Neubeginn 1945

Der Musikverein vor 75 Jahren

Es sei ein faszinierender Gedanke, sagte Altbundespräsident Heinz Fischer im Jänner 2020 bei seiner Festansprache zum 150-Jahr-Jubiläum des Musikvereinsgebäudes, diese 150 Jahre in zwei Hälften zu teilen und über die jeweiligen geschichtlichen Entwicklungen nachzudenken. Die imaginäre Trennlinie war auch tatsächlich eine starke Zäsur. 1945 wurde die faktisch abgeschaffte Gesellschaft der Musikfreunde in Wien wiederhergestellt. 

Am 30. April 1945 wurde mit Dekret des Wiener Magistrats unter seinem Bürgermeister Theodor Körner ein sich selbst konstituiert habender fünfköpfiger provisorischer Vorstand bestätigt, der die 1938 aufgelöste Gesellschaft der Musikfreunde als demokratischen Verein wiederherzustellen hatte. Er nahm an diesem Tag die Instandsetzungsarbeiten am Gebäude in Angriff, das während der tobenden Schlacht um Wien vom 5. bis zum 13. April durch Granattreffer der in Favoriten stationierten Roten Armee am ganzen Dach und an der Ecke Karlsplatz/Canovagasse schwer beschädigt worden war. 
Im ebenfalls, wenn auch nicht so dramatisch beschädigten Konzerthaus gab es am 21. April ein Konzert für sowjetische Soldaten und am 27. April das erste Konzert der Wiener Philharmoniker nach Kriegsende. Es hatte symbolische Bedeutung in einer auch für die Musik chaotischen Zeit. Die Wiener Philharmoniker brachten erst im September ihre Abonnementkonzerte der Saison 1944/45 zum Abschluss. Die Gesellschaft der Musikfreunde startete ihre neue Konzertsaison 1945/46 am 7. Oktober 1945, die Wiener Konzerthausgesellschaft am 5. Dezember. Davor (und danach) nutzten vor allem die Besatzungsmächte die Konzertsäle, nebstbei gab es mutige Versuche von Künstlern und Ensembles, als Eigenveranstalter im Musikverein oder im Konzerthaus wieder ein Publikum zu finden. 

Ein echt österreichisches Konzert

Im Brahms-Saal des Musikvereins konnte am 28. Juni das erste Konzert nach Kriegsende stattfinden, ausschließlich mit Werken von Komponisten, die in der NS-Zeit nicht aufgeführt worden waren. Am 
16. September 1945 gab es im Großen Musikvereinssaal das „Eröffnungs-Festkonzert aus dem Anlasse der Wiederherstellung des Musikvereinsgebäudes“. Josef Krips, in der NS-Zeit mit Berufsverbot belegt, stand am Pult der Wiener Philharmoniker. „Das Kleine Volksblatt“, damals die einzige Tageszeitung Wiens, die schon in der Zwischenkriegszeit existiert hatte und nun wieder zugelassen wurde, berichtete darüber:
„Sonntag eröffnete der Musikvereinssaal seine Tore für das erste Konzert in dieser Saison. Die Sommermonate waren dazu verwendet worden, die Bauschäden zu beheben, die während der Kämpfe dem ehrwürdigen Gebäude zugefügt worden waren. Nichts ist natürlicher, als daß die Philharmoniker das Eröffnungskonzert spielen mußten, das Prof. Josef Krips mit gewohnter Umsicht und mit seinem bekannten Temperament leitete. Zur Einleitung sang der Chor der Staatsoper ,Die Himmel rühmen‘ von Beethoven, darauf begrüßte Doktor Alexander Hryntschak, der [provisorische] Leiter der Gesellschaft der Musikfreunde, das Publikum in einer besonders liebenswürdigen Ansprache. Das Konzertprogramm bestand aus der VIII. Symphonie H-Moll von Schubert und der VII. Symphonie Es-Dur von Bruckner. Man hätte kaum ein besseres und passenderes Programm finden können [...]. Es war ein echt österreichisches Konzert und am Schluß erhob sich stürmischer Jubel, der sich zu einem frenetischen Begeisterungsorkan steigerte, als sich unsere Philharmoniker erhoben, um für den Applaus zu danken. [...] Bei der Besprechung dieser Wiedersehensfeier darf das Publikum nicht vergessen werden. Es gab hohe Ehrengäste, die der Veranstaltung beiwohnten, es gab eine ganze Menge liebe bekannte Erscheinungen, ohne die ein Wiener Konzert gar nicht denkbar ist, aber es gab auch eine große Zahl von Offizieren und Soldaten in den Uniformen der Vereinten Nationen [soll heißen: Alliierten]. Und diese ‚Ausländer‘ begrüßten ihre Wiener Bekannten im reinsten Wienerisch, es waren Oesterreicher, die auf Seite der Alliierten für die Freiheit Oesterreichs gekämpft hatten und jetzt in die Heimat zurückgekehrt sind.“ 

Trotz Schutthalden und Pappe in den Fenstern

Den Bericht über die Wiedereröffnung eines berühmten, kriegsbeschädigten Konzertgebäudes mag man sich vielleicht anders vorstellen. Aber im Mai 1945, in den ersten Tagen nach Kriegsende hatte man die Konzerte im Musikverein wohl kaum vermisst, und danach war man die übliche Sommerpause des Konzertbetriebs gewohnt. Auch wenn wegen abendlicher Ausgangssperren, eines schwer beeinträchtigten öffentlichen Verkehrs, Schutthalden in den Straßen und Pappe wie Sperrholz statt Glas in den Fenstern des Musikvereinsgebäudes von einer Normalisierung noch lange nicht die Rede sein konnte: Die Konzertsaison begann mit diesem Konzert sozusagen wie gewohnt oder sogar etwas früher. Die Überschrift dieses Berichts lautet übrigens „Eröffnungskonzerte im Musikvereinssaal“, weil am frühen Abend dieses 16. September 1945 das erste Konzert der 1944 stillgelegten und nun wieder installierten Wiener Symphoniker stattfand. 
Die eigentlichen Themen in den Zeitungen dieser Tage waren freilich Lieferungen von Lebensmitteln, Kohlen und Fensterglas nach Österreich, die mit Essensmarken erhältlichen Lebensmittelrationen oder auch die Wiedererrichtung einer von der SS gesprengten Brücke zwischen Klosterneuburg und Kritzendorf, womit der Verkehr zwischen Wien und Greifenstein wieder durchgehend möglich war.

Das altvertraute, unvergleichlich warme Echo

Seit 23. April 1945 erschien die von den Gründungsparteien der Zweiten Republik (ÖVP, SPÖ, KPÖ) herausgegebene Tageszeitung „Neues Österreich“, die für eine positive Aufbruchstimmung in dieser überaus schwierigen Zeit stand. Ganz so formulierte Dr. Peter Lafite seinen Bericht über das Konzert am 16. September: „Nun lauschen wieder die goldenen Karyatiden den Klängen unserer Philharmoniker, der Große Musikvereinssaal ist neu erstanden und bereitet dem hauchzarten Pianoduft der Streicher und dem metallischen Glanz der Bläserchöre das altvertraute, unvergleichlich warme Echo. Es war ein denkwürdiges Ereignis, als im Rahmen eines von der Gesellschaft der Musikfreunde veranstalteten Festkonzerts der Philharmoniker Sonntag der wiederhergestellte Große Musikvereinssaal eröffnet wurde. Der Staatskanzler, der Kardinal und viele andere Spitzen des öffentlichen Lebens waren anwesend, als unter den orgelbegleiteten Klängen der ‚Ehre Gottes‘ von Beethoven der Saal seiner Bestimmung wiedergegeben wurde. Der [designierte] Präsident der Musikfreunde, Dr. Hryntschak, drückte in seiner Einleitungsrede die Hoffnung aus, daß der Große Musikvereinssaal auch in Zukunft die Mission erfüllen werde, die besten Künstler aus aller Welt heranzuziehen und zu einem Wettstreit aufzufordern. Dann erklang das eigentliche Konzert. [...] Unter dem Eindruck des bedeutenden Ereignisses im Musikleben unserer Stadt bejubelte man die Philharmoniker, ihren vortrefflichen Dirigenten und die wiedergewonnene Heimstätte klassischer Wiener Musikkultur.“

Otto Biba
Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien