„Das Schönste, was es gibt“

Im Gedenken an Christa Ludwig

Keine sang wie Christa Ludwig. Sie setzte Maßstäbe und schenkte unvergessliche Erlebnisse – auch und besonders im Musikverein. Am 24. April 2021 starb sie, 93-jährig, in der Nähe ihrer Wahlheimat Wien.

Christa Ludwig und der Wiener Musikverein. Das war eine Einheit. Das Bild, das sich Musikfreunde davon gemacht haben, trägt ein Datum: Am Nachmittag des 25. April 1972 sang die schon damals unangefochtene Primadonna unter den Mezzosopranistinnen das Altsolo in Gustav Mahlers Dritter Symphonie. Leonard Bernstein stand am Pult der Wiener Philharmoniker. Und es waren Fernsehkameras dabei, die das Ereignis festgehalten haben. Mittlerweile ist dieser Videomitschnitt, der Musik, Interpretation und den Goldenen Saal so untrennbar zum Gesamtkunstwerk werden ließ, eine Ikone der Aufnahmegeschichte.
Die Ludwig und der Musikverein, das war eine Geschichte, die 1957 begann: In einer Aufführung von Beethovens „Missa solemnis“ sang das bereits weltberühmte Mitglied des Wiener Staatsopernensembles unter der Leitung jenes Mannes, der sie nach Wien engagiert hatte: Karl Böhm. Ihm war Christa Ludwig innig verbunden, ihm war sie teuer, wie sie auch Böhms Antipoden Herbert von Karajan teuer war. Nicht viele Sänger haben es geschafft, von beiden Dirigenten gleichermaßen geschätzt zu werden – und dann auch noch zur deklarierten Lieblingssängerin Leonard Bernsteins zu werden, ohne die Gunst der beiden anderen Maestri zu verlieren.

Die Ludwig war unverzichtbar. Sie sang einfach am schönsten von allen. Das klingt wie ein Gemeinplatz, aber es ist einfach wahr. Am schönsten und am innigsten. Je schlichter ihr Gesang wurde, umso bewegender empfand man, was da erklang. Und da war es natürlich die Musik Gustav Mahlers, die ihr am nächsten lag. Schon im Debütjahr 1957 sang Christa Ludwig die „Kindertotenlieder“ im Sonntagnachmittagskonzert der Tonkünstler unter Gustav Koslik, im Jahr darauf unter Hans Swarowsky die Altsoli in der Achten Symphonie und im „Lied von der Erde“; das erste Mal dieses „ewig ... ewig“, das nie vergessen wird, wer es aus ihrem Munde vernehmen durfte, kaum hörbar, aber von unfassbarer Intensität.
Die Ludwig hat dann auch zahllose Liederabende – meist an der Seite des unvergessenen Erik Werba – im Musikverein gegeben, Schubert und Brahms, Schumann und Hugo Wolf, aber auch Reger, Pfitzner, Alban Berg. Und immer wieder Mahler. Bei der Initialzündung zum bahnbrechenden Mahler-Zyklus Bernsteins mit den Philharmonikern war sie dabei: Neben Hilde Güden sang sie 1967 in der „Auferstehungssymphonie“. Im gleichen Jahr hatte sie unter Böhm schon die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ gesungen – ein „Männerzyklus“, gewiss, aber die Ludwig kannte keine Grenzen, solche schon gar nicht. Wie sie in der Oper höchste Soprantöne bei Beethoven, Wagner oder Richard Strauss erklomm, weil sie sich für sie ganz mühelos aus der dramaturgischen Notwendigkeit ergaben, sang sie auch als eine der ersten Frauen Schuberts „Winterreise“, eine grenzsprengende Erfahrung auch für die Hörer, in jeder Hinsicht.
Diese „Winterreise“ begleitete die Künstlerin lange, bis zu ihrer ausführlichen, lange geplanten und unwiderruflich absolvierten internationalen Abschiedstournee, 1994. Ihren letzten Soloabend im Großen Musikvereinssaal gab sie damals am 24. April. Zahlenmystiker suchen jetzt das Datum des legendären Mahler-Konzerts von Anno 72 – aber mit solchen Spekulationen wird man einer Christa Ludwig nicht gerecht. Sie war alles andere als abergläubisch. Und gar nicht sentimental.

Sprach man sie auf die ungeheure Wirkung mancher ihrer vokalen Leistungen an, dann konnte sie mit entwaffnendem Kichern entgegnen: „Ach was, das ist bloß die Lust am eigenen Geschrei.“ Für den Fluch der Ortrud, „Entweihte Götter“, in Wagners „Lohengrin“ mochte das gelten, mit dem sie Aufführungen unter den bedeutendsten Dirigenten zum Stillstand bringen konnte, weil das Publikum minutenlang vor Begeisterung tobte und das Orchester nicht weiterspielen konnte. Aber für ihre sensiblen, nach allen Regeln der Kunst feinsinnig abgestimmten Lied-Gestaltungen?
Keine sang das „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ wie sie. Da verschmolz alles in eins. Die Schönheit der Stimme, die Vorstellung von Transzendenz, die Mahler und Friedrich Rückert wohl vor Augen hatten, die Aufgabe aller vordergründigen Nomenklatur von Leid, Freude, Schmerz oder Erfüllung zugunsten einer Einswerdung mit dem Sein. Dergleichen kann Musik vermitteln. Dann, wenn jemand singt, wie diese Frau gesungen hat, unmittelbare Gefühlsregung und Reflexion vereinend. Dieselbe Stimme, die uns – bleiben wir noch bei Mahler – von den Qualen, der Perversion des „irdischen Lebens“ erzählt und die koketten Liebeshändel des „Rheinlegendchens“ geradezu neckisch ausgeplaudert hat, die konnte mit einem Mal auch Botschaften vom ganz und gar Irrationalen singen, vom Ende aller Sehnsüchte. Und damit tröstliche Gewissheit vermitteln. Eine Gewissheit, die sie selbst vielleicht, jenseits aller Koketterie über die eigene Kunst, empfunden haben mochte, wenn Mahlers Dritte nach ihrem „O Mensch! Gib Acht!“ mit dem großen Adagio zu Ende ging: eine halbe Stunde lang, mitten im Klang der von Leonard Bernstein dirigierten Philharmoniker. Sie selbst nannte das einmal „das Schönste, was es gibt“.

Wilhelm Sinkovicz
Dr. Wilhelm Sinkovicz ist Erster Musikkritiker und Ressortleiter der Tageszeitung „Die Presse“.

Monatsmagazin Musikfreunde Juli / August 2021

„Pan erwacht. Der Sommer marschiert ein.“ Gustav Mahler hatte diesen Titel im Sinn, als er den ersten Satz seiner Dritten Symphonie komponierte. Und etwas von dieser Stimmung liegt jetzt in der Luft. Glücklicherweise. Der Sommer ist da. Und ein starkes Erwachen: Erleichterung, Lockerung und große Zuversicht nach den langen Lockdowns. Seit Mitte Mai dürfen wir im Musikverein wieder Konzerte vor Publikum spielen, seit Mitte Juni gibt es weitere Öffnungen, ab Juli dürften endlich wieder Konzerte vor vollem Haus möglich sein. Wir alle freuen uns sehr darauf. Und mit großer Freude blicken wir so auch auf die kommende Saison!

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