Ein Musikfreund im Fokus

Dietmar Katinger

Déjà-vu? Wo hat man dieses Gesicht schon gesehen, als das Foto durch die Medien ging? Das Foto von Dr. Dietmar Katinger, Geschäftsführer eines hochspezialisierten österreichischen Pharmaunternehmens, das jetzt eine Schlüsselrolle bei der Herstellung eines verheißungsvollen Corona-Impfstoffs spielt ... Sollten Klassikfans dabei an den Goldenen Saal gedacht haben – richtig! Ein Gesicht aus dem Chor. Als Sänger im Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien hat Dietmar Katinger hunderte Konzerte im Großen Musikvereinssaal gesungen.

Auch dem „Wall Street Journal“ war es eine große Geschichte wert. „If One Leading Coronavirus Vaccine Works, Thank This Tiny Firm in Rural Austria“ – das war der Titel der Story, die Anfang November erschien, zu Deutsch: „Wenn ein führender Corona-Impfstoff funktioniert, dann dank dieser kleinen Firma im ländlichen Österreich“. Aus der Perspektive der New Yorker Wall Street mag Klosterneuburg, Sitz der Polymun Scientific GmbH, ja wirklich zum ländlichen Österreich zählen – insgesamt bewies der Journalist beim Lokalaugenschein jedenfalls einen präzisen Blick. Das betraf nicht nur die wissenschaftliche Expertise bei der Beschreibung der angewandten Verfahren, sondern auch die Skizze des Polymun-CEO Dietmar Katinger: „The choir singer who wears Birkenstocks at work says ...“ Nun, vom Schuhwerk, in dem so beachtliche Schritte in Richtung auf den ersehnten Impfstoff gegangen werden, soll hier nicht weiter die Rede sein. Die „Musikfreunde“ interessieren sich für den Chorsänger: Dietmar Katinger, Mitglied des Singvereins der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, und das seit nunmehr 31 Jahren.

Sagenhafte 644

„Die Zahlen“. Seit Monaten hat uns Corona darauf getrimmt, an nichts anderes als das Pandemie-Barometer zu denken, wenn von „den Zahlen“ die Rede ist. „Die Zahlen“ gehen rauf, „die Zahlen“ gehen runter ... Genug davon! Hier soll eine Zahl stehen, die nichts als freudiges Erstaunen auslöst. 644. Sage und schreibe so viele Konzerte hat Dietmar Katinger als Bass im Singverein gesungen: das erste im September 1989 – Brittens „War Requiem“ – die vorläufig letzten, Numero 642, 643 und 644, im Oktober 2020, wieder im Großen Musikvereinssaal, mit Haydns „Schöpfung“. Auch wenn es unmöglich, ja vielleicht unstatthaft ist, in diesem Ensemble der Enthusiasten eine Art Ranking vorzunehmen, so kann man’s hier doch wagen (und niemand, aber wirklich niemand im Chor würde widersprechen): Der Dietmar ist im Singverein einer der Leidenschaftlichsten, Engagiertesten und Besten.

Erwiesen negativ für all das Positive

Beleg für These Nummer 3: Dietmar Katinger trat als Solist aus dem Chor unter Kapazitäten wie Mariss Jansons auf. Beleg für These Nummer 2: Er engagiert sich seit 2002 als gewähltes Mitglied im Leitungsgremium des Chors. In diesem ehrenamtlich agierenden Spitzenteam ist er für die Finanzen zuständig – und für so manches andere mehr. Zuletzt wirkte er dabei mit, dass der Singverein mit einem vorbildlichen Corona-Präventionskonzept in die Saison starten konnte. Screenings wurden perfekt organisiert, Gurgel-Sets direkt von Polymun für den Chor beschafft. So trat der Singverein erwiesen negativ aufs Podium, um sich all dem Positiven hinzugeben, für das er leibt und lebt. Womit wir bei der Leidenschaft wären.

Mit Bach durch den Lockdown

Er liebe, sagt Dietmar Katinger, besonders jene Werke, in die man sich „emotional voll reinlegen“ oder – O-Ton für Chorsänger – „voll reinhauen“ kann: eine Achte Mahler, ein Verdi-Requiem, das Brahms-Requiem nicht zu vergessen, die „Jeanne d’Arc“ von Honegger, aber auch Bach, die h-Moll-Messe, diese ganz andere Art der sängerischen Hingabe. „Während des ersten Lockdowns“, erzählt er, „war das mein Covid-Gesang.“ Gegen seine sonstige Gewohnheit nahm er das Auto, um von Wien in den Betrieb nach Klosterneuburg zu fahren – im CD-Spieler, zum ständigen Mitsingen, die h-Moll-Messe. Alternativ: Ella Fitzgerald. Auch wenn er samstags allein draußen in der Firma sitzt, um noch das eine oder andere aufzuarbeiten, läuft schon auch mal die Anlage im Büro und aktiviert den Sänger. Die Leidenschaft mag hier (ausnahmsweise) im Stillen leben – geheim bleibt sie nicht. Zu seinem 50. Geburtstag schenkte ihm die „Polymun“-Belegschaft Gesangsstunden beim renommierten Fachkollegen Klemens Sander.

Das Andere und das Ganze

Die Arbeit mit dem Profi fand er großartig, zehn Einheiten zum Feinschliff in Stimmsitz, Haltung, Vokalausgleich und vielem mehr – aber auch die spannendsten Explorationen im Einzelgesang ändern nichts daran, dass Dietmar Katinger beim Singen das Gemeinschaftserlebnis sucht und liebt. „Ich genieße es, in einem Ensemble zu sein, in dem ich mit-singe! Diese gemeinsam ausgelebte Emotion ist schon etwas ganz Tolles.“ Und dann noch mit diesen Orchestern, diesen Dirigenten! „Wenn ich auf das einmal zurückschaue“, sagt er, „kann ich nur unglaublich dankbar sein, es erlebt zu haben.“ Dass das Singen für den Naturwissenschaftler und Firmenchef einen Ausgleich bedeutet, ist klar. Katinger taucht in eine komplett andere Sphäre ein, wenn er um 18 Uhr zur Probe im Musikverein erscheint. Und doch ist dieses Andere nicht einfach eine Gegenwelt. Es hat, in der Tiefe verwoben, viel mit dem sonst Gelebten zu tun, strahlt zurück ins Berufliche, wirkt aufs Ganze: eben weil das Singen per se aufs Ganze geht.

Ein sehr spezielles Biotop

Der Ensemblegedanke ist eine der Verbindungen, die Katinger im Blick auf seine beruflichen Erfahrungen heraushebt. „Entwicklungen bei komplexen Aufgaben funktionieren nur im Team.“ Dieser Teamgeist prägt die Arbeit in seinem 90-köpfigen Unternehmen, aber er trägt auch wesentlich die Kooperationen, die jetzt zur Entwicklung des Corona-Impfstoffs führen. Polymun ist Teil von Ensembles. Und wie im Chor wäre das Ganze nichts ohne den Einzelnen, aber zum Ganzen wird’s erst im Zusammenklang. Dafür braucht es Sensibilität. Katinger spürt auch hier den Zusammenhang. „Als Dienstleister habe ich es mit den unterschiedlichsten Partnern und Kunden zu tun, ich muss heraushören können, was genau das jeweilige Anliegen ist. Und vielleicht verhält es sich ja wirklich so, dass das Musizieren auch diese Art des Heraushören-Könnens schult.“  Chorsingen schärft die Sinne, öffnet die Seelen, weitet den Horizont. „Ich begegne hier spannenden Leuten, die ich sonst nie kennenlernen würde“, sagt Dietmar Katinger, der „seinen“ Chor auch deshalb ganz besonders liebt. „Der Singverein“, sagt er, „ist schon ein sehr spezielles Biotop mit all seinen Mitgliedern zwischen 17 und über 70, Menschen aus den verschiedensten Berufen und Kontexten. Diese Art der Gemeinschaft ist etwas sehr Kostbares – besonders in einer Zeit der starken gesellschaftlichen Fragmentierungen. Die Echokammer-Bildung, die heute zu Recht beklagt wird, dieses Sich-Abschotten in Gruppen von Gleichdenkenden – dem setzt eine Institution wie der Singverein schon was entgegen!“

Musikland Österreich

Singen ist Hingabe und Reflexion. Es ist – auch das zeigt das Beispiel Dietmar Katinger – ständige Übung und gelebte Praxis. Gesungen wurde schon daheim, gemeinsam mit den Geschwistern, mit der Mutter und deren Vater auf Autofahrten im VW Käfer. Der Opa war Volksschullehrer, hatte sich im Pädagogischen Institut auf etlichen Instrumenten geübt, und auch Katingers eigene Volksschulzeit in Grinzing war musisch geprägt. Die Lehrerin brachte es fertig, Konzerte mit allen Kindern auf die Beine zu stellen: Jeder, aber wirklich jeder in der Klasse spielte mit. Klavierstunden und Gitarrespielen gehörten zu Katingers Kindheit und Jugend. Mit 17 meldete er sich zum Jeunesse-Chor. Debüt mit Friedrich Cerhas „Requiem für Hollensteiner“. Etwas später kam dann auch der WU-Chor dazu, Chorleiter Johannes Prinz, der 1991 den Singverein übernahm. Felix Austria, Musikland Österreich! „In the pandemic“, wird Dietmar Katinger im „Wall Street Journal“ zitiert, „the requirements are ideas and innovation.“ Ideen und Innovationen brauchen das Kreative. Und ziemlich sicher auch die Musik.

Joachim Reibe
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.