Aus der Schatzkammer

Archivkonzerte gestern, heute, morgen

„… sei diesmal die Reihe der Archivkonzerte im Musikverein hervorgehoben, denn da wird etwas von den Notenschätzen verlebendigt, die im Haus am Karlsplatz verwahrt sind.“ Das Zitat des Kulturpublizisten Norbert Tschulik von 1977 hat an Aktualität nicht verloren, denn nach wie vor stehen die Schätze von Archiv, Bibliothek und Sammlungen im Mittelpunkt des neu konzipierten Zyklus: „Aus der Schatzkammer“ folgt auf „Nun klingen sie wieder“.

Die Verbindung von Archiv und Konzert blickt auf eine lange Tradition zurück. Bereits in den 1860ern nutzte man bei der Veranstaltung sogenannter „historischer Concerte“ wohl den Notenbestand des Archivs der Gesellschaft der Musikfreunde. Gleich eine ganze Reihe an Konzerten, die man noch kaum „Zyklus“ nennen konnte, mit längst Unmodernem zu programmieren mutete damals gleichermaßen ungewöhnlich wie exotisch an, zumal Johannes Brahms als künstlerischer Leiter der Gesellschaft der Musikfreunde wenige Jahre später erfolglos versuchen sollte, das Musikvereinspublikum für Musik von Johann Sebastian Bach zu begeistern. 100 Jahre später in den 1970ern beauftragte der Generalsekretär Albert Moser den jungen Musikarchivar Otto Biba mit der Organisation sogenannter Archivkonzerte. Mittlerweile begeisterte die Alte Musik zwar noch nicht die Massen, aber die Harnoncourts, Leonhardts und Clemencics schürten das Bewusstsein, dass die Musikgeschichte bereits vor Joseph Haydn begonnen hatte.

 

04. Oktober 2022

Aus der Schatzkammer
„Das Konservatorium zwischen Gründerzeit und Fin de Siècle“

Annette Seiler | Klavier
Maria Kubizek | Violine 
Stefan Zenkl | Bass
Johannes Promiczel | Moderation

Instrumente aus den Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Werke von 
Carl Czerny
Josef Gänsbacher
Johannes Brahms
Alexander Zemlinsky

Dienstag, 04. Oktober 2022, 19.30 Uhr

Bei den Archivkonzerten ging es freilich um Anderes. Man spielte zwar auch Altes, wichtiger war aber das Aufführen von Unbekanntem, Ungehörtem und dadurch geradezu Unerhörtem. Dabei konnte durchaus auch Musik aus dem 20. Jahrhundert erklingen. Kompositionen des Brahms-Freundes und Archivars der Gesellschaft der Musikfreunde Eusebius Mandyczewski waren etwa häufig zu hören.
Bemerkenswert ist, dass die Archivkonzerte nicht nur ein zusätzliches Angebot für das Musikvereinspublikum darstellten. Man versuchte auch, Spenden zu lukrieren, um etwa Musikinstrumente der Sammlungen der Musikfreunde zu restaurieren. Und während man sich anfangs auf die Aufführung von Raritäten aus dem Archiv beschränkte, so konnte man bald auch Musikinstrumenten aus den Sammlungen lauschen. Zwei Clarinetten d’amour und unsere Hammerklaviere gehörten zu den ersten gespielten Instrumenten, erinnert sich Otto Biba. Er steuerte auch die „Begleitenden Worte“ bei – auch hier anknüpfend an eine Tradition, denn bereits in den 1860ern wurden die „Historischen Concerte“ moderiert. Die Archivkonzerte pausierten nach einigen erfolgreichen Jahren und wurden 2003 erneut – und in neuer Form – unter dem Titel „Nun klingen sie wieder“ aufgenommen. Man organisierte dabei gleich mehrere Konzerte innerhalb weniger Wochen gleichsam als kleines Festival. 2019 sollte daraus ein Abonnement werden. Der Fokus lag nun vor allem auf den gespielten „historischen“ Instrumenten. Nicht ausschließlich handelte es sich dabei um Instrumente, die sich seit dem 19. Jahrhundert in den Sammlungen befanden, auch – häufig mit Mäzenatenhilfe finanzierte – Neuanschaffungen waren zu hören.

Ab der Saison 2022/23 wird der Zyklus „Nun klingen sie wieder“ unter dem Titel „Aus der Schatzkammer“ firmieren. Im Blickpunkt steht weniger das Zum-Klingen-Bringen von lang verstummten Instrumenten. Es geht vielmehr um die Schätze aus Archiv, Bibliothek und Sammlungen. Das schließt natürlich die historischen – wiedererklingenden – Instrumente des Hauses ein, aber auch die Notenschätze. Vielleicht ist es trotz renommierter Interpreten nicht ganz falsch, die Instrumente als Stars von „Aus der Schatzkammer“ zu bezeichnen. Wo hört man schon so exotische Instrumente wie Trumscheit, Physharmonika, Dulcitone oder Alphorn? Zudem verwendet man bei gängigen Alte-Musik-Konzerten zumeist nachgebaute Instrumente. Bei den Archivkonzerten des Musikvereins sind es allerdings historische Instrumente, mehr als 100 oder gar 200 Jahre alte Museumsobjekte, die wieder zum Klingen gebracht werden.

Ein weiterer Aspekt ist bei den Konzerten von „Nun klingen sie wieder“ und nun auch bei „Aus der Schatzkammer“ zu beachten – passend zum Musikverein Festival „A!“ in der vergangenen Saison: der Stimmton. Bereits beim Entwurf des Programms sind die unterschiedlichen Stimmtonhöhen der einzelnen Instrumente zu berücksichtigen. Einigermaßen unproblematisch ist es bei den Streichinstrumenten, ausgesprochen kompliziert ist die Kombination von Blas- und Tasteninstrumenten. Manche Instrumente würden klanglich und historisch gut zusammenpassen, sind allerdings durch die unterschiedliche Stimmtonhöhe inkompatibel. Neben den historischen Musikinstrumenten unterstützen auch die zur Aufführung gebrachten Kompositionen ein ungewohntes Hörerlebnis. Interessantes und zugleich Unbekanntes zu entdecken gibt es genug. Der Fokus liegt dabei – wenig überraschend – auf dem Notenarchiv der Gesellschaft. Das Erstellen eines Konzertprogramms erweist sich dabei für die Interpreten wie auch für den Archivar gleichermaßen spannend und arbeitsintensiv. Zumeist geht einem Konzert ein reger Mailverkehr voraus, in dem abgewogen wird, welches Stück infrage kommt und welches nicht. Und natürlich darf auch gleichsam „Klassisches“, vielleicht in ungewohnten Arrangements oder auf den historischen Instrumenten gespielt, nicht fehlen.

Die drei Konzerte der Saison 2022/23 zeigen gut die Bandbreite an Möglichkeiten, die der Zyklus „Aus der Schatzkammer“ bieten kann: Am 4. Oktober 2022 widmen wir uns dem Konservatorium zwischen Gründerzeit und Fin de Siècle. Das Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde war nicht nur eine prägende Musikausbildungsstätte des 19. Jahrhunderts, die die Möglichkeit einer umfassenden musikalischen Ausbildung für angehende Virtuosen wie auch für die Kinder der bürgerlichen Wiener Gesellschaft gab. Es war auch eines der drei Ziele bei der Gründung 1812 der Gesellschaft der Musikfreunde (neben der Konzertveranstaltung und der Einrichtung eines Archivs). Das Werk der prominentesten Studierenden Alexander Zemlinsky, Gustav Mahler und Hugo Wolf ist hinlänglich bekannt. Und auch Kompositionen des prominentesten Lehrers Anton Bruckner erklingen immer wieder im Musikverein. Aber haben Sie schon Lieder von Josef Gänsbacher gehört? – Wenn ja, dann wohl noch nicht in Begleitung eines unserer beiden historischen Bösendorfer-Flügel.

Am 1. Dezember 2022 steht der frühbarocke Pottendorfer Komponist Andreas Rauch (1592–1656) im Mittelpunkt. Er war unter anderem Organist an der protestantischen Kirche in Hernals. Von ihm blieben einige Drucke im Musikverein erhalten. Und auch von Heinrich Schütz, Claudio Monteverdi und Girolamo Frescobaldi, deren Musik das Konzert abrunden. Was es mit der frühbarocken norddeutschen Drucksammlung des Archivs auf sich hat, wird wohl im Rahmen der Moderation erzählt werden. Die Krankheits-, Trauer- und Erinnerungsmusiken für Ludwig van Beethoven sowie von ihm studierte „Alte Musik“ stehen auf dem Programm des letzten Konzerts am 27. März 2023. Werke dazu gibt es genug, Beethoven wurde ja bekanntlich – da einmal offensichtlich nicht ausreichte – gleich dreimal begraben. Einmal nach seinem Tod, das zweite Mal im Rahmen der Exhumierung, um seinen Schädel zu vermessen, und das dritte Mal bei der Überführung vom Währinger Friedhof auf den Zentralfriedhof. Stets gestaltete die Gesellschaft der Musikfreunde die Feierlichkeiten mit. Neben dem Gesangsensemble mit Robert Holl zeichnen u. a. vier historische Barockposaunen, eine Biedermeiergitarre und ein Hammerflügel für die würdevolle Erinnerung verantwortlich. Ergänzt werden die drei Konzerte durch einen Vortrag am 4. März 2023 zum Thema Krankheit und Gesundheit von Komponistinnen und Komponisten. Hier wird etwa zu erfahren sein, warum Süßwein die Gesundheit besonders schädigte, welche Krankheit Schumann und Vivaldi verband und wer einer Operation eine ganze Komposition widmete.
Interessantes und zugleich Unbekanntes zu entdecken gibt es jedenfalls genug. Noch immer.

Johannes Prominczel
Mag. Dr. Johannes Prominczel ist Direktor von Archiv, Bibliothek und Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Monatsmagazin Musikfreunde September / Oktober 2022

Es ist alles eine Frage der Balance, erst recht in der Kunst. Und je höher oder auch tiefer es geht im Streben ums Bestmögliche, umso größer wird die Herausforderung. Christian Thielemann, dem wir in der Saison 2022/23 einen eigenen Zyklus widmen, erzählt davon im Exklusivinterview für diese Ausgabe: „Das Leise – oder besser das Differenzierte: Mit dem Streben danach verbringt man am Pult sein halbes Leben.“ Das erste Konzert unseres Thielemann-Zyklus ist zugleich der Saisonauftakt: glanzvoller Start eines enorm reichen, vielfältigen Konzertjahrs, geprägt von künstlerischer Exzellenz. Beethoven, Bruckner, Strauss und Mahler sind die Komponisten im Thielemann-Zyklus – besonders gespannt darf man dabei auf Thielemanns Mahler-Interpretation sein. Denn gerade hier, erläutert Thielemann, hat er sich lange Zeit gelassen, um seinen Weg zur Balance zu finden: darauf zu achten, nicht zu viel „machen“ zu wollen und der Musik den Raum zu geben, der ihr ohnehin schon eingeschrieben ist.