Junge Wilde aus dem Konservatorium

Hans Rott, Gustav Mahler und Hugo Wolf

In seinem ersten Zykluskonzert der Saison führt das ORF RSO Wien in das Wien des späten 19. Jahrhunderts, einen Ort des brodelnden Aufbruchs. Zu den jungen Wilden dieser Zeit gehörten drei ehemalige Studierende des Konservatoriums der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien: Rott, Mahler und Wolf.

Wien 1868: Anton Bruckner übersiedelt nach Wien, in eine Stadt, die eben dabei ist, sich ein neues, weltstädtisches Flair zuzulegen. Die Wiener Ringstraße entsteht, 1869 wird das neue Opernhaus eröffnet, 1870 das neue Musikvereinsgebäude. Es wird abgerissen, aufgebaut, eingeweiht – aber in der Musikszene selbst ist noch nicht viel von Aufbrüchen zu spüren. In seiner „Geschichte des Concertwesens in Wien“ betitelt Eduard Hanslick die Epoche 1848–1868 als „Musikalische Renaissance“: Wenn wir davon ausgehen, dass Hanslick hier nicht bloß seine subjektive Einschätzung artikuliert, sondern ein allgemeines Empfinden mitformuliert, so wird eine gewisse Reserve der eigenen musikalischen Gegenwart gegenüber deutlich. Offensichtlich ist im Bewusstsein der Zeit die Ära der „großen Namen“ vorbei, nach denen noch Epochen zu benennen sind, man befindet sich, wie es scheint, in einer Zeit des Nachlebens, der Erinnerung, des Historismus und der musikalischen Wiederentdeckungen.

Weit gefehlt. Es kommt bald ganz anders, als manch resignierter Zeitgenosse vermutet. Das Wien des späten 19. Jahrhunderts entwickelt sich zum Schauplatz einer großen, faszinierenden Musikepoche, aufregend deshalb, weil zwei Lager, zwei „Musikanschauungen“ heftig um die Gunst des Publikums kämpfen: Die Partei der Konservativen, der „Klassizisten“ um Johannes Brahms, und die der „Fortschrittlichen“ um Richard Wagner, die in Wien begeistert auch für Anton Bruckner und seine monumentalen Symphonien eintreten. Keine Zeit des beschaulichen Historismus, der melancholischen Rückschau. In Wien gerät man in Auseinandersetzungen, erlebt man Musikgeschichte hautnah, muss man Farbe bekennen. Keine Frage, dass dies junge Menschen fasziniert, dass dies Talente anzieht. Und drei überaus talentierte junge Musiker, die zu dieser Zeit am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde studieren, werden sich – auf sehr unterschiedliche Weise – in der Musikwelt einen Namen machen: Hans Rott, Gustav Mahler und Hugo Wolf.

Das Konservatorium, die Stätte ihres gemeinsamen Studierens, ist zu dieser Zeit bereits zu einer gewichtigen Wiener Institution geworden; zurückgehend auf das Jahr 1812, in dem die Gründung der Gesellschaft der Musikfreunde erfolgt, die sich von Anfang an der Ausbildung junger Musiker annimmt, hat es sich im Laufe der Jahrzehnte einen hervorragenden Ruf erworben; der Streit der musikalischen Parteien darf sich innerhalb seiner Mauern allerdings nicht artikulieren. Hier unterrichten neben Anton Bruckner auch Brahms nahestehende Professoren wie Robert Fuchs, es geht um die Vermittlung gesicherter, gediegener Kenntnisse, nicht um „Zukunftsmusik“. Was die jungen Männer allerdings nicht daran hindert, „draußen“ mit größtem Engagement, mit überschäumender Begeisterung ihre eigenen Leitbilder zu suchen, und vor allem ein Name ist es, in dem sich ihre Hingabe bündelt: Richard Wagner. Sie bekennen sich zu Wagners Musikdrama, seiner revolutionären musikalischen Sprache. Und es ist keine zurückhaltende, dezente „Szene“, in der sie sich bewegen; ein Zeitgenosse nennt die jungen Wiener Wagnerianer eine „Clique tobsüchtiger Jünglinge in Samtröckerln mit Lavallière-Kravatten und langen Haaren“. Jugendliche Begeisterungsfähigkeit, nicht ohne Lust an der Provokation, sucht und findet ihre Sprache und ihren Habitus.

Marin Alsop
© Grant Leighton

Marin Alsop 

1. Oktober 2021

ORF RSO WienMarin Alsop | Dirigentin

Hans Rott
Ouvertüre zu „Julius Caesar“
Hugo Wolf
Penthesilea.  Symphonische Dichtung
Gustav Mahler
Titan.  Tondichtung in Symphonieform

Freitag, 01. Oktober 2021, 19.30 Uhr

Einer der Stilleren in diesen Kreisen ist zweifellos der 1858 geborene Hans Rott, ein Lieblingsschüler Anton Bruckners. Sein Name hat sich – im Vergleich mit Mahler und Wolf – der Nachwelt am wenigsten eingeprägt, denn ihn trifft ein tragisches Schicksal: Im Alter von nur sechsundzwanzig Jahren stirbt er in einer psychiatrischen Anstalt, in der er die letzten vier Jahre seines kurzen Lebens verbracht hat. Und dennoch ist in der Gegenwart das Interesse an ihm merkbar gestiegen: Seine E-Dur-Symphonie, wiederentdeckt und nun weltweit aufgeführt und eingespielt, zeigt ihn nicht nur als Jünger Wagners, sondern auch als „Vorahner“ der Symphonik Mahlers, und viele Jahre nach seinem Tod äußert sich Mahler zu seiner Vertrauten Natalie Bauer-Lechner in höchsten Tönen über seinen Jugendfreund: „Ja, er ist meinem Eigensten so verwandt, dass er und ich mir wie zwei Früchte von demselben Baum erscheinen, die derselbe Boden gezeugt, die gleiche Luft genährt hat. An ihm hätte ich unendlich viel haben können, und vielleicht hätten wir zwei zusammen den Inhalt dieser neuen Zeit, die für die Musik anbrach, einigermaßen erschöpft.“ Seine E-DurSymphonie und auch andere symphonische Talentproben wie die Ouvertüre zu „Julius Caesar“ hat Rott selbst nie in ihrer Orchestergestalt gehört; ein „reicher Besitz, aber noch viel schönere Hoffnungen“ – so Grillparzer über Schubert – wird mit ihm 1884 zu Grabe getragen.

Spannungsreicher gestaltet sich Mahlers Beziehung zum gleichaltrigen Hugo Wolf, der sich mit seinem scharfzüngigen, impulsiven Ton rundum Gegner schafft. Die schrankenlose Begeisterung für Wagner verbindet die zwei Studenten, wenn diese auch bei Mahler vorrangig dem Komponisten gilt, während Wolf Wagners Antisemitismus und dessen Brahms-Gegnerschaft leidenschaftlich übernimmt; im „Wiener Salonblatt“, für das er von 1884 bis 1887 Konzertkritiken schreibt, eröffnet er regelrechte Schimpfkanonaden auf Brahms, die dieser freilich bloß amüsiert zur Kenntnis nimmt. Gut möglich, dass solche Ausritte und auch der antijüdische Habitus Wolfs Mahler zunehmend auf die Nerven gehen – die Freundschaft versandet im Laufe der Jahre und wird auch nicht wieder aufgenommen, als Mahler 1897, nach Jahren intensiver Kapellmeistertätigkeit an zahlreichen europäischen Bühnen, nach Wien als neuer Hofoperndirektor zurückkehrt. Wolf erhofft sich von seinem Jugendfreund die Annahme seiner Oper „Der Corregidor“ für die Hofoper – Mahler lehnt ab. Verbittert zieht sich Wolf zurück, und bereits wenige Wochen später kommt es zum Ausbruch seiner Geisteskrankheit; kaum zufällig manifestiert sie sich am Namen des Freund-Feindes Mahler. Seinen bestürzten Freunden teilt Wolf mit, er sei zum Hofoperndirektor ernannt worden; Mahler habe er schon „ausgeschaltet“. Mit kurzer Unterbrechung verbringt er die Jahre bis zu seinem Tod 1904 in Nervenheilanstalten.

„Auch kleine Dinge können uns entzücken“: Der Titel des Eingangsliedes von Wolfs „Italienischem Liederbuch“ mag als Motto und Devise des exzentrischen Komponisten gelten. Ungeachtet seines ungestümen Äußeren findet Wolf Töne großer Zartheit und Intimität, hat er ein Faible für die kleinen Formen; nur gelegentlich – etwa mit „Penthesilea“ – versucht er sich als Orchesterkomponist. Auch dies macht ihn zum Antipoden Mahlers, den vorwiegend die Sprache großer, monumentaler Symphonik fasziniert, wie er sie gleich in seinem „Titan“, der Frühfassung seiner Ersten Symphonie, zu überaus emotionalem Ausdruck bringt. „Vielleicht hätten wir zwei zusammen den Inhalt dieser neuen Zeit, die für die Musik anbrach, einigermaßen erschöpft“ – dies sagt Mahler über Hans Rott, aber auch für die überaus komplizierte Beziehung zu Hugo Wolf mag es gelten. Mahlers Werk erlebt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine tiefgreifende, weltweite Renaissance, initiiert von der Begeisterung Leonard Bernsteins. Wolf ist ein Fall für „Kenner und Liebhaber“ geblieben – obwohl auch seine Sprache eine sehr authentische Facette ihrer vielgestaltigen, faszinierenden Entstehungszeit vermittelt.

Thomas Leibnitz
Dr. Thomas Leibnitz war jahrzehntelang in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek tätig, zuletzt, 2002 bis 2020, als Direktor.

Monatsmagazin Musikfreunde September / Oktober 2021

Frühlingserwachen mitten im Herbst. Etwas von dieser Stimmung wird sich zweifellos einstellen, wenn der Musikverein im Oktober „Die Jahreszeiten“ spielt. Haydns große Hommage an den Lauf der Zeiten beginnt bekanntlich mit einem überschwänglichen Gefühl der Erleichterung. Vorbei ist’s mit Starre, Lähmung, strenger Enge. Der Frühling, freudig herbeigesungen, lässt sich nicht mehr aufhalten.

Ja, und so ist es dann hoffentlich überhaupt im Herbst, wenn der Musikverein in seine neue Saison geht: Frühlingserwachen im September. Aufatmen und Aufblühen, ein Neu- und Wiederbeginn mit dem Gefühl großer Erleichterung. Hoffen wir darauf! Unser Programm ist jedenfalls ganz auf diese Stimmung ausgerichtet. Voll Optimismus starten wir mit einem vollen, vielfältigen Konzertkalender – und mit einer Saisoneröffnung, die ein ganzes Wochenende zum Fest der Musik macht.

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