„Seit ein Gespräch wir sind“

Ein Streichquartett, das mit uns spricht: das Quatuor Ébène

Der Kammermusik-Zyklus im Brahms-Saal startet fulminant mit dem Quatuor Ébène in die neue Saison. Georg-Albrecht Eckle porträtiert die außergewöhnliche französische Formation auf dem Grund eigener Hörerlebnisse.

„Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander“ – als sei Hölderlins Vers geradezu Motto des französischen Quatuor Ébène: So erschien es uns schon im Ersterlebnis dieser besonderen Künstler vor mehr als anderthalb Jahrzehnten (damals die Herren Pierre Colombet, Gabriel Le Magadure, Mathieu Herzog und Raphaël Merlin). Und das Motto hat sich bewahrheitet durch alle Jahre … Fürwahr: Das Quatuor Ébène spricht die Sprache der Musik auf faszinierend ungewohnte Weise. Nach ihrem Sieg beim ARD-Wettbewerb in München 2004 versahen die Ébènes die hohe Schule der traditionellen Quartettkunst mit irisierenden Farben. Dieses junge Quartett betrat schon die Bühne ganz anders: Aufreizend leger, kamen sie uns viel näher als andere Ensembles, sprengten Barrieren zwischen Macher und Hörer; wir fühlten uns im wahrsten Wortsinne „an-gesprochen“, und gerade junge Menschen verloren die Scheu vor dem doch sonst so erhabenen Genus Streichquartett.

Und doch bangte man für einen Moment, als Schumann auf dem Programm der Ébènes stand. Würde die Erwartung beim deutsch-romantischen Emotionalgewicht eingelöst werden oder elegant und klangschön verabschiedet? Und da passierte der Erdrutsch für den Hörer in seinen Gewohnheiten: Schumanns A-Dur-Quartett op. 41/3 kam auf uns zu wie kaum je zuvor, plötzlich eine andere, mit einem Lächeln zitierte Romantik, die den poetischen Inhalt dennoch wahrhaftig freisetzte. Und dieses Lächeln, das aus der Spannung von Ausdruck und Distanz erwächst, tat dieser unserer Romantik so gut in Gestalt jener Spur von Entfremdung, die man intellektuell nennen könnte. Schumann steht auch beim bevorstehenden Konzert im Brahms-Saal auf dem Programm. Und Haydn!

Denn: Die Ébènes sind nach dem Münchner Wettbewerb zunächst mit Haydn berühmt geworden, dessen Quartettkunst interpretativ oft genug von leicht akademischer Klassizität gezeichnet war. Das Quatuor Ébène hingegen setzt auf den Esprit der französischen Aufklärung im Sinne eines sprachlichen Floretts, das hier Musik wird; und das gelingt diesen Musikern, von Primarius Colombet meisterhaft geführt, in Satz und Gegensatz, ohne je an Innerlichkeit zu verlieren – unerlässlich etwa beim Sici-liana-Satz in Haydns f-Moll-Quartett aus op. 20, den die Ébènes vor der irrwitzigen Finalfuge geradezu überirdisch umzusetzen verstehen. Man könnte denken, es gehe um den Vollzug jener Weisheit, die Diderot übermittelt: „Musicae seminarium accentus“, womit gemeint ist: „Der Akzent ist die Pflanzstatt der Melodie.“ Diesem Phänomen Akzent verschreiben sich die Ébènes leidenschaftlich.

Wie konnten die vier jungen Männer, die sich beim Studium in Boulogne 1999 zusammenfanden und fünf Jahre das Metier erprobten, diese Qualität erreichen in derartig abgehobener Gattung? Natürlich, sie waren als Gemeinschaft exquisit trainiert vom Quatuor Ysaÿe, von Spezialisten wie Gábor Takács und dem gerühmten Mentor Eberhard Feltz –, und sie hatten zudem dann und wann das wunderbare Ohr eines György Kurtág. Vor allem aber vermittelten sie die Musik mit sich, und damit erreichten sie uns: Jede von ihnen gebotene Geste verlangte von uns innerlich Antwort im musikalischen Gedankenzug. Das Quatuor Ébène hebt seine Hörer aus ihrer Hörgewohnheit, weil es nicht dezidiert nur mit dem Ideal der Homogenität arbeitet, und so hatten wir unsere Klangvorstellung abzulösen von der Gravität früherer Branchenmatadore.

Quatuor Ebène
© Julien Mignot

Quatuor Ebène 

14. Oktober 2021 Quatuor

Quatuor Ébène

Joseph Haydn Streichquartett D-Dur, Hob. III:34
Leos Janáček Streichquartett Nr. 1, „Keutzer-Sonate“
Robert Schumann Streichquartett F-Dur, op. 41/2

Donnerstag, 14. Oktober 2021, 19.30 Uhr

Mit ihrem sinnlichen und doch spirituellen Zugriff verabschieden diese vier denn auch die Genres, überspringen explizit die branchenüblichen Kategorien und spielen immer diese ihre eine große Musik: als Jazz, Pop, Experimentelles, Entertainment – alles lassen sie zu und amalgamieren es mit ihrem klassischen Grundanspruch der Qualität, ihrer Wurzel. Köstlichkeiten entstanden da, zumeist live, und man kann sie in ihren Alben unter Titeln wie „Fiction“ oder „Brazil“ nacherleben, wo sie mit Stacey Kent Stings „Fragile“ spiritualisieren oder den Filmschlager „Over the Rainbow“ mit der an sich klassischen Sängerin Natalie Dessay zum Ereignis machen, indem sie sich dieser Stimme mit einem verzehrend schönen Quartettsatz anschmiegen. So etwas gab es kaum bislang in der Quartettgeschichte: Streichquartett als Stimmungskanone.

Und nun sind sie geradezu Marktführer geworden, haben ihr eigenes Festival und neuerdings eine Academy, sind medial total vertreten in Klang und Bild – alles, ohne ihre Figur an Trends anzupassen, sondern diese charmant mit neuem Akzent zu versehen. Auch klassisch öffnen sie sich aller kammermusikalischen Formation, feiern die Trio-Legende Menahem Pressler am Klavier, verbinden sich mit Solisten der heutigen Szene von besonderer Couleur, experimentieren gar mit Matthias Goerne am Schubert-Lied durch nobles Streicher-Arrangement der Klavierparts. Oder sie sekundieren, köstlich arrangierend, Philippe Jaroussky in französischer Lied-Poesie bei Verlaine--Gesängen von Debussy bis zum modernen Chanson unter dem Titel „Green“. Solche Grenzgänge sind in Aufnahmen festgehalten, auch optisch, zumindest als Abglanz: Denn man muss diese vier im Grunde live erleben. Ja, irgendwie personifizieren sie das, was der französische Philosoph Roland Barthes, der intensiv durch Musik hindurch dachte, den „Körper der Musik“ nennt: Diesen Körper lassen uns die Ébènes leibhaftig spüren.

Das Quatuor Ébène glänzt nämlich nicht zuletzt durch seine verschiedenen Persönlichkeiten, die ideal zusammenstimmen, und zwar in ihrer Eigenart. So hielt man zunächst den Atem an, als Mathieu Herzog, die Viola, ein hochexpressiver Musiker, zum Dirigenten wurde und sich aus der verschworenen Gemeinschaft löste. Seit 2017 ist das Quartett nun weiblich an der Bratsche geadelt durch Marie Chilemme – heißt: Der Dialog gewinnt, der Stil wird durch neue Aspekte bereichert. Stil ist eben kein Status, sondern Prozess. Und den repräsentiert diese neue Formation plastisch, wenn sie umfassend Beethoven huldigt in einem monumentalen Projekt zum Jubeljahr 2020: alle Quartette realisiert auf Tour „Around the world“ je als Live-Ereignis – gewiss die beste Darreichung dieses Ensembles mit seinem Prozessgeist als Live-Gesamt-Edition. Beethoven nähern sich die Ébènes zunächst von der sinnlichen Seite, nicht, wie vielfach üblich, pauschal dramatisch; sie nutzen aber wiederum den aufgeklärten Geist Haydns für das Dialektische der Beethoven’schen Gestik, die bei diesen Quartettisten mit ihrem Akzentbewusstsein vollkommen natürlich wirkt wie „parole“, um Saussures Begriff für die gesprochene Sprache zu benutzen, die endlich das System, die „langue“, prozessual verändern kann. Trotz Sprachlichkeit seines Stils wird vom Quatuor Ébène kaum je Beethovens andere Dimension, seine Musik der großen Stille in den versunkenen Phasen der späten Quartette gestört, vielmehr offenbart. Auch in diesen musikalisch „letzten Dingen“ bleiben die Ébènes mit uns Hörern im Gespräch. Sie bringen uns ihre Musik so nah, dass aus Werken geradezu Menschen werden, zutiefst vertraute – durchaus Beethovens Utopie.

Georg-Albrecht Eckle

Monatsmagazin Musikfreunde September / Oktober 2021

Frühlingserwachen mitten im Herbst. Etwas von dieser Stimmung wird sich zweifellos einstellen, wenn der Musikverein im Oktober „Die Jahreszeiten“ spielt. Haydns große Hommage an den Lauf der Zeiten beginnt bekanntlich mit einem überschwänglichen Gefühl der Erleichterung. Vorbei ist’s mit Starre, Lähmung, strenger Enge. Der Frühling, freudig herbeigesungen, lässt sich nicht mehr aufhalten.

Ja, und so ist es dann hoffentlich überhaupt im Herbst, wenn der Musikverein in seine neue Saison geht: Frühlingserwachen im September. Aufatmen und Aufblühen, ein Neu- und Wiederbeginn mit dem Gefühl großer Erleichterung. Hoffen wir darauf! Unser Programm ist jedenfalls ganz auf diese Stimmung ausgerichtet. Voll Optimismus starten wir mit einem vollen, vielfältigen Konzertkalender – und mit einer Saisoneröffnung, die ein ganzes Wochenende zum Fest der Musik macht.

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