Die ganze Welt in den Facetten eines Walzers 

Rudolf Buchbinder spielt altbekannte und brandneue Diabelli-Variationen

„Diabelli 2020“ heißt das exquisite Projekt, das Rudolf Buchbinder zum 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens initiiert hat: neu komponierte Variationen über einen Walzer von Anton Diabelli in Verbindung mit historischen sowie mit Beethovens berühmten „Diabelli-Variationen“ in einem Konzert. Am 3. März spielt Buchbinder die Uraufführung im Musikverein.

„Ich habe Beethoven vorher gespielt und beabsichtige, es nachher weiter zu tun – und ich glaube auch, er wird dieses Jahr 2020 überleben“, stellt Rudolf Buchbinder verschmitzt fest. Morgens vor der Probe im Musikverein hat er sich Zeit genommen, mir im Café Imperial von seinem Beethoven-Projekt „Diabelli 2020“ zu berichten. Danach wird nicht bloß ein „normales“ Konzert mit den Wiener Philharmonikern unter Riccardo Muti vorbereitet – so normal das eben sein kann –, sondern mehr: Der Mitschnitt von Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 soll auch veröffentlicht werden. Und zwar als Teil jenes anderen großen Beethoven-Vorhabens zum 250. Geburtstag des Komponisten, das Buchbinder aus Anlass des Jubeljahres im Musikverein verwirklicht: Aufführungen und Einspielungen der fünf Klavierkonzerte Beethovens mit jeweils fünf verschiedenen Klangkörpern und Dirigenten. In numerischer Reihenfolge der Werke angeführt, waren und sind seine Partner das Gewandhausorchester Leipzig unter Andris Nelsons, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons, die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev, die Sächsische Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann und eben die Philharmoniker unter Muti.

Abschied von einem der Größten

„Die Aufnahmen der Konzerte eins bis drei sind schon fertig“, versichert Buchbinder – und muss sofort von seinem exemplarisch traurigen 73. Geburtstag erzählen, den er kurz vor unserem Gespräch erlebt hat. Denn sein Konzertkalender sollte ihn genau an jenem Sonntag, dem 1. Dezember 2019, nach St. Petersburg führen, an dem die Nachricht vom Tode Mariss Jansons’ in genau dieser Stadt die Musikwelt erschüttert hat. „Vier Tage vorher habe ich noch mit ihm telefoniert, er hat gesagt: ‚Rudi, du und ich, wir sind seelenverwandt ...‘ Auf unserer letzten gemeinsamen Konzertreise, die in München mit Beethoven und Mozart begonnen hat, waren wir schon alle sehr besorgt um ihn, sein Gesundheitszustand hat stark geschwankt. Seine Frau Irina war immer an seiner Seite, die beiden waren ja unzertrennlich. Natürlich habe ich am Sonntag mit ihr gesprochen und auch vor dem Konzert ein paar Worte gesagt, die mir aber vor Rührung kaum über die Lippen kamen. Ich glaube nicht unbedingt an das sogenannte Schicksal, aber das empfinde ich schon als eine erstaunliche Fügung.“ Auf Buchbinders Programm stand Schubert, die vier letzten Impromptus und die finale B-Dur-Sonate ...

Ein Walzer wächst sich aus

Franz Schubert – getragen, voller Wehmut, in c-Moll – taugt als Bindeglied, das uns zu Anton Diabelli (1781–1858) und „seinen“ Variationen führt. Denn auch Schubert zählte zu jener stattlichen Schar namhafter Komponisten, die zu jenem Projekt ihr Scherflein beitrugen, das dem findigen Verleger Diabelli einen prominenten Platz in der Musikgeschichte sichern sollte – zumindest indirekt. 1819 hatte er einen simplen kleinen Walzer in C-Dur aus eigener Feder an die Großen der Musik versandt mit der Bitte, eine einzelne Variation darüber zu verfassen, um alle gemeinsam in einem großen Sammelband zu veröffentlichen. Rund 50 Komponisten kamen der Aufforderung nach, mit ihren musikalischen Abwandlungen von Diabellis Walzer einen solchen „Vaterländischen Künstlerverein“ zu bilden, wie der Titel der Kollektion lautete.  Doch Ludwig van Beethoven scherte aus der Reihe der (ein, höchstens zwei Einsendungen abgebenden) Kollegen auf monumental-genialische Weise aus: Nach allen Regeln der Kunst, mit grimmigem Humor und erhabenem Tiefsinn, mit experimenteller Lust und unterhaltsamem Erfindungsgeist drehte und wendete er Diabellis Walzer so lange, bis er, nach vierjähriger Arbeit und damit natürlich absurd lang nach dem offiziellen Einsendeschluss, aus dem Thema nicht weniger als 33 anspielungsreiche Variationen und eine Coda gewonnen hatte. Die kurz „Diabelli-Variationen“ genannten „33 Veränderungen über einen Walzer von Diabelli“ op. 120 wurden Beethovens letztes und größtes Variationenwerk für Klavier. Diabelli gab dieses Opus denn auch 1823 gesondert heraus und ließ die Anthologie erst 1824 in einem zweiten Band folgen. Johann Nepomuk Hummel, Franz Kalkbrenner, Conradin Kreutzer, Franz Liszt, Ignaz Moscheles, Franz Xaver Wolfgang Mozart, der schon erwähnte Schubert und Carl Czerny, sie alle und viele mehr rangierten darin also unter ferner liefen ...

Unerhörte neue Facetten

Aber ist denn Diabellis oft geschmähter Schusterfleck, dieses heitere Humtata, solch konzertierter Ehre überhaupt würdig? Buchbinder antwortet aus Überzeugung: „Je charakteristischer das Thema selbst, desto enger ist der Weg für Variationen vorgezeichnet. Die Schlichtheit und Einfachheit des Themas war für Beethoven ideal, weil sie ihn in keine Richtung zwängte. Für mich wird in den Diabelli-Variationen die Größe Beethovens deutlich: humorvoll, wütend, melancholisch oder swingend – es gibt keinen Seelenzustand, den er hier nicht beschreibt. Übrigens hat erst Hans von Bülow die Uraufführung gespielt, im Jahre 1856: So lange sind die Diabelli-Variationen brach gelegen – weil Beethoven, wie auch mit den späten Streichquartetten, sein Publikum überfordert hat. Manches an seiner Musik ist für uns bis heute schwer verständlich. Für mich ist und bleibt er ein Revolutionär.“ Mit einem solchen Vorgängerwerk vor Ohren, das deswegen gar kein erklärtes Vorbild sein muss, hält Diabellis Walzer auch für heutige Komponisten noch genügend Anknüpfungspunkte, Reibungsflächen und Interpretationsanreize bereit, ist Buchbinder überzeugt. Und die bereits vorliegenden Beiträge geben ihm recht. „Rodion Schtschedrin, der gerade 87 Jahre alt geworden ist, war einer der Ersten, der mir seine fertige Variation übermittelt hat: zwei Seiten nur. Brett Dean brachte mir sein Stück nach einem Auftritt in Köln, Toshio Hosokawa kam in Tokio nach meinem Konzert ins Künstlerzimmer. Auch er hat eine langsame Variation in c-Moll komponiert – so wie damals Franz Schubert.“ Stilistisch hat Buchbinder auf jede Vorgabe verzichtet, wollte der schöpferischen Fantasie freien Lauf lassen. „Nur bei der Länge habe ich um Mäßigung gebeten – aber manche toben sich natürlich trotzdem aus: Jörg Widmann zum Beispiel hat mir eine lange, sauschwere Variation von nicht weniger als sieben oder acht Seiten geschickt – da heißt es jetzt studieren!“, lacht er. „Seine Variation ist ziemlich jazzig; Christian Jost hingegen hat mir einen ‚Rock to Rudi‘ geschrieben.“ 

Cleverness und Können

Eine spezielle Dramaturgie wird und muss sich Buchbinder für die Novitäten nicht überlegen: „Schon Diabelli hat die Variationen einfach nach dem Alphabet angeordnet – und das mache ich auch.“ Dessen Fähigkeiten imponieren Buchbinder durchaus: „Er war schon ein genialer Bursche. Das, was man heute Marketing nennt, hatte er bereits im kleinen Finger. Und das mit einer Unverfrorenheit, die uns heute noch zum Schmunzeln bringt. Sie wissen ja, ich bin leidenschaftlicher Notensammler, und ich bekomme Schuberts B-Dur-Sonate und seine vier letzten Impromptus, beide erst zehn Jahre nach dem Tod des Komponisten von Diabelli veröffentlicht. Und man traut seinen Augen nicht: Auf der B-Dur-Sonate prangen die Worte: ‚Gewidmet Robert Schumann‘! Und bei den Impromptus: ‚Gewidmet Franz Liszt‘! Und schon konnte er’s besser verkaufen ... Das war Diabelli!“ Daneben schätzt er Carl Czernys Beitrag zu Diabellis Sammlung hoch: „Von ihm kam die Empfehlung, auch den 1819 erst achtjährigen Franz Liszt mit aufzunehmen. Vor allen Dingen aber hat Czerny die Coda des Zyklus geschrieben – ein gewaltiges Stück, das nichts zu tun hat mit seinen Fingerübungen und der berühmt-berüchtigten ‚Schule der Beiläufigkeit‘, als die wir Studenten seine ‚Schule der Geläufigkeit‘ immer verspottet haben, auch wenn sie manuell fraglos sehr wichtig ist.“ 

Rund um den Globus

Nach der Uraufführung im Musikverein sind bislang bereits Aufführungen in nicht weniger als zwanzig weiteren Städten der Welt fixiert, darunter auch Tokio, Seoul und St. Petersburg. Und dass Buchbinders „Diabelli 2020“ auch auf CD erscheinen wird, dafür sorgt ein neuer Exklusivvertrag des Pianisten. „Nach langer Zeit wird das erstmals keine Live-Aufnahme werden“, verrät er, „sondern ich gehe für diese Stücke ins Studio – und etliche der Komponisten werden dazukommen, sodass wir gegebenenfalls noch Details besprechen können. Die CD wird bereits auf dem Markt sein, wenn ich die Uraufführung spiele.“ Ein Timing, das auch Anton Diabelli gewiss goutiert hätte.

Walter Weidringer
Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.