschüler und Mitschülerinnen vorbehaltlos begegnet?
Meiner Mutter war es wichtig, dass wir „guten Umgang“ haben, wobei Juristen- oder Ärztekinder nicht per se ein „guter Umgang“ sein müssen. Aber sie hat auf solche Äußerlichkeiten viel Wert gelegt. Deshalb war ich in Köln auf einer katholischen Grundschule, weil dort vor allem Kinder aus gutbürgerlichen, alteingesessenen Familien hingegangen sind. In Köln hat dieses Katholisch-Bürgerliche eine liberale Note, zumindest an der Oberfläche. Auf gewisse Weise habe ich dazugehört.

Ach ja?
Ja, Kölner Bürgertum gibt sich gerne weltoffen. Alleine so etwas wie Karneval ist nivellierend.

Inwiefern?
Karneval feiern wirklich alle zusammen, man geht in Kneipen, in die man sonst nie gehen würde, weil ohnehin überall das Gleiche passiert: Es gibt laute Musik und viel Kölsch. Und es fallen die Codes weg, an denen man sonst erkennt, welcher Herkunft jemand ist.

In die Rolle der Außenseiterin sind Sie, so scheint es, nie gekommen.
Im Grunde war ich für alle die Vorzeigeausländerin, weil ich so gute Noten hatte. Aber mir war früh klar, dass an dieses Dazugehören Bedingungen geknüpft sind.

Ich frage mich, ob Sie andere Erfahrungen gemacht hätten, wenn Ihre Familie nicht aus dem Iran, sondern aus der Türkei nach Deutschland gekommen wäre.
Sicher, wenn ich ein Gastarbeiterkind gewesen wäre, hätte die Sache noch einmal ganz anders ausgesehen. Ich wurde oft zuerst für eine Türkin gehalten. Wenn ich sagte „Meine Eltern kommen aus dem Iran“, entschuldigten sich die Leute sofort. Da merkte ich, dass ich von einer Schublade rausgenommen und in eine andere reingepackt werde. Darum will ich meine Schulzeit nicht romantisieren. Wir lebten extrem angepasst, meine Mutter achtete etwa darauf, dass wir immer Markenkleidung trugen. Also ich war mir dessen bewusst, dass ich meinen Platz nicht selbstverständlich habe, sondern weil ich lieb und nett bin und gute Noten habe.

Wenn Sie das alles erzählen, spürt man, unter welchem Druck Ihre Eltern und Sie standen, sich nur ja zu integrieren.
Durch die Migration haben meine Eltern einen sozialen Abstieg hingelegt. Aber vom Selbstverständnis waren sie Akademiker und zählten sich zur gehobenen Mittelschicht. Ich glaube, dieses Selbstverständnis macht einen bedeutenden Unterschied. Ich hätte echte Probleme mit ihnen bekommen, hätte ich nicht studieren wollen. Der Vater meiner deutschen Freundin hingegen, die aus einem Handwerkerhaushalt kam, verstand nicht, warum seine Tochter studieren will. Da habe ich mich privilegiert gefühlt, weil das für meine Eltern völlig außer Frage stand.

Sie betonen, wie angepasst Ihre Familie in Deutschland gelebt hat. Wollten sich Ihre Eltern von anderen Ausländern abheben?
Was ich sicher sagen kann, ist, dass mir meine Eltern unterschwellig vermittelt haben, dass wir die besseren Ausländer sind. Es gab ein starkes Bedürfnis, sich von Türken und Arabern abzugrenzen. Als Kind habe ich das geschluckt, aber heute sehe ich das extrem kritisch. Sich gegeneinander zu positionieren und darum zu buhlen, mehr als die anderen von der deutschen Mehrheitsgesellschaft gemocht zu werden, ist schwach. Es spricht für keine selbstbewusste Haltung, wenn man andere abwerten muss.  Aber ich mache meinen Eltern keine Vorwürfe. Für sie war es verletzend, nicht als Individuum, sondern zunächst immer nur als „Ausländer“ wahrgenommen zu werden. Das ist mir alles erst mit Anfang zwanzig bewusst geworden.

Sie sagen „alles“. Was wurde Ihnen noch bewusst?
Ich habe lange geglaubt, dass ich nie Rassismus erlebt habe, bis mir klar wurde, dass ich durch mein sehr angepasstes Verhalten Situationen vermieden habe, die Rassismus provozieren hätten können.

Zum Beispiel?
Wenn ich alleine einkaufen gegangen bin, habe ich es schon als Kind vermieden, mit einer Tasche zu lange in einem Geschäft in einer uneinsehbaren Ecke zu sein, um sicher zu gehen, dass niemand den Verdacht hegen könnte, ich würde etwas einstecken wollen. Mir war klar, dass jemand, der so aussieht wie ich, eher gefragt wird: „Was hast du denn da in deiner Tasche?“, als jemand, der blond und blauäugig ist. Oder wenn ich in den Zug einsteige und dringend auf die Toilette muss, dann stelle ich auch heute noch nicht meine Tasche auf den reservierten Platz und gehe sofort wieder. Ich will nicht, dass jemand Unbehagen entwickelt. Ich glaube, das ist eine Art von internalisiertem Rassismus, mit dem ich Rassismuserfahrungen um jeden Preis zu vermeiden versuche.

Sie haben schon früh gerne geschrieben. Haben Sie sich deshalb für die Journalistenschule in Köln entschieden?
Es war ein Kompromiss. Als Kind wollte ich Kinderbuchautorin werden, aber als ich Ende der 1990er Abitur gemacht habe, gab es noch kaum Möglichkeiten, literarisches Schreiben zu studieren. Und ich habe mich nicht getraut, ganz auf die künstlerische Karte zu setzen. Nachdem ich immer ein politisch interessierter Mensch war, dachte ich, Journalismus ist erstmal nicht schlecht.

Ja, man kann schreiben.
Aber man recherchiert auch viel und interviewt Menschen. Dabei hatte ich immer Hemmungen, unangenehme Fragen zu stellen, was man aber im Politik- und Wirtschaftsjournalismus tun muss.

Warum war Ihnen das unangenehm?
Das hat mit meiner Erziehung zu tun. Es ist wichtig, sein eigenes Gesicht zu wahren, aber fast noch wichtiger ist es, den anderen nicht zu demaskieren. Insofern war ich oft unzufrieden mit mir, weil mir bewusst war: „Eigentlich müsstest du dein Gegenüber jetzt mit diesem und jenem konfrontieren.“ Aber das fiel mir eben sehr schwer.

Demaskiert man sich beim literarischen Schreiben nicht viel mehr? Ich denke an Ihren Debütroman „Sechzehn Wörter“. Die Protagonistin Mona halten viele für Ihr Alter Ego.
Viele übertragen Mona eins zu eins auf mich. Das kann ich auch niemandem verübeln. Trotzdem ist die Figur ein Schutz für mich. Ich habe nicht das Gefühl, mich beim Schreiben entblößt zu haben, denn die Handlung ist eine fiktive. Als ich begonnen habe zu schreiben, war Mona nahe bei mir, aber sie entwickelte ihr Eigenleben und hat sich immer mehr von mir entfernt, um in dieser Handlung überzeugend zu sein. In meinem zweiten Buch (Anm.: In „Das Paradies meines Nachbarn“, 2020, sind drei Männer die Hauptfiguren) steckt ähnlich viel von mir drinnen, aber da erkennt es niemand. Darum sind Lesungen aus diesem Buch schon angenehmer. Aus „Sechzehn Wörter“ würde ich, weil mich viele für Mona halten, intimere Stellen nie vorlesen.

Das Gespräch führte Judith Hecht.
Mag. Judith Hecht ist Juristin und Journalistin bei der „Presse“, wo sie für das Sonntagsinterview „Letzte Fragen“ zuständig ist.

Monatsmagazin Musikfreunde September / Oktober 2022

Es ist alles eine Frage der Balance, erst recht in der Kunst. Und je höher oder auch tiefer es geht im Streben ums Bestmögliche, umso größer wird die Herausforderung. Christian Thielemann, dem wir in der Saison 2022/23 einen eigenen Zyklus widmen, erzählt davon im Exklusivinterview für diese Ausgabe: „Das Leise – oder besser das Differenzierte: Mit dem Streben danach verbringt man am Pult sein halbes Leben.“ Das erste Konzert unseres Thielemann-Zyklus ist zugleich der Saisonauftakt: glanzvoller Start eines enorm reichen, vielfältigen Konzertjahrs, geprägt von künstlerischer Exzellenz. Beethoven, Bruckner, Strauss und Mahler sind die Komponisten im Thielemann-Zyklus – besonders gespannt darf man dabei auf Thielemanns Mahler-Interpretation sein. Denn gerade hier, erläutert Thielemann, hat er sich lange Zeit gelassen, um seinen Weg zur Balance zu finden: darauf zu achten, nicht zu viel „machen“ zu wollen und der Musik den Raum zu geben, der ihr ohnehin schon eingeschrieben ist.

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