Chronik I - Aus Schumanns Werkstatt

Das Autograph der „Davidsbündlertänze“ als Faksimile

Es war ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher Abend im Musikverein: Mitsuko Uchida spielte am 29. Mai in der Reihe „Große Solisten“ Schumanns „Davidsbündlertänze“ und nahm nach dem Konzert das erste Exemplar des druckfrischen Faksimiles entgegen, das die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien publiziert hat.

Eines der kostbarsten Autographe aus dem Bestand des Musikvereinsarchivs wird so einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Mitsuko Uchida spielte dabei eine entscheidende Rolle: Sie gab die Anregung zu dieser Publikation, die sich prominent einreiht in die hochkarätigen Faksimile-Ausgaben aus dem Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Und mehr noch: Sie unterstützte die Herstellung durch eine großzügige Zuwendung.


Selbstverständlich ist Schumanns Notentext längst feinsäuberlich ediert und als perfekte Handreichung für die Pianisten griffbereit auf dem Markt. Aber der Blick ins Autograph bietet ganz anderes, denn die Handschrift ist das unmittelbarste Dokument des Schaffensprozesses – Werkstattbericht und Seelenspiegel in einem. Näher kann man einem Komponisten nicht kommen als hier. Das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien bewahrt bekanntlich viele dieser unschätzbaren Zeugnisse. Kaum ein Autograph dieser weltberühmten Sammlung aber bezeugt so viel Persönliches wie das Manuskript von Schumanns „Davidsbündlertänzen“, das aus dem Nachlass von Johannes Brahms ins Archiv des Musikvereins gelangte. „Dieses Manuskript“, sagt Mitsuko Uchida, „inspiriert mich mehr als jedes andere, wahrscheinlich wegen Schumanns fast greifbaren Gemütszustands bei der Entstehung des Stückes. In seiner an sich sehr persönlichen Musik findet sich nichts, das intimer oder privater wäre.“ Die von Archivdirektor Johannes Prominczel herausgegebene Faksimile-Publikation der „Davidsbündlertänze“ umfasst drei Teile: das Autograph von 1837, die von Schumann eigenhändig korrigierte Stichvorlage für die Neuausgabe von 1850 und einen Kommentarband von Timo Evers.

Die exquisit gemachte Edition kann unter order@musikverein.at zum Preis von 220 Euro direkt über die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien bezogen werden. 

Monatsmagazin Musikfreunde September / Oktober 2022

Es ist alles eine Frage der Balance, erst recht in der Kunst. Und je höher oder auch tiefer es geht im Streben ums Bestmögliche, umso größer wird die Herausforderung. Christian Thielemann, dem wir in der Saison 2022/23 einen eigenen Zyklus widmen, erzählt davon im Exklusivinterview für diese Ausgabe: „Das Leise – oder besser das Differenzierte: Mit dem Streben danach verbringt man am Pult sein halbes Leben.“ Das erste Konzert unseres Thielemann-Zyklus ist zugleich der Saisonauftakt: glanzvoller Start eines enorm reichen, vielfältigen Konzertjahrs, geprägt von künstlerischer Exzellenz. Beethoven, Bruckner, Strauss und Mahler sind die Komponisten im Thielemann-Zyklus – besonders gespannt darf man dabei auf Thielemanns Mahler-Interpretation sein. Denn gerade hier, erläutert Thielemann, hat er sich lange Zeit gelassen, um seinen Weg zur Balance zu finden: darauf zu achten, nicht zu viel „machen“ zu wollen und der Musik den Raum zu geben, der ihr ohnehin schon eingeschrieben ist.

Magazin als PDF