Editorial September/Oktober 2022

Liebe Musikfreundinnen und Musikfreunde,

es ist alles eine Frage der Balance, erst recht in der Kunst. Und je höher oder auch tiefer es geht im Streben ums Bestmögliche, umso größer wird die Herausforderung. Christian Thielemann, dem wir in der Saison 2022/23 einen eigenen Zyklus widmen, erzählt davon im Exklusivinterview für diese Ausgabe: „Das Leise – oder besser das Differenzierte: Mit dem Streben danach verbringt man am Pult sein halbes Leben.“ Das erste Konzert unseres Thielemann-Zyklus ist zugleich der Saisonauftakt: glanzvoller Start eines enorm reichen, vielfältigen Konzertjahrs, geprägt von künstlerischer Exzellenz. Beethoven, Bruckner, Strauss und Mahler sind die Komponisten im Thielemann-Zyklus – besonders gespannt darf man dabei auf Thielemanns Mahler-Interpretation sein. Denn gerade hier, erläutert Thielemann, hat er sich lange Zeit gelassen, um seinen Weg zur Balance zu finden: darauf zu achten, nicht zu viel „machen“ zu wollen und der Musik den Raum zu geben, der ihr ohnehin schon eingeschrieben ist.

Wir gehen mit viel Prominenz in diese neue Musikvereinssaison – so, wie es sich gehört für dieses Haus, und mit Künstlerinnen und Künstlern, die hier seit Jahrzehnten daheim sind. Martha Argerich und Zubin Mehta treten zum Saisonstart mit den Wiener Philharmonikern auf, Franz Welser-Möst, Ehrenmitglied des Musikvereins wie Mehta, dirigiert einmal mehr das Cleveland Orchestra im Musikverein, bevor er nur wenig später am Pult der Wiener Philharmoniker steht. Und so, wie man längst vertraute Freundinnen und Freunde immer wieder neu für sich entdeckt, widmen wir all den Genannten eigene Beiträge in dieser „Musikfreunde“-Ausgabe. Wir freuen uns auch, Ihnen außerdem von neuen Akzenten in unserem Abonnementprogramm erzählen zu können. Die Archivkonzerte – eine Konzertserie, wie sie weltweit nur der Musikverein anbieten kann – werden mit verändertem Fokus spannend weitergeführt. „Nun klingen sie wieder“ mutiert so zur Serie „Aus der Schatzkammer“ – die einzigartigen Schätze, die aus unseren weltberühmten Sammlungen ins Konzertgeschehen geholt werden, sind dabei historische Instrumente genauso wie hier überlieferte Werke. Im ersten Zykluskonzert wird zugleich die große Geschichte des legendären Musikvereinskonservatoriums lebendig.

Eine neue Facette zeigen wir auch in unseren beliebten Wort-Musik-Programmen, die noch stärker auf Diversität und Dialog setzen. Mit der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Nava Ebrahimi haben wir zum Auftakt eine Autorin eingeladen, die als Migrantin in Deutschland hautnah erfahren hat, wie stark Anpassungsdruck das Streben nach Autonomie formen, ja auch deformieren kann. Subtil reflektiert sie diese Erfahrung in ihrem Roman „Sechzehn Wörter“, aus dem sie zum Saisonbeginn lesen wird. Die literarischen Stimmen in unserem Programm korrespondieren so auch aufs beste mit den „Wiener Stimmen“, einem Projekt, das wir mit der Brunnenpassage als Partnerin des Musikvereins entwickelt haben und das im Juni zu einem fantastischen musikalischen Resultat geführt hat. Wir berichten in dieser Ausgabe von diesem denkwürdigen Konzert – und laden zugleich ein, den Wiener Stimmen auch im Abonnementprogramm der Saison 2022/23 zu folgen.

So verknüpfen sich die exzellenten Programme der großen symphonischen Tradition mit neuen, spannenden Impulsen zur künstlerischen wie gesellschaftlichen Öffnung in neuen Programmkonzepten. Die Mischung soll fein abgewogen sein: Die Balance, hoffen wir, überzeugt auch Sie!

Herzlich willkommen zur neuen Musikvereinssaison

Dr. Stephan Pauly

Intendant der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Monatsmagazin Musikfreunde September / Oktober 2022

Es ist alles eine Frage der Balance, erst recht in der Kunst. Und je höher oder auch tiefer es geht im Streben ums Bestmögliche, umso größer wird die Herausforderung. Christian Thielemann, dem wir in der Saison 2022/23 einen eigenen Zyklus widmen, erzählt davon im Exklusivinterview für diese Ausgabe: „Das Leise – oder besser das Differenzierte: Mit dem Streben danach verbringt man am Pult sein halbes Leben.“ Das erste Konzert unseres Thielemann-Zyklus ist zugleich der Saisonauftakt: glanzvoller Start eines enorm reichen, vielfältigen Konzertjahrs, geprägt von künstlerischer Exzellenz. Beethoven, Bruckner, Strauss und Mahler sind die Komponisten im Thielemann-Zyklus – besonders gespannt darf man dabei auf Thielemanns Mahler-Interpretation sein. Denn gerade hier, erläutert Thielemann, hat er sich lange Zeit gelassen, um seinen Weg zur Balance zu finden: darauf zu achten, nicht zu viel „machen“ zu wollen und der Musik den Raum zu geben, der ihr ohnehin schon eingeschrieben ist.