Editorial

Dezember 2021

Liebe Musikfreundinnen und Musikfreunde,

Übung macht den Meister, heißt es. Aber wie übt ein Meister? Rudolf Buchbinder übt, wie er sagt, „äußerst konzentriert“. In seinem Zimmer, erzählt er im „Musikfreunde“-Interview, habe er sich jetzt Jalousien machen lassen, „weil ich von der schönen Aussicht abgelenkt bin. Und mich lenken auch diese vielen Noten ab, weil ich immer verführt bin, nach drei Takten in die verschiedenen Ausgaben zu schauen.“ Das ist natürlich mit einem Augenzwinkern gesagt. Denn diese Ausgaben lenken nicht ab. Sie lenken hin: zu den Fragen, die wieder und wieder gestellt werden wollen. Auch Rudolf Buchbinder stellt sie stets aufs Neue. Die Erstausgaben und Editionen, die er sammelt und bibliophil pflegt („Ich habe einen guten Buchbinder!“), sind ein Quell des Wissens und der Inspiration, der unerschöpflich ist.

So sagt es auch Franz Welser-Möst in seinem Interview für diese „Musikfreunde“-Ausgabe, bezogen auf sein kommendes Konzert mit Mahlers Neunter. „Die Beschäftigung mit so großen Kunstwerken endet ohnehin nie, kann gar nie enden. Ich würde sogar sagen, dass sie auch dann unbewusst weitergeht, wenn man die Partitur nicht in der Hand hat: indem man Literatur aus der jeweiligen Epoche liest, sich anderen Kunstsparten widmet … Der Reifungsprozess setzt sich fort.“ Überhaupt ist in dieser Ausgabe viel und sehr wesentlich von der hermeneutischen Grundfrage die Rede: Wie entsteht Interpretation? Information allein ist dafür zu wenig, wie auch Franz Welser-Möst betont. „Information und Wissen sind verschiedene Dinge … Bildung ist das Ordnen und Verknüpfen von Information.“

Bei der Gesellschaft der Musikfreunde hat solches Wissen einen herausragenden Platz. Mit Archiv, Bibliothek und Sammlungen verfügt sie über eine Institution, die eine unschätzbare Fülle von Information zu Wissen verknüpfen und zu Bildung anregen kann. Der Musikverein ist darin auch ganz aktiv engagiert – denken wir nur an unsere neue Serie für Kinder „Die Musikforscher“, bei der unser Archiv eine herausragende Rolle spielt. Wissen ist das Fundament, um schöpferisch zu sein und ein kreativ Suchender zu bleiben. So wie Rudolf Buchbinder. Wir starten unser Dezember-Programm – und darauf freue ich mich besonders – mit einem Konzert zu und an seinem 75. Geburtstag. Unserem Ehrenmitglied alles Liebe und Gute!

Herzlich

Dr. Stephan Pauly

Intendant der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Monatsmagazin Musikfreunde Dezember 2021

Übung macht den Meister, heißt es. Aber wie übt ein Meister? Rudolf Buchbinder übt, wie er sagt, „äußerst konzentriert“. In seinem Zimmer, erzählt er im „Musikfreunde“- Interview, habe er sich jetzt Jalousien machen lassen, „weil ich von der schönen Aussicht abgelenkt bin. Und mich lenken auch diese vielen Noten ab, weil ich immer verführt bin, nach drei Takten in die verschiedenen Ausgaben zu schauen.“ Das ist natürlich mit einem Augenzwinkern gesagt. Denn diese Ausgaben lenken nicht ab. Sie lenken hin: zu den Fragen, die wieder und wieder gestellt werden wollen. Auch Rudolf Buchbinder stellt sie stets aufs Neue. Die Erstausgaben und Editionen, die er sammelt und bibliophil pflegt („Ich habe einen guten Buchbinder!“), sind ein Quell des Wissens und der Inspiration, der unerschöpflich ist.

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