Die Förderin 

Anne-Sophie Mutter

Sie ist eine der besten Geigerinnen der Welt und engagiert sich zugleich mit ihrer eigenen Stiftung leidenschaftlich für den Musikernachwuchs. Für die „Musikfreunde“ hat Anne-Sophie Mutter mit Margot Weber in einem ihrer seltenen Interviews über ihre Arbeit jenseits des Konzertpodiums gesprochen.

Ihren Namen kennt jeder. Auch die Menschen, die sich nicht für klassische Musik interessieren. Anne-Sophie Mutter. Seinen Namen hingegen kennen bislang eher Insider. Pablo Ferrández. Aber das ändert sich gerade rasant. Denn der Cellist aus Madrid „hat alles“, wie seine Mentorin sagt. Fragt man genauer nach, gerät sie hörbar ins Schwärmen: „Er ist ein sehr feiner, gleichzeitig sehr leidenschaftlicher Musiker, er hat einen wunderbaren Klang, bei ihm ergibt sich alles auf sehr natürliche Weise. Und, nicht zuletzt: Er ist sehr, sehr klug.“

Mit viel Herzblut

Sie ist ihm schon vor einigen Jahren erstmals begegnet, seit 2018 ist er Stipendiat ihrer Stiftung. Was das konkret bedeutet? Vielerlei. Auch eine enge Verbindung über WhatsApp, wie Anne-Sophie Mutter lachend erzählt. Aber vor allem meint es: dass sie ihn musikalisch unterstützt. Denn da dem 29-Jährigen mit dem „Lord Aylesford“-Stradivari-Cello von 1696, einer Leihgabe der Nippon Foundation, bereits ein adäquates Instrument zur Verfügung steht, muss sich die Anne-Sophie Mutter Stiftung beispielsweise darum nicht mehr kümmern. So können sich Mentorin und Mentee voll und ganz auf Beethoven und Co konzentrieren – und werden in diesem Jahr mehrfach mit der Pianistin Khatia Buniatishvili mit ebenjenem „Tripelkonzert“ konzertieren, das sie nun auch im Musikverein spielen werden. Ein schöner Anlass, um etwas mehr über ihre Stiftung und den Freundeskreis zu erfahren – beidem widmet sich Anne-Sophie Mutter seit mehr als zwanzig Jahren mit enorm viel Zeit und Herzblut.

Alles ist möglich

Vor allem Herzblut, das wird im Gespräch schnell klar. Sie sprudelt vor Begeisterung, wenn sie von ihren derzeit sieben Stipendiaten erzählt, von deren Biographien, Fähigkeiten und was sie so besonders macht. Drei Cellisten sind es im Augenblick („ein gewisser Überhang, das gebe ich zu“), zwei Geigerinnen, eine Bratschistin sowie ein Kontrabassist. Aufgenommen wird man üblicherweise im Alter zwischen 16 und 22 Jahren, feste Regeln gibt es jedoch nicht. „Wir fördern individuell, nicht normiert“, erzählt sie. „Ich weiß durch meine eigene Erfahrung mit meiner ersten Lehrerin, Aida Stucki, und durch Herbert von Karajan, dass das die einzig vernünftige Art und Weise ist.“ Eine standardisierte Dauer gibt es ebenso wenig. So können es durchaus schon einmal mehrere Jahre werden. „Aber wir hatten auch schon Stipendiaten, die wir nur eine kurze Zeit begleitet haben. Alles ist möglich, alles denk- und machbar.“ Ihr wichtigstes Auswahlkriterium? „Es müssen herausragende Persönlichkeiten sein.“

Worauf es ankommt

Womit wir bei einem Thema angekommen sind, das sich vielleicht nur schwer in Worte fassen lässt. Dass jemand wie sie bei einem Vorspiel erkennt, wer ausreichend Begabung und Talent besitzt, ist vermutlich wenig erstaunlich. Aber kann sie für Außenstehende beschreiben, was der eine junge Mensch mitbringt – und der andere nicht? Was für sie den Unterschied ausmacht zwischen hochbegabt und höchstbegabt? Aus ihrer präzisen Antwort wird deutlich, dass Anne-Sophie Mutter darüber vermutlich schon oft nachgedacht hat – oder es zumindest oft gefragt wurde: „Ersteres erstaunt, Letzteres berührt.“ Und sie will – selbstverständlich –, dass die Musik berührt. Die Seele des Gegenübers erreicht. Was sie absolut nicht interessiert: pure zirzensische Artistik. Es sei ein großer Unterschied, erklärt sie, ob jemand zwölf Stunden am Tag Phrasen wiederhole, um auf ein bestimmtes Niveau zu kommen – oder ob jemand vier bis fünf Stunden lösungsorientiert ein Werk durchgehe. „Zu Letzterem gehören viel Verstand und die Fähigkeit zum analytischen Denken.“ Und das sind ebenjene Eigenschaften, auf die sie – neben dem musikalischen Instinkt – großen Wert legt. Denn: „Man kann vieles lernen, aber nicht alles.“ Ein Letztes nicht zu vergessen: „Neben dem Ziel, eine große Begabung zu fördern, möchte ich diese jungen Menschen aber auch dazu anhalten, ein soziales Gewissen auszubilden.“ Ein umfassendes Bewusstsein zu haben für die Welt, in der wir leben – und um die es derzeit in vielerlei Hinsicht ja nicht gerade allzu gut bestellt ist –, das ist ihr wichtig.

Familiäre Bindung

Dass ihre Beziehungen zu ihren Stipendiaten im Laufe der Zeit persönlicher werden, ist bei dieser Form des Austauschs die Regel. Zumal man auch schon mal gemeinsam wandern oder rudern geht, koreanische Gerichte zaubert oder Ausstellungen besucht. „Eine unserer Stipendiatinnen nennt mich sogar Mama. Meine Tochter hat das zunächst etwas beäugt“, erzählt sie leicht amüsiert, „dann aber akzeptiert.“ Mit drei Viertel ihrer ehemaligen Stipendiaten habe sie weiterhin Kontakt. Jeder der bislang 30 Geförderten hat seinen Weg gemacht, von Daniel Müller-Schott über Arabella Steinbacher bis hin zu Vilde Frang. Und ihr allererster Stipendiat überhaupt, der Geiger Wei Lu, heute der führende Geiger Chinas, habe ihr neulich gesagt, dass sie neben seiner Mutter die zweitlangjährigste Frau in seinem Leben sei.

Auf allen Ebenen

Nachwuchsmusiker kommen auf unterschiedlichen Wegen zu ihr, normalerweise allerdings durch eine ganz profane Bewerbung. Man schickt ein aktuelles Videoband oder eine DVD, vorzugsweise mit Werken von Johann Sebastian Bach, Mozart und Beethoven, dazu einen künstlerischen Lebenslauf, ein aktuelles Empfehlungsschreiben des Lehrers sowie eine aktuelle Repertoire- und Konzertliste nach München – die genaue Adresse findet sich auf ihrer Website – und wartet ab. „Ein Auswahlverfahren im Sinne eines Wettbewerbs gibt es nicht. Bewerbungen werden ganzjährig angenommen und zeitnah bearbeitet.“ Materielle Hilfestellungen sind im Zuge der Förderung übrigens selbstverständlich. „Wir bezahlen alles, was nötig ist“, sagt die Stiftungsgründerin. „Wir kaufen Instrumente an, die wir unseren Stipendiaten dann leihweise zur Verfügung stellen, die wir aber auch wieder verkaufen, wenn sie nicht mehr benötigt werden. Wir kaufen Bögen. Wir finanzieren den Besuch von Meisterklassen oder Reisen zu Vorspielen. Wir bringen unsere Stipendiaten kontinuierlich mit großen Künstlern zusammen. Wei Lu etwa hat zu seiner Zeit als Stipendiat, 1997 bis 2003, noch sehr profitieren können von der großen Geigergeneration vor ihm, durch Begegnungen etwa mit Franco Gulli, Herman Krebbers und Aida Stucki.“

„Neben dem Ziel, eine große Begabung zu fördern, möchte ich diese jungen Menschen aber auch dazu anhalten, ein soziales Gewissen auszubilden.“ Anne Sophie Mutter

Ein „Wir“ mit großer Wirkung

Ein weiteres wichtiges Betätigungsfeld: Die Vergabe von Kompositionsaufträgen. So hat beispielsweise André Previn ein Konzert für Violine, Kontrabass und Orchester geschrieben, das Mutter gemeinsam mit ihrem Stipendiaten Roman Patkoló 2007 uraufgeführt hat. Vier Jahre später haben die beiden Wolfgang Rihms „Dyade“ für Violine und Kontrabass aus der Taufe gehoben. Werke von Sebastian Currier und Krzysztof Penderecki folgten. Und gerade erst habe man bei dem großen polnischen Komponisten ein Concerto grosso in Auftrag gegeben. „Wir finden es wichtig, zeitgenössische Musik zu fördern – mindestens so wichtig aber auch, das Publikum dabei mit auf die Reise zu nehmen.“ Jenes „Wir“, von dem sie da erzählt, sind zwei „kleine, feine Zirkel“, wie sie sagt. Der eine heißt offiziell „Freundeskreis Anne-Sophie Mutter Stiftung e.V.“ und wurde 1997 gegründet; der andere, die „Anne-Sophie Mutter Stiftung“, entstand elf Jahre später. „Beide haben einen identischen Zweck. Schon bei der Gründung des Freundeskreises war die Gründung der Stiftung das anstehende Ziel.“ Man könne entweder Vereinsmitglied im Freundeskreis werden – wozu man von anderen Mitgliedern eingeladen wird – und einen Jahresbeitrag zahlen. Oder man kann die Stiftung durch Spenden unterstützen, projektgebunden oder -ungebunden. Woran sie merkt, dass jemand reif ist, um auf eigenen Füßen zu stehen? „Das ist ähnlich wie bei Kindern, wenn sie sich abnabeln. Der Stipendiat hat sich entwickelt, Fuß gefasst, hat zu einer künstlerischen Selbstständigkeit gefunden, eventuell auch ein Label, hat erste Aufnahmen gemacht.“ Was jedoch nicht ausschließe, dass sie ihn auch weiterhin berate. „Und ähnlich wie bei Kindern“ – ihr Ton wird nun etwas selbstironisch – „gebe ich natürlich auch manchmal unerwünschte Ratschläge.“

Stätte der Begegnung

Ist es für die Spender oder sie persönlich wichtig, ob ein Stipendiat erfolgreich wird? Offensichtlich eine Frage, die sie als wenig zielführend empfindet: „Meinen Sie ‚erfolgreich sein‘ im Sinne von ‚berühmt sein‘? Das ist für uns komplett unwichtig – und das ist auch nicht das Ziel unserer Förderung. Unsere Stipendiaten sollen Botschafter sein, im Sinne der Schiller’schen Ode an die Freude. Als Erfolg empfinde ich es, wenn unsere Stipendiaten begriffen haben, dass Musik eine Stätte der Begegnung ist. Das ist das Leitmotiv meiner Arbeit. Das ist es, was mich interessiert. Das Miteinander in der Musik ist ja auch eine Lebensschule. Gemeinsam zu musizieren – das ist wie das Leben im Kleinen. Gemeinsam zu musizieren ist nie ein Wettbewerb, es gibt keine Gewinner und Verlierer. Es ist ein Miteinander.“ Wer das verstanden habe, habe das Wichtigste verstanden. Was sie also antreibt, als Künstlerin und als Stifterin? „Der Gedanke, dass man die Welt durch gemeinsames Musizieren vielleicht ein bisschen besser machen kann.“

Margot Weber
Margot Weber arbeitet als freie Journalistin und Dramaturgin und lebt in München.