„Heimat ist dort, wo der Schlüssel passt“

Daniel Behle

Daniel Behle gibt im Oktober ein zweifaches Debüt im Musikverein: als Tenorsolist in Brittens „War Requiem“ und mit einem unkonventionell programmierten Liederabend.

Der erfolgreiche Tenor von heute erscheint nicht in der Limousine am Treffpunkt im Grünen Prater. Er gleitet gemächlich auf dem Elektroroller heran, in Leiberl und kurzer Hose, ohne Termindruck, völlig entspannt. Und wenn es sich um Daniel Behle handelt, folgt auch kein typisches Interview, bei dem schlicht Fragen beantwortet werden. Vielmehr erlebt man eine Art Performance, bei der Behle singend und gestikulierend die mitgebrachte Partitur erläutert, assoziativ draufloserzählt und vom Handy die wichtigsten Nummern einer noch unveröffentlichten CD hören lässt.

„Ich bin ein Hamburger Junge“, sagt der 46-Jährige, derzeit führender Mozart-Tenor an den ersten europäischen Häusern – und mit diesem Schicksal hoch zufrieden, auch wenn er sich keineswegs damit zufriedengibt, sondern seine Fühler bereits nicht minder erfolgreich ins Wagner-Repertoire ausgestreckt hat und darüber hinaus eine ganze Palette von kreativen Projekten betreibt, von denen noch die Rede sein muss. Seinen Lebensmittelpunkt hat Daniel Behle allerdings dort, wo seine „Liebsten“ wohnen: in Basel, der Heimatstadt seiner Frau Carla, Bratschistin, ausgebildet bei Hatto Beyerle; die Kinder, vier, sechs und acht Jahre alt, spielen ebenfalls Streichinstrumente. Im Wohnzimmer von Familie Behle steht der Originalflügel aus dem Besitz von Fritz Wunderlich.

Genau genommen ist der Schweizer Staatsbürger Daniel Behle aber auch zur Hälfte Österreicher, denn seine Mutter stammt aus Graz. Renate Behle hat ihrem Sohn eine imponierende Laufbahn als Sängerin vorgelebt, von den Mezzo-Hosenrollen ihrer Anfangszeit bis ins hochdramatische Sopranfach, und sie war Daniels wichtigste Lehrerin, was Technik betrifft. „Sie hat die Drecksarbeit gemacht“, sagt er dankbar. Dabei hatte er sich erst sehr spät fürs Singen entschieden, wollte eigentlich Posaunist werden und studierte zusätzlich Komposition und Schulmusik. Doch als der Vater, Franz Behle, Oboist im NDR-Sinfonieorchester, mit nur 56 Jahren an Krebs verstarb, begann die Mutter, ihm Unterricht zu geben, gleichsam als „Trauerarbeit“. „Für Renate war’s ’ne Stütze, und für mich war’s ein Segen“, erinnert sich Daniel. „Ich konnte mich von allen Zwängen befreien, alles ging plötzlich wie von selbst. An der Hochschule konnte ich acht vollständige Produktionen erarbeiten, von Aribert Reimann bis Haydn und Rossini!“ Dass er dennoch alle Studien ordentlich abgeschlossen und drei Diplome erworben hat, macht ihn „ein bisschen stolz. Ich mach’s immer fertig, das ist eine Qualität von mir.“

Daniel Behle
© Marco Borggreve

Daniel Behle 

12. Oktober 2021

Daniel Behle | Tenor
Oliver Schnyder | Klavier
Nils Schönau | Klarinette

Lieder von
Edvard Grieg
Franz Schubert
Richard Strauss

Dienstag, 12. Oktober 2021, 19.30 Uhr

Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde
© Stephan Polzer

Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde 

9. Oktober 2021

Wiener Symphoniker
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
NN | Dirigent
Ilia Papandreu | Sopran
Daniel Behle | Tenor
Samuel Hasselhorn | Bariton

Benjamin Britten
War Requiem, op. 66

Samstag, 09. Oktober 2021, 19.30 Uhr
Sonntag, 10. Oktober 2021, 19.30 Uhr

Die Sängerkarriere scheint im Rückblick wie von selbst gelaufen zu sein: von Oldenburg an die Wiener Volksoper, wo er seinen ersten Tamino sang, sich im Übrigen aber so langweilte, dass er nach Frankfurt zu Bernd Loebe wechselte, der ihm erstmals Aufgaben jenseits des Mozart-Fachs anvertraute: Humperdincks Königssohn und Leukippos in „Daphne“. „Bei Mozart steckt man immer ein“, charakterisiert er das Rollen-Profil des Mozart-Tenors. „Man möchte aber irgendwann auch mal eine Ansage machen.“ Das gelang ihm mit dem Umstieg ins Wagner-Fach, für den er sich mit Hilfe der Mutter einen speziellen stimmtechnischen Kunstgriff zugelegt hat. Seit 2010 ist Daniel Behle an keinem Haus mehr fix engagiert. Er wird in Wien und München, Berlin und Zürich in Partien von Mozart und Strauss gefeiert, in Hamburg gab er sein Rollendebüt als Florestan, in Stuttgart jenes als Max im „Freischütz“. Nach seinem bejubelten Entree als David 2017 ist er Stammgast in Bayreuth. 2019 sang er in Dortmund erstmals den Lohengrin, beim Opus Klassik 2020 wurde er zum Sänger des Jahres gekürt. „Ich bin sehr stolz, dass ich an unterschiedlichen Häusern für verschiedene Fächer gebucht bin“, sagt er, „aber es ist anstrengend.“

Als Ausgleich zum hohen Druck, den der Hochleistungsberuf erzeugt, sucht er Abwechslung beim Komponieren – professionell, aber ganz ohne avantgardistischen Anspruch: „Ich muss nicht in Donaueschingen was werden, ich bin Sänger, der auch komponiert.“ Hier tobt er sich aus, ob er sich nun seinem schrägen Pop-Projekt widmet, das sich unter dem Namen „Obstsalat schwimmt tatsächlich“ (OST) zeitgemäß als Soundcloud manifestiert, oder ob er das Werkverzeichnis von Richard Strauss um ein Kuckucksei bereichert; „Der Schmetterling“ findet sich auf der CD „Un-Erhört“. Der Humor sei ein Erbteil seines Vaters, erzählt Daniel Behle. „Er ist viel zu früh gestorben, aber er hat auch gelebt. Er war ein sehr lustiger Mensch, der Brenntiegel für das soziale Leben mit den Kollegen aus dem Orchester.“ Über diesen Wesenszug bleibt Daniel mit dem Vater verbunden, spielt sich frei vom Image des „seriösen“ Opern- und Liedinterpreten, vagabundiert munter zwischen „E“ und „U“, frönt der Lust an Scherz, Satire und Ironie – mit tieferer Bedeutung. Er singt nicht nur gerne Operetten – im Dezember etwa erstmals „Giuditta“ an der Bayerischen Staatsoper –, er hat auch eine Operette komponiert. Und hier kommt die dicke Partitur ins Spiel, die Daniel Behle zu unserem Gespräch mitgebracht hat: „Hopfen und Malz“, ein Projekt, das er gemeinsam mit seiner Frau konzipiert hat und das dank der ausgedehnten Lockdown-Perioden in Rekordzeit fertig wurde.

„Die Operette“, sagt er, „hat im Gegensatz zur Oper den Anspruch, auf aktuelle Zeiten zu reagieren. Ihr Hauptwerkzeug ist der Humor, und der ändert sich alle zehn Jahre. Da haben wir großen Nachholbedarf, es traut sich ja keiner mehr Humor, denn er entblößt auch den Künstler.“ Deshalb hat sich Daniel Behle überlegt, wie er das, was seine Vorbilder Helge Schneider, Otto Waalkes und die Monty Pythons im Unterhaltungsbereich vorgegeben haben, auf das Musiktheater übertragen könnte. Durchaus mit dem Anliegen, brisante Themen wie Fremdenhass und Integration aufzugreifen, doch fern von missionarischen Ambitionen. „Ich wollte eine tiefere Botschaft in einer möglichst lustigen Geschichte verstecken, aber es ist nicht wichtig, dass die Botschaft ’rüberkommt.“ Seine Operette solle lediglich das Verhalten der Figuren in ihrer Beschränktheit zeigen, die Skurrilität der Kleinbürger in den fiktiven Dörfern Meersum und Ölsum, deren Bewohner einen Wettstreit im Bierbrauen austragen und dabei zu tiefsinniger Erkenntnis gelangen: „Das Maß sei das Ziel.“ Als Komponist hat sich Behle einen Hauptspaß daraus gemacht, „total dämliche Reime“ charmant zu verpacken und dabei so riskant wie möglich mit Anspielungen auf das Wagner- und Verdi-Repertoire zu jonglieren. Der Lacherfolg dürfte garantiert sein.

Die Mischung von Ernst und Humor war Daniel Behle auch für sein erstes Liedprogramm im Musikverein wichtig. Als Einstieg hat er, cool und selbstbewusst, Edvard Griegs Opus 48 gewählt – zum größten Teil „sotto voce“ vorzutragen, von „grandioser Innigkeit“, wie er schwärmt: „Beim Lied muss der Vortrag im Vordergrund stehen, nicht der Interpret.“ Als Kontrast bringt er im zweiten Teil Richard Strauss’ „Krämerspiegel“ nach Texten von Alfred Kerr, die „einen kabarettistischen Vortrag verlangen“.  Nun muss aber noch verraten sein, was die Autorin dieses Porträts vorab von Daniels Handy hören durfte: Kostproben aus der CD „Heimat“, die er mit klangsatten Arrangements für Horn-Quartett aufgenommen hat. Ein Querschnitt über 500 Jahre, von „Innsbruck, ich muss dich lassen“ bis „Griechischer Wein“, mit Teilen aus Kreneks „Reisebuch aus den österreichischen Alpen“ ebenso wie mit der Gralserzählung und dem Buchenwaldlied. Auch hier ist diskret eine Eigenkreation verpackt: „Heimat ist dort, wo der Schlüssel passt.“

Monika Mertl
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).

Monatsmagazin Musikfreunde September / Oktober 2021

Frühlingserwachen mitten im Herbst. Etwas von dieser Stimmung wird sich zweifellos einstellen, wenn der Musikverein im Oktober „Die Jahreszeiten“ spielt. Haydns große Hommage an den Lauf der Zeiten beginnt bekanntlich mit einem überschwänglichen Gefühl der Erleichterung. Vorbei ist’s mit Starre, Lähmung, strenger Enge. Der Frühling, freudig herbeigesungen, lässt sich nicht mehr aufhalten.

Ja, und so ist es dann hoffentlich überhaupt im Herbst, wenn der Musikverein in seine neue Saison geht: Frühlingserwachen im September. Aufatmen und Aufblühen, ein Neu- und Wiederbeginn mit dem Gefühl großer Erleichterung. Hoffen wir darauf! Unser Programm ist jedenfalls ganz auf diese Stimmung ausgerichtet. Voll Optimismus starten wir mit einem vollen, vielfältigen Konzertkalender – und mit einer Saisoneröffnung, die ein ganzes Wochenende zum Fest der Musik macht.

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