Der besondere Swing 

Denis Matsuev 

Er spielt rund 250 Konzerte pro Jahr, organisiert Festivals und Wettbewerbe, sorgt sich sehr aktiv um den musikalischen Nachwuchs, ist begeisterter Fußballer und glühender Patriot in allen Lebensbereichen: Denis Leonidowitsch Matsuev, einer der ganz Großen unter den heutigen russischen Pianisten. 

Der freundliche Hüne aus Sibirien sprudelt nur so vor Begeisterung, wenn er über all das erzählt, was er liebt und wofür er lebt. Wie schafft er das alles? „Natürlich habe ich sehr viele Funktionen und Aktivitäten, aber am allerwichtigsten sind mir meine Auftritte auf dem Podium. Alles andere mache ich sehr gern, denn ich liebe es, wenn mein Terminkalender ‚kocht‘. Denn es ist mir ständig bewusst, dass eine Tätigkeit die andere ergänzt. Ich fühle mich bei diesem Zeitplan sehr wohl. Und meine Konzerte geben mir eine enorme Menge Kraft zurück. Das ist so eine Art Selbstaufladen, ein Energieschub von dem Augenblick an, wo ich vor dem Publikum auftrete: Das ist für mich der glücklichste Moment des Tages. Das war schon so, als ich noch klein war, in Irkutsk. Jedes Mal, wenn ich auftrete, erweckt das ungeheure Kräfte in mir, es ermüdet mich nicht, ganz im Gegenteil.“ 

Talenteschmied und Mittelstürmer

Angefangen hat für ihn alles dank einer Institution, die den Sechsjährigen seinerzeit aus dem fernen Sibirien nach Moskau einlud. Heute steht er dem Fonds „Neue Namen“ (Novye Imena) als Präsident vor. „Dieser Fonds ist meine ‚zweite‘ Familie. Jedes Jahr reisen wir mit der Direktorin Olga Nikolayevna Tomina in die Regionen, unsere besten Konservatoriumsprofessoren geben Meisterklassen, und unsere ‚Familie‘ agiert als Sponsor. Da kommt jetzt eine Generation einmalig begabter Kinder. Zum Großteil stammen sie aus ganz kleinen Städten, sogar aus Dörfern, oft aus nicht musikalischen Familien. Die Frage ist nicht, woher sie kommen. Ich glaube, es gibt bei den Russen ein geheimes kulturelles Gen, das völlig unabhängig ist und sich aus der Tiefe heraus durchsetzt. Die Aufgabe unseres Fonds ist, diese Sechs- und Siebenjährigen zu finden, ihnen zu helfen, große, wahre Musiker zu werden. Das Wort Wunderkind ist sehr gefährlich, da kann man viel verderben. Wir haben hier unser System, denn alles muss schrittweise gehen.“ Matsuev selbst ist ein Paradebeispiel für dieses System der Talentförderung. Wobei den Sechsjährigen seinerzeit in Moskau vor allem Fußball und Hockey interessierten. Spartak Moskau, seine Mannschaft, im Stadion zu erleben – das war ein Ziel! „Ich bin sehr sportlich“, sagt der Pianist auch heute voll Begeisterung, „ich bin Fanatiker! Habe mir schon dreimal die Hand verletzt.“ Er spielt bis heute Fußball und hat sogar in Moskau seinen eigenen Klub. „Das sind Künstler, Musiker und ehemalige Fußballprofis. Wir betreiben das sehr ernsthaft. Ich bin Mittelstürmer – und Kapitän“, fügt er vergnügt lächelnd hinzu.

Die Wälder, die Taiga!

Als Künstler hat das Vaterland den heute 44-Jährigen mit allen erdenklichen Auszeichnungen geehrt. „Alle haben ein hohes Prestige, ich verneige mich davor. In der Heimat so geschätzt zu werden ist sehr wichtig. Aber die wichtigste Auszeichnung kommt vom Publikum. Dass die Leute, die in meine Konzerte kommen, etwas mitnehmen, was sie sonst im Leben nicht haben. Momente der Bildung, der Erhellung, der Heilung von nervlicher Belastung, negativen Nachrichten etc. Wenn du in ein klassisches Konzert gehst, betrittst du einen sakralen Raum, eine Oase, die dich abschirmt.“ Die heranwachsende Generation in Russland für klassische Musik zu interessieren ist ihm ein vordringliches Anliegen. Er sieht diesbezüglich wieder positive Entwicklungen, auch sein eigenes soziales Engagement ist ganz darauf ausgerichtet, die große klassische Tradition dem jungen Publikum zu vermitteln. Zu Matsuevs eigenen Großprojekten zählt das Festival „Crescendo“ für begabte junge Musiker. Es geht heuer in die 16. Auflage und findet jährlich an unterschiedlichen Austragungsorten statt, in Russland, aber auch jedes Mal in einer Stadt im Ausland. So können sich die jungen Künstler vor größtmöglichem Publikum präsentieren. Für seine engere sibirische Heimat, die Region um Irkutsk, organisiert der Pianist seit 15 Jahren das Festival „Stars of the Baikal“ (Svjozdi Baikala). „Das hat auch einen sehr positiven Einfluss auf meine eigentliche Tätigkeit als Künstler, es hilft. Denn in Sibirien, am Baikalsee, laden sich meine Batterien auf. Der Baikal ist der großartigste, sauberste, tiefste See überhaupt. Alle großen, berühmten Künstler, die ich einlade, schauen sich dieses Wunder an, kommen nicht nur zum Konzert. Die Wälder, die Taiga! Jedes Mal gehe ich in die russische Banja, mit den Birkenzweigen, danach in den See bei acht Grad. Alle Künstler tun das auch, niemand hat es bisher abgelehnt, niemand ist krank geworden, denn dieses Wasser ist magisch, hat Heilkraft!“

Blauer Vogel, Roter Platz

Matsuev kämpft in Wort und Tat gegen das musikalisch Seichte und Beliebige, das, was er eigentlich nicht Musik nennt und das seit Jahren medial alles durchflutet. Er respektiert zwar jene Publikumsschichten, denen derlei gefällt, doch will er der Tendenz etwas entgegensetzen. Daher ist er  Mitorganisator der Fernsehserie „Blauer Vogel“ (Sinyaya Ptitsa). „Das ist ein echter Durchbruch“, erzählt er, „Sonntagabend im Ersten Kanal zur Primetime, mit jungen Künstlern aus klassischer Musik, Volksmusik, Jazz, Ballett und Zirkuskunst. Da gibt es fantastisch begabte junge Leute, denen dann Millionen auf der ganzen Welt zuschauen. Die Einschaltquoten sind enorm hoch, weil das etwas Echtes ist, kein Fabrikat.“ Auch im Zentrum der Macht, beim Kreml, hat Matsuev ein Wörtchen mitzureden. Er ist Mitglied des Rats für Kultur und Kunst beim Präsidenten. „Einmal im Jahr versammeln wir uns unter dem Vorsitz des Präsidenten. Jedem der 50 Teilnehmer wird die Möglichkeit geboten, aus seinem Bereich, Musik, Theater, Museen etc., sich an den Präsidenten direkt zu wenden, mit Fragen, Problemen, die man für wichtig hält. Nach diesen Beratungen, wo es oft auch um Probleme der Bildung geht, gibt es dann auch reelle Hilfe und Unterstützung dank des Stipendienfonds des Präsidenten, aber auch zahlreiche neue Projekte, wie beispielsweise im Musikbereich ein neues Jugendsymphonieorchester, mit dem Ratsmitglieder wie Vladimir Spivakov und Valery Gergiev arbeiten.“

Olympischer Geist

Bei Ereignissen von nationaler Bedeutung ist Matsuevs Mitwirkung stets gefragt. Er schwärmt immer noch von den Olympischen Spielen in Sotschi, dem unglaublich starken olympischen Geist, der alle Beteiligten erfasste. Er selbst nahm am umfangreichen künstlerischen Rahmenprogramm teil. Bei der Fußball-WM 2018 organisierte er zum Auftakt das Galakonzert auf dem Roten Platz, mit einer Plejade von Stars. „Sport und klassische Musik, das sind die Dinge, die friedliches Miteinander bewirken, was in der heutigen Zeit so wichtig ist. Leider hat im Sport schon die Politik Einzug gehalten. Musik allein ist geblieben, als internationale friedensstiftende Sprache. Bei der WM war meine Botschaft: Kultur und Sport sind im Herzen unseres Vaterlandes vereint.“ Bleibt neben all diesen Aktivitäten überhaupt noch Zeit für die Familie? „Leider zu wenig“, meint er seufzend. Matsuev ist mit der Bolschoi-Ballerina Jekaterina Shipulina verheiratet und hat eine dreijährige Tochter, Anna, die er abgöttisch liebt. „Sie hat mein Leben völlig verändert, sie ist ein äußerst lebhaftes Kind (wen wundert’s!), sie singt und tanzt und dirigiert, sie zeichnet und spielt Fußball. Sie weiß auch, wenn Papa nach Hause kommt, kriegt sie alles!“ Wenn er in einer Stadt länger gastiert, lässt er die Familie nachkommen.

Mephisto im Goldenen Saal

Matsuevs Repertoire ist groß: 46 Konzerte mit Orchester und 23 Soloprogramme sind es derzeit. Für seinen kommenden Wiener Soloauftritt bereitet er eines seiner Lieblingsprogramme vor. „Tschaikowskijs Zyklus ‚Jahreszeiten‘ ist für mich einer der schönsten, einmaligsten. Leider wird er selten als Ganzes gespielt, nur der eine oder andere Teil ist gelegentlich zu hören. Ungeachtet seiner äußerlichen Schlichtheit umfasst er unterschiedliche Charakterstücke, die das Essenzielle der Musik Tschaikowskijs deutlich machen. Als Kontrast dazu Liszts ‚Mephisto-Walzer‘, den ich schon vor Jahren beim Tschaikowskij-Wettbewerb spielte. Und schließlich Strawinskys ‚Petruschka‘ in der Eigenversion des Komponisten für Klavier, denn ich liebe es, einen Orchestereffekt zu vermitteln und auch den Ballettcharakter darzustellen.“ All dies im Goldenen Musikvereinssaal, den Matsuev so sehr liebt. „Es ist die Aura. Bei jedem Auftritt spürst du die Besonderheit, das Außergewöhnliche des Raumklangs, was dich berührt. Das Publikum ist auch einmalig.“ Und natürlich wird es Zugaben geben, ohne Frage. „Ich habe mehr als 100 solcher Stücke parat. Ich bereite sie nie speziell vor. Was ich spiele, entscheidet sich in dem Moment, in dem ich am Klavier Platz nehme. Wenn das Publikum darauf wartet, spiele ich gern viele Zugaben. Mein Rekord bisher waren ganze vierzehn!“

Jazz als Lebenskunst

Eine Porträtskizze des Pianisten Denis Matsuev wäre nicht vollständig, ohne seine zweite Leidenschaft zu erwähnen: Jazz, den er schon in jungen Jahren von seinem Vater, einem Pianisten und Komponisten, mitbekommen hat. Aufnahmen der großen Jazzmusiker gehörten zu seinen prägenden Einflüssen. „Das hat mir geholfen, mir den besonderen Swing anzueignen. Jazz kann man nicht nach Noten spielen, dann ist er nicht mehr Jazz! Das Improvisieren hilft mir aber auch bei der klassischen Musik. Und schließlich ist Improvisation auch im Leben wichtig. Jazz ist nicht nur ein musikalischer Stil, sondern Zustand der Seele. Ohne Jazz kann ich nicht sein, er hilft mir, gibt mir Kraft, auf dem Podium und im Leben.“ 

Edith Jachimowicz 
Dr. Edith Jachimowicz, die jahrelang auch in Moskau tätig war, lebt als Musikpublizistin und -dramaturgin in Wien und Salzburg.