Mit Feuereifer wiedereröffnet

Der Musikvereinsbrand von 1870

Mitten in der Corona-Zeit geht ein Jahr zur Neige, das für die Gesellschaft der Musikfreunde feierlich begann: Vor 150 Jahren wurde das Musikvereinsgebäude eröffnet. Eine schwierige Zeit stand den Musikfreunden auch damals ins Haus: Nur wenige Tage nach der Eröffnung im Jänner 1870 brach Feuer aus. 

„Die eigentliche Concertsaison steht erst nach der feierlichen Eröffnung des neuen Gebäudes der Gesellschaft der Musikfreunde in Aussicht.“ Diese Zeilen, im Feuilleton des „Express“ vom Neujahrstag 1870 unmittelbar im Anschluss an die Rezension des vierten Philharmonischen Konzerts abgedruckt, lässt erahnen, mit welcher Spannung Wien seinem neuen Musiktempel entgegenfieberte. Auf die Schlusssteinlegung durch Kaiser Franz Joseph am 5. Jänner folgte tags darauf das Eröffnungskonzert, und am 15. Jänner erreichten die Feierlichkeiten mit einem großen Festball der Gesellschaft der Musikfreunde einen weiteren Höhepunkt. Am 19. Jänner wurde schließlich auch der Kleine Saal (heute: Brahms-Saal) dem Konzertgeschehen übergeben. Er konnte, schrieb der Rezensent des „Neuen Fremden-Blatts“, „nicht würdiger inaugurirt werden, als durch das auf Verlangen zugegebene Abschiedskonzert der Frau (Clara) Schumann. Der Saal war glänzend gefüllt, das Auditorium in der animirtesten Stimmung, ohne zu ahnen, welche furchtbare Gefahr dem herrlichen Gebäude schon in den nächsten Stunden drohte.“
Diese „furchtbare Gefahr“ bemächtigte sich gegen ein Uhr nachts des Hauses. Im Vestibül brach Feuer aus.

Ein ambitionierter Plan

Von außen, so ist es Zeitungsberichten jener Tage zu entnehmen, blieb das Gebäude nahezu unversehrt. Im Inneren konnten die herbeigeeilten Löschzüge das Feuer selbst zwar weitgehend auf den Brandherd in einer der rechten Garderoben eindämmen. Doch die enorme Hitze und der dichte Rauch zogen sich – vor allem über die rechten Stiegenaufgänge – bis hinauf in den Großen Saal und legten eine dicke, schwarze Kruste über Wände, Decken und Malereien, brachten das Gold zum Schmelzen und Spiegel zum Bersten, versengten die Teppiche und machten die Sessel morsch. 
Die Gesellschaft der Musikfreunde leitete umgehend alle nötigen Schritte ein. Es galt, die Brandursache zu eruieren, die letztlich jedoch – trotz eingehender Prüfung – ungeklärt blieb. Immerhin war der immense finanzielle Schaden durch eine Gebäudeversicherung bei der Assekuranzgesellschaft „Donau“ abgedeckt, und Theophil Hansen, der Architekt des Musikvereins, verfolgte den ambitionierten Plan, binnen einer Frist von nur zwei Wochen das Haus so weit instand zu setzen, dass ein provisorischer Betrieb wieder aufgenommen werden könnte. Alle weiteren Restaurierungsarbeiten sollten dann in den ruhigeren Sommerwochen durchgeführt werden.

Drohende Verluste

Die Sorge der Gesellschaft der Musikfreunde galt nun freilich in besonderem Maße auch dem unmittelbaren Fortbestand des Veranstaltungsbetriebs. Das zweite Gesellschaftskonzert am 23. Jänner etwa musste verschoben werden und sollte, wenn Hansens Plan denn aufging, am 2., spätestens aber am 6. Februar nachgeholt werden. Die für 26. Jänner anberaumte Ordentliche Generalversammlung der Gesellschaft der Musikfreunde wurde auf unbestimmte Zeit vertagt.
Überdies war Fasching, und beginnend mit dem 29. Jänner waren jeweils samstags insgesamt fünf große Maskenredouten angekündigt – „ein Unternehmen“, so die „Wiener Zeitung“ noch vor dem Brand, „welches dem Charakter nach mit den gewöhnlichen Maskenbällen durchaus nichts gemein hat, sondern sich streng auf dem Niveau der Elite-Redoute bewegen, mithin der eleganten Gesellschaft einen exquisiten Sammelplatz und der feinen Maskenwelt einen geeigneten Boden für die Entwicklung geistvoller Carnevalsintriguen bieten soll“. Die Durchführung – und damit auch beträchtliche Einnahmen – dieser Redouten, die „sowohl Damen wie Herren bloß in Balltoilette, oder anständiger Maske gestattet“ sein sollten, stand nun ebenso auf dem Spiel wie die Abhaltung einer Reihe von weiteren Bällen.

Blüten der Faschingslust

Ob für diese Zeit im Musikverein weitere Konzerte geplant waren, ist nicht eindeutig zu eruieren. Wien lag im Ballfieber, was auch Eduard Hanslick in der „Neuen Freien Presse“ vom 6. Februar pointiert feststellte: „Die Feuerbrunst im neuen Musikvereine und die allenthalben uns umhüpfenden Flämmchen der Faschingslust haben eine momentane Stockung in unserem Concertleben verursacht.“
Diese Faschingslust trieb ihre Blüten. Der Wiener Männergesang-Verein, den Musikfreunden in Freundschaft sowie als Stifter verbunden, seit November 1869 (und bis heute) auch Mieter im Musikvereinsgebäude, machte sich einen närrischen Spaß aus dem „feurigen“ Schicksal: Bei seinem Narren-Abend ließ er „das ,Ball-Comité vom Musikverein‘ im Costüme von Rauchfangkehrern“ erscheinen, schrieb die „Neue Freie Presse“. „Die Herren trugen zur tadellosen Balltoilette und weißen Cravate die schwarze Kugel, den Schürhaken und den Besen des echten Spazzacammino; in den mit Ruß geschwärzten Gesichtern erkannte man nur mit Mühe die scharfen Züge der jüngeren Vertreter unserer Noblesse financière.“

In voller Pracht 

Indessen liefen die Restaurierungsarbeiten im Musikverein auf Hochtouren. Dennoch ging Hansens ambitionierter Zeitplan nicht auf. Der Concordia-Ball am 25. Jänner wurde in die Sophiensäle verlegt, in denen er bereits in den vielen Jahren zuvor stattgefunden hatte, der Juristenball am 30. Jänner in die Redoutensäle. Und auch für das Techniker-Kränzchen, das zunächst lediglich vom 3. auf den 17. Februar verschoben worden war, musste letztlich kurzfristig ein Ausweichquartier gesucht werden, das wiederum in den Sophiensälen gefunden wurde. Dass der Gewerbebund seinen Ball für „Mitglieder und deren Gäste“ tatsächlich am 9. Februar und damit noch vor der Wiedereröffnung des Hauses im Musikverein abhalten konnte, wie der „Presse“ zu entnehmen ist, scheint erstaunlich und lässt sich nur dadurch erklären, dass es sich um eine geschlossene – und somit wohl kleinere – Veranstaltung gehandelt haben mag, für die nicht alle Räume des Hauses beansprucht wurden.
Im gleichen „Presse“-Bericht vom 2. Februar ist zu lesen: „Der Wohlthätigkeits-Festball des Schiller-Vereins ,Die Glocke‘ wird, da die durch den Brand im neuen Hause der Gesellschaft der Musikfreunde beschädigten Localitäten wieder in ihrer vollen Pracht und nicht provisorisch hergestellt werden, nicht am 6. Februar, sondern bestimmt am 24. Februar abgehalten werden.“

Da war das Haus wieder instand gesetzt. Am 19. Februar, auf den Tag genau einen Monat nach der Brandkatastrophe, war das Musikvereinsgebäude mit einer Maskenredoute wiedereröffnet worden, gefolgt von einem Gesellschaftskonzert am Tag darauf mit Anton Rubinstein als Solist und Dirigent eigener Werke. Rubinstein konzertierte dann auch noch am 22. im Großen und am 27. im Kleinen Saal. Der Fasching des Jahres 1870 war lang genug, um auch die weiteren vier ursprünglich geplanten Maskenredouten durchzuführen. Sie folgten auf die erste in äußerst kurzen Abständen bis zum Faschingsmontag, dem 28. Februar. Nach dem Karnevalstreiben hielt endgültig wieder die Musik Einzug im Musikverein.
Hindernisse, so lehrt die Geschichte dieses Hauses, können es nicht dauerhaft zum Schweigen bringen – nicht vor 150 Jahren und auch nicht heute.

Ulrike Lampert
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.