Liebesbekenntnisse

Brahms und Schubert

Wenn im traditionellen Allerheiligenkonzert des Musikvereins Schuberts As-Dur-Messe erklingt, dann schwingt dabei auch eine musikalische Herzensgeschichte mit. Johannes Brahms leitete 1874 im Musikverein die erste Konzertaufführung von Teilen dieser Messe. Es war ein Bekenntnis seiner „Schubertliebe“, für die es auch sonst viele Zeugnisse gibt. Die meisten davon bewahrt das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 

Dass er nun sein Bier dort trinke, wo es Beethoven getrunken habe, konnte Johannes Brahms von seinem ersten Besuch in Wien als ganz wichtiges Erlebnis nach Hamburg berichten. Aber noch tiefer waren seine Schubert-Eindrücke. Ja, er hatte natürlich Werke Franz Schuberts schon in Hamburg kennengelernt. „Es hat mich noch Weniges so entzückt“, befand er dort schon als Zwanzigjähriger über Schuberts Große C-Dur-Symphonie. Aber in Wien waren es nicht Einzeleindrücke, sondern jetzt ging es für ihn um den ganzen Schubert, von dem damals viele Werke noch nicht veröffentlicht waren.

Brahms’ „schönste Stunden“

„Meine Schubertliebe ist eine sehr ernsthafte“, schrieb Brahms 1863, wenige Monate nach seiner Ankunft in Wien an einen Freund. „Immer neue Menschen lernt man kennen, die von ihm als einem guten Bekannten sprechen, und immer neue Werke sieht man, von deren Existenz man nichts wußte.“ Daher verdankte er „die schönsten Stunden hier ungedruckten Werken von Schubert“. Brahms fand den Kontakt zu Schuberts Neffen, Dr. Eduard Schneider, er lebte sich immer mehr in Wien ein, sein Bekannten- und Freundeskreis wurde größer, und im übertragenen Sinn zählte er dazu auch „Schubert, bei dem man das Empfinden hat, als lebte er noch!“
Bald begann Brahms, Autographe Schuberts zu sammeln; Fragmente, Unvollendetes und Tänze zogen ihn besonders an. Letztere, weil sie das Wienerischste von Schubert sind, weil er davon viel über Musiziertradition und bodenständigen Stil lernen konnte. Erstere, weil ihn der Schaffensprozess von Komponistenkollegen besonders interessierte: Warum hat Schubert das weggelegt, warum hat er das nicht vollendet? Schien ihm das vielleicht doch nicht so gut, um es fortzusetzen? Einige Werke Schuberts, deren Originalhandschriften er besaß, hat Brahms veröffentlicht: ein Lied, zahlreiche Ländler und – ein faszinierendes Fragment – den berühmten Quartettsatz in c-Moll. Aber auch die Große Messe in Es-Dur brachte er heraus: Das war 1865 und die erstmalige Publikation dieses Werkes. Nicht ohne Grund sagte er damals, er zeige gern, „daß ich Schubert gedient“. Und gedient hat Brahms Schubert mit Publikationen, mit Bearbeitungen (wie Klavierauszügen groß besetzter Werke oder Orchesterbearbeitungen von Klavierliedern) und mit Aufführungen seiner Werke. 

In intimer Zwiesprache mit Schubert

Die Liste der von Brahms als Pianist, Kammermusiker oder Dirigent aufgeführten Werke ist lang; Renate und Kurt Hofmann haben sich die Mühe gemacht, eine solche zusammenzustellen. Manches ist seltsamerweise nicht dabei (wie die Symphonien), bei manchem wundert man sich, wie es zur Aufführung gerade dieses Werkes durch Brahms gekommen ist. Das trifft etwa auf die Ouvertüre zur Oper „Fierrabras“ zu, die er 1873 im Großen Musikvereinssaal dirigierte. Sie war damals noch unveröffentlicht, ebenso wie die As-Dur-Messe, von der er dort am 2. März 1874 „Kyrie“ und „Credo“ mit dem Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde und dem Gesellschaftsorchester zur Aufführung brachte. Das Autograph dieser Messe konnte er im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde einsehen; es enthält die erste und alle Änderungen für die zweite Fassung. Er selbst besaß eine Abschrift der ersten Fassung der Messe, die Schuberts Bruder Ferdinand angefertigt hat. Sie kam mit Brahms’ Nachlass ebenfalls ins Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde. Man staunt, wie viele Anzeichnungen oder Anmerkungen Brahms darin gemacht hat; ja, er hat das Werk wirklich studiert, als Komponist wie als Dirigent. 
Diese As-Dur-Messe war nun wirklich ein Werk, das Brahms besondere Freude machen musste, einmal wegen seiner musikalischen Substanz und zum anderen wegen der zwei Fassungen. Da konnte er überlegen und zu ergründen versuchen, warum Schubert die Messe überarbeitete und was ihn an der ersten Fassung nicht zufrieden stellte. Am meisten kämpfte Schubert ganz offensichtlich mit der Schlussfuge des Gloria – und Brahms vollzog das nach, aber für sich allein, sozusagen in geradezu intimer Zwiesprache mit Schubert, von Kollege zu Kollege. An die Öffentlichkeit gebracht hat er „Kyrie“ und „Credo“ – bei denen Schubert auch, aber nicht so extensiv selbstkritisch war – in Respekt vor seinem großen Vorgänger in der zweiten, also endgültigen Fassung. 

„Das Wunder erkläre, wer kann“

Das Konzert am 2. März 1874 war keine wirkliche Uraufführung: Teile der Messe waren schon einige Jahre zuvor in der Karlskirche erklungen. Aber es handelte sich um die erste Aufführung im Konzertsaal. Auf den Programmzettel ließ Brahms zu den beiden Messe-Sätzen noch den Vermerk „ungedruckt“ setzen. Die Aufnahme durch das Publikum war „äußerst kühl“, wie das „Neue Fremden-Blatt“ festhielt. Von den Rezensionen waren nur zwei begeistert. August Wilhelm Ambros, damals designierter Professor für Musikgeschichte am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde, konnte über diese beiden Messe-Sätze „nur staunen“, um danach zu postulieren: „Ist die ganze Messe so, dann gehört sie zu den schönsten Arbeiten ihrer Art.“ In der „Wiener Zeitung“ schwärmte er weiter: „Wie klingt das alles so recht kirchlich, wie zieht da der rechte Weihrauchduft in großen Wolken. [...] Und wie durch und durch originell ist [...] Alles! Conventioneller Kirchenstyl und doch ein völlig neuer Zug nach dem anderen. Das Wunder erkläre, wer kann.“ Auch Franz Gehring, der seine Berufung zum Musikreferenten der Wiener „Deutschen Zeitung“ Brahms verdankte, nannte die As-Dur-Messe eine „Perle“, konstatierte ihren „so edlen und würdigen Geist“, bemerkte, „daß Schubert den Chor mehrmals in Männer- und Frauen-Chor getheilt hat, wonach dann das Eintreten des wiedervereinigten Chores von sehr charakteristischer Wirkung ist“ und bedauerte, daß „die Sätze der Schubert’schen Messe und der Singverein [...], der sie ausgezeichnet vortrug“ beim Publikum zu kurz kamen, weil danach Schumanns so beliebte „Manfred“-Musik folgte. 

Hanslicks Vorbehalt

Eher ratlos im Umgang mit dieser Musik Schuberts als grundsätzlich negativ war der Ministerialrat im Handelsministerium und Musikrezensent der „Wiener Sonn- und Montagszeitung“ Johann Georg Wörz, der dort unter dem Pseudonym Florestan schrieb: „Das Kyrie hätte wohl keinen Anspruch gehabt, in den Concertsaal eingeführt zu werden, das Credo hingegen ist eine schöne, würdevolle Chormusik, die als Kunstwerk freilich weder an Bach noch an Beethoven heranreicht, aber auch gar keine Prätension macht, in’s Gigantische emporzuwachsen [...]. Den Manen Schuberts macht dieses Stück sicherlich keine Unehre, und wir halten es mit Rücksicht auf die Zwecke der katholischen Kirchenmusik für ganz unzulässig, die Wirkung eines Credo mit der eines Liedes in Vergleich zu ziehen.“ Also kurz gesagt: Schuberts Lieder sind künstlerisch wertvoller als dieses Credo. Dieser Meinung war auch Eduard Hanslick: „Für meine Empfindung, die ich Niemandem aufdrängen will, hat ein Lied wie ,Sei mir gegrüßt‘, ,Du bist die Ruh‘ und hundert ähnliche von Schubert mehr Schönheit, Wahrheit und Eigenart, also mit einem Worte mehr Werth als diese Messe. Aus ihr spricht nicht der echte und volle Schubert [...].“ Mit dieser Ablehnung wollte Hanslick aber „weder die künstlerische Pietät noch die treffliche Leistung des ‚Singvereines‘ auch nur im entferntesten verkannt“ sehen.

Schubert war zu seinen Lebzeiten als Komponist von Klavier- und Kammermusik, Liedern, mehrstimmigen Gesängen und Kirchenmusik anerkannt, und auch um die Wertschätzung seiner Orchester- und Opernmusik stand es nicht so schlecht, wie uns oft glauben gemacht wurde. Nach seinem Tod wurde er zum überschwänglich verehrten und geliebten „Liederfürsten“, während seine Werke in anderen Kompositionsgattungen erst nach und nach wieder entdeckt werden mussten – wofür sich nicht zuletzt Johannes Brahms stark gemacht hat. Kein Wunder, dass man mit dem Verstehen der As-Dur-Messe 1874 Probleme hatte. Aber gerade um sich diesen zu stellen, sie zu überdenken und vielleicht zu lösen, hat Brahms die beiden Sätze auf das Programm dieses Konzerts gesetzt. 

Hellsichtige Liebe

Brahms’ Liebe zu Schubert war keine blinde, seine Begeisterung für ihn nicht unkritisch. So wollte er gar nicht alles von ihm gedruckt sehen, vor allem nicht dessen Jugendarbeiten. Wie er Schubert insgesamt sah, was ihm der ganze Schubert bedeutete, hat Brahms 1894 dem befreundeten Archivdirektor der Gesellschaft der Musikfreunde, Eusebius Mandyczewski, anvertraut: „Unübertroffen von den größten Meistern, die vor und mit ihm lebten, wie von den besten derer, die ihm folgten.“

Otto Biba
Prof. Dr. Dr. h.c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.