Seelenverwandt 

Jewgenij Kissin und Sergej Rachmaninow

In Jewgenij Kissins musikalschem Olymp nimmt Sergej Rachmaninow einen unbestritten hohen Rang ein. In persönlichen Gesprächen und offiziellen Statements tritt immer wieder hervor, welche Nähe der Pianist zu diesem Komponisten empfindet. In den Porträtkonzerten, die Kissin in der Saison 2022/23 im Musikverein gestaltet, stellt er ihn in den Mittelpunkt: gleichzeitig eine Hommage zum 150. Geburtstag von Sergej Wasiljewitsch Rachmaninow.

Den Auftakt der Porträtreihe bildet ein Orchesterkonzert im November: Mit den Wiener Philharmonikern unter Jakub Hřůsa spielt Jewgenij Kissin das Dritte Klavierkonzert des Jubilars. Kissin hat es vor vielen Jahren schon eingespielt. Wie empfindet er persönlich diese Komposition? Der Pianist antwortet mit zwei Zitaten: „Rachmaninow selbst sagte Folgendes: ‚Ich bin ein russischer Komponist, meine Musik ist eine Frucht meines Charakters, deshalb ist sie russische Musik.‘“ Und noch ein Zitat zieht Kissin heran: „Als Puschkin Gogols ‚Tote Seelen‘ las, rief er aus: ‚Mein Gott, wie traurig ist Russland!‘ – Das ist genau das, was ich in Rachmaninows Musik generell und im Dritten Klavierkonzert insbesondere empfinde.“

Jewgenij Kissin
© Johann Sebastian Hänel Deutsche Grammophon

Jewgenij Kissin 

29. November 2022

Wiener Philharmoniker
Jakub Hrůša | Dirigent
Jewgenij Kissin | Klavier

Sergej Wassiljewitsch Rachmaninow
Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll, op. 30
Witold Lutosławski
Konzert für Orchester

Dienstag, 29. November 2022, 19.30 Uhr

Blättert man in Sergej Wasiljewitschs „Erinnerungen“, aufgezeichnet in den frühen 1930er Jahren von dem Baltendeutschen Oscar von Riesemann (1880–1934), einem mit ihm befreundeten Musikwissenschaftler und Dirigenten, stößt man auf eine interessante Episode zum Dritten Klavierkonzert, eigens für Rachmaninows erste Amerika-Tournee 1909/10 komponiert. Die Uraufführung fand in New York unter Walter Damrosch statt, doch die zweite Aufführung leitete Gustav Mahler. Rachmaninow verehrte ihn glühend, auch wegen dessen akribischer Probenarbeit, selbst beim Orchesterpart von Solokonzerten. Auf der ersten Probe klopfte Mahler plötzlich ab: Die Bogenstrich-Angaben in den Noten missfielen ihm. Er demonstrierte dem Konzertmeister, wie er es anders haben wollte. Der versuchte es, dann legte er sein Instrument weg und sagte, so gehe das nicht. Die anderen Streicher nickten. „Dann spielen Sie halt wie notiert!“, meinte Mahler ungehalten. Zurück in Moskau, ließ dem Komponisten diese Episode keine Ruhe. Er fragte den Konzertmeister der Moskauer Philharmoniker um dessen Meinung: Dieser gab den New Yorker Kollegen recht …

Einen Rachmaninow-Akzent setzt Jewgenij Kissin auch in seinem Konzert mit Reneé Fleming. Das mit Spannung erwartete erste Gemeinschaftsprojekt der beiden Koryphäen hätte schon 2020 stattfinden sollen, musste aber wegen des Lockdowns ausfallen. Nun kann es endlich stattfinden: im Musikverein am 12. Jänner 2023 als zweites Porträtkonzert, bei dem Kissin nicht nur als Liedpianist an der Seite von Renée Fleming zu erleben ist, sondern auch mit Solistischem: einmal von Franz Liszt, dann von Sergej Rachmaninow. Entschieden hat er sich hier für eine Auswahl aus den „Morceaux de Fantaisie“, op. 3, aus dem Jahr 1892, dem Jahr, in dem Rachmaninow mit höchsten Auszeichnungen sein Kompositionsdiplom am Moskauer Konservatorium erwarb. „Melodie ist Musik, die Grundlage der Musik als Ganzes, da eine vollkommene Melodie ihre eigene harmonische Gestaltung in sich schließt und hervorbringt.“ Diesem Credo folgend schrieb Rachmaninow eine Fülle faszinierender Lieder – Jewgenij Kissin und Renée Fleming stellen ihre Auswahl aus diesem reichen Œuvre neben Lieder von Schubert, Liszt und Duparc.

In seinem dritten Porträtkonzert, einem Soloabend am 3. März 2023, wird Kissin die vom Komponisten selbst verfasste Klavierversion eines weiteren berühmten Lieds aus seiner Feder spielen: „Siren“ (Flieder). Diese zarte lyrische Romanze gilt als eines der Highlights des Opus 21. Einen Wien-Bezug hat dieser Zyklus übrigens auch. Rachmaninow brauchte dringend Geld für seine bevorstehende Hochzeit mit seiner Cousine Natalya Satina und die anschließende Hochzeitsreise. Also komponierte er eiligst diese zwölf Romanzen op. 21. Gleich nach der Trauung am 29. April 1902 reiste das Paar nach Wien und blieb dort einige Tage, bevor es weiter nach Italien ging.

Rachmaninow war schon in jungen Jahren in seiner Heimat ein Star, vor allem vom Moskauer Publikum wegen seines virtuosen Klavierspiels vergöttert. Als Komponist stieß er in den Medien nicht immer auf ungeteilte Zustimmung. Manchen erschien er zu konservativ im Vergleich zu Alexander Skrjabin, seinem Studienkollegen, den Rachmaninow jedoch hoch schätzte, obwohl er dessen „Farbklänge“, nämlich Töne, die einer bestimmten Farbe zuzuordnen seien, nicht verstand. Als öffentlich vielbeachtete Persönlichkeit bekleidete er immer wieder hohe Ämter: So war er einige Jahre Chefdirigent am Moskauer Bolschoi Theater und Vizepräsident der Kaiserlichen Russischen Musikalischen Gesellschaft, wo ihm die Aufsicht über sämtliche Musikschulen und Konservatorien des Reiches oblag, eine Aufgabe, die er sehr ernst nahm. Auf vielen Reisen machte er sich persönlich ein Bild über die Lage vor Ort. In Kiew, der damals zweitgrößten Stadt des Zarenreiches, fand er nur Musikschulniveau vor. So war er es, der hier die Gründung eines Konservatoriums veranlasste. All dies hinderte Rachmaninow nicht daran, weiter fleißig zu komponieren. Die Jahre bis zur Flucht 1917 vor den Bolschewiken waren seine produktivsten. In diese Periode fallen auch die „Études-tableaux“, op. 33, die Jewgenij Kissin in seinem Solorecital im März 2023 spielen wird.

Sergej Wasiljewitsch hatte das Verlassen der Heimat bis in den Winter 1917 hinausgezögert. Erst als es für ihn und seine Familie schon zu gefährlich wurde und er außerdem so gut wie mittellos war, packte er die Koffer. Am St. Petersburger Bahnhof wurde er von seinem engen Freund, dem berühmten Bass Fjodor Schaljapin, verabschiedet. Als kleine „Wegzehrung“ brachte er Kaviar und selbstgebackenes Brot mit. Nach Russland kehrte Sergej Wasiljewitsch nie mehr zurück. Den Menschen dort fühlte er sich jedoch sein Leben lang verbunden. Im Zweiten Weltkrieg spendete er sogar Konzerterträge aus den USA für verletzte Soldaten der Roten Armee.

Häufig ist zu lesen, dass Rachmaninow nach dem Verlust der Heimat nur mehr wenig komponierte, weil er seine wichtigste Inspirationsquelle verloren habe. Dies stimmt nur teilweise, denn prägend für sein neues Leben in der Neuen Welt waren konkrete Zwänge: Rachmaninow musste sich und seine Familie erhalten, und dies schaffte er nur durch viele Konzertauftritte als gefeierter Pianist, als der er auch im Ausland längst bekannt war. Als Komponist hätte er sich zur damaligen Zeit, in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit ihren neuen Strömungen, nicht so leicht durchsetzen können. Auch sein Repertoire als Dirigent war überschaubar.

Wichtig waren für Rachmaninow aber die zahlreichen Tonaufnahmen, die er während seiner Jahre in den USA machte, hauptsächlich als Pianist eigener und fremder Werke, seltener auch als Dirigent. Vom Dritten Klavierkonzert gibt es ebenfalls eine Aufnahme mit dem Komponisten am Klavier. Jewgenij Kissin kennt diese – genauso wie alle anderen Original-Rachmaninow-Aufnahmen. Selbst aus der „Konserve“ empfindet er Rachmaninows Spiel sehr unmittelbar und höchst emotional. Verwandte Seelen berühren einander da – und die Liebe, die Kissin für Rachmaninows Musik empfindet, wird bekräftigt. Auf das Warum hat er eine scheinbar recht einfache Antwort: „Wenn du erklären kannst, warum du etwas (oder jemanden) liebst, dann ist das nicht Liebe, sondern etwas anderes!“

Edith Jachimowicz
Dr. Edith Jachimowicz, die jahrelang auch in Moskau tätig war, lebt als Musikpublizistin und -dramaturgin in Wien und Salzburg.

Monatsmagazin Musikfreunde November 2022

Offene Räume erwarten Sie, wenn Sie in den Musikverein kommen – und das ganz besonders am 6. November, wenn das „Claudio Abbado Konzert“, Herzstück des Festivals Wien Modern, auch programmatisch mit offenen Räumen beginnt: mit „Open Spaces II“, einem Werk von Georg Friedrich Haas. Die offenen Räume sind hier ganz wörtlich zu verstehen. Das Konzert beginnt im Foyer und in der ehemaligen Kutscheneinfahrt des Musikvereinsgebäudes und lädt dazu ein, sich erst einmal frei im Haus durch „transparente Klangräume“ zu bewegen, bevor dann im Großen Musikvereinssaal das nächste Werk gespielt wird: ein Stück von Mark Andre, der in dieser Saison als „Komponist im Fokus“ eine zentrale Rolle im Programm des Musikvereins spielen wird.

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