Im Musikverein zu Hause

Alexander Zemlinsky

Den 150. Geburtstag Alexander Zemlinskys würdigte die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien im Frühjahr 2021 mit einem eigenen Konzertzyklus, der auch ein internationales Symposion einschließen sollte. Dieses wird nun im November nachgeholt. Vorab gibt Hartmut Krones Einblicke in die enge Verbundenheit Zemlinskys mit dem Musikverein.

Am 6. September 1884 wurde ein knapp Dreizehnjähriger, Sohn des aus dem mährischen Nové Město (Neustadtl) stammenden Sekretärs der „türkisch-israelitischen Gemeinde zu Wien“ sowie einer aus Sarajevo zugezogenen Mutter, in das „Conservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde“ aufgenommen: der am 14. Oktober 1871 geborene Alexander Zemlinsky, der im Alter von vier Jahren mit dem Klavierspiel begonnen und bereits als Korrepetitor und Organist erste „Berufserfahrungen“ gesammelt hatte. Er kam in die „Vorbildungsschule für Klavier“, wechselte 1887/88 in die „Ausbildungsschule“ zu dem Czerny-Schüler Anton Door und wurde dort sofort mit „sehr gut“ klassifiziert. Bereits am 1. September 1889 war er mit dem Solopart des b-Moll-Klavierkonzertes seines Theorielehrers Robert Fuchs betraut, die Abschlussprüfung vom 12. Juli 1890 trug ihm dann für seine Interpretationen (u. a. des 1. Satzes von Schumanns Klavierkonzert) die „Gesellschaftsmedaille“ ein; kurz zuvor hatte er für die Darbietung der „Händel-Variationen“ von Johannes Brahms „als Prämium ein von Herrn Ludwig Bösendorfer gespendetes neues Clavier“ erhalten.
Ab Herbst 1889 inskribierte Zemlinsky zusätzlich das Hauptfach „Composition“ – bei Johann Nepomuk Fuchs, dem späteren Direktor des Conservatoriums sowie Vizehofkapellmeister. Zemlinsky erhielt damals wegen seines „ausgezeichneten Erfolges“ das Rubinstein-Stipendium, und sein Ansuchen um „Schulgeldbefreiung“ unterstützte Fuchs folgendermaßen: „Bittsteller kann hinsichtlich seines Talentes sowie seines Eifers auf das wärmste empfohlen werden.“

Gläserner Saal / Magna Auditorium
© Wolf-Dieter Grabner

Gläserner Saal / Magna Auditorium 

20. November 2021

Alexander Zemlinsky

Komponist und Dirigent der klassischen Moderne
Internationales Symposion

Freitag, 19. November 2021, 10:00 Uhr
Freitag, 19. November 2021, 15:00 Uhr

Samstag, 20. November 2021, 10.00 Uhr

Sowohl 1891 als auch 1892 gewann Zemlinsky einen „Liederpreis“ des Conservatoriums, Anfang 1892 druckte der Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel Zemlinskys „Opus 1“, „Ländliche Tänze für Klavier“. Und die „Schlussproduction der Abiturienten des Schuljahres 1891–92“ vom 11. Juli 1892, bei der der Zwanzigjährige im Goldenen Saal den 1. Satz seiner d-Moll-Symphonie dirigierte, trug ihm die Bekanntschaft mit Johannes Brahms ein. Die ganze Symphonie hob dann am 10. Februar 1893  J. N. Fuchs aus der Taufe, im selben Jahr trat Zemlinsky dem „Wiener Tonkünstlerverein“ bei, in dessen Konzerten er als Pianist wie auch als Komponist reüssierte. Ehrenpräsident war Johannes Brahms, der ihn seinem Berliner Verleger Simrock empfahl, bei dem nun sowohl Kammermusik als auch Lieder des jungen Komponisten erschienen; sein 1. Streichquartett widmete er Eusebius Mandyczewski, dem Archivdirektor der Gesellschaft der Musikfreunde.

Einen besonderen Erfolg konnte Zemlinsky am 18. März 1895 verbuchen, als J. N. Fuchs in einem „zur Erinnerung an die vor 25 Jahren erfolgte Eröffnung des neuen Gesellschaftshauses“ veranstalteten „Fest-Concert des Conservatoriums“ (neben klassisch-romantischen Werken) seine Orchestersuite zur Uraufführung brachte; zum Abschluss dirigierte Johannes Brahms seine eigene „Academische Fest-Ouverture“. Und nach der Uraufführung (5. März 1896) von Zemlinskys d-Moll-Streichquintett durch das Hellmesberger-Quartett „verlangte“ Brahms „die Partitur davon und forderte mich auf, ihn zu besuchen“, erinnerte sich der Komponist voll Stolz.
Auch Zemlinskys weiterer Weg war eng mit der Gesellschaft der Musikfreunde verbunden: 1897 wurde seine B-Dur-Symphonie beim „Compositions-Preis“ der Gesellschaft von der Jury an die erste Stelle gesetzt; sie erklang am 5. März 1899 unter seiner Leitung im Goldenen Saal. Am 11. Februar 1900 dirigierte Zemlinsky hier seine Kantate „Frühlingsbegräbnis“, am 18. Februar 1903 seine Ballettsuite „Triumph der Zeit“ und am 25. Jänner 1905 seine Orchesterphantasie „Die Seejungfrau“.


Mittlerweile war Zemlinsky eine – auch internationale – Größe geworden. 1897 gewann seine Oper „Sarema“ den Münchener Luitpold-Preis und gelangte im dortigen Hoftheater zur Uraufführung, 1900 hob Gustav Mahler in der Wiener Hofoper die Oper „Es war einmal“ aus der Taufe. Im selben Jahr wurde Zemlinsky Chefdirigent am Wiener Carl-Theater, 1903 Dirigent am Theater an der Wien, im Herbst 1904 wechselte er als Musikdirektor an die Wiener Volksoper, im Mai 1907 berief ihn Gustav Mahler an die Hofoper. Ab 1908 dirigierte er (nach Mahlers Abgang und der Absetzung seiner Oper „Der Traumgörge“) wieder vornehmlich an der Volksoper (wo 1910 seine Oper „Kleider machen Leute“ erklang), im Sommer 1911 bei Max Reinhardts Münchener Operettenfestspielen, und im September jenes Jahres wurde er Erster Kapellmeister des Prager „Neuen Deutschen Theaters“ – 1920 noch Rektor sowie Professor für Dirigieren und Komposition an der dortigen deutschen Musikakademie.

1917 war in Stuttgart seine „Florentinische Tragödie“ zu hören gewesen, 1922 in Köln der Einakter „Der Zwerg“ (1933 folgte in Zürich „Der Kreidekreis“). 1927 wechselte Zemlinsky als Erster Kapellmeister an die Berliner Kroll-Oper, wo auch Otto Klemperer, Erich Kleiber und George Szell wirkten, daneben war er umjubelter Gast an internationalen Opernhäusern. Doch 1933 musste er Berlin verlassen. Er kehrte über Prag nach Wien zurück, arbeitete, wieder vor allem im Musikverein, als Dirigent sowie Klavierbegleiter und komponierte die (1995 von Antony Beaumont fertiggestellte) Oper „Der König Kandaules“. Im Herbst 1938 folgte die endgültige Entwurzelung: Zemlinsky emigrierte über Prag in die USA, wo er bald erkrankte und am 15. März 1942 in Larchmont (New York) starb.
1895 hatte Zemlinsky den „Musikalischen Verein Polyhymnia“ initiiert, wo er seinen späteren Schüler und Schwager Arnold Schönberg kennenlernte, der 1901 seine Schwester Mathilde heiratete. Sowohl dort wie bei späteren Aktivitäten arbeiteten die beiden eng zusammen, und wenn auch ihre kompositorische Entwicklung bald auseinanderlief, war die gegenseitige Wertschätzung bis zuletzt ungebrochen. „Ich habe immer fest geglaubt, daß er ein großer Komponist war“, äußerte sich Schönberg über den Freund, Alban Berg bezeichnete ihn als „kolossalen Kerl“, und Franz Werfel sah ihn als „Urmelodiker, der unverbogen singt und singen muß“. Dieses „Singen“ prädestinierte ihn sowohl für groß angelegte Bühnenwerke als auch für kleinere Vokalkompositionen – sein Liedœuvre ist eines der bedeutendsten der frühen Moderne. Sein hoher Sinn für kunstvolle vielstimmige Entwicklungen und für ein hypersensibles Irisieren der orchestralen Klangfarben stempelt ihn zudem zu einem bedeutenden Ahnherrn der Musik des 20. Jahrhunderts.

Auch als Dirigent war Zemlinsky einer der ganz Großen, wovon u. a. Igor Strawinsky überzeugt war: „Ich glaube, von allen Dirigenten, die ich je gehört habe, würde ich Alexander von Zemlinsky als den überragenden wählen.“ Zemlinsky spornte die Musiker u. a. durch sein faszinierendes „Mitgestalten“ der Musik zu Hochleistungen an: „Sein Gesicht beim Dirigieren! [...] Zemlinsky mimt am Pulte die ganze Oper, alle Rollen; er lacht, macht ein grimmiges Alberich-Gesicht, spielt Wotans würdevolle Haltung, ziseliert die anmutigen Linien des Papageno-Papagena-Duettes etc.“ Zudem forderte er noch das „alte“ Rubato, das „off beat“-artige „Verziehen“ der Oberstimme gegen die gleichmäßig „im Takt“ schreitende Begleitung, und lässt uns erahnen, dass an „unserem“ Conservatorium einiges mehr über interpretatorische Traditionen gelehrt wurde als heute an so manchen Musikuniversitäten.
Zemlinsky, von den Nationalsozialisten verpönt, in der Nachkriegszeit vergessen, erfährt seit den 1980er Jahren eine enorme Rehabilitierung – einen großen Anteil daran hat der 1989 noch gemeinsam mit der Witwe des Komponisten gegründete „Alexander-Zemlinsky-Fonds bei der Gesellschaft der Musikfreunde“. Sein Zweck ist „die Förderung der Verbreitung und des Verständnisses der Werke“ des Komponisten, der damit wieder gleichsam „heimkam“. Und gemeinsam mit dem Fonds plante die Gesellschaft für das Frühjahr 2021 einen „Alexander-Zemlinsky-Zyklus“ sowie ein internationales Symposion, das angesichts der Corona-Situation auf den Herbst verschoben werden musste. Es wird nun am 19. und 20. November stattfinden und erneut Zemlinsky als einen der bedeutendsten Vertreter jener hochexpressionistischen Endphase der tonalen Musik ausweisen, in der die Atonalität zwar bereits zu erahnen war, jedoch noch nicht tatsächlich eintrat.

Hartmut Krones
Emer. o. Univ.-Prof. MMag. Dr. Hartmut Krones leitete das Institut für Musikalische Stilforschung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Er ist Vorsitzender des Egon-Wellesz-Fonds sowie Mitglied des Komitees des Alexander-Zemlinsky-Fonds bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Monatsmagazin Musikfreunde November 2021

Musik, „die einen die Ohren spitzen lässt“ – sie ist es, die der Maler und Musikenthusiast Georg Baselitz vor allem, ja ausschließlich liebt: Tonkunst, die „einen zwingt, tiefer zu gehen“. In der bildenden Kunst – dem Metier, in dem er weltberühmt wurde – hat Baselitz selbst mannigfaltig Anstöße dazu gegeben, die Augen zu schärfen. Mit seinen Bildern, die „auf dem Kopf stehen“, bringt er Bewegung in die Köpfe der Betrachtenden. Animierend lädt er dazu ein, in die Tiefe zu gehen und neue Perspektiven zu finden. Für unsere „Musikverein Perspektiven“ ist er so ein idealer Partner. Ich freue mich besonders, dieses neue Programmformat im November mit Georg Baselitz beginnen zu können.

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