"Mich interessiert die Conditio humana"

Andrés Orozco-Estrada

Sein Debüt im Großen Musikvereinssaal  gab er 2003, als er, gerade einmal 25, zum Abschluss seines Studiums an der Musikuniversität Wien das ORF RSO Wien dirigierte. Jetzt ist Andrés Orozco-Estrada 42 und neuer Chefdirigent der Wiener Symphoniker. Damit ist der Kolumbianer endgültig in seiner musikalischen Heimat angekommen. Dass er dies im Musikverein mit Haydns "Schöpfung" feiern möchte, ist durchaus ein Bekenntnis. 

Was die Arbeit mit Orchestern betrifft, ist er mittlerweile mit allen Wassern gewaschen. Als Erstes hatte ihn das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich zu seinem Chef gekürt. In der Folge machte er international Karriere, übernahm zuletzt gleichzeitig das Houston Symphony Orchestra in Texas und das hr-Sinfonieorchester in Frankfurt. „Ich bin für große Herausforderungen“, postuliert Orozco-Estrada, und es klingt aus seinem Mund kein bisschen überheblich. Den Spagat zwischen der Neuen und der Alten Welt erlebte er als Intensivlehrgang in Sachen Orchestermentalität: „Es war eine interessante Entdeckung, wie sehr der Umgang mit Autorität kulturell und historisch geprägt ist. In Amerika habe ich das Gefühl, dass man der Autorität folgt, ohne viel zu hinterfragen. Die Musiker sind technisch sehr gut vorbereitet, man kann eigene Ideen direkt und schnell vermitteln, das wird alles sehr effizient gemacht, man ist schnell am Ziel. In Deutschland wird vieles hinterfragt, da werden Erklärungen gewünscht, daraus ergibt sich ein ganz anderer Prozess.“ 

Selbstbewusstsein und Empathie

Und wie ist das in Wien? – Orozco-Estrada schmunzelt. „Die Wiener haben große Herzen, sie sind nur nicht immer bereit, sie zu öffnen.“ Dank der für ihn charakteristischen Mischung aus Selbstbewusstsein und Empathie hat er aber schnell gelernt, worauf es ankommt. „Die Mentalität hier ist wirklich einzigartig, ganz individuell. Man muss mitmachen wollen, man muss sich integrieren, um das Beste herauszuholen. Und man muss in dieser geschlossenen Tradition die Freiräume suchen, erobern, manchmal auch erfinden, wo man bereichernd wirken kann. Wenn das gelingt, gibt’s keine Garantie, dass man dafür geliebt wird. Aber wenn man es schafft, sich zu integrieren und sich gleichzeitig treu zu bleiben, gewinnt man Respekt – geliebt oder ungeliebt.“ 
Dass er auf Proben nicht zu ausführlichen Erläuterungen neigt, sondern sich stark auf seine Intuition verlässt, hat zu seiner Beliebtheit hierzulande zweifellos beigetragen. „Ich liebe den Prozess, wie man zu einem Ergebnis kommt. Ich rede wenig. Wenn es sich ergibt, dann gerne, aber eher technisch. Ich gebe klare Anweisungen – mit einer Begründung. Das ist es, was ich in Amerika und Deutschland gelernt habe; wenn ich diese Erfahrungen kombiniere, gelingt mir die Balance. Ich bin kein Exzentriker, ich bin eher ein Humanist. Ich suche nicht die Extreme, um mich zu präsentieren. Bei mir sind die musizierenden Seelen im Vordergrund. Für mich ist Harmonie das stärkste Ausdrucksmittel. Aber Harmonie bekommt man nur, wenn man die Extreme kennt.“
Das Reden über Musik praktiziert Orozco-Estrada in einem anderen Zusammenhang, mit großer Begabung und großer Leidenschaft. Seit einiger Zeit entwickelt er spezielle Gesprächsformate, die die Zuhörer möglichst praxisnah an die Musik heranführen und auch zur aktiven Beteiligung animieren sollen; die „Spotlight“-Konzerte, bei denen er jeweils ein Werk erläutert, sind in Frankfurt zu regelrechten Hits geworden. 

Die Zeit ist reif

Sein Debüt am Pult der Wiener Symphoniker gab Orozco-Estrada 2006, mit einem für diesen Anlass denkbar ungünstigen Schumann-Programm, das für ihn Neuland war und das er an Stelle von Wolfgang Sawallisch übernommen hatte – mitsamt dem von diesem eingerichteten Notenmaterial. Ein Schockerlebnis. „Es war zu früh, musikalisch, menschlich, künstlerisch. Ich war noch nicht so weit, und auch das Orchester war noch einer Mentalität verhaftet, die heute völlig verschwunden ist. Ich war damals einfach nicht reif genug, damit umzugehen.“ Aus seiner Warte wäre diese erste Begegnung zugleich die letzte gewesen. „Ich dachte, warum soll man sich das antun, wenn es für beide Seiten so unangenehm ist.“ Doch dann wurde er von Musikverein und Symphonikern neuerlich eingeladen: „Das war dann das echte Debüt, mit Rossinis Stabat Mater und Richard Strauss’ ‚Tod und Verklärung‘.“ 
Orozco-Estrada ist dankbar, dass man an ihn geglaubt, ihm eine zweite Chance gegeben und ihm zugeredet hat, sie zu nutzen. Tatsächlich hat er die zweite Zusammenarbeit ganz anders erlebt. „Das war ein neues, frisches Orchester, auch in menschlicher Hinsicht, aufmerksam und offen, mit sehr viel Potenzial, auf eine sehr wienerische Art.“ Mit einem reinen Strauss-Programm konnte er das Kennenlernen dann vertiefen. „Da habe ich Stimmproben gemacht“, verrät er; „ich dachte mir, wenn schon, denn schon – und die haben mitgemacht, ich möchte behaupten, die waren sogar froh darüber, weil das traut sich ja sonst keiner!“ Er lacht. 
Das Angebot, die Chefposition zu übernehmen, sei schneller gekommen, als er gedacht habe. „Wir haben de facto erst zwei Konzerte richtig miteinander erarbeitet. Das heißt, wir kennen uns noch nicht gut, da ist alles noch zu entdecken. Aber ich spüre, die Zeit ist reif. Ich habe viele Erfahrungen gesammelt, aber ich bin noch jung. Ich möchte in der Geschichte dieses Orchesters ein eigenes Kapitel gestalten.“ 

Heimliche Reverenz

Dass er für den Auftakt im Musikverein Haydns „Schöpfung“ gewählt hat, versteht er als programmatische Ansage: „Ich will einen Wiener Klang entwickeln, eine gemeinsame Sprache und Artikulation für dieses Repertoire.“ Die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis und die diesbezüglichen Fähigkeiten der Musikerinnen und Musiker sollen mit einfließen, und Orozco-Estrada hat sich ausbedungen, dass sich das Orchester während der Probenzeit auf Haydn konzentriert, „da darf nicht zwischendurch Strauss gespielt werden“.
Die Entscheidung für die „Schöpfung“ war für Andrés Orozco-Estrada aber auch eine heimliche Reverenz an Nikolaus Harnoncourt, für den dieses Werk ganz spezielle Bedeutung hatte, und der ja seinerseits aus den Reihen der Wiener Symphoniker kam. „Die ersten Bücher, die ich mir als Student in Wien gekauft habe, waren ‚Musik als Klangrede‘ und ‚Der musikalische Dialog‘ – und die Violinschule von Leopold Mozart“, erzählt er. „Wir hatten schon in Kolumbien von Harnoncourt gehört, und obwohl ich noch gar nicht Deutsch konnte, wollte ich diese Bücher gleich am Anfang lesen. Harnoncourt war ein großer Philosoph, und er hat als solcher bedeutende Veränderungen bewirkt.“ 

Ein Moment unglaublich tiefer Verbindung

Orozco-Estrada hat viele von Harnoncourts Proben besucht, es aber nie gewagt, den Meister in seinem charakteristischen Arbeitsfuror persönlich anzusprechen. Nach seinem Tod ist er ihm allerdings buchstäblich auf die Spur gekommen. Als 2016 der Beethoven-Zyklus des Concentus Musicus beim Grazer „styriarte“-Festival verwaist war, ergriff er die Initiative: „Ich hatte in Graz seinerzeit schon das Orchester ‚recreation‘ geleitet, ich kannte den Intendanten, also habe ich ihn angerufen und gesagt: ,Ich habe zwar noch nie mit einem Originalklang-Ensemble gearbeitet, aber es wäre mein größter Traum, eines dieser Konzerte zu dirigieren.‘“ In Frankfurt hatte er kurz zuvor gerade einen Beethoven-Zyklus erarbeitet, „inspiriert von Harnoncourt, in kleiner Besetzung. Und dann durfte ich in Graz die Vierte, die Fünfte und die Neunte übernehmen“. Für Orozco-Estrada war das „eines der schönsten Erlebnisse überhaupt“. „In der Generalprobe gab es einen Moment, wo ich mich bei den Musikern bedanken wollte, aber es ist mir nicht gelungen. Mir sind die Tränen gekommen; es war ein Moment unglaublich tiefer Verbindung.“

Emotion und Reflexion

Die Tränen fließen leicht bei Andrés Orozco-Estrada. „Ich habe da keine Scheu, und keine Angst, mich lächerlich zu machen.“ Doch bei aller Emotionalität und Spontaneität wirkt er im Gespräch außerordentlich reflektiert, überrascht mit profunden Aussagen, die weit über den musikalischen Sektor hinausgehen – so wie er auch das Musizieren nicht als Selbstzweck zu betrachten scheint. Speziell im sakralen Repertoire fällt auf, mit welcher Selbstverständlichkeit es ihm gelingt, der spirituellen Kraft der Musik auf der Spur zu bleiben, sie über sich selbst hinausweisen zu lassen, im Sinne einer humanen Botschaft.

„Ich denke wirklich sehr viel nach“, sagt er. Zum Beispiel darüber, „wie surreal es ist, wie ich hier lebe, verglichen mit dem Leben meiner Familie in Kolumbien. Mich interessieren die Menschen, die Conditio humana, was der Mensch imstande ist zu schaffen, zu bewältigen und zu erreichen, im Positiven wie im Negativen. Das ist schön und erschreckend zugleich.“ 
Manchmal würde er gerne eingreifen, „mehr tun, etwas bewegen. Ich bin kein Politiker, aber wir Musiker können die Seelen ernähren. Da gibt es so viel Bedürftigkeit, so viel Hunger, auch in Wien.“ An Ideen mangelt es ihm nicht: „Ich kaufe zum Beispiel 20 Karten für ein Konzert, und der Veranstalter tut das auch, und diese 40 Karten verschenken wir an Menschen, die sich den Eintritt nicht leisten können. Solche Dinge müssen früher oder später passieren!“
Und was ließe – und lässt – sich nicht alles für den Musikernachwuchs tun! In Kolumbien, erzählt er, habe er einmal sein Honorar gespendet, das vom Veranstalter dann verdoppelt wurde. „Damit haben wir ein Stipendium geschaffen. So etwas würde ich hier sofort auch machen!“ Stolz berichtet er, dass es ihm gelungen ist, bei den Symphonikern erstmals eine fixe Assistentenstelle für Nachwuchsdirigenten zu etablieren. „Das hat kein anderes Orchester in Wien! Ich möchte jemandem eine Chance geben, wie ich sie bekommen habe.“ Er ist auch glücklich über die neue Kooperation der Symphoniker mit dem Wettbewerb „Prima la musica“, dank derer Solistinnen und Solisten zwischen 14 und 18 an einzelnen Projekten mitwirken können. 

Sich selbst treu bleiben

Vor 23 Jahren ist Andrés Orozco-Estrada aus Medellín nach Wien gekommen; mittlerweile lebt er hier bereits länger als in Kolumbien. Als er nach langem Warten endlich einen österreichischen Pass bekam, konnte er sein Glück kaum fassen. Er ist hier zum ersten Mal wählen gegangen, er hat hier seine Frau gefunden und seine eigene Familie gegründet, hier ist sein Lebensmittelpunkt. Dass er dem Land, das ihn aufgenommen und ihm „so viel geschenkt“ hat, etwas zurückgeben möchte, kehrt im Gespräch immer wieder. Erst in Wien habe er die Erfahrung gemacht, „dass alle Menschen gleich sind. Hier hat immer nur gezählt, wer ich bin und was ich kann, es war nie wichtig, ob ich Geld habe.“ Gleichzeitig sei ihm bewusst geworden, „dass es darauf ankommt, sich selbst treu zu bleiben“. 

Zeichen der Hoffnung

Seine innere Verbindung zu Kolumbien ist im Verlauf seiner Karriere niemals abgerissen. Im Gegenteil: Je größer seine Erfolge in Europa und Amerika sind, desto mehr scheint er bestrebt, die unfassbaren Gegensätze, die er aus eigener Anschauung kennt, in produktive Energie zu verwandeln. 
Als er gleich nach dem Corona-Lockdown ein erstes Konzert mit dem hr-Sinfonieorchester für ein Live-Streaming ohne Publikum vorbereitete, habe er den Musikern eine Rede gehalten: „Wir sind privilegiert! Wir dürfen schon ein Konzert machen. Die Menschen sehen in uns ein Zeichen der Hoffnung, lasst uns das vermitteln! – Ich dachte, ich muss das sagen, weil sich die Musiker in Frankfurt gar nicht bewusst sind, wie gut es uns hier trotz allem geht. In Kolumbien herrscht der totale Stillstand, dort gibt es bis Ende des Jahres überhaupt keine Veranstaltungen.“ Es sei „ein mitteleuropäisches Phänomen, dass man nur einen kleinen Teil der Realität wahrnimmt“, meint Orozco-Estrada. „Und ich bin Teil dieses Phänomens. Ich möchte aber nicht blind und ignorant sein gegenüber dem, was anderswo passiert! Auch dafür ist die Kunst da. Was für ein Glück – und was für eine Verantwortung!“ 

Monika Mertl
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).