Voller Emotion durch vier Jahrzehnte  

Das Artis-Quartett 

Tiefe Verankerung in der Wiener Streichertradition und stete Neugier auf durchaus konträre Impulse verbinden Peter Schuhmayer, Johannes Meissl, Herbert Kefer und Othmar Müller als Artis-Quartett von Anfang an. 2020 feiern sie vierzig Jahre gemeinsames Musizieren. 

Wenn Sie den Blick zurück auf das Gründungsjahr 1980 richten: Welche Vision hatten Sie damals für Ihr Ensemble?
Peter Schuhmayer: Die Gründung des Artis-Quartetts war eigentlich ein Prozess, der seit 1980 aus der Begeisterung für das unvergleichliche Repertoire und das gemeinsame Musizieren in kleiner, aber solistischer Besetzung immer weiter genährt wurde. Weitergeführt aus einem schon bestehenden Ensemble, dem Jungen Wiener Streichquartett, das im Wiener Musikgymnasium gegründet wurde, wuchs das Artis-Quartett immer mit den Aufgaben, wie man so schön sagt. Die Visionen waren zu Beginn nicht klar erkennbar, aber sicherlich war das Studienjahr beim LaSalle-Quartett in den USA eine Schlüsselerfahrung, die dazu beigetragen hat, den gemeinsamen Weg als Quartett auch hauptberuflich zu gehen. Nach unserer Rückkehr hat sich für uns mit den ersten CD-Aufnahmen und dem Beginn der Zusammenarbeit mit einer Wiener Agentur eigentlich vieles nach Wunsch ergeben. Unsere Entwicklung wurde dann 1988 durch die Einladung von Dr. Angyan, einen eigenen Zyklus im Brahms-Saal des Musikvereins zu gestalten, geadelt. In all den vielen Jahren ist uns der Musikverein immer eine musikalische Heimat geblieben, die mit vielen schönen, aber auch spannenden Momenten im Kreise des Quartetts wie auch mit zahlreichen musikalischen Begegnungen mit Kolleginnen und Kollegen verbunden ist.

Wie haben die gemeinsamen Studienjahre und -erfahrungen in Wien und beim LaSalle-Quartett in den USA Sie als Streichquartett langfristig geprägt?
Schuhmayer: Unser gemeinsamer musikalischer Beginn war natürlich getragen und gefördert von der traditionsreichen Kammermusikerfahrung unserer Lehrer: Alfred Staar, ehemals Mitglied im Weller-Quartett, der die klanglichen Aspekte im Quartettspiel in den Vordergrund stellte, vor allem aber Hatto Beyerle, der uns nicht nur seine reiche Erfahrung aus seiner Zeit mit dem Alban Berg Quartett vermittelte, sondern auch Ideen- und Impulsgeber war, dass wir überhaupt die „Wiege der Kammermusik“ verließen, um unseren musikalischen, aber vor allem konzeptionellen und analytischen Blick beim LaSalle-Quartett in Cincinnati zu schärfen. Langfristig, denke ich, dass jeder Musiker oder jedes Ensemble gut daran tut, die eigene Identität zu suchen und die Einflüsse und Impulse aus den Lehrjahren dazu zu verwenden, eigene musikalische Aussagen zu entwickeln. Wie man allerdings über die Jahre schließlich feststellt, kann sich die Sichtweise verschiedener Dinge durchaus ändern. Auch in der Musik ist Stillstand eigentlich Rückschritt, und nur lebendige Interpretationen können wirklich zu einem fesselnden Erlebnis für Zuhörer und Musiker werden. Es gilt also auch hier: „Tradition bedeutet die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.“

Seit vielen Jahren widmen Sie sich alle vier auch intensiv dem Unterrichten des Musikernachwuchses. Was wirkt aus dieser Tätigkeit auf das eigene Musizieren im Streichquartett zurück.
Johannes Meissl: Wenn man Unterrichten als Unterstützung auf dem Weg zu einer eigenständigen künstlerischen Interpretations- und Reflexionsfähigkeit sieht, bedeutet das eine permanente Selbstbefragung: Warum machen wir das so? Wie lesen wir den Notentext? Was müssen wir wissen, um verstehen zu können, was gemeint sein könnte? Wie erzeugen wir am besten die Klänge, die möglichst genau das aussagen und ausdrücken, was in unserer Vorstellung klingt? Die intensive Beschäftigung mit begabten jungen Menschen wirkt dadurch auch immer wieder inspirierend und herausfordernd auf die eigene künstlerische Arbeit zurück!

Hauptberufliche Streichquartette, die über einen so langen Zeitraum in gleicher Besetzung spielen, sind selten. Was ist – über die Jahre und bei allen persönlichen Entwicklungen der einzelnen Mitglieder – das Erfolgsrezept Ihrer Zusammenarbeit?
Othmar Müller:
In erster Linie Glück. Glück, dass man Kollegen gefunden hat, mit denen die Chemie gestimmt hat, Glück, dass die jeweiligen Lebensentwürfe zusammengepasst haben. Natürlich muss man auch selbst daran arbeiten, etwa eine produktive Konfliktkultur entwickeln, die keine Brücken verbrennt. Klar, dass es hin und wieder kracht, man ist ja mit voller Emotion bei der Sache! Freiräume abseits des Quartetts helfen ebenfalls, die Freude an der Zusammenarbeit immer wieder neu zu finden. Es macht auch Spaß und bringt frischen Input, wenn man in anderen Formationen spielt. Aber man merkt danach umso mehr, was man am „Heim-Ensemble“ hat, auf welchem gemeinsamen Werte- und Erfahrungsschatz man aufbauen kann.

Seit 2003 pflegen Sie – mit Ausnahme des Cellisten natürlich – das Musizieren im Stehen. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen, und worin sehen Sie die Vorteile dieser Praxis?
Herbert Kefer: Es ist unbestritten, dass für hohe Streicher das Spielen im Stehen natürlicher ist, weil dabei der gesamte Körper in den Bewegungsablauf integriert werden kann – wenn man hingegen sitzt, ist man quasi von der Hüfte abwärts gelähmt. Diese größere bewegungstechnische Flexibilität wirkt sich auch angenehm auf das Zusammenspiel aus. Darüber hinaus unterstützt die stehende Position die Ausbreitung des Klanges in Sälen, in denen man sich auf einer Ebene mit dem Publikum befindet, und man ist zudem auch besser zu sehen.

Das Artis-Quartett ist tief in der Wiener Kammermusiktradition verankert und gehört gleichzeitig zu deren wichtigsten Vertretern. Was macht diese Tradition aus, und wie leben Sie diese im 21. Jahrhundert?
Meissl: Tatsächlich sehen wir uns – vor allem im Rückblick – in einer langen Traditionslinie, allerdings immer mit der Bereitschaft und mit dem Hunger, konträre Impulse aufzunehmen, Neues zu versuchen und uns dadurch auch immer wieder neu zu definieren. Alles, was über eine gewisse Zeit hinweg kontinuierlich getan wird, schafft per se schon Traditionen, so also auch die Haltung zum Musizieren im Ensemble grundsätzlich: Vier individuelle Persönlichkeiten lassen sich gemeinsam immer wieder so auf die Musik und aufeinander ein, dass die Voraussetzungen geschaffen werden, im Konzert die Werke für uns und für das Publikum im Moment entstehen lassen zu können!

Wie kam es zu Ihrer eingehenden Beschäftigung mit der Streichquartett-Literatur am Übergang von der Romantik zur Moderne, darunter eine ganze Reihe von Raritäten? Die Werke Alexander Zemlinskys, Hugo Wolfs, Karl Weigls und in der Folge von Anton Webern, Alban Berg und anderen gehören ja gewissermaßen zu Ihrem Kernrepertoire.
Schuhmayer: Unsere erste Bekanntschaft mit den Werken Zemlinskys zum Beispiel entstand durch ein Engagement zu den Zemlinsky-Schreker-Tagen in Wien. Das Zweite Streichquartett von Zemlinsky war in der Folge auch das erste Werk, das wir mit Walter Levin, dem Ersten Geiger des LaSalle-Quartetts, studierten. Er war es eigentlich, der uns das Repertoire der Zweiten Wiener Schule und aus deren Umfeld schmackhaft gemacht hat. Gerade für diese Art des Repertoires ist der strukturelle Zugang enorm wichtig, da bei solch komplexen Partituren die Durchhörbarkeit der vier Stimmen für die authentische Aussage der Musik unabdingbar ist. Das Spannungsfeld zwischen Spätromantik, Expressionismus, Tonalität, freier Tonalität und Zwölftontechnik hat uns seit dieser Zeit immer sehr fasziniert, und die Ausdrucksstärke und Emotionalität dieser Musik lässt einen auch nach vierzig Jahren immer neue emotionale Momente erleben. Neben den „Klassikern“ dieses Repertoires sind uns natürlich auch weniger bekannte Werke, die oft zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind, ein großes Anliegen geblieben.

Ihren ersten Auftritt bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien hatten Sie am 12. Oktober 1982 in einem Konzert anlässlich Joseph Haydns 250. Geburtstag. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit diesem Debüt?
Müller: Dieser Auftritt – wir spielten Teile aus Haydns „Schöpfung“ in der Bearbeitung für Streichquartett – war das letzte Konzert, das wir mit Manfred Honeck an der Zweiten Geige gespielt haben. Bereits drei Wochen danach war mit Johannes Meissl das Quartett in der heutigen Besetzung zu erleben. Diese „Hommage à Haydn“ fand im Kammersaal, dem heutigen Gottfried-von-Einem-Saal, statt. Für uns war es ein großer Vertrauensbeweis, dafür eingeladen zu werden, aber auch hier ist das Bessere des Guten Feind: Am 29. März 1987 durften wir im Goldenen Saal das cis-Moll-Quartett von Beethoven spielen, und dieser Auftritt wird auch in den Programmheften als Debüt vermerkt.

In Ihrem Konzertzyklus, den Sie seit 1988 im Musikverein gestalten, haben Sie auch eine ganze Reihe von Werken zur Uraufführungen gebracht – etwa von Gottfried von Einem, Wolfgang Rihm, Thomas Pernes, Richard Dünser und Thomas Larcher. Eine Selbstverständlichkeit für Sie. Weshalb?
Kefer: Das Interesse am Schaffen zeitgenössischer Komponisten sollte eine Selbstverständlichkeit sein, umso mehr, wenn es sich dabei um Studienkollegen handelt wie bei Dünser oder Larcher. Ein diesbezüglich erweiterter Horizont ermöglicht auch immer einen anderen Blickwinkel auf das scheinbar Bekannte. Bedauerlich ist in diesem Zusammenhang, dass es immer schwieriger wurde, diese Stücke auch außerhalb des Musikvereins zu platzieren.

Das Programm Ihres nächsten Konzerts im Musikverein ist mit Mozart, Zemlinsky und der Uraufführung von Iván Eröds „Canti di un Ottantenne“ repräsentativ für Ihre Programmgestaltung überhaupt. Was möchten Sie zu diesem konkreten Programm sagen?
Meissl: Die drei Werke zeigen tragende Eckpfeiler unseres Repertoires und unserer Quartettarbeit: Mozarts „Dissonanzenquartett“ als eines der unzähligen Wunderwerke der Wiener Klassik begleitet uns seit unserer Studienzeit. Immer wieder ist das Ausbalancieren von operndramatischer Komplexität und Vielschichtigkeit mit der notwendigen spielerischen Leichtigkeit eine spannende Herausforderung. Zemlinskys Viertes Streichquartett ist neben seinem Zweiten Quartett, mit dem wir damals unsere Lehrzeit beim LaSalle-Quartett begonnen haben, eines unserer „Leib- und Magenstücke“. Gerade auch bei diesem großartigen Werk können wir unsere ungebrochene Liebe und besondere Verbundenheit zur Musik vor allem „österreichischer“ Prägung an der Wende von der Romantik zur Moderne voll ausleben. Das Bewusstsein, sich hier, wie beispielsweise auch bei Karl Weigl, für Musik von Opfern des Nationalsozialismus einzusetzen, spielt dabei durchaus auch eine Rolle. Mit der Uraufführung des letzten von Iván Eröd vollendeten Werks zusammen mit Adrian Eröd machen wir uns und hoffentlich auch dem Publikum ein besonderes Geschenk. Eröd als einer der vielen Komponisten, deren Werke wir uraufgeführt haben, war uns sehr zugetan und über viele Jahre treuer Gast unseres Konzertzyklus.

Die Fragen stellte Ulrike Lampert.
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.