Auf der Suche nach dem Klang der Zeit

Martin Haselböck

Martin Haselböck und die Wiener Akademie schreiben ihr erfolgreiches Resound-Konzept mit unkonventionellen Programmierungen im Musikverein fort.

Die für den Abschluss unseres Gesprächs vorgesehene Frage beantwortet er von sich aus gleich am Beginn. „Ich übe immer noch täglich, außer wenn ich dirigiere“, sagt Martin Haselböck und deutet mit einer leichten Kopfbewegung in Richtung der großen Orgel, die hinter ihm steht; „das Repertoire wird kleiner, die großen Romantik-Exzesse leiste ich mir nicht mehr, aber das Musizieren auf der Orgel ist meine Prägung. Es schafft auch einen speziellen Zugang zur Arbeit mit dem Orchester. Einerseits geht es um die Struktur, andererseits um die Suche nach dem Klang und die Balance.“ Und da er als Organist immer auch mit Chören und Ensembles zu tun hatte, sei es ans Dirigentenpult eigentlich nur ein kleiner Schritt gewesen.
Wir sitzen im luftig ausgebauten Dachgeschoß eines Gründerzeithauses in der Reisnerstraße, im Büro der Wiener Akademie, das durch eine Wendeltreppe mit der darunterliegenden Wohnung verbunden ist. Auf den Regalen stapeln sich die Noten, nebenan werkt Sohn Christoph, der das Orchester als Manager betreut; ab und zu schaut kurz ein Student herein. Ein freundliches, lockeres Ineinander von Arbeit und Leben. Als Sohn des namhaften Wiener Organisten Hans Haselböck und Neffe von dessen ebenfalls als Organist tätigen Bruders Franz hat Martin Haselböck die Tradition ganz selbstverständlich fortgesetzt und hatte im Alter von 23 Jahren selbst bereits seine erste Orgelprofessur – am Luther College im fernen Iowa, wo es ihn nur ein Jahr hielt. In Wien wurde er 1978 zum Organisten der Wiener Hofmusikkapelle bestellt, und die Arbeit am klassischen Kanon der Wiener Kirchenmusik mit diesem aus den Reihen der Wiener Philharmoniker rekrutierten Orchester war auch der Auslöser für die Gründung seines eigenen Ensembles im Jahr 1985: „Da war ich der Meinung, das muss anders klingen!“, gesteht er.

Martin Haselböck
© Dieter Nagl

Martin Haselböck 

1. November 2021

Orchester Wiener Akademie
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Choralschola der Wiener Hofburgkapelle
Miriam Kutrowatz | Sopran
Sophie Rennert | Alt
Johannes Bamberger | Tenor
Christoph Filler | Bass

Wolfgang Amadeus Mozart Symphonie Es-Dur, KV 543  Requiem d-Moll, KV 626
Gregorianische Choräle 

Montag, 01. November 2021, 19.30 Uhr

Dass der Musikverein ihm von Anbeginn eine verlässliche Plattform für seine Projekte bot, rechnet er dem ehemaligen Intendanten Thomas Angyan hoch an. Schließlich war hier der mächtige „Übervater“ Nikolaus Harnoncourt zu Hause, von dem sich Haselböck im künstlerischen Bereich sorgfältig abzugrenzen trachtete. „Ich habe die größte Verehrung und Bewunderung für Harnoncourt, aber ich hatte den Wunsch, meinen eigenen Weg zu schützen, ich wollte mein eigenes Profil finden.“ So hat er zum Beispiel nie mit dem Arnold Schoenberg Chor gearbeitet und sein Ensemble in respektvoller Distanz zum Concentus Musicus aufgebaut. „Mein Background waren die Orgel und der Unterricht von Anton Heiller, und meine Quellen waren andere. Ich habe Christopher Hogwood und Trevor Pinnock gut gekannt.“ Wenn demnächst eine Edition mit 160 Aufnahmen der Wiener Akademie aus der Zeit vor 2000 erscheint, sei das „fast eine Resound-Geschichte“, freut er sich über die gelungene Entwicklung, die sich im Rückblick zeigt.
Mit dem 2014 im Hinblick auf das Beethoven-Jahr gestarteten Resound-Projekt hat Haselböck ein Konzept erprobt, das den Horizont seiner Tätigkeit über die erfolgreiche Beethoven-Reihe hinaus schier ins Grenzenlose erweitert. Die zentrale Idee, Musik nicht nur auf den Instrumenten der jeweiligen Zeit, sondern auch in den entsprechenden Räumen aufzuführen, lässt sich nämlich vielfältig variieren. Sie ist etwa auch in jenem Programm enthalten, das Haselböck mit der Wiener Akademie in dieser Saison im Musikverein präsentiert, wobei auf Wunsch von Intendant Stephan Pauly zwei Konzerte im Rahmen der neuen, themenbezogenen Schwerpunkte stattfinden.
Den Auftakt bildet Mozarts Requiem, dem die Es-Dur-Symphonie KV 543 vorangestellt ist. Haselböck erkennt viele Bezüge zwischen den beiden Werken, von den B-Tonarten bis hin zum dunklen Klangbild, das durch das Fehlen von Oboen und Klarinetten entsteht, und wenn auf den abrupten Schluss der Symphonie die Totenmesse folgt, könnte das vielleicht „manche Frage beantworten, die vorher in der Symphonie aufgeworfen wurde“. Überdies will er den liturgischen Charakter des Requiems unterstreichen, indem er die Antiphone im gregorianischen Choral einfügt.
Auf Bachs „Weihnachtsoratorium“ mit den Kantaten I bis IV im Dezember folgt dann das März-Konzert im Kontext der „Musikverein Perspektiven: Michael Haneke“. Das ist  getragen von der Idee des „pervertierten Protestantismus“, wie sie der Haneke-Film „Das weiße Band“ thematisiert. Der Resound-Gedanke wird hier exemplarisch vorgeführt: Mahlers „Kindertotenlieder“, Mendelssohns „Reformations-Symphonie“ und Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ erklingen in barocker Umrahmung: mit Bachs Fantasie und Fuge c-Moll und der Kantate „Ich habe genug“. Das vierte Konzert ist dramaturgisch genau auf das „Musikverein Festival: A!“ zugeschnitten, die Werkauswahl soll den Stimmton a in seiner sich durch die Jahrhunderte verändernden Höhe ins Bewusstsein rücken: von Giovanni Gabrieli (415 Hertz) über Mozart (430 Hertz) bis Anton Bruckner (440 Hertz).
„Die jungen Musiker von heute besitzen ja so viel mehr an Wissen und Können, sie beherrschen selbstverständlich das Instrumentarium von Barock, Klassik und Romantik“, verweist Haselböck auf die gewachsenen Kompetenzen in der heutigen Originalklangszene. Seine Wiener Akademie darf sich jedenfalls mit Fug als einziges österreichisches Originalklangorchester bezeichnen, dessen Repertoire bis ins 20. Jahrhundert reicht. Für Haselböck, der auch als Komponist ausgebildet und ausgewiesen ist, war die zeitgenössische Musik stets ein Anliegen. Allerdings habe er 2000 beschlossen, „das Komponieren sein zu lassen; ich wollte nicht auf zu vielen Hochzeiten tanzen“. Einige seiner Werke sind in Zusammenarbeit mit Ernst Jandl und Friederike Mayröcker entstanden; mit einem Requiem für Jandl war Haselböcks Œuvre abgeschlossen.
Das Alleinstellungsmerkmal der Wiener Akademie ist zweifellos die intensive Beschäftigung mit Franz Liszt, für den sich Haselböck schon früh in die Bresche geworfen hat, indem er etwa das komplette Orgelwerk ediert und eingespielt hat. Nun konnte er beim Liszt-Festival in Raiding auch das gesamte Orchesterwerk aufführen und aufnehmen – zum Teil „auf Instrumenten, die Liszt selbst bestellt hat“. In Weimar hat man ihn heuer mit dem Liszt-Preis ausgezeichnet. Und die Entdeckungen nehmen kein Ende. Bei einem neuen Festival in Budapest hat er gemeinsam mit Thomas Hampson drei große Orchesterlieder uraufgeführt. 2023 will er „Die Legende von der Heiligen Elisabeth“ realisieren: „ein Hauptwerk, sehr große Musik“.

Welche Bedeutung hat die Religion für Martin Haselböck? „Ich habe mein Leben mit Kirchenmusik verbracht und dabei immer mit der Augustinus-Frage gehadert: Lenkt die Musik von der Religion ab oder führt sie zur Religion hin?“ Da müsse man zwischen Kult und Kultur differenzieren. „Ich muss nicht religiös sein, um Kultur zu machen, aber ich kann Religion nicht erfassen ohne Kunsterlebnis. Ich bin ein Suchender in der Musik, und ich wollte beim Musikmachen so in die Tiefe gehen, dass ich auch Erkenntnisse für die eigene Religiosität gewinne. Die Kirchenmusik ist ja förmlich zerrissen in Gebrauchsmusik für den Gottesdienst und in Kunstmusik. Ich versuche, diese beiden Aspekte zusammenzuführen.“ Aus diesem Grund hat Haselböck in der oberösterreichischen Seenregion, wo er seinen Zweitwohnsitz hat, gerade erst ein neues Festival auf die Beine gestellt: „Kirch’Klang“ hat im Sommer 2021 zum ersten Mal stattgefunden, mit 13 Veranstaltungen an acht verschiedenen Schauplätzen. In Zeiten der noch nicht bewältigten Corona-Pandemie „der reine Übermut“, wie er freimütig bekennt.
Der Orgel ist auch Haselböcks jüngste CD gewidmet. Die unliebsame „stille“ Zeit während des Lockdowns im Jänner hat er genutzt, um den Goldenen Saal des Musikvereins mit barocker Klangpracht zu füllen: An der großen Rieger-Orgel, an deren Bau er als Konsulent selbst maßgeblich beteiligt war, hat er in Kooperation mit seinem ehemaligen Schüler Jeremy Joseph Händels Orgelkonzerte op. 4 und op. 7 eingespielt.

Monika Mertl
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).

Monatsmagazin Musikfreunde November 2021

Musik, „die einen die Ohren spitzen lässt“ – sie ist es, die der Maler und Musikenthusiast Georg Baselitz vor allem, ja ausschließlich liebt: Tonkunst, die „einen zwingt, tiefer zu gehen“. In der bildenden Kunst – dem Metier, in dem er weltberühmt wurde – hat Baselitz selbst mannigfaltig Anstöße dazu gegeben, die Augen zu schärfen. Mit seinen Bildern, die „auf dem Kopf stehen“, bringt er Bewegung in die Köpfe der Betrachtenden. Animierend lädt er dazu ein, in die Tiefe zu gehen und neue Perspektiven zu finden. Für unsere „Musikverein Perspektiven“ ist er so ein idealer Partner. Ich freue mich besonders, dieses neue Programmformat im November mit Georg Baselitz beginnen zu können.

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