Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis

Zum Tod von Krzysztof Penderecki

In der Stille des Lockdowns ist am 29.März Krzysztof Penderecki von dieser Welt gegangen. Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien trauert um ihr Ehrenmitglied, das nicht nur ein universelles kompositorisches Schaffen hinterlässt, sondern auch einen Wald mit 1.500 Baumarten aus aller Welt. 

Komponieren ist Wachstum und stete Veränderung. Wie Bäume wachsen und sich fortwährend verändern, erlebt Krzysztof Penderecki auf seinen täglichen Wanderungen durch sein Arboretum im beschaulichen Ort Lusławice im Südosten Polens. Chinesische Lärchen, nordamerikanische Magnolien, Birken vom Himalaja, fünfzig Meter hohe Tannenbäume, Zedern aus dem Libanon, einen Ahorn aus China oder einen nordamerikanischen Blumenhartriegel sieht der Komponist in immer wieder anderen Farben und Gestalten. Er sieht aber auch, dass einige Bäume durch die Klimaveränderung aussterben, obwohl er eigentlich nur welche pflanzt, die überleben können im Mikroklima der Gegend. 


Die Faszination für ausdauernde, verholzende Samenpflanzen wird bei Penderecki schon in seiner Kindheit geweckt. Sein Großvater hat ihm die lateinischen Namen der Bäume beigebracht. Seitdem will Penderecki Bäume pflanzen. Vier Jahrzehnte später findet er einen verfallenen Gutshof und einen Park in Lusławice. Ein fantastischer Ort mit langer Geschichte. Die Wiege der Religionsbewegung des Unitarianismus befindet sich dort. Einer seiner Gründer, der Italiener Faustus Socinus, hat sich einst auf dieses Anwesen zurückgezogen. Die Reste vom alten Park waren abgeholzt, aber einige ganz alte Bäume von damals sind noch da, eine 400 Jahre alte Eiche, einige Linden. Hier realisiert Penderecki seinen Traum vom Arboretum auf zunächst drei Hektar, doch bald kauft er von Nachbarn Gründe, nach Jahren hat sich die Fläche des Parks verzehnfacht. Allein 100.000 Liter Wasser sind notwendig, um die Bäume zu ernähren. Penderecki hat sechs Quellen zur Verfügung. Jeden Baum pflanzt er mit den eigenen Händen. Nur so weiß er, dass sie gut wachsen. 

Die Kraft der Natur schwingt für Penderecki im Gleichklang mit der Musik. So wie man die Partitur einer Symphonie schreibt, geht man auch bei der Komposition eines Parks vor. Man pflanzt zum Beispiel sieben Bäume – und weiß, dass letztlich nur drei davon übrigbleiben. Damit bestimmte Bäume überleben, muss man andere Bäume wieder abholzen. Beim Komponieren passiert es auch, dass man sieben Akkorde pflanzt, davon verbleiben dann nur drei. Penderecki wandert durch die Partitur wie durch den Park, er komponiert ein Stück nicht vom Anfang zum Ende, sondern er beginnt irgendwo in der Mitte, von dort aus geht er nach links und rechts, nach vorne und zurück, um schließlich die Form des Stückes wirklich zu beherrschen. 

Die Gesellschaft der Musikfreunde tritt mehrfach als Auftraggeber von Werken Pendereckis in Erscheinung. In dem 2000 uraufgeführten Sextett gibt Penderecki auf ausdrücklichen Wunsch von Mstislaw Rostropowitsch dem Violoncello im Schlussteil eine bedeutsame Rolle. Fünf Jahre später spielt Widmungsträger Rostropowitsch im Musikverein mit den Wiener Philharmonikern unter Seiji Ozawas Leitung die Uraufführung des Largos für Violoncello und Orchester, dem Penderecki nach dem Tod des Cellisten 2007 einen posthumen Epilog hinzufügt. 2012 dirigiert Mariss Jansons am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks ein weiteres Auftragswerk der Musikfreunde, das Doppelkonzert für Violine und Viola mit Janine Jansen und Julian Rachlin als Solisten. Für Streichinstrumente komponiert Penderecki, selbst ausgebildeter Konzertgeiger, besonders seelenvolle, reine Ausdrucksmusik, wie auch das Zweite Violinkonzert mit dem für Pendereckis Gesamtschaffen programmatischen Titel „Metamorphosen“. Die Widmungsträgerin Anne-Sophie Mutter berührt 1999 im Musikverein zutiefst mit diesem Konzert. 

29. März 2019: Krzysztof Penderecki ist zum letzten Mal im Musikverein zu Gast. Der mittlerweile 85-jährige Komponist wird mit Aufführungen seiner Streichquartette Nr. 1 und 2, des Klarinettenquintetts und des Sextetts beschenkt. Im Sextett verschwindet der Hornist kurz vor Ende des Werkes vom Podium und tritt „a lontano“ („aus der Ferne“) mit den anderen fünf im Saal verbliebenen Instrumentalisten in einen letzten Dialog.

29. März 2020: Krzysztof Penderecki stirbt in Krakau.

Die letzte seiner Symphonien, die er vollendet, ist nicht die letztgereihte Achte, sondern die Sechste. Auf das ein Jahrzehnt lang unvollendet liegende Werk kommt Penderecki am Ende seiner Schaffenszeit wieder zurück und gibt ihm eine neue Gestaltung als Liedersymphonie nach chinesischen Gedichten in der deutschen Übersetzung Hans Bethges. So wie vor ihm sein polnischer Landsmann Karol Szymanowski und Gustav Mahler („Lied von der Erde“) wird auch Penderecki von der chinesischen Poesie zu einer bewegenden lyrischen Musik über Vergänglichkeit, glühende Jugend, erkennendes Alter sowie die Verbindung des Menschen zur Natur inspiriert. Noch einmal ist in abgeklärt-verklärter Harmonik und Melodik das Lebensthema des Komponisten erfasst, seine übersinnliche Vorstellung von der Natur, in der der Tod von Bäumen, Wäldern und dem tropischen Dschungel nicht lediglich ein biologisches Problem darstellt. Pendereckis Musik ist der Gegenentwurf zu einer Kultur, die, indem sie sich den Wäldern gegenüber versündigt, ihre eigene Existenzberechtigung untergräbt.


Für Penderecki sind Bäume wie die Musik, sie vervollständigen, ergänzen, erfüllen ihn und geben ihm das Gefühl, dass etwas weiterlebt. In einem Bereich seines Parks hat er zwei sich kreuzende Alleen mit 132 Eichen angelegt. Die Eichen wachsen langsam. Wenn die Enkelin des Komponisten, Maria, einmal alt ist, werden die Bäume schon mächtig sein. Für Penderecki eine schöne Vorstellung, dass dann seine Nachfahrin durch diese dem Himmel zustrebende Allee wandeln wird. Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.

Dieser Text entstand weitgehend auf der Grundlage von Gesprächen, die der Autor mit dem Komponisten bei einem Besuch im Arboretum von Lusławice führen konnte. 

Rainer Lepuschitz
Rainer Lepuschitz sang als Altist im Tölzer Knabenchor Ende der sechziger Jahre in mehreren Aufführungen von Pendereckis „Lukaspassion“ in Deutschland und Italien mit und ist nach seinem Musikstudium am Salzburger Mozarteum für verschiedene Medien und Musikveranstalter in Österreich als Autor und Dramaturg tätig.