Die Flieders

Vater und Sohn beim Ensemble Wien

Die Flieders. In der Musikstadt Wien hat der Plural seit Jahrzehnten einen starken strahlenden Klang. Die Flieders, das waren Klara, Johannes und Raphael Flieder als Streichtrio, eine Formation, mit der drei Geschwister schon in Jugendjahren große Erfolge feierten. Die Flieders, das sind heute auch feine Vater-Sohn-Geschichten, denn es geht, en famille, wunderbar weiter. Raphael, Stimmführer in der Cellogruppe der Wiener Philharmoniker, gastiert mit Maximilian, einem jungen Meisterpianisten, beim Ensemble Wien.

Wiens Musikgeschichte ist immer auch und bis heute: eine Familiengeschichte. „Maximilian Flieder“, so lautet der erste Satz in der offiziellen Programmheftbiographie des jungen Pianisten, „stammt aus einer Wiener Musikerfamilie …“ Aber was heißt das wirklich? Wie fühlt es sich an, aus einer Wiener Musikerfamilie zu stammen? „Das Musikmachen bei uns zu Hause“, so Maximilians spontane Antwort, „ist die früheste und stärkste Kindheitserinnerung, die ich habe. Ich sehe mich als Kleinkind und höre dazu meinen Vater Cello üben, das Haydn-D-Dur-Konzert, das Dvořák-Konzert – es gibt nichts, was so sehr meine Kindheit wachruft wie diese Stücke, bis heute. Und so war die Musik und das Musizieren etwas ganz Selbstverständliches. Die Frage war dann auch nicht, ob man ein Instrument spielt. Sondern nur: welches und wann man anfängt.“

Maximilian Flieder
© unbezeichnet

Maximilian Flieder 

16. November 2022

Ensemble Wien
Raphael Flieder | Violoncello
Maximilian Flieder | Klavier

Ferdinand Ries
Grand Sextuor C-Dur, op. 100
Gioacchino Rossini 
Sonata a quattro Nr. 3 C-Dur
Franz Schubert
„Forellenquintett“ A-Dur, D 667

Mittwoch, 16. November 2022, 18.30 Uhr

Maximilian Flieder begann im Alter von fünf Jahren Klavier zu lernen und war mit neun schon so weit, dass er an die Wiener Musikuniversität aufgenommen wurde. Cello lernte er als weiteres Instrument, aber am Klavier fühlte er sich sofort zu Hause. Auch das kam nicht von ungefähr, denn zu dieser Wiener Familiengeschichte gehört auch das Pianistische – und das ganz exzellent. Die Mutter setzte am Klavier das Erbe ihres Vaters fort. Und der, Maximilians Großvater Hermann Schwertmann, war nicht nur Klavierprofessor an der Musikakademie, sondern auch ein weithin bekannter Solist, der mit den Virtuosenkonzerten von Grieg und Tschaikowskij auch im Großen Musikvereinssaal zu Hause war. Also: das Klavier! Gab es den sprichwörtlichen Plan B? Sicherlich: Ein vielbegabter junger Mensch kann sich so manches vorstellen – bei Maximilian zeigte sich ein Faible für Architektur, und auch als Jurist hätte er wohl gute Figur gemacht. Aber an der Musikuniversität, mit seinem Instrument, war ihm sehr bald klar: „Entweder man macht’s ,all in‘ – oder man lässt’s bleiben.“ Jetzt unterrichtet er selbst an dieser Kaderschmiede: als Assistent am Institut für Konzertfach Klavier.

Wie der Sohn, so der Vater. Auch Raphael Flieder wurde in eine Musikerfamilie hineingeboren. Beide Eltern waren Musikpädagogen, von den drei älteren Geschwistern hatten zwei schon vielversprechend zur Geige gegriffen, als man dem Jüngsten das Cello nahelegte. Es passte perfekt. Noch bevor er die Matura ablegte, hatte Raphael Flieder schon die Reife- und Diplomprüfung an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien bestanden und den Dritten Preis beim Internationalen Wettbewerb in Genf gewonnen. Das musikalisch Familiäre wurde intensiv gelebt: im Trio mit den musizierenden Geschwistern. Raphael war gerade einmal zwölf, als es den ersten Auftritt des Flieder-Trios im Musikverein gab. Der Erfolg strahlte weit über die Stadt hinaus, aber klar war auch, dass bei aller geschwisterlichen Eintracht ein jeder seine Position finden musste. Johannes, Preisträger des ARD-Wettbewerbs, fand sie schon mit 21 als Solobratschist der Wiener Symphoniker und blieb dort sagenhafte 41 Jahre, Klara übernahm eine Professur am Mozarteum Salzburg, Raphael wurde mit 23 Solocellist beim Tonkünstler-Orchester Niederösterreich und wechselte 1990 zu den Wiener Philharmonikern. Das legendäre Flieder-Trio ließ sich so nicht länger aufrechterhalten. Aber geblieben ist, selbstverständlich, die Liebe zur Kammermusik. Bei den Wiener Philharmonikern fungiert Raphael Flieder nebenbei als Kammermusikbeauftragter.

Überzeugungsarbeit muss er dabei nicht leisten, denn die Philharmoniker sind bekanntlich ein durch und durch Kammermusik-affines Orchester. Im Musikverein kann man das hautnah erleben – vor allem im Abonnement-zyklus „Ensembles der Wiener Philharmoniker“, der jetzt ins zweite Jahr startet, und im Traditionszyklus „Freude an Musik“, der seit der Saison 1988/89 vom Ensemble Wien bestritten wird. Vier Philharmonikerkollegen finden sich hier zusammen: die Geiger Daniel Froschauer und Raimund Lissy, der Bratschist Michael Strasser und der Kontrabassist Michael Bladerer. Und wer jetzt noch weiter ergründen will, wie Ensemblegeist und individuelle Verantwortung bei den Wiener Philharmonikern zusammenspielen, darf sich klarmachen, was drei aus diesem Quartett so „nebenbei“ fürs große Ganze tun. Sie sind Vorstand (Daniel Froschauer), Geschäftsführer (Michael Bladerer) und Archivar (Raimund Lissy) des weltberühmten Orchesters …

Mit Daniel Froschauer haben die Flieders, Raphael und Maximilian, oft und oft auch Klaviertrio gespielt. Und das Klaviertrio ist auch bei den Flieders daheim ein Thema, denn Maximilians älterer Bruder, Clemens, ist professioneller Geiger und hat als solcher auch schon im Ensemble Wien mitgewirkt. Täuscht der Eindruck, dass solche musikalischen Familiengeschichten prägend sind für die Identität der Wiener Philharmoniker? „Ich habe schon den Eindruck“, antwortet Raphael Flieder, „dass das Wesen der Familientraditionen und Musikerdynastien für Wien sehr typisch ist und auch insofern für mein Orchester – ich kann aber natürlich nicht statistisch belegen, ob es sich in anderen vergleichbaren Orchestern ähnlich verhält. Aber dass es in Wien ein wichtiges Element der Orchestertradition ist, scheint klar.“ Ja, das Wienerische! Wer könnte der Verlockung widerstehen, mit diesen beiden Wiener Musikern über das Wienerische in ihrer Kunst zu philosophieren und zu spekulieren? „Ein weites Feld“, sagt Maximilian da gleich einmal, um dann doch eine faszinierende Sicht auf dieses Feld zu wagen. „Das kann man wohl schon sagen, dass die Wiener Musik viel mit Rhetorik und mit Sprache zu tun hat, mit Sprachmelodie und Artikulation.“ „Und insofern“, ergänzt Raphael Flieder ganz unmittelbar, „ist es vielleicht auch kein Zufall, dass das berühmteste Wiener Orchester aus einem Opernorchester hervorgeht. Einem Orchester, das von der Sprache kommt. Als Staatsopernorchester spielen wir mit den Sängern.“

Maximilian Flieder, der an der Musikuniversität auch Liedgestaltung unterrichtet, denkt bei der Sprachmusik des Wienerischen vor allem an einen Komponisten: an Franz Schubert. Bei Schubert, so seine spannende These, zeige sich am deutlichsten, was die Wiener Musikkultur eigentlich ausmache. „Ich spiele ja oft auch mit Kolleginnen und Kollegen zusammen, die von woanders herkommen. Und es ist schon bemerkenswert: Bei Mozart oder Beethoven kommt man durchaus auch sachlich voran, um ein Einverständnis zu erzielen, aber bei Schubert …“ Das Wienerische – es ist so unwägbar wir kostbar. Man muss es spüren, man muss es aufnehmen. Und so versteht sich, dass die Wiener Philharmoniker, wie Raphael Flieder es beschreibt, „schon Wert darauf legen, dass junge Leute, die zu uns ins Orchester kommen, die Wiener Orchestertradition in gewisser Weise wahrgenommen haben.“ Aber, und auch das machen die Flieders im Gespräch klar: Es wäre völlig verkehrt, das „Wienerische“ absolut setzen und exklusiv behandeln zu wollen. Die Wiener Musikkultur lebt und gedeiht im Austausch mit den Sprachen anderer Orte und Sphären, und diesen Dialog haben die beiden auch ganz gezielt gesucht. Maximilian studierte zusätzlich in Hannover und München, und das bei Professoren aus Finnland. Raphael ging zum Meisterstudium nach Genf, zum weltberühmten Pierre Fournier. Warum? „Ich habe als Kind eine Platte ganz besonders geliebt, Pierre Fournier mit dem Haydn-D-Dur-Konzert, und ich fand: Keiner spielt so schön Cello wie er, es wäre ein Traum, so spielen zu können wie er …“ Eine weitere Station seiner Lehrjahre war dann Berlin. Raphael Flieder wurde in die Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker aufgenommen, die Herbert von Karajan 1972 als erste Einrichtung dieser Art in Deutschland gegründet hatte. Karajan, welcher Nimbus! Wie hat der Jungcellist aus Wien den großen Meister erlebt? „Ich war leider wohl noch zu unerfahren“, sagt Raphael Flieder, „um das Außergewöhnliche dieser Persönlichkeit damals voll wahrnehmen zu können. Aber es passiert mir heute immer wieder, dass ich an die Erfahrungen mit Karajan denke, wenn ich Werke spiele, die ich auch damals mit ihm spielen konnte.“

Das Wienerische im Dialog. Wenn man so will, kommt die beglückende Wechselwirkung auch im Programm zur Geltung, bei dem die Flieders nun mitwirken. Das erweiterte Ensemble Wien musiziert Schuberts „Forellenquintett“ und das Klaviersextett Opus 100 von Ferdinand Ries: also ein Herzstück des Wiener Musikrepertoires und das Werk eines Komponisten, der das Wienerische aus erster Hand gelernt hat. Ries, 1784 in Bonn geboren, wurde als 18-Jähriger Schüler Ludwig van Beethovens in Wien. Er leistete dem berühmten Lehrer als Sekretär wertvolle Dienste und machte ihm bald auch als Pianist alle Ehre: Qualitäten, die man übrigens auch in seinem brillanten Klaviersextett hört, das Ries Jahre später, inzwischen international erfolgreich, in England geschrieben hat. Auch von einer Vater-Sohn-Geschichte wäre hier zu berichten: Ferdinand Ries lernte bei Beethoven – der junge Beethoven aber war einstmals Schüler von Ferdinands Vater, dem kurkölnischen Musikdirektor Franz Anton Ries in Bonn. So fügt sich eins zum anderen und man sieht: Musikgeschichte ist immer auch Familiengeschichte. Nicht nur in Wien. Aber da ganz besonders.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und   Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Monatsmagazin Musikfreunde November 2022

Offene Räume erwarten Sie, wenn Sie in den Musikverein kommen – und das ganz besonders am 6. November, wenn das „Claudio Abbado Konzert“, Herzstück des Festivals Wien Modern, auch programmatisch mit offenen Räumen beginnt: mit „Open Spaces II“, einem Werk von Georg Friedrich Haas. Die offenen Räume sind hier ganz wörtlich zu verstehen. Das Konzert beginnt im Foyer und in der ehemaligen Kutscheneinfahrt des Musikvereinsgebäudes und lädt dazu ein, sich erst einmal frei im Haus durch „transparente Klangräume“ zu bewegen, bevor dann im Großen Musikvereinssaal das nächste Werk gespielt wird: ein Stück von Mark Andre, der in dieser Saison als „Komponist im Fokus“ eine zentrale Rolle im Programm des Musikvereins spielen wird.

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