Zwischen Lachen und Weinen

Caroline Peters

„Schicksal? Entscheidung!“ Ein Projekt, das unter diesem Titel antike Heldinnen ins Heute holt, führt Caroline Peters erstmals in den Musikverein. Monika Mertl sprach mit der Schauspielerin, die 2020 bei den Salzburger Festspielen die Buhlschaft spielen wird. Keine Schicksalsrolle. Aber eine, die entschieden ihren Rang belegt. 

Seit fünfzehn Jahren ist sie eine fixe Größe am Burgtheater, wo sie in der laufenden Saison gleich in fünf verschiedenen Hauptrollen auf der Bühne steht. Das Spektrum reicht von Simon Stones Überschreibung der „Medea“ des Euripides über „Deponie Highfield“ von René Pollesch bis zur szenischen Installation „The Blond Project“, und in diesem weiten Bogen zeigt sich die Besonderheit von Caroline Peters. Sie ist weder auf ein Fach noch auf einen Typ festzulegen – und doch stets unverwechselbar: als begnadete Darstellerin, die es liebt, sich selbst und ihr Publikum zu überraschen. Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich heuer im Sommer bei den Salzburger Festspielen, wo sie zum 100-Jahr-Jubiläum als neue Buhlschaft des Jedermann in Erscheinung tritt. Zuvor aber gibt sie noch ihr Debüt im Gläsernen Saal, mit einem Programm, das antiken Heldinnen eine zeitlose Stimme verleihen will. 

Die Wucht an Emotionen

Den Musikverein kennt Caroline Peters bislang nur als Konzertbesucherin. Sie sei, sagt sie, „total begeistert von diesem Ort, weil hier verschiedene soziale Schichten zusammenkommen, verbunden durch das gemeinsame Interesse an der Musik“. Wenn sie zuweilen selbst in Projekten mit Musikern auftritt, bedeute das immer ein besonderes Ereignis. „Ich habe zum Beispiel mit Florian Boesch, Franui und Michael Sturminger einen Abend in Grafenegg gestaltet. Diese Mischung aus musikalischer Sprache und Text hat mich fasziniert.“ Ihre „Einstiegsdroge“ war die Uraufführung von Elfriede Jelineks „Kein Licht“, mit der Musik von Philippe Manoury, eine Kooperation zwischen der Pariser Opéra comique und der Ruhrtriennale in der Saison 2017/18. „Es war eine völlig andere Erfahrung, mit Opernsängern zusammenzuarbeiten, die Wucht an Emotionen zu erleben, die die Musik mitbringt, und wie sich die Sänger da gleichsam ‚draufsetzen‘.“ Dass Schauspieler diese emotionale Ebene in langen Probenprozessen oft erst herstellen müssen, habe sie nur anfangs „ein bisschen neidisch“ gemacht; „dann merkt man schnell, dass auch Sänger sehr viel arbeiten müssen“, lacht sie.   

Ein Ort, der Denkmöglichkeiten eröffnet

Caroline Peters ist mit ihren Geschwistern in Mainz und Köln aufgewachsen; der Vater war Psychiater, die Mutter Literaturwissenschaftlerin. Uwe Henrik Peters hat viel über Robert Schumann publiziert. Hat ihr das einen speziellen Zugang zur Musik eröffnet? „Da ging es um das Leben von Schumann und seine Erkrankung. Wobei mein Vater viel klassische Musik und Oper gehört hat. Das haben wir zu Hause mitbekommen, wie Kinder das eben mitbekommen. Entscheidend für mich war, dass meine Eltern begeisterte Theaterbesucher waren.“ Mit dreizehn bekam sie zum Geburtstag ein Abonnement geschenkt. So wurde das Theater für sie „ein vertrauter Ort, der Denkmöglichkeiten eröffnet. Ich bin aus den Vorstellungen bereichert und beflügelt herausgekommen.“  Ihr Berufswunsch stand frühzeitig fest. „Ich wollte mich mit meiner Theaterleidenschaft von meiner Familie abgrenzen. Weil dort alle Wissenschaftler sind, wollte ich mit Fantasie und Intuition etwas erkunden.“ Die Einstiegshürde war allerdings hoch. Sechs Schauspielschulen haben Caroline Peters abgelehnt, ehe sie in Saarbrücken endlich ihre Ausbildung beginnen konnte. „Das geht vielen so“, meint sie trocken; „vielleicht war es mein Glück, dass mein Wille nicht noch weiter auf die Probe gestellt wurde!“ Immerhin hat sie gleich gelernt, dass es sich lohnt, „an einer Sache dranzubleiben, nicht auf das Urteil anderer zu hören. Dabei kam mir natürlich auch ein bisschen die Pubertät zu Hilfe, ich war achtzehn! Und es gab auch einen Plan B: Dann studiere ich eben Germanistik und Theaterwissenschaft und werde wie der Rest der Familie.“ 

Kraft der Begeisterung

Dass das vermieden werden konnte, verdankt sie nicht zuletzt der uneingeschränkten Unterstützung von zu Hause. „Meine Eltern hätten mir niemals abgeraten. Sie waren der Meinung, dass man nur auf dem Gebiet Kräfte entwickelt, von dem man begeistert ist, und dass man sich dieser Begeisterung auf jeden Fall hingeben muss.“  Ihr Selbstvertrauen fand die ultimative Bestätigung, als sie im letzten Studienjahr, noch vor ihrem Diplom, an die Berliner Schaubühne engagiert wurde, von niemand Geringerem als Andrea Breth. „Das war ein Triumph für mich! Und ein prägendes Erlebnis. Die Schaubühne ist ja nicht unbedingt ein Theater für Berufseinsteiger, da kann man sich an einem Stadttheater viel besser ausprobieren. Das war bei mir umgekehrt.“  Ihre erste gemeinsame Produktion mit Andrea Breth galt 1995 Kleists „Familie Schroffenstein“ – eine grundlegende Erfahrung. „Andrea ist eine Regisseurin, die jedes Wort des Dichters wahnsinnig ernst nimmt. Der Dramaturg war Dieter Sturm. Die Leseproben haben manchmal vierzehn Tage gedauert, ich habe das genossen! Das waren regelrechte literaturwissenschaftliche Seminare.“ Mittlerweile arbeitet Caroline Peters häufig mit Theatermachern wie René Pollesch und Simon Stone zusammen, die sich jenseits des tradierten literarischen Kanons bewegen und ihre eigenen Texte auf die Bühne bringen. „Das ist ein ganz ähnlicher Prozess“, betont sie. Auch wenn das Stück wie in diesem Fall erst im Verlauf der Proben, im kontinuierlichen Austausch über das jeweilige Thema, geschrieben wird: „Die umfassende Arbeit am Text findet hier genauso statt, die drei sind einander viel näher, als man denken würde.“ In dieser Art des Theatermachens fühlt sie sich wohl, hier kann sie sich ganz anders entfalten, „als wenn ein Regisseur ein Stück als Steinbruch begreift, um seine Interpretation auf die Bühne zu bringen.“   

Das Schwere wie das Leichte

Ihre Kunst, schwierigen Inhalten mit darstellerischer Leichtigkeit zu begegnen, hat Caroline Peters vielfach bewiesen; zuletzt etwa auch in der österreichischen Filmkomödie „Womit haben wir das verdient?“, der die Migrationsproblematik in aller Komplexität durchspielt. „Die Grenzen zwischen Komödie und Tragödie will ich nicht anerkennen“, sagt sie. „Viele Komödien haben einen tragischen Kern, und Tragödien haben komisches Potenzial. Komik ist ein starkes Element der Auseinandersetzung mit sehr komplizierten Themen, und Unterhaltung muss etwas anderes sein als bloße Zerstreuung. Zwischen Lachen und Weinen – auf die Grenzüberschreitung kommt es an. Es ist komplex, was wir da machen, auf der Bühne!“  Als Rheinländerin ist Caroline Peters ja vielleicht als Frohnatur geboren? „Bei uns zu Hause hat der Humor tatsächlich eine große Rolle gespielt“, bestätigt sie. „Meine Eltern haben zum Beispiel gemeinsam ein Buch über den Irrenwitz geschrieben. Mir hat das Lachen immer schon geholfen, nicht aus Oberflächlichkeit oder Ironie, sondern auch als Ausdruck von Erschrecken und Staunen.“ Was sie sich in komödiantischer Hinsicht für den Beruf erarbeiten musste, sei vor allem „das Timing. Das lernt man im Lauf der Jahre, durch Übung und Gewohnheit.“   

Lust auf Salzburg

Ist der komödiantische Zugang auch eine gute Voraussetzung, um die Buhlschaft zu spielen? „Er ist auf jeden Fall eine gute Voraussetzung, um mit den Zuschauern zu kommunizieren“, bringt sie die Frage auf den Punkt. Dem gesellschaftlichen Trubel, der mit dieser „berühmtesten Nebenrolle“ einhergeht, sieht sie mit Neugier und nicht ohne Vorfreude entgegen. „Ich bin gespannt. Da werde ich mir etwas einfallen lassen! Das gehört eben zu der Bedeutung, die man der Sache beimisst. Mir macht es Spaß, die Buhlschaft gerade in diesem Sommer zu spielen, weil durch das Jubiläum ein größerer Kontext entsteht. Dass dieses Stück über hundert Jahre immer aufgeführt wurde, mit einer kleinen Unterbrechung während des Zweiten Weltkriegs, und man guckt sich an, wer da schon alles auf dem Domplatz stand – und dass man jetzt selbst das Staffelholz weiterträgt, das finde ich toll! Ich bin ein Freund von Zeitreisen.“ 

„Ich wollte mich mit meiner Theaterleidenschaft von meiner Familie abgrenzen. Weil dort alle Wissenschaftler sind, wollte ich mit Fantasie und Intuition etwas erkunden.“ Caroline Peters 

Ein analoges Wunder

Das Engagement in Salzburg passt perfekt ins Bild, denn Caroline Peters steht aktuell offenbar im Zenit ihres Könnens und ihrer Popularität. 2019 wurde sie von „Theater heute“ zum zweiten Mal zur Schauspielerin des Jahres gekürt und war erneut für den „Nestroy“ nominiert, den sie 2018 für „Hotel Strindberg“ bereits erhalten hat; darüber hinaus wurde sie von der „Presse“ auch noch zur „Österreicherin des Jahres in der Kategorie Kulturerbe“ ernannt.  Das überrascht ein wenig, denn sie hat überhaupt erst seit drei Jahren ihren ständigen Wohnsitz in Wien. Da ist sie aus Berlin zugezogen, auch ihrem Lebenspartner Frank Dehner zuliebe, der „wahnsinnig gern hier lebt, und weil wir die Pendelei satthatten“. Gemeinsam haben die beiden 2018 in der Margaretenstraße ein kleines, sehr spezielles Geschäft namens „art postal“ eröffnet. „Er ist Fotograf, es geht um moderne Straßenfotografie und um ein analoges Wunder wie die Postkarte – eine Kulturtechnik, die fehlen würde, wenn es sie nicht mehr gäbe! Ich vermute, dass diese Auszeichnung mehr mit dem Geschäft zu tun hat als mit meiner schauspielerischen Arbeit“, sagt sie – und findet doch gleich die Verbindung zwischen den beiden Bereichen: „Die Postkarte ist, genau wie das Theater, eine haptische Kunstform, etwas Unmittelbares, das nur im Live-Erlebnis Sinn macht.“   

Burg mit Aussicht

Was hat sich durch die neue Sesshaftigkeit für Caroline Peters verändert? „Der Alltag ist viel einfacher geworden, und die sozialen Kontakte. Sonst musste man, kaum dass man neue Leute kennengelernt hatte, immer gleich wieder weg.“ So fügt sich eins zum anderen. „Ich fand es sinnvoll, dort zu leben, wo ich hauptsächlich spiele“, freut sich Caroline Peters über die enge künstlerische Verbundenheit mit dem Burgtheater. Martin Kušej ist dort bereits ihr vierter Direktor. „Diese Kontinuität ist unglaublich wohltuend – mit dem Haus, mit dem Publikum, mit der Stadt.“ Droht da nicht auch Routine? „Es geht genau um dieses Wechselspiel. Die Routine muss man immer wieder durchbrechen. Ich bin immer wieder ausgestiegen.“ Da hat sie dann etwa 39 Folgen der Krimisatire „Mord mit Aussicht“ gedreht. „Das Rein und Raus war mir wichtig. Zum Glück ist das Burgtheater so groß, dass das möglich ist. Das war absolut toll für mich.“ 

Monika Mertl 
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).