Der Elefant im Goldenen Saal

Fasching im Musikverein

Vom Babyelefanten sprach noch kein Mensch in Wien. Aber vom Elefanten im Musikverein war natürlich die Rede. Er hatte sich bei einer Faschingsveranstaltung in den Goldenen Saal geschlichen – mit Abstand der Höhepunkt einer rauschenden Redoute, bei der auch Masken nichts als Freude machten. Fasching im Musikverein: ein historisches Panoptikum, präsentiert von Archivdirektor Otto Biba.

Faschingsvergnügen war in Wien ursprünglich primär ein Ballvergnügen – erst im 20. Jahrhundert, besonders gegen dessen Ende, hat sich da manches geändert. Bälle, Maskenbälle, Redouten gab es in den etablierten Tanzsälen, in Sälen von großen Restaurants, in Mehrzwecksälen und seit der Eröffnung des neuen Musikvereinsgebäudes im Jahr 1870 auch hier. Bei der Planung des Hauses wurde davon ausgegangen, dass darin auch Bälle veranstaltet werden sollten. Das neue Musikvereinsgebäude sollte ein Tempel der Musik und des Tanzes werden – als elegante Ball-Lokalität wurde es eine einschneidende Konkurrenz für bisherige Ball-Veranstaltungsorte. Nicht zu vergessen: Die Vermietungen für Bälle waren eine wichtige Einnahmequelle der Gesellschaft.

Der Opernball im Musikverein

Die Gesellschaft der Musikfreunde hat ihre 1830 bis 1847 regelmäßig (davor und danach unregelmäßig) gegebenen Bälle 1870 im neuen Haus wieder als regelmäßige Veranstaltungen etabliert, zumindest bis 1883, dann fanden sie wieder unregelmäßig bis selten statt. 1949 gab es wieder einen Anlauf zum regelmäßigen Ball der Gesellschaft der Musikfreunde, der 1953 zugunsten des 1924 hier eingeführten Philharmonikerballs aufgegeben wurde. Die Bälle der Gesellschaft der Musikfreunde hießen ausdrücklich „Künstlerball“. Man ging hierher aber auch auf Redouten, veranstaltet von den Mitgliedern des K. K. Hofoperntheaters, oder auf den Ball des Pensions-Instituts der Hofoper. Um bei der Musik zu bleiben: Im Musikverein wurde anfangs auch der Opernball veranstaltet, der erst 1877 erstmals in der Hofoper stattfand und dort bescheiden „Hofopern-Soirée“ hieß. Es gab eine solche Vielzahl von Bällen, dass es sich wirklich lohnen würde, die Geschichte der Bälle im Musikverein als sozial- und kulturgeschichtliches Phänomen zu schreiben. Das waren Bälle, die bestimmte Berufsgruppen ansprechen sollten, Vereinsbälle, Bälle von sogenannten Landsmannschaften in Wien, Militärbälle und Wohltätigkeitsbälle.

Alles Walzer

Ein kleiner Einblick in deren Namen? „Juristen-Ball“, „Techniker-Ball“, „Ball der Land- und Forstwirte“, „Studenten-Ball“, „Ball des Gewerbebunds“, „Wiener Bürgerball“, „Concordia-Ball“, „Ball des Jockey-Clubs“, „Ball des Künstlervereins ,Hesperus‘“, „Elite-Ball des Schiller-Vereins ,Die Glocke‘“, „Ball des Vereins der Österreichisch-Schlesier“, „Rumänen-Ball“, „Ball der Einjährig-Freiwilligen“, „Ball zugunsten des Hernalser Offizierstöchter-Instituts“, „Marienbader Militär-Curhaus-Ball“, „Elite-Ball der Wiener Handelsakademie“, „Ball zum Besten der von der Überschwemmung Betroffenen“, „Ball zum Besten der Versorgungsanstalt erwachsener Bilder“, „Redoute zum Besten der Armen der Stadt Wien“, „Redoute zum Besten der Invalidenstiftung (mit der Kurzbezeichnung ,Invaliden-Redoute‘)“ ... Unvergleichlich hoch war im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts die Zahl der Maskenbälle bzw. -Redouten, die aufwendige Kostümbälle waren. Sie standen unter einem Motto, der Saal war diesem entsprechend dekoriert, die Besucher konkurrierten in fantasievollen Kostümen, und auch die Elefanten, die man bei einem   solchen Anlass im Saal sehen konnte, waren nur Verkleidung für mehrere Ballbesucher. Die Beschreibung der Kostüme und der meist szenischen Dekorationen füllte Spalten in den Zeitungsberichten.
Mit der Zunahme der Zahl von Musikveranstaltungen war immer weniger Platz für Bälle im Musikverein, und um die Mitte der 1950er Jahre reduzierte man die Ball-Vermietungen grundsätzlich. Man wollte sich in einer sogenannten Ballwoche auf den Philharmonikerball und den Techniker-Cercle konzentrieren, die heute noch jeder Wiener Ballbesucher mit dem Musikvereinsgebäude in Zusammenhang bringt. Der letzte Ball, der sich eine andere Lokalität suchen musste, war übrigens der traditionelle und bei weitem nicht nur von Bewohnern des dritten Bezirks besuchte Landstraßer Bürgerball, der in das Konzerthaus übersiedelt ist.

Erst Brahms, dann Tanz!

Eine besondere Veranstaltungsform, die die Gesellschaft der Musikfreunde für ihr 1870 neu errichtetes Gebäude gefunden hat, waren die sogenannten „Künstler-Abende“ im Großen Saal, die nicht speziell ein Faschingsvergnügen waren, aber im Fasching ihren Höhepunkt fanden. Für jeden Abend wurde das Vestibül um 20.30 Uhr geöffnet, um 21.00 Uhr war Einlass in den Saal, um 21.30 Uhr begann der Musikvortrag einer Regimentskapelle, danach war ein Konzert gemischten Programms mit namhaften Künstlern (auch Brahms konnte man da am Flügel erleben) und bedeutenden alten oder neuen Werken vorgesehen; da konnte man Beethovens Septett neben einem neuen Walzer von Johann Strauß (Sohn) oder ein Vokalquartett von Mendelssohn neben einer Arie aus „Aida“ hören. Dem folgte ein kurzer Sprechtheater-Beitrag, wie etwa zwei Szenen aus Grillparzers „Sappho“. Nach einer halb- oder einstündigen Pause gab es Tanz. Die Damen hatten in Soirée- oder Balltoilette zu erscheinen, die Herren ausschließlich in Balltoilette. Eigens für die Abonnenten der Künstlerabende gab es im Fasching zwei Tanzkränzchen und ein Kostümfest. Diese Abende bestanden bis 1883, im Jahr 1884 folgten gleich gestaltete „Künstlerabende der Wiener Kunstfreunde“, in der darauf folgenden Saison „Wiener Gesellschafts-Abende“: verschiedene Bezeichnungen für dieselbe Programmidee, die danach nicht mehr vergleichbar verfolgt wurde.

„Eine nicht gerade kleine Nachtmusik“

Faschingskonzerte gab es erst relativ spät im Musikverein. Das erste wurde 1948 vom Wiener Männergesang-Verein veranstaltet; die Chorvereinigung „Jung Wien“ folgte 1957 und gab bis 1981 sieben weitere  Faschingskonzerte im Musikverein. Spektakulär waren die von den Wiener Symphonikern in den Jahren 1984 bis 1988 nach Ideen des Orchestermitglieds Peter Waite veranstalteten Faschingskonzerte. Da konnte man Magic Christian, Gottfried von Einem oder Orchestermitglieder im ihnen fremden Metier des Dirigenten erleben, Fritz Muliar oder Gerhard Bronner wirkten mit, es wurden originelle, wenn auch nicht unbedingt faschingsaffine Kompositionen aufgeführt, musiziert wurde auch auf dem einen oder anderen „Gerät“. 2005 leitete Peter Planyavsky ein Faschingskonzert der Wiener Symphoniker mit von ihm komponierten bzw. arrangierten Werken wie „Cactus tragicus“, „Die Schaffnerin aus Liebe“, „Eine nicht gerade kleine Nachtmusik“ und „Ankunftssymphonie“. Ernstes und Heiteres mischten die Wiener Symphoniker bei ihrem letzten Faschingskonzert im Musikverein 2012: Ingo Metzmacher dirigierte Werke von Schönberg und Schostakowitsch, Lehár und Kálmán.

Spaß mit Ernst

Seit 1994 und dann in dichterer Folge zwischen 1998 und 2017 veranstaltete die Gesellschaft der Musikfreunde im Brahms-Saal eigene Faschingskonzerte: dies mit den philharmonischen Gruppierungen Ensemble Wien und Wiener Virtuosen. Es waren Scherz- wie Frohsinns-Konzerte – bei den Wiener Virtuosen konzipiert und oft auch moderiert von Ernst Ottensamer, dem philharmonischen Soloklarinettisten –, Konzerte mit vielen „lachhaften“ Verfremdungen, manchmal aber auch nur Freude mit Musik vermittelnd, unterstützt mit dem einen oder anderen passenden Arrangement von Dieter Flury und anderen Kollegen. Werner Pirchner komponierte für das Konzert im Jahr 2001 „Der Dunst des Fusels. Ein musikalisches Bühnendrama mit szenischen Bewegungs-Kreationen für Violine, Viola, Cello, Kontrabass, Klarinette, Fagott und vier gestimmten Weinflaschen“. Zwei Jahre später bot die zweite Programmhälfte ein von Ernst Ottensamer höchst intelligent zusammengestelltes und die Lachmuskeln strapazierendes Potpourri unter dem ebenso vielversprechenden wie nichtssagenden Titel „Ich lade gern mir Gäste ein ... mit dem Circus Renz, Gartenschläuchen und anderen Kuriositäten“. Und wenn 1999 „Sträusse, Blumen und Blüten, überreicht von Ernst Ottensamer und den Wiener Virtuosen“ angekündigt wurden, konnte man sich nichts vorstellen, aber musikalischer Unterhaltung im besten Sinn mit tollen Spaßeffekten sicher sein. Mit dem plötzlichen Tod von Ernst Ottensamer im Juli 2017 haben diese Konzerte keine Fortsetzung gefunden. Denn Faschingskonzerte lassen sich nicht programmieren wie andere, man muss in und mit diesen Frohsinns- und Scherz-Facetten der Musik leben, um sie vermitteln zu können.

Otto Biba
Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.