Die nächste Generation

Zum Beispiel: Elim Chan und Víkingur Ólafsson

Sie sind jung, haben sich in der Musikwelt aber bereits bestens etabliert. Und sie machen vieles anders als die Älteren. Elim Chan, Porträtkünstlerin im Musikverein 2022/23, gehört ebenso dazu wie der Pianist Víkingur Ólafsson, den sich die Dirigentin als Solist für das zweite ihrer Porträtkonzerte gewünscht hat. Was zeichnet sie aus, die Neuen? Eine Bestandsaufnahme von Margot Weber. Im Blick auch: weitere Klassik-Stars aus dieser Generation, die im Musikverein stark vertreten ist.

Dass Dirigenten vor der Pandemie ihre Auftritte in aller Welt nicht ohne Flugreisen geschafft hätten – geschenkt. Dass Dirigenten der älteren Generation oftmals zwei oder noch mehr Posten gleichzeitig bekleidet hatten, von denen sich mindestens einer in Europa und ein anderer in Nordamerika befand, verstand sich fast von selbst. Doch Corona hat auch in den Köpfen vieler Musiker Raum freigesetzt für neue Gedanken. Insbesondere bei den Jüngeren. Das Gefühl der Unbesiegbarkeit ist Vergangenheit, und die Unbeschwertheit im Umgang mit den nicht nachwachsenden Ressourcen unseres Planeten ist es auch. „Meine Einstellung zum Leben, zur Umwelt hat sich  verändert“, sagt beispielsweise der Klarinettist Andreas Ottensamer. „Kurz vor Ausbruch der Pandemie hatte ich innerhalb einer Woche auf drei Kontinenten gastiert. Heute würde ich sagen: So etwas ist unnötig. Das kann man auch nachhaltiger organisieren.“ 2019 schrieb die deutsche „BZ“, die längste Zeit, die der 33-Jährige in den vergangenen Jahren an einem Ort verbracht habe, seien zwölf Tage gewesen. Dieses atemlose Leben soll dem­-nächst der Vergangenheit angehören, das hat er fest vor. Aber wie könnte die Lösung aussehen? Die Antwort kommt ohne zu zögern: Verbindungen intensivieren, länger an einem Ort bleiben, mehrere Konzerte in einer Region geben.

Elim Chan
© Rahi Rezvani

Elim Chan 

5. und 6. November 2022

Wiener Symphoniker
Elim Chan | Dirigentin
Víkingur Ólafsson | Klavier

Thomas Adès
Three Studies after Couperin
Maurice Ravel
Klavierkonzert G-Dur
Arvo Pärt
Cantus in Memory of Benjamin Britten
Edward Elgar
Enigma-Variationen, op. 36

Anschließend (6.11.): Nachklang mit Elim Chan

Samstag, 05. November 2022, 19.30 Uhr

Sonntag, 06. November 2022, 19.30 Uhr

Mit dieser Haltung ist er nicht allein. Der Künstler, der den Umweltschutz bereits jetzt besonders konsequent umsetzt, ist der Pianist Igor Levit. Dass er Mitglied der Grünen ist, daraus macht er kein Geheimnis. Mit Luisa Neubauer, einer prominenten deutschen Aktivistin von „Fridays for Future“, ist er befreundet. Zu manchen Auftritten – Levit lebt in Berlin – fährt er entweder mit dem Rad oder wählt eine Kombination aus Rad und Bahn. Was der 35-Jährige dann auch mal bei Instagram postet, wo ihm rund 73.000 Menschen folgen. Bei Twitter sind es sogar 182.000, doch dort meldet er sich inzwischen nur noch sporadisch.

Von Facebook als der in seinen Augen schlimmsten Plattform hat er sich vor einigen Jahren wohlüberlegt zurückgezogen. Gleichwohl schlägt ihm bis heute viel Hass entgegen. Aufgrund seines Engagements für Flüchtlinge und Menschenrechte, gegen Antisemitismus und Gewalt. Als er vor zwei Jahren in Berlin das Bundesverdienstkreuz bekam, rühmte ihn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Laudatio, bei ihm seien „künstlerisches Wirken, gesellschaftspolitisches Engagement und Solidarität mit anderen untrennbar miteinander verbunden“.

Politische Äußerungen von Musikern waren früher seltener zu vernehmen – und wenn, dann stets wohlabgewogen. Spontan, gar provokant war damals gar nichts. Aber das war vor der Erfindung der sozialen Medien. Künstler der „nächsten Generation“ brauchen die traditionellen Medien – Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen, Radio – kaum mehr, um sich Gehör zu verschaffen. Anders als bis vor fünfzehn Jahren kann ein Künstler heute direkt mit der Öffentlichkeit kommunizieren. Levit nutzt dafür seit einigen Jahren vornehmlich Twitter, der Dirigent Lorenzo Viotti, wie Levit 2022/23 Porträtkünstler des Musikvereins, hat sich für das fotoaffine Instagram entschieden. Denn für die meisten Musiker seiner Generation ist es längst nicht mehr die Frage, ob sie sich in den sozialen Medien äußern, sondern nur noch, wo. Mehr als 100.000 Menschen folgen Viotti dort, liken seine Bilder und lassen Kommentare, Emojis und Herzchen da.
Dafür postet der 32-Jährige mal ein Foto eines selbstgemachten Tomaten-Mozzarella-Salats, aber auch mal ein Selfie auf dem Badehandtuch. Manchmal zeigt er sich auch beim Sport: Tennis, Fallschirmspringen, Mountainbiken. Er nutzt die neuen Medien – inhaltlich – anders als Igor Levit, aber trotzdem prinzipiell ähnlich: Beide wollen das Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihnen machen soll, nicht nur selbst gestalten, sondern auch selber steuern. Für Viotti, so erklärt er selbst, sei Instagram ein Instrument, um die Leute nah an seine Kunst heranzubringen: „Um zu zeigen: Klassische Musik ist nicht nur etwas für ältere Menschen, sondern genauso für die jungen.“ Die einzige Möglichkeit, die nächste Generation zu erreichen, sei, sie abzuholen. Und das logischerweise dort, wo sie sich am liebsten aufhält: im Internet. Also begibt er sich zu ihnen und kommuniziert auf Augenhöhe. Denn was er ihnen zeigt, ist: Ich bin einer von euch.

Das hat auch Elim Chan verstanden. Die 36-jährige Dirigentin ist ebenfalls auf Instagram aktiv. Sie hat für sich sogar einen eigenen Hashtag erfunden: #elimtravels. Elims Reisen. Sie ist vor und hinter den Konzertpodien zu sehen, mit Kollegen, mit Blumen, beim Umtrunk, aber auch mal im Helikopter oder vor dem eigenen Billboard-Poster in Los Angeles. Eine fröhliche junge Frau, die hart arbeitet, aber auch den Erfolg und das Leben feiern kann. Und die, wie ihr Kollege Viotti, dafür gerühmt wird, Musiker wie Konzertbesucher durch ihre Freundlichkeit und Präsenz motivieren und mitreißen zu können.
Auch sie hat keine Furcht, sich gesellschaftspolitisch zu äußern und damit – womöglich – manche Zuhörer zu irritieren. Denn auch sie denkt, wie Levit, dass Musik politisch ist. Elim Chan ist sich sehr bewusst, zu einer neuen Generation zu gehören. Zu einer, die sich nichts weniger auf die Fahnen geschrieben hat, als die Welt verändern zu wollen. „Und damit meine ich nicht nur die Welt der klassischen Musik“, sagt sie. Der Wandel sei nötig. Dass er auch am Dirigentenpult geschehen muss, hält sie für selbstverständlich: „In den vergangenen sieben Jahren haben wir eine Explosion des Feminismus am Pult miterleben können. Das ist großartig. Die Frage ist aber natürlich: Wie kann es jetzt weitergehen? Was müssen wir jetzt tun?“

Stets nach neuen Wegen sucht auch Víkingur Ólafsson. Die neueste Veröffentlichung des Pianisten aus Reykjavík, „From Afar“, ist nicht nur eine Hommage an den ungarischen Komponisten György Kurtág, sondern enthält auch die Weltersteinspielung von Thomas Adès’ „The Branch“. Die Netz-Videos des 38-Jährigen sind weltweit inzwischen 400 Millionen Mal gestreamt worden – eine phänomenale Zahl. Die Elim Chan nicht wundert, denn für sie ist er einer der besten Botschafter klassischer Musik in ihrer Generation: „Er erreicht auch Menschen, die ihr sonst reserviert gegenüberstehen.“ Warum das so ist, lässt sich in drei Worte fassen: Eigenwilligkeit, Innovationskraft, Authentizität. Denn Ólafssons unbedingter Einsatz für zeitgenössische Musik war noch vor einer Generation nicht unbedingt ein Erfolg versprechendes Modell. Doch er trifft den Nerv der Zeit. In Island hat er bereits zwei TV-Sendungen über klassische Musik ins Leben gerufen. Diese Generation ist angetreten, mit ihren Mitteln einer alten Kunstgattung neues Leben einzuhauchen. Und das kann nur gut sein so.

Margot Weber
Margot Weber lebt als Journalistin in München.

Monatsmagazin Musikfreunde November 2022

Offene Räume erwarten Sie, wenn Sie in den Musikverein kommen – und das ganz besonders am 6. November, wenn das „Claudio Abbado Konzert“, Herzstück des Festivals Wien Modern, auch programmatisch mit offenen Räumen beginnt: mit „Open Spaces II“, einem Werk von Georg Friedrich Haas. Die offenen Räume sind hier ganz wörtlich zu verstehen. Das Konzert beginnt im Foyer und in der ehemaligen Kutscheneinfahrt des Musikvereinsgebäudes und lädt dazu ein, sich erst einmal frei im Haus durch „transparente Klangräume“ zu bewegen, bevor dann im Großen Musikvereinssaal das nächste Werk gespielt wird: ein Stück von Mark Andre, der in dieser Saison als „Komponist im Fokus“ eine zentrale Rolle im Programm des Musikvereins spielen wird.

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