„Ich lebe in Ihrer Musik“

Schumann und Brahms. Eine Beziehungsgeschichte, dokumentiert im Archiv des Musikvereins

Wenn Daniel Barenboim mit der Staatskapelle Berlin im Musikverein die Symphonien von Schumann und Brahms dirigiert, schwingt die Aura des Orts auf besondere Weise mit. Im Archiv des Musikvereins liegen Zeugnisse einer Seelenbeziehung, die ans Tiefste rührte und alles einschloss: Liebe, Leben und Sterben, das Vergängliche im Leben und das Bleibende in der Kunst.

Bohrende Fragen, quälende Interviews? Die Brahms-Zeit war noch frei davon, investigativer Journalismus hatte im Reich der Musen noch nichts zu suchen. Und doch gab es Fragen, die gestellt sein wollten. Eine gewichtige, adressiert an Johannes Brahms, musste lauten: Was er denn von Robert Schumann gelernt habe? Brahms’ Antwort: „Von Schumann habe ich nichts gelernt als Schachspielen.“ Punktum. Der Fragende war damit schachmatt gesetzt. Brahms’ Replik – lakonisch, herb, brutal fast in der Zuspitzung – verwehrte ihm den weiteren Zug. Sprachlos blieb er zurück, zurückgeworfen auf die Ahnung, dass die banale Äußerlichkeit, die da genannt wurde, bei weitem nicht alles sein konnte. Und Brahms blieb geschützt, sein Inneres verwahrt vor Zudringlichkeit. Das hatte er sich überhaupt zu eigen gemacht: sich zu schützen durch Lakonie und Ironie, das Zarte hinter Schroffem zu verbergen, die weichen Züge zu verstecken hinter dem eisgrauen Wall seines Jupiterbarts.
Das Geborgene, das Verschlossene in ihm – das freilich hatte unsagbar viel mit dem Erlebnis Schumann zu tun, der wohl tiefsten Erfahrung seines Lebens. Er wahrte es im Stillen und bewahrte treulich, was davon blieb. Mit seinem Nachlass gelangten diese Zeugen seiner Seelenbiographie ins Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde: Briefe von Schumann, Autographe von ihm – Tiefbewegendes aus Schumanns letzten Lebensjahren.


„Neue Bahnen“: Mit einem starken, strahlenden Wort hatte sich Robert Schumann im Oktober 1853 wieder in der Öffentlichkeit gemeldet. Nach zehn Jahren war dieser Aufsatz seine erste musikpublizistische Arbeit – und zugleich die letzte seines Lebens. Als reichte er den Stab weiter an den Jungen, pries er den 20-Jährigen, den er erst vor kurzem kennengelernt hatte, wie einen Messias: „Und er ist gekommen, ein junges Blut, an dessen Wiege Grazien und Helden Wache hielten. Er heißt Johannes Brahms ...“ So sollte Brahms auf neuen Bahnen gehen. Der Weg aber, der Schumann beschieden war, führte in Leid und Elend. Nach einem Suizidversuch am Rosenmontag 1854 wurde er auf eigenen Wunsch in eine psychiatrische Klinik gebracht, die Richarz’sche Privat-Irrenanstalt in Endenich bei Bonn. Clara, seine Frau, durfte ihn nicht sehen, als er die Droschke bestieg. Clara durfte ihm nicht schreiben, als er angekommen war. Das war das harte psychiatrische Konzept des Dr. Richarz: den Kranken abzuschotten und abzuwarten, was von ihm und aus ihm selbst käme. Quälend lang kam nichts. Verzweifelt wartete Clara auf Zeichen, getröstet von dem jungen Mann, den Schumann auf neuen Bahnen sah. Brahms war nach Düsseldorf geeilt, um ihr beizustehen – und so auch ihm zu dienen. Sein Freundesdienst galt dem hohen Paar, so hatte er sich die Sache zurechtgelegt, unter der die Liebe keimte. „Ich möchte“, ließ er Clara am 15. Dezember 1854 wissen, „der Arzt stellte mich zu Weihnacht als Wärter und Pfleger an ... Ich würde Ihnen täglich von Ihm schreiben, und Ihm erzählte ich den ganzen Tag von Ihnen.“ Robert Schumann hatte bis dahin noch immer keinen Besuch empfangen dürfen. Aber er schrieb. An jenem 15. Dezember adressierte er einen Brief an Johannes Brahms: „Theurer Freund, Könnt’ ich zu Weihnacht zu Euch!“
So beginnt dieser Brief, der im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde überliefert ist: mit einem herzzerreißenden Konjunktiv. Und nicht anders ist es beim früheren, dem ersten, den Schumann je an Brahms gerichtet hat. „Lieber, Könnt ich selbst zu Ihnen, Sie wieder zu sehen und zu hören ...“ Ende November 1854 schrieb er ihn, einige Wochen, nachdem das Schweigen gebrochen war. Im September – mehr als ein halbes Jahr nach seiner Einweisung in die Klinik – hatte er Clara erstmals aus Endenich geschrieben, auch da mit einem Konjunktiv, über den sich berührend der Schleier des Resignativen legt: „O könnt’ ich Euch einmal sehen und sprechen; aber der Weg ist doch zu weit.“ War die Nähe wieder möglich? Konnte man auf Heilung hoffen? Clara wollte es glauben, unbedingt, und mit ihr der getreue Johannes. Roberts Briefe aus dem Spätjahr 1854 wurden begierig als gute Omen gelesen, aber die Ärzte erstickten die Freude mit düsteren Prognosen. Ja, Schumann lebte auf – er lebte auf in der Musik. Und die kam in jenen Tagen von Brahms. Seine Klaviervariationen Opus 9 setzten die Dreiecksbeziehung in Musik. Brahms formulierte es fein als Überschrift: „Kleine Variationen über ein Thema von Ihm. Ihr zugeeignet.“ So kann man es nachlesen, auf dem Autograph im Archiv des Musikvereins.

Schumann empfing den musikalischen Beziehungszauber in der Anstalt und versenkte sich tief hinein. Davon – und davon vor allem – schrieb er an Brahms, begeistert und schwärmerisch im ersten wie dann auch im zweiten Brief. Das Hören, nach dem er sich sehnte, war ein Hören der Musik, gespielt von Clara und von Brahms. Was die beiden im Leben zu verbinden begann, dem erteilte er nebstbei seinen Segen: „Und dann hab’ ich Ihnen, theurer Johannes, zu danken für alles Freundliches und Gütiges, was Sie meiner Clara gethan; sie schreibt mir immer davon.“
Als im Frühjahr 1855 Brahms’ Klaviersonate Opus 2 im Druck erschien, ging auch davon ein Exemplar nach Endenich. Schumann dankte Ende März in einem Brief, der seinen Weg gleichfalls ins Musikvereinsarchiv gefunden hat. „Ihre 2te Sonate, Lieber, hat mich Ihnen wieder viel näher gebracht. Sie war mir ganz fremd; ich lebe in Ihrer Musik, daß ich sie vom Blatte halbweg gleich, einen Satz nach dem andern, spielen kann. Dann bring’ ich Dankopfer.“ Am 5. Mai 1855 schrieb Robert Schumann den letzten Brief, den er je an seine Clara richten sollte, und auch hier dachte er innig an Johannes, „unsren Geliebten“: „Lieb Clara, Am 1sten Mai sandte ich Dir einen Frühlingsboten [gemeint war ein unter diesem Datum geschickter Brief] ... Es wehet ein Schatten darin; aber, was er sonst enthält, das wird Dich, meine Holde, erfreuen. Den Geburtstag unsres Geliebten wußte ich nicht; darum muß ich Flügel anlegen, daß die Sendung noch morgen mit der Partitur ankömmt.“ Sie kam an, rechtzeitig zum 7. Mai, dem 22. Geburtstag von Johannes Brahms. Schumann schenkte ihm das Autograph seines Opus 100, der „Ouvertüre zur Braut von Messina“. Im Archiv des Musikvereins wird auch sie verwahrt, darin die Widmung als letztes geschriebenes Wort von Schumann an Brahms: „Willkommen zum 1sten Mai, Johannes, nimm sie liebend an, die Partitur. Bist Du ein Maikind? Dein Robert“.

Im April 1856 besuchte Johannes den Kranken. „Er empfing mich freudig und herzlich wie immer“, berichtete Brahms aus Endenich, „aber es durchschauerte mich – denn ich verstand kein Wort von ihm. Wir setzten uns, mir wurde immer schmerzlicher, die Augen waren mir feucht, er sprach immerfort, aber ich verstand nichts.“ Es ging zu Ende mit ihm. Die Ärzte teilten es Clara mit. Und erst jetzt reiste sie zu ihm. Johannes war an ihrer Seite, vom Tag des ersten Wiedersehens am 27. Juli bis zu Roberts Tod, zwei Tage später. „Ich erlebe wohl nie wieder so Ergreifendes, wie das Wiedersehen Roberts und Klaras“, berichtete Brahms Wochen später einem Freund. „Er lag erst länger mit geschlossenen Augen, und sie kniete vor ihm, mit mehr Ruhe, als man es möglich glauben sollte. Er erkannte sie aber hernach und auch den folgenden Tag. Einmal begehrte er deutlich, sie zu umarmen, schlug den einen Arm weit um sie. Sprechen freilich konnte er schon länger nicht mehr, nur einzelne Worte konnte man (vielleicht mehr sich einreden zu) verstehen. Schon das mußte sie beglücken. Er verweigerte öfter den gereichten Wein, von ihrem Finger sog er ihn manchmal begierig und lange ein und so heiß, daß man bestimmt wußte, er kannte den Finger.“
Was er von Schumann „gelernt“ habe? Was war das für eine Frage, wie mickrig und klein vor diesem Bild? Brahms trug es für immer im Herzen. Es prägte sein Leben. Es klang durch in seiner Musik.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Monatsmagazin Musikfreunde November 2021

Musik, „die einen die Ohren spitzen lässt“ – sie ist es, die der Maler und Musikenthusiast Georg Baselitz vor allem, ja ausschließlich liebt: Tonkunst, die „einen zwingt, tiefer zu gehen“. In der bildenden Kunst – dem Metier, in dem er weltberühmt wurde – hat Baselitz selbst mannigfaltig Anstöße dazu gegeben, die Augen zu schärfen. Mit seinen Bildern, die „auf dem Kopf stehen“, bringt er Bewegung in die Köpfe der Betrachtenden. Animierend lädt er dazu ein, in die Tiefe zu gehen und neue Perspektiven zu finden. Für unsere „Musikverein Perspektiven“ ist er so ein idealer Partner. Ich freue mich besonders, dieses neue Programmformat im November mit Georg Baselitz beginnen zu können.

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