Glanzvolle Revue 

Ein Musikvereinskonzert von 1870 

Als „Revue über die Glanzleistungen des Instituts“ wurde ein Konzert gefeiert, das am 30. April 1870 im damals noch funkelnagelneuen Musikvereinsgebäude stattfand. Johann Herbeck, Musikdirektor des Hauses, nahm damit seinen Abschied von der Gesellschaft der Musikfreunde. Nun präsentiert das Orchester Wiener Akademie mit dem Singverein ein Remake. Doch was war eigentlich das Typische, was das Besondere dieses Konzerts? 

Heute ist es in der Regel erklärte Absicht von Konzertveranstaltern, mit dem Ensemble der engagierten Interpreten einerseits hohe, zugkräftige Erwartungen zu wecken und dieses andererseits so gut wie möglich zu beschäftigen. Falls also Vokalsolisten, Chor und Orchester verfügbar sind, werden geeignete Werke gewählt, die alle Mitwirkenden optimal zur Geltung bringen. Nicht weniger wichtig ist die dramaturgische Stringenz von Programmen, die stets auf Werke im Ganzen setzt. Im 18. und 19. Jahrhundert dagegen walteten oft völlig andere Prinzipien: Vielfalt darzubieten war das oberste Gebot, es bedurfte keiner ideellen Klammer des Ablaufs aufeinander abgestimmter oder gar miteinander verknüpfter Programmpunkte. Kunterbunt durfte es sein, abwechslungsreich bis zur Beliebigkeit. Bei Johann Herbecks Abschiedskonzert als Konzertdirektor des Musikvereins im April 1870 kam noch eine andere Intention dazu: Hier wollten sich der Maestro und seine Ensembles in ihren seit Jahren bewährten Stärken präsentieren und Programmpunkte offerieren, die man seit 1858 bereits mit außerordentlichem Erfolg dargeboten hatte, darunter auch Impressionen aus Uraufführungen aus diesem Zeitraum, die aufgrund des besonderen Talents von Herbeck, seiner Vernetzung und seines Spürsinns zustande gekommen waren. 

Eine große Leistungsschau

Man kann bei der Palette von Darbietungen auch in diesem Fall feststellen, dass alle Mitwirkenden sich von ihrer besten Seite zeigen konnten: Das Orchester brachte in einem Instrumentalblock symphonische Höhepunkten seines neueren Repertoires von Schubert zu Gehör, die „Unvollendete“ und eine Ballettmusik aus „Rosamunde“. Der Chor präsentierte sich mit einer Reihe von unbegleiteten Werken aus der Feder von Liszt, Mendelssohn, Schumann und Herbeck und darüber hinaus mit Beethovens „Chorfantasie“, die bereits auf das Finale der „Neunten“ verweist. Offenkundig war es Herbecks Absicht, möglichst viele Facetten seines Wirkens aufzuzeigen. Es war, so hat es sein Sohn und Biograph Ludwig Herbeck treffend charakterisiert, eine „Revue über die Glanzleistungen des Instituts“: ein eindrucksvoller Abschiedsgruß, bevor sich Herbeck ganz der Hofoper zuwandte. Der Doppelbelastung, an der Oper und im Musikverein gleichzeitig zu wirken, war die sensible Natur dieses Künstlers nicht gewachsen – Herbeck ließ sich nun primär auf das Theaterfach ein, jedenfalls so lange, wie er es gesundheitlich bewältigte. Nach knapp sechs Jahren kehrte er dann aber zu seinen Wurzeln zurück, doch selbst diese Entscheidung vermochte ihn nicht vor einem frühen Tod zu bewahren. Er wurde bereits mit 45 Jahren aus dem Leben abberufen.

Karriere eines Vielbegabten

Dass aus dem 1831 geborenen Johann Herbeck einst eine der profiliertesten Persönlichkeiten des Wiener Musiklebens im 19. Jahrhundert werden würde, war dem Wiener Schneidersohn nicht in die Wiege gelegt. Die Ehe seiner Eltern war zerrüttet, er absolvierte die Volksschule St. Stephan und das Akademische Gymnasium und wechselte dann auf Empfehlung von Georg Hellmesberger ins Stift Heiligenkreuz. Dort herrschte ein gestrenges Regiment, doch war die Förderung im Bereich der Musik so außerordentlich, dass Herbeck als Sopransolist (sogar als Gabriele in Conradin Kreutzers Oper „Das Nachtlager in Granada“) und als Geiger, Bratschist oder Cellist im Streichquartett brauchbar war. Bereits mit 15 Jahren machte er eine Abschlussprüfug an einem Neustädter Gymnasium und wechselte zur Philosophie, später auch zu Jus an die Wiener Universität, wobei der Zwist im Elternhaus ihn so krank machte, dass er bald nach Heiligenkreuz zurückging. Erstmals betätigte er sich nun als Chorleiter und -komponist und sang, inzwischen im 16. Lebensjahr, tiefen Bass. Schließlich wirkte er als Hofmeister in Münchendorf. 1852 wurde Herbeck Mitglied des Wiener Männergesang-Vereins und bald darauf Chormeister der Piaristenkirche Maria Treu in der Josefstadt. Ab 1856 fungierte er dann als Chormeister des Männergesang-Vereins, der sich 1843 nach dem Vorbild von Nägelis Liederkränzen in Zürich gebildet hatte. Unter Franz Liszts Stabführung fanden 1856 die Feierlichkeiten anlässlich von Mozarts 100. Geburtstag statt, Herbeck partizipierte daran als Chorist.

Chorischer Frühlingshauch

Als er 1858 den neu etablierten Singverein übernahm, war Johann Herbeck 26 Jahre alt. Die Gesellschaft der Musikfreunde reagierte mit dieser Entscheidung auf die unmittelbar zuvor erfolgte Gründung der Singakademie. Endlich, aber nun höchst effizient und erfolgreich, brachte sie ihr Chorleben in eine passende Form. Schon im Oktober 1858 konnte Herbeck dann auch an Liszt melden: „... mit meinem ‚Singverein‘ geht es ganz gut vorwärts trotz aller Verdächtigungen der die Märtyrerin spielenden ‚Singakademie‘, der ‚Singverein‘ gibt zwei auch drei Concerte mit Orchester im Redoutensaale unter meiner Leitung und eine ganz kleine Production im Musikvereinssaale.“ Dass seine Mühen reiche Früchte trugen, bestätigte 1867 der Wiener Kritiker Ludwig Speidel, als er nach der Darbietung zweier Chöre aus Herbecks Feder schrieb: „Wenn der Singverein zu singen anhebt, ist es jedesmal, als ob ein Hauch des Frühlings durch den Saal streiche.“

Verdienste um Schubert

Zu seiner Schubert-Begeisterung hatte Herbeck durch den Schwarzenbergischen Centralarchivar Albin Battista gefunden, von dessen unmittelbaren Beziehungen zu Schubert man kaum mehr weiß, als dass er 1829 Subskribent des „Schwanengesang“ war. Herbeck baute sein Schubert-Netzwerk zu dessen Familie, Freunden und Mitstreitern systematisch aus. 1860 meldete sich auch der eigenbrötlerische Beamte Joseph Hüttenbrenner bei ihm. Er hatte das 60. Lebensjahr schon überschritten, als er sich dem Dirigenten „als Primo Tenore assoluto“ andiente. Zugleich empfahl er neben zahllosen Werken seines älteren Bruders Anselm als dessen besonderen Schatz auch Schuberts „Unvollendete“. Herbeck war nun in der Verlegenheit, den ambitionierten „Tenor“ nicht zu düpieren und sich gleichwohl das Schubert’sche Fragment zu sichern. Erst 1865 – 40 Jahre nach dessen Entstehung – gelang es ihm auf einer Reise nach Graz, von Anselm die Partitur zu entlehnen und die „Unvollendete“ erfolgreich zur Uraufführung zu bringen. Mit der Behauptung, das Schubert’sche Juwel „Rosamunde“ einem staubigen Notenkasten entrissen zu haben, schmückten sich der englische Komponist Sullivan und der nachmalige Musiklexikograph Grove – sie brachten mit dieser Behauptung Schuberts Nachfahren gegen sich auf. Herbecks Verdienst war es auch, eine kritische Ausgabe der Schubert’schen Männerchöre vorzulegen. Sogar für die Uraufführung von Schuberts musikdramatischen Werken setzte Herbeck sich ein. Nicht von ungefähr enthielt sein Abschiedskonzert also wichtige Schubertiana.

Intermezzo als Opernchef

Als 1869 die neue Oper am Ring eröffnet war, trat man auch an Herbeck heran, der ab September an das Haus verpflichtet wurde und dem man dann auch die Einstudierung der Wagner’schen „Meistersinger“ anvertraute, die er Ende Februar 1870 nach Monaten der genauen Vorbereitung bei der Wiener Erstaufführung dann tatsächlich leitete. Nachdem vorherige Operndirektoren am Chor des Hauses wenig Interesse hatten, kam mit Herbeck ein besonderer Experte ins Amt, was der Wagner-Einstudierung besonderen Glanz verleihen sollte. An der Oper war Herbeck, Direktor seit 1870, verantwortlicher Ansprechpartner für musikalische und szenische Belange. Während er sich für Wagner mit größtem Engagement einsetzte, dachte er sehr abschätzig über Verdi, den er zu den „Schmeißfliegen, die das Banner der himmlischen Kunst besudeln“ zählte. Dagegen sorgte er 1866 im Konzertbereich mit leidenschaftlichem Einsatz dafür, dass unter Berlioz dessen „Fausts Verdammnis“ zu Gehör kam, und sprach dezidiert Empfehlungen für Bruckner und Brahms aus. Herbeck dirigierte auch nach seinem Ausscheiden aus der Hofoper 1875 im Musikverein ein Dutzend (teils „außerordentliche“) Gesellschaftskonzerte, deren Programm von der Renaissance bis zur Gegenwart des späten 19. Jahrhunderts reichte. Schon 1869 hatte er die Wiener Erstaufführung von Franz Liszts Oratorium „Die Legende von der heiligen Elisabeth“ dirigiert. Mit einer Nummer aus diesem Oratorium begann dann auch sein Abschiedskonzert 1870 – in der Tat eine „Revue über die Glanzleistungen des Instituts“.

Till Gerrit Waidelich 
Der Musikwissenschaftler Dr. Till Gerrit Waidelich hat sich mit zahlreichen Publikationen besonders als Schubert-Forscher und Spezialist für die Oper des 19. Jahrhunderts profiliert.