Eine Uraufführung im Lockdown

Sofia Gubaidulinas „Der Zorn Gottes“ als Live-Stream aus dem Musikverein

Mitten in der von Corona erzwungenen Veranstaltungspause spielte das ORF RSO Wien unter Oksana Lyniv am 6. November 2020 die lange erwartete Uraufführung von Sofia Gubaidulinas Orchesterwerk „Der Zorn Gottes“. Dank vereinter Kräfte und digitaler Technik erklang die Musik aus dem leeren Großen Musikvereinssaal hinaus in alle Welt.

Im Musikverein ist die Musik zu Hause, hier wird sie lebendig – in „normalen“ Zeiten, aber auch in Zeiten von Corona, auch in Zeiten des Lockdowns. Zu einem besonders eindrucksvollen Lebenszeichen der Musik wurde am 6. November 2020 das „Claudio Abbado Konzert“ des Festivals Wien Modern im Großen Musikvereinssaal, das zur Gänze einer zentralen Komponistin unserer Zeit gewidmet war: Sofia Gubaidulina. 1989 hatte sie auf Einladung Abbados als allererste Komponistin bei Wien Modern gastiert, für 2020 war nun im Musikverein ein Portraitkonzert der 1931 in Tatarstan, Russland, geborenen und seit vielen Jahren nahe Hamburg lebenden Künstlerin programmiert. Es drohte im kurzfristig angesetzten Lockdown Corona zum Opfer zu fallen.  Wien Modern, ORF und Musikverein Wien jedoch bündelten ihre Kräfte und ermöglichten via kostenlosem Live-Stream den öffentlichen Zugang zu diesem Konzert, in dem das ORF RSO Wien unter Oksana Lyniv nach der Aufführung des Violakonzerts mit Antoine Tamestit am Soloinstrument das Orchesterwerk „Der Zorn Gottes“ aus der Taufe hob – ein Stück, dessen Uraufführung bereits mehrere Male, zuletzt wegen der Corona-bedingt abgesagten Osterfestspiele Salzburg, verschoben werden musste. Über die Facebook- und die Webseite des Musikvereins sowie über die Webseite von Wien Modern via Vimeo waren am 6. November rund 2.500 Zuhörerinnen und Zuhörer bei diesem Konzertereignis live dabei. Bis zum 13. November – so lange war das Konzert online abrufbar – zeigten rund 14.250 Musikfreundinnen und Musikfreunde in aller Welt Ihr Interesse. Wenige Tage vor der Uraufführung von „Der Zorn Gottes“ im Musikverein beantwortete Sofia Gubaidulina der Journalistin Anastassia Boutsko die folgenden Fragen:

Sofia Asgatowna, erzählen Sie uns von Ihrem Werk, dessen Uraufführung wir gleich erleben werden.
Dieses Werk ist Beethoven gewidmet. Dazu ist zu sagen: Es ist noch nicht vollendet. Es ist Teil eines größeren Werkes, das zu Beethovens Geburtstag im Dezember 2020 vollendet werden muss und aus zwei Teilen bestehen wird: einem „Prolog“, an dem ich jetzt arbeite, und dem Finale, „Zorn Gottes“, das Sie gleich hören werden.

Beide Teile haben einen gemeinsamen Titel, eine Widmung: „An den Großen Beethoven“.
Teil eins, „Prolog“, hat den Untertitel „Muss es so sein?“ – wie Sie verstehen, ist es eine Art Zwiegespräch mit Beethoven und seinem „Es muss sein?“ (zu Beginn des letzten Satzes in Beethovens F-Dur-Streichquartett; Anm.). Zweiter Teil, „Zorn Gottes“, hat ebenso einen Untertitel, und zwar: „Nein, so muss es nicht sein!“ Es muss nicht sein – dieser Anstieg des Hasses unter den Menschen! Den Menschen, die, wie mir scheint, gar nicht so schlecht, eigentlich sogar ziemlich erfolgreich und komfortabel leben. Ich erkenne das an der Weltlage, an einer allgemeinen Überanspannung der Zivilisation. Den Menschen geht es ziemlich gut. Und der Hass steigt dennoch mehr und mehr an. Warum? Das ist für mich eine der vorrangigsten Fragen.

Welche Bedeutung hat der Titel „Zorn Gottes“?
Was den Titel meines Werkes betrifft, so ist er, wie ich glaube, selbsterklärend, es bedarf keines weiteren Kommentars: Gott ist zornig. Er ist zornig, böse auf uns Menschen, auf unser Verhalten. Wir haben Schuld auf uns geladen!

Sie sprechen gerade von zwei Teilen, einem Prolog und dem Finale. Sind sie womöglich aber Bestandteile eines noch größeren Musik-Archipels, wie so oft bei Ihnen?
Natürlich kann jeder Teil dieses Werkes auch getrennt voneinander aufgeführt werden. Im Grunde genommen ist es aber das gleiche Thema, das mich schon lange höchst beschäftigt: das Dilemma von Liebe und Hass. Dem Hass, der in dieser Welt mit einer solchen Kraft und Intensität heranwächst, dass es mich wie jeden zeitgenössischen Künstler zwangsläufig berührt und berühren muss.  Mehr oder minder sprechen viele meiner Werke von ein und demselben – ob nun „Warum?“, oder das Violinen-Konzert „Du und ich“, und natürlich das Oratorium „Über Liebe und Hass“. Immer das gleiche Thema – jeweils anders interpretiert.

Wie wichtig ist für Sie in diesem Zusammenhang ein Dialog mit Beethoven, mit seinem „Es muss sein“?
Wenn ich an Beethoven denke, erkenne ich, dass ihn ähnliche Fragen beschäftigt haben. Gerade seine letzten Quartette – das ist natürlich nur meine Vermutung –, aber gerade in diesem Beethoven-Jubiläumsjahr fühle ich mich immer wieder in dieser Vermutung bestätigt: Auch er hat sich diese Frage immer wieder gestellt: „Wie muss es sein?“ beziehungsweise „Ob es sein muss?“. In diesem imaginären Dialog formuliere ich die Frage auch schon mal anders: statt „Muss es sein?“ – „Muss es so sein?“. Und meine Antwort lautet: So muss es nicht sein!

Hätten Sie Beethoven gern kennengelernt, mit ihm gesprochen?
Oh, ja! Aber eigentlich passiert es sowieso tagein, tagaus, indem ich mich mit seinen Themen beschäftige, seine Werke höre, seine Sonaten spiele. Ich rede ständig mit ihm.

Und antwortet er Ihnen?
Ja! Aber das ist ein Geheimnis. Das kann ich Ihnen nicht sagen ...

Ihr Werk wird beim Festival Wien Modern uraufgeführt. Welche Bedeutung haben heute noch die Musikfestivals?
Für mich ist es die wichtigste Form des Widerstandes der Menschheit gegen den geistigen Verfall überhaupt. Musikalische Tätigkeit ist enorm wichtig und heilend für die Welt.

Im Grunde genommen ist es aber das gleiche Thema, das mich schon lange höchst beschäftigt: das Dilemma von Liebe und Hass.