Alla breve

Der Jänner 2021 im Musikverein Wien

Der Duft der Oper

Ob technisch anspruchsvollste Koloraturen oder sanft fließende lyrische Gesangslinien – Vivica Genaux begegnet diesen wie jenen mit faszinierender Bravour. Für Wiens Musikfreunde bereitet die aus Alaska stammende Mezzosopranistin mit dem Bach Consort Wien ein Arienprogramm vor. 

Geradezu halsbrecherisch sind sie, viele Arien aus dem weiten Feld Oper. Fatale Voraussetzungen für das Instrument, die menschliche Stimme, die just in der „Gefahrenzone“ sitzt, nämlich im Hals. Nur wenigen ist es gegeben, der hohen Kunst bravouröser Arien gelassen zu begegnen, diese Musik mit ebensolcher Leichtigkeit und Eleganz über die Bühnenrampe zu bringen wie lyrische Gesänge. Mit ihrem brillanten Mezzosopran hat Vivica Genaux in den vergangenen zwei Jahrzehnten international Furore gemacht und sich vor allem als Interpretin von Barockmusik einen hervorragenden Ruf ersungen. 2017 verlieh ihr die Stadt Halle den Händel-Preis, zwei Jahre später folgte der Hasse-Preis der Johann-Adolf-Hasse Stiftung. In einem Werk von Hasse, der Serenata „Marc’Antonio e Cleopatra“, gab Genaux 2013 auch ihr Debüt bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Seither kehrte sie mehrere Male mit dem Bach Consort Wien in den Musikverein zurück. Dieses Ensemble unter der Leitung von Rubén Dubrovsky ist auch ihr Partner in einem Programm mit Opernarien aus der Zeit um 1700, mit dem Vivica Genaux den Brahms-Saal mit dem Duft der Oper erfüllt.

Bach Consort Wien
© Julia Wesely

Bach Consort Wien 

Bach Consort Wien

Rubén Dubrovsky 

Vivica Genaux
Arien von Giacomelli, Hasse,
Pollarolo, Torri, Sellitto und Bononcini

Freitag, 15. Jänner 2021, 17.00 Uhr

Valery Gergiev
© Marco Borggreve | Decca

Valery Gergiev 

Münchner Philharmoniker

Valery Gergiev
Leonidas Kavakos 

Mendelssohn Bartholdy: Ouvertüre und Scherzo
aus „Ein Sommernachtstraum“ 
Hartmann: Concerto funèbre für Violine 
und Orchester
Strauss: Schleiertanz aus „Salome“, op. 54
Tod und Verklärung, op. 24

Samstag, 16. Jänner 2021, 19.30 Uhr

Gautier Capuçon
© Felix Broede

Gautier Capuçon 

Münchner Philharmoniker

Valery Gergiev 
Gautier Capuçon

Prokofjew: Auszüge aus „Cinderella“,
op. 87 Symphonisches Konzert für
Violoncello und Orchester e-Moll,
op. 125 · Symphonie Nr. 5 B-Dur, op. 100

Sonntag, 17. Jänner 2021, 19.30 Uhr

Helles Entzücken

München leuchtete. Als Thomas Mann diesen Satz hinschrieb, 1902, leuchtete dieses München auch musikalisch, und das weit über die Stadtgrenzen hinaus. Schon 1898 hatten die Münchner im Wiener Musikverein für Furore gesorgt. Die Philharmoniker der Bayernmetropole begeisterten beim ersten Auslandsgastspiel ihrer Geschichte. Wenn die Münchner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Valery Gergiev wieder nach Wien kommen, wird eine große Tradition lebendig.

Die Strahlkraft Münchens, sie lockt die besten Musiker aus aller Welt. Das war auch so, als 1893 auf Privatinitiative von Franz Kaim, dem Sohn eines Klavierfabrikanten, ein Symphonieorchester in München gegründet wurde. Wenig später erschien dort ein junger Wiener am Pult, Ferdinand Löwe, Bruckner-Schüler und Absolvent des Konservatoriums der Gesellschaft der Musikfreunde. Er „mußte die Heimat verlassen“, schrieb man 1898 süffisant in Wien, als er mit dem Kaim-Orchester im Musikverein auftauchte, „um in der Fremde ein ergiebigeres Feld für seinen Thatendrang zu suchen und zu finden. Die ausgezeichneten Leistungen seines Orchesters haben hier lebhafteste Anerkennung, ja helles Entzücken erregt ...“ Für ihr Wien-Gastspiel im Jänner haben sich die Münchner Philharmoniker ein Programm mit Werken von Sergej Prokofjew ausgesucht – wer, wenn nicht Valery Gergiev, wäre dafür der Dirigent? –, und eines mit Musik der Münchner Karl Amadeus Hartmann und Richard Strauss. München leuchtet.


Pas de quatre

Zerstreuung, wenn möglich unbeschwert und leichtfüßig, ist in Zeiten notgedrungener Verlangsamung und erzwungenen Stillstands willkommene Abwechslung. Vier junge Cellistinnen laden dazu ein.

Darf und kann es in Zeiten wie diesen mit tänzerischer Leichtigkeit ins neue Jahr gehen? Wenn es nach Hannah Amann, Marlene Förstel, Elisabeth Herrmann und Theresa Laun alias „Die Kolophonistinnen“ geht, dann ja. Und gewiss ist: Wer sich musikalisch auf die vier jungen Cellistinnen einlässt, dem wird es gelingen. In ihrem charmanten Programm mit Titel „Pas de quatre – Die Kolophonistinnen tanzen auf“ warten sie mit Tänzen verschiedenster Gangart auf, mit Bekanntem in – zum Teil – eigenen Arrangements ebenso wie mit Raritäten, original für den einnehmenden, unvergleichlichen Sound von vier Celli komponiert. Mit dabei ein Tango passionato von Eduard Pütz, eine Pavane (op. 50) von Fauré, ein Marsch (Boccaccio) von Suppè, eine Sarabande (BWV 1012) von Bach und der martialische „Tanz der Ritter“ aus Prokofjews „Romeo und Julia“-Ballettmusik. Johann Strauß Sohn darf bei dieser Gelegenheit freilich auch nicht fehlen: Mit ihm geht es gleich zu Beginn im Eilschritt auf Ferienreise (Polka schnell op. 133) und im Dreivierteltakt wieder zurück an die schöne blaue Donau (Walzer op. 314).

Die Kolophonistinnen
© Nancy Horowitz

Die Kolophonistinnen 

Die Kolophonistinnen

Pas de quatre – Die Kolophonistinnen tanzen auf

Musik von Strauß Sohn, Fitzenhagen,
Pütz, Fauré, Jongen, von Suppè,
Bach, Matz und Prokofjew

Montag, 25. Jänner 2021, 20.00 Uhr

Alban Berg Ensemble Wien
© Andrej Grilc

Alban Berg Ensemble Wien 

Alban Berg Ensemble Wien

Janáček
Streichquartett Nr. 2, „Intime Briefe“
Werke von Martinů, Laks,
Haas und Dvořák

Mittwoch, 27. Jänner 2021, 18.00 Uhr

Die heißesten Küsse der Muse

Die Muse hat nie hitziger, nie leidenschaftlich verrückter geküsst als hier, in den „Intimen Briefen“ von Leos Janácek. Ein alter Mann, 74, schrieb sich kurz vor dem Ende seines Lebens in einen erotischen Taumel ohnegleichen hinein. So entstand eines der heißesten Werke der Kammermusik. Ein Stück, gezeugt aus sexuell befeuerter Fantasie. Aber kein Zeugnis des gelebten Lebens.

Was wollte dieser berühmte Mann von der 37 Jahre jüngeren Kamila Stösslová, einer biederen, netten Frau, verheiratet, zwei Kinder, Leserin von Groschenromanen und musikalisch völlig unbedarft? Die rätselhafte Beziehung war von einer Ferne geprägt, die Raum ließ für die Fantasie. Was sich der alternde Meister zusammenträumte, konnte und musste nicht am realen Leben gemessen werden. Der Stoff, aus dem die Träume sind, ist auch der Stoff der Kunst. Es dauerte Jahre, bis ihm Kamila endlich einen Kuss gewährte – viel mehr war es nicht. Aber Janáček sog daraus die ekstatische Leidenschaft des Schaffenden. „Es ist meine erste Komposition“, schrieb er an sie über die „Intimen Briefe“, „deren Noten von all dem Lieben glühen, das wir gemeinsam erlebt haben ... Meine Töne küssen alles von Dir.“ Nach seinem Tod versuchte Zdenka Janáčkova, die Ehefrau, die ein Leben an seiner Seite verbrachte hatte, den Titel des Werks zu unterdrücken. Verständlich. Aber vergeblich. Als „Intime Briefe“ steht Janáčeks Zweites Streichquartett nun auch auf dem Programm des Alban Berg Ensembles.