Naheverhältnisse

Über das Raumgefühl im Konzert

Social Distancing. Unschön schiebt sich das Wort, ein verbaler Babyelefant, in unsere Verhältnisse. Auch im Konzertsaal fordert es seinen Tribut, will beachtet und gelebt werden. Aber ging es hier nicht immer schon ein bisschen eng zu?

Eng ist’s. Sehr eng. Und heiß! Der Novize, der es erleben muss, leidet. „Wie lang wird denn das noch dauern?“ An ein Entkommen ist nicht zu denken. Damit muss er sich abfinden, denn er sitzt in einem Konzert. Im Musikverein. Und hier sitzt er so richtig fest. „Wenn ich wenigstens einen Ecksitz hätt’! – Also Geduld, Geduld! Auch Oratorien nehmen ein End’!“ Das tun sie. Aber damit ist’s noch lange nicht vorbei mit dem Eingeengt- und Eingezwängtsein. „Herrgott, ist das ein Gedränge bei der Garderobe! ... So! Ob der Blödist meine Nummer nehmen möcht’?“ Arthur Schnitzler hat es so geschildert: Impressionen aus dem Musikverein – aus der Sicht eines, der, wie er selbst findet, „nicht herg’hört“. Leutnant Gustl. 

Gedrängel und Gerangel

Das Gedrängel wird dann noch zum Gerangel – Kenner der berühmten Novelle wissen es natürlich. Vor der Garderobe lässt sich der Leutnant, durch die Enge in erhöhtem Aggressionszustand, auf einen verbalen Schlagabtausch mit einem Bäckermeister ein. Dass der ihn ungestraft einen „dummen Buben“ nennen kann, treibt den insultierten Offizier dem Selbstmord entgegen. Ums Haar hätte er sich umgebracht, wäre da nicht die Nachricht gekommen, dass den Bäckermeister der Schlag getroffen habe. Gleich nach dem Konzert. Bevor er noch in seiner Wohnung war ...
Ja, was die Enge aus den Menschen machen kann! In Schnitzlers Erzählung geht es in erster Linie um die Enge eines absurden Ehrbegriffs, der in einem unausgereift engen Leutnantshirn den größten Unsinn anrichten kann. Aber dass die Enge im Konzertsaal mit hineinspielt, verleiht dem Text einen zusätzlichen kulturhistorischen Reiz. War (und ist) es wirklich so eng in diesem Raum? Wie empfand man das Einander-nahe-Sein im Musikverein? 

Planungsfehler oder Inszenierung?

Schnitzlers Novelle erschien erstmals 1900, damals noch als „Lieutenant Gustl“, in der Weihnachtsbeilage der „Neuen freien Presse“. In dieser Zeitung hatte dreißig Jahre zuvor Wiens oberster Musikkritiker Eduard Hanslick zarte Vorbehalte gegen das soeben eröffnete Musikvereinsgebäude angemeldet. „Prachtvoll und blendend ist der neue Saal wie kein zweiter; der glänzendste in Wien und wohl weit darüber hinaus“, das räumte auch Hanslick unumwunden ein. Aber er frage sich, ob dieser Saal „nicht zu glänzend und prachtvoll sei für einen Concertsaal“, „die musikalische Einkehr des Hörers, dieses gesammelte, innerlich mitarbeitende Geniessen“, fand Hanslick, solle doch nicht zu sehr zerstreut werden „durch luxuriöse Pracht der Wände“. „Der Engländer“, erzählte er seiner Leserschaft, sehe das anders. Er verwende „selbst in seinen stattlichsten Concertsälen sehr wenig auf decorativen Luxus, um so mehr auf die Grösse der Dimensionen“. Im Musikverein aber gehe „durch die goldenen Hermen zu beiden Seiten des Parterres viel Raum verloren ...“ Eine zweite umlaufende Galerie hätte speziell mehr Platz für preisgünstigere Sitze geboten, dies auch anstelle des zu kleinen Stehparterres, das, so Hanslick, „nebenbei gesagt, an und für sich eine Barbarei“ sei, „im Concerte wie in der Oper“.
Knapp beieinander war man aber auch bei den besseren Plätzen. „Die Sitze“, so das „Neue Wiener Tagblatt“ nach dem Eröffnungskonzert, „erwiesen sich als etwas enge und unbequem.“ War das ein Planungsfehler, der dem Stararchitekten Hansen unterlief? Oder steckte nicht sogar Methode in dieser Enge? War sie nicht sogar, ganz bewusst, die räumliche Inszenierung eines Naheverhältnisses?

Konversation versus Konfession

Fast wie in der Kirche ... Dem ortsunkundigen Leutnant drängt sich der Gedanke auf. Wobei die Kirche, räsoniert er im inneren Monolog, „das Gute“ habe, „dass man jeden Augenblick fortgehen kann“. Nicht so an diesem Ort, an dem man auch dem Auge spezielle Blicke verwehren muss. „Ich möcht’ mir den Operngucker von dem Herrn neben mir ausleih’n, aber der frisst mich ja auf, wenn ich ihn in seiner Andacht stör’“. Andacht und Anstand gehören in diesem Raum zusammen, der Leutnant spürt es, ohne dass man’s ihm sagen müsste. Aber auch ein Abstand ist da, ein innerer, fühlbarer: der Abstand, der zwischen den Hörenden und dem Höheren der Kunst liegt. Auf kurzem Weg ist er nicht zu überwinden. Es braucht Bemühen, Konzentration und Disziplin, um dem Anspruch zu genügen, der von der Musik in diesem Raum ausgeht. 
In der Oper, findet Leutnant Gustl, ist das etwas anderes. „In der Oper“, fällt ihm ein, „unterhalt’ ich mich immer, auch wenn’s langweilig ist. Übermorgen könnt’ ich eigentlich wieder hingeh’n, zur ,Traviata‘.“ 1869 wurde das Gebäude der Wiener Hofoper eröffnet, ein Jahr vor dem Musikverein. Auch ein Gustl fand dort, was er suchte. „In den Logen“, so eine Wiener Zeitung über den Opernneubau, „kann man den Bedürfnissen der Konversazion und des intimen geselligen Verkehrs in der bequemsten Weise nachkommen, und der Logen gibt es 113 vom Parterre bis zum dritten Stock.“ Logen wurden in Hansens Musikvereinsgebäude nur angedeutet. Und klar war, dass die „Konversazion“ hintangestellt war. Wer hierher kam, der sollte schon konvertiert sein zum Glauben an die Macht der Musik. Es war die gemeinsame Konfession, die die Menschen nah aneinanderrücken ließ. 

Per aspera ad astra

Kein Komponist hat den Anspruch der Kunst so entschieden formuliert wie Ludwig van Beethoven. Das Neue seiner Musik forderte eine neue Haltung des Hörens. Seine Ideenkunstwerke ließen das bloße Unterhaltungsbedürfnis weit unter sich und machten ihn, den schöpferischen Genius, zum Idol einer neuen Musikkultur. Wer sich seiner wert und würdig erweisen wollte, der musste sich auf Geistesarbeit einlassen – per aspera ad astra. Beethovens „Fünfte“, die dieses Programm mit fulminanter Sinnfälligkeit umsetzt, stand nicht zufällig im Zentrum des Eröffnungskonzerts im Großen Musikvereinssaal 1870. 
„Wenn mich auch nur einige verstehen, so bin ich zufrieden“, hatte Beethoven 1796 als Neuling in Wien von sich wissen lassen. Die Salons der Hocharistokratie waren erst einmal die Zirkel der „Einigen“, die ihn verstanden, und sie blieben auch später wichtig für ihn. Hier war die Nähe noch nicht mit Enge gepaart. Aber klar war, dass Beethoven mehr und mehr hinausdrängte an die (sich erst bildende) Öffentlichkeit. Die Uraufführung seiner Siebten Symphonie, kombiniert mit dem spektakulären Schlachtengemälde „Wellingtons Sieg“, mobilisierte die Massen. Und die Neunte sprach es dann aus: „Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt.“ Spätestens jetzt war die Enge mit der Menge verbunden. Umarmt von Beethovens Musik, schmiegten sich die Menschen zusammen. 

Das große Wir-Gefühl

Im Freudentaumel dieses Finales wird offenbar, dass auch ein Beethoven sich nicht mit dem bloßen Verstandensein begnügen will. Zur Überzeugung darf, ja muss die Überwältigung kommen. So treibt die emotionale Woge hoch in der Enge, so entsteht das große Wir-Gefühl, zu dem der Abstand nicht mehr passen mag. Und so – schreibt E. T. A. Hoffmann in seiner berühmten Besprechung von Beethovens Fünfter Symphonie – „öffnet uns auch Beethovens Instrumentalmusik das Reich des Ungeheuren und Unermesslichen“. „Wir“, „uns“ ... Auch der Dichter greift zum Plural, wenn er Worte sucht für das Erlebnis dieser Musik. Alles wühle sie in uns auf, sagt Hoffmann, „wir werden Riesenschatten gewahr, die auf- und abwogen, enger und enger uns einschließen und alles in uns vernichten; nur nicht den Schmerz der unendlichen Sehnsucht ...“ 
Freilich: Wenn dem so ist, dann mag auch der Abstand, der uns jetzt auferlegt ist, neu und vertiefend auf uns wirken. Die Sehnsucht, die in uns steckt – in mir und dir und Ihnen –, sie ist im Grund doch ein tiefpersönliches Empfinden. Wir werden es stärker spüren in den Konzerten der Corona-Zeit. Der Abstand öffnet neue Perspektiven auf das, was uns wirklich nahe ist.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.