Lange Sommer - und dann die Musik

Die Wiener und ihre Konzertsaison

Der Drang und die Freude darauf, wieder Konzerte zu hören, sind nach der langen Corona-Pause größer denn je. Doch auch früher schon ging man mit mächtigem "Hunger auf Musik" in die Konzertsaison. Die langen Sommer hatten ihn so richtig stimuliert. Archivdirektor Otto Biba erzählt, wie die Wiener ihre Saisonen planten und ihre Musiklust portionierten. 

Seit der Aufklärung und bis in die Zwischenkriegszeit verbrachten die Städter ihre „Sommerfrische“ außerhalb der Stadt, aber in Reichweite zum beruflichen Lebensmittelpunkt. In verschiedenen sozialen und daher finanziellen Modellen, aber immer mit derselben Intention: Mitteleuropäische Städte hatten im Sommer – wegen der Hitze und allen ihren Folgen und Auswirkungen – eine viel geringere Lebensqualität. Da zog es die Leipziger etwa in das Rosen- und die Weimarer in das Ilmtal, die Dresdner nach Hosterwitz oder Pillnitz, die Hamburger zum Beispiel nach Blankenese, die Lübecker nach Travemünde und die Wiener nach Heiligenstadt, Döbling oder auch in südliche Vororte bzw. Landgemeinden. Die Stadt „funktionierte“ weiterhin, war aber in den Sommermonaten nicht wiederzuerkennen. 

Tannhäuser im Sommertheater

Das gesellschaftliche Leben gab es in den Sommerfrischen, bei Landpartien, in Meiereien oder in den großen Gärten rund um Wien. Theater waren im Sommer geschlossen, die beiden Hoftheater wechselten mit der Sperre einander ab, sodass eines im Juli und das andere im August geöffnet war. Nur wenige Theater spielten in Wien durch, das Josefstädter Theater bespielte erst im Sommer das Fürstlich Liechtenstein’sche Schlosstheater in Feldsberg in Niederösterreich und hatte dann eine eigene Sommerbühne außerhalb der Lerchenfelder Linie, wohin die ganze Truppe im Sommer übersiedelte (weshalb die Wiener Erstaufführung von Wagners „Tannhäuser“ nicht im Haupthaus des Josefstädter Theaters, sondern in dessen Sommerresidenz, dem Thalia-Theater, stattfand). 
Konzertsäle bzw. Säle, in denen üblicherweise Konzerte stattfanden, waren im Sommer geschlossen, länger als die sogenannten Theaterferien dauerten. Es gab nicht als feste Einrichtung, sondern nur, wenn sich ein Organisator fand, hier und da Freiluftkonzerte, auf dem Graben oder auf dem Stephansplatz, eine Zeitlang im Belvedere-Garten, dann im Park von Schloss Schönbrunn, manche auch in fürstlichen Gärten in der Vorstadt. Insgesamt hatten diese Freiluftkonzerte in der Regel wohl  mehr den Charakter einer leichten Sommerunterhaltung als den eines ernsthaften Musikgenusses, auch wenn gewichtige Werke dabei aufgeführt wurden. Die Zuhörer kamen und gingen und standen vor allem. Nicht zu vergessen: Es war auch für Getränke-Ausschank gesorgt. Oder anders gesehen und gesagt: In etlichen Gasthausgärten gab es Musikdarbietungen. Wenn die Strauß-Kapelle im Volksgarten musizierte, so tat sie dies im Musikpavillon eines Restaurants, in der Tradition von unterhaltenden Freiluftkonzerten.

Konzerte als Wintervergnügen

Der Konzertbesuch war eine Beschäftigung oder ein gesellschaftliches Programm für den Winter, allenfalls für das Winterhalbjahr. Konzertauftritte wurden von Musikern genauso gesehen. Der 1831 eröffnete alte Musikvereinssaal Unter den Tuchlauben stand über das Sommerhalbjahr mehr oder weniger leer, und im 1870 eröffneten neuen Musikvereinssaal waren das immer noch vier bis fünf Monate. Mozart hat seine in Wien veranstalteten Konzerte im Zeitraum zwischen dem Beginn der Advent- und dem Ende der Fastenzeit angesetzt, Beethoven ebenfalls. Auch Hauskonzerte, also halböffentliche regelmäßige Musikproduktionen in Privathäusern, waren (mit unwesentlichen Ausnahmen) ein Wintervergnügen. Leopold von Sonnleithner, seinerzeit Direktionsmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde, belegt dies in seinen Erinnerungen mehrmals. Zu den Hauskonzerten der Familie Hochenadl, in denen alle musikalischen Gattungen bis zu Oratorien produziert wurden und bei denen er seit 1815 selbst mitwirkte, bemerkt er: „Dieselben fanden gewöhnlich von der Mitte des Monats November an den Winter hindurch bis Ostern, und zwar regelmäßig an Sonntagen um die Mittagsstunde statt.“

Gesteigerter Hunger

Dass die Konzertsaison in Wien nicht zwölf Monate dauert, sondern deutlich kürzer ausfällt, ist freilich nicht auf Traditionen der Veranstalter zurückzuführen, sondern auf eine klar erkennbare Neigung. Das Wiener Publikum hat im Sommer – unabhängig von bestehenden, eingebauten oder nicht vorhandenen Klimaanlagen – offenbar kein Interesse an Konzerten; es hört Musik bei den kleinen oder großen Festivals oder setzt ganz bewusst eine Pause, um wieder hungrig auf Musik zu werden, die im Herbst auf ihre zahlreichen Zuhörer wartet. 
Es gab vielerlei Initiativen, das zu ändern. Etwa die Orchesterkonzerte im Arkadenhof des Rathauses oder die Kammermusikkonzerte in Wiener Palais. Sie waren von der Stadt Wien ausdrücklich für das Wiener Publikum bestimmt, damit es nicht zu lange auf Musik verzichten müsse, entwickelten sich aber rasch zur Touristenattraktion. Das klassische Musikpublikum braucht offenbar seine Pause. Und das ist auch in anderen Städten so. Man kann darüber nachdenken und eine schöne Erklärung finden: Musik begleitet uns durch den Alltag, aber im Sommer will und hat man eben keinen „Alltag“. Und wenn schon Musik im Sommer, dann in nicht alltäglicher Form bei Festivals jeder Art. Die Sommerfrische gibt es nicht mehr, die Sommerurlaube werden kürzer, aber der Entzug von Musikgenuss und der gezielte Aufbau eines Bedürfnisses, eines Hungers auf die im Herbst beginnende Konzertsaison sind geblieben.

Die langen Sommer von einst

Und was war in der Gesellschaft der Musikfreunde der Ausgangspunkt für die nur langsam und im Wesentlichen erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts länger gewordene Konzertsaison? In der Gründungszeit der Gesellschaft endete der Sommer erst im Herbst – und war dieser endlich da, so lief erst ganz langsam das gesellschaftliche Leben in Wien wieder an. Da gab es noch aus dem Sommer herübergerettete Tanzveranstaltungen, wie den Katrein-Tanz, der den Abschluss des herbstlichen Tanzvergnügens symbolisierte. In der Adventzeit brachten die großen Oratorienaufführungen der Tonkünstler-Sozietät musikalische Höhepunkte. Die Gesellschaftskonzerte, also Abonnementkonzerte, starteten im Jänner, manchmal im Februar, und waren spätestens Ende April / Anfang Mai vorbei. In den 1820er Jahren wurden sie etwas mehr auseinandergezogen, sie begannen in der Regel im November und waren spätestens im April vorbei. Bald kehrte man aber zum knapper beieinander liegenden Rhythmus Dezember bis März zurück und erstreckte die vier Monate nur in Ausnahmen auf fünf (bis sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf bis zu sieben anwachsen konnten). Als Anfang Mai 1873 in Wien die Weltausstellung eröffnet wurde, wollte die Gesellschaft aus diesem Anlass den bereits abgeschlossenen Abonnementkonzerten am 4. und 11. Mai zwei außerordentliche Konzerte folgen lassen. Der Konzertdirektor, also Dirigent der von der Gesellschaft veranstalteten Orchesterkonzerte, Johannes Brahms war dafür aber nicht zu haben: Im Mai pflegte er bereits auf Sommeraufenthalt zu sein, und das Wiener Publikum gehe im Mai ohnedies in keine Konzerte mehr ... Wie man will: Er verzichtete auf sein Recht oder nahm seine Pflicht nicht wahr. 

„Die große Konzertfluth“

Ja, die Hochblüte der Konzertsaison begann nach „Aufwärmrunden“ kurz vor oder nach Weihnachten (Letzteres war schon strapaziös genug, weil im Jänner auch die Ballsaison begann), der Höhepunkt war kurz vor Ostern erreicht – und danach war man erschöpft und bestenfalls für ein Auslaufen des Konzertbesuchs zu haben. Wie schrieb doch der Feuilletonist Karl Landsteiner 1871? „Wenn die große Konzertfluth in der Fastenzeit die Hauptstadt überschwemmt, dann kommen die Virtuosen mit herangeschwommen.“ Brahms’ Freund Eduard Hanslick war 1869 in seinem Überblick über das Konzertwesen in Wien nüchterner. Er verzichtete auf solche Bilder und das Herausgreifen von Höhepunkten, sprach aber explizit vom Winter, wenn er eine Saison meinte.

Otto Biba 
Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.