Freiheit und Bindung

Leif Ove Andsnes

Freiheit und Bindung, sie gehören zusammen. Man kann es an Mozart sehen, der sich in Wien freispielte, um dort eine Bindung fürs Leben einzugehen. Oder an Leif Ove Andsnes. Margot Weber sprach mit dem Pianisten, der mit dem Mahler Chamber Orchestra einen Mozart-Schwerpunkt im Musikverein gestaltet.

Sommerzeit, Ferienzeit. Leif Ove Andsnes ist mit seiner Frau und den drei Kindern in ihrem Haus in Nordnorwegen. Wir treffen uns nicht persönlich, sondern sind für ein Video-Telefonat im Internet verabredet. Als der 51-Jährige den virtuellen Konferenzraum betritt, ist das Zimmer zu sehen, in dem er sich befindet: die Wände, die Decke, die gebogene Treppe im Hintergrund und deren Geländer – alles aus hellem, starkem Holz. Durch ein Seitenfenster fällt Sonnenlicht hinein.

In diesen Wochen dürfte es am Polarkreis vermutlich nur ein, zwei Stunden dunkel sein am Tag. Wie fühlt sich der Sommer dort an? „Wir haben tagsüber immer so um die zehn Grad, und es kann auch regnen, aber wir schwimmen im Meer, gehen wandern und sind viel im Wald.“ Er liebe den Klang der Natur, erzählt er: „Den Ton des Regens, das Zwitschern der Vögel, das Rauschen des Windes.“ In dieser Hinsicht sei er ein ganz normaler Norweger: „Denken Sie an Edvard Grieg. Wir haben eine sehr enge und besondere Beziehung zur Natur.“ Und seine eigene werde mittlerweile von Jahr zu Jahr sogar noch intensiver.

Urlaub? Sind diese Wochen für ihn natürlich schon. Andererseits ist der Sommer mit seinen zahlreichen Festspielen und Freiluftkonzerten für viele Künstler Hochsaison. Andsnes bildet da keine Ausnahme. Der Pianist steckt mitten in den letzten Vorbereitungen zu seinem Kammermusik-Festival in Rosendal, das in wenigen Tagen beginnt. Der Ort liegt 120 Kilometer südöstlich von Bergen am Ausgang des Hardangerfjords und hat nur etwa 800 Einwohner. Aber dort steht ein 350 Jahre altes Schlösschen inklusive einer mittlerweile zum Konzertsaal umgebauten Scheune für 400 Zuhörer.

2016 fand das Festival erstmals statt, Andsnes ist Gründer, Kurator und, natürlich, einer der Mitwirkenden.  Glyndebourne auf Norwegisch: Statt auf die sanften Hügel von East Sussex fällt der Blick der Besucher in der Pause auf Meer, Gletscher und die Berge. Die Anreise dorthin? Wildromantisch. Über den Fjord, „wie Edvard Grieg, der dort auch schon zu Gast war“.

Überhaupt: Grieg. Sprechen wollen wir eigentlich über Mozarts Schaffensrausch 1785/86 und seine Klavierkonzerte aus dieser Zeit, mit denen Andsnes im Musikverein gastieren wird. Aber wir landen erst einmal – erneut – beim Landsmann. Denn als der Pianist sein Leben in Norwegen beschreiben soll, antwortet er auch hier („Da muss ich ein bisschen ausholen“) zunächst mit einem Verweis auf den Komponisten: „Früher ging es mir ein bisschen wie Grieg. Er war ein ruheloser Mensch, viel auf Reisen, fand Norwegen provinziell.“ Einer der Gründe mag gewesen sein, dass im Land der Spielmannszüge und Militärkapellen keine nennenswerte Tradition der klassischen Musik existiert.

Geboren wurde Andsnes auf Karmøy, einem kleinen, wettergegerbten Eiland, das als Wellenbrecher vor der Südwestküste liegt und das Festland vor dem Ozean schützt. Überschaubare Orte, Landwirtschaft, ein bisschen Fischerei und 50 Meter bis zum Meer. Die Eltern sind beide Musiklehrer, setzen ihren Sohn im Alter von fünf Jahren das erste Mal vor ein Klavier. Wann er wusste, dass er Pianist werden wollte? „So mit acht oder neun.“

Mit 14 gibt er sein erstes Konzert mit Orchester, mit 15 begegnet er seinem Lehrer Jiri Hlinka und wird dessen Schüler am Konservatorium in Bergen, der zweitgrößten Stadt des Landes. Im Alter von 19 Jahren debütiert er in New York und Washington, mit 22 spielt er zum ersten Mal mit den Berliner Philharmonikern und bei den Londoner Proms. Er verlässt seine Heimat, zieht nach Kopenhagen, legt sich zudem eine Wohnung in Belgien zu – aber ist in den eineinhalb Jahrzehnten zwischen 25 und 40 eigentlich nonstop unterwegs. 120 Konzerte weltweit pro Saison, dazu jährliche CD-Einspielungen, die mehrheitlich in London stattfinden. „Ich war sehr rastlos. Ich hatte zwei Wohnungen, aber kein Zuhause.“

Und was veränderte sich, als er 40 wurde? „Ich begegnete meiner Frau. Sie ist Hornistin im Orchester in Bergen. Wir bekamen unser erstes Kind – und das war meine Chance auf ein Heim. Darauf, sesshaft zu werden.“ Die er nutzte. Um knapp zwei Jahrzehnte nach seinem Weggang zurückzukehren in seine Studienstadt. Inzwischen spielt er nur noch 70 bis 75 Konzerte pro Jahr und achtet darauf, nie länger als zehn Tage fort zu sein. Seine Hauptarbeitszeit? „Frühjahr und Herbst.“ Der Sommer gehört fast ausschließlich der Familie. Die mittlerweile weiter gewachsen ist und neben der jetzt elfjährigen Tochter auch achtjährige Zwillinge umfasst.

Doch nun: Reden wir über Mozart? „Gern“, antwortet Andsnes. Und zwar über den knapp 30-Jährigen und das, was er an jenem Punkt seines Leben erschuf. „Wenn man sieht, wie schnell sich Mozart in den frühen 1780er Jahren entwickelt hat, fragt man sich: Wie konnte das passieren? Und: Was ist passiert?“, so Andsnes. Mitte der 1780er Jahre testet Mozart die Konzertform bis an ihre Grenzen aus – es ist die Zeit vor dem „Don Giovanni“, dessen Ouvertüre man im ersten Satz des berühmten d-Moll-Klavierkonzerts, KV 466, bereits heraushört.

„Zu jener Zeit befand er sich in einer ungeheuer kreativen und innovativen Phase. Er scheint immer tiefer in die Musik und ihre Ausdrucksmöglichkeiten eingedrungen zu sein und neue Techniken ausprobiert zu haben. Ich kenne keine Musik, die eine solche emotionale Vielfalt bietet.“ Ein mehr als ausreichender Anlass für ihn, daraus – gemeinsam mit dem Mahler Chamber Orchestra und nach dem großen Erfolg ihrer Zusammenarbeit bei der „Beethoven Journey“ in den Jahren 2012 bis 2015 – ein neues, auf vier Jahre angelegtes Großprojekt zu kreieren: „Mozart Momentum 1785/86“ nennen sie es: Der Musikverein Wien, mitten im „Clavierland“, markiert da einen Höhepunkt.

In Wien spielte sich Mozart so richtig frei – in Wien wurde er sesshaft und gründete eine Familie. Ging es Leif Ove Andsnes da nicht irgendwie ähnlich? „Ich werde nie die Gespräche mit älteren Kollegen vergessen“, sagt er, „jenen, die im Alter allein waren, aber auch jenen, die eine Familie gegründet hatten. Sie haben alle das Gleiche gesagt: Es ist wichtig, ein Leben abseits der Bühne zu haben.“

Wie es ihm im vergangenen Jahr ergangen ist? Was die Pandemie für ihn bedeutet hat? „Ich traue mich kaum, es zu sagen, aber diese Zeit war für mich persönlich eine gute. Ich bin noch nie so lange an einem Ort gewesen, und ich war noch nie so lange am Stück mit den Kindern zusammen. Das war wunderschön.“ Ebenso schön ist allerdings, dass er jetzt wieder konzertieren kann: „Eine Weile reicht es aus, nachzudenken, zu lesen und für sich selbst zu spielen. Aber 2020 hat mir gezeigt, dass ich den Kontakt zum Publikum brauche. Nicht wegen des Ruhms – der ist unwichtig. Es geht darum, die eigene Leidenschaft für die Musik mit anderen zu teilen.“

Margot Weber
Margot Weber lebt als Journalistin in München.

Monatsmagazin Musikfreunde November 2021

Musik, „die einen die Ohren spitzen lässt“ – sie ist es, die der Maler und Musikenthusiast Georg Baselitz vor allem, ja ausschließlich liebt: Tonkunst, die „einen zwingt, tiefer zu gehen“. In der bildenden Kunst – dem Metier, in dem er weltberühmt wurde – hat Baselitz selbst mannigfaltig Anstöße dazu gegeben, die Augen zu schärfen. Mit seinen Bildern, die „auf dem Kopf stehen“, bringt er Bewegung in die Köpfe der Betrachtenden. Animierend lädt er dazu ein, in die Tiefe zu gehen und neue Perspektiven zu finden. Für unsere „Musikverein Perspektiven“ ist er so ein idealer Partner. Ich freue mich besonders, dieses neue Programmformat im November mit Georg Baselitz beginnen zu können.

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