Der Poet und die Diva

Jewgenij Kissin und Renée Fleming 

Renée Fleming und Jewgenij Kissin? Diese musikalische Partnerschaft ist tatsächlich nagelneu. Zelebriert wird sie als Premiere im Musikverein, bevor sie mit acht Folgekonzerten auf Reisen geht: nach Deutschland, Frankreich und in die USA mit Finale in Boston. Einer der beiden Künstler befand sich in Reichweite, um über das spannende Projekt Auskunft zu geben: Jewgenij Kissin. Zum Gespräch für die „Musikfreunde“ bat er Edith Jachimowicz zu sich nach Hause in Prag.

Schon im Vorfeld streut der Pianist der amerikanischen Diva Rosen: „Ich habe Fleming schon immer sehr geliebt und die Vielseitigkeit ihres Talents bewundert. Außerdem ist sie mir menschlich sehr sympathisch. Unsere gemeinsame Arbeit ist mir äußerst wichtig. Wir sind ja miteinander schon ziemlich lange bekannt. Und jetzt ist es tatsächlich so weit!“ Für Kissin ist die Partnerschaft mit Sängern nichts Neues. Er hat mit Thomas Quasthoff, Dmitri Hvorostovsky, Karita Mattila und Heidi Grant-Murphy musiziert. Besonders denkwürdig das letzte Konzert mit dem todkranken russischen Bariton in der Londoner Barbican Hall, der kurz danach seinem Krebsleiden erlag.

Immense Vielseitigkeit

Die Vielseitigkeit des Talents von Renée Fleming – sie ist in der Tat mehr als nur bemerkenswert. Beinahe unüberschaubar erscheint, was diese Ausnahmekünstlerin bisher geleistet hat. Ihre 50 Opernpartien, die sie bislang gesungen hat, sind nur ein Teil, wenn auch ein großer, des Ganzen. In den letzten Jahren hat sie ihre Konzertauftritte intensiviert, auch wenn sie dementieren ließ, sich von der Opernbühne zurückziehen zu wollen. Sie hat die Soundtracks mehrerer Filme mit ihrer Stimme veredelt, sie hat immer schon auch Jazz und Populäres gesungen, sie trat am Broadway in Musicals auf und zeigte ihr schauspielerisches Talent am Theater, gerade auch kürzlich in einer Filmrolle. Ihre Einspielungen auf Tonträger und Video bilden ellenlange Listen. Dem Opernpublikum auf der ganzen Welt ist sie außerdem als Kommentatorin und in Pausengesprächen bei den Radioübertragungen aus der Met bekannt. Ihr Buch „Die Biographie meiner Stimme“ gibt es bereits in zweiter Auflage.

Startpunkt Salzburg

Interessant ist, dass beide Künstler ihre internationalen Karrieren eigentlich in Salzburg begannen. Der unglaublich begabte pianistische Teenager war bei seinem Festspieldebüt als Solist in einem Konzert mit Vladimir Spivakov und dessen Kammerorchester die Sensation. Herbert von Karajan kam dies zu Ohren, der Rest ist Geschichte ... Auch Renée Flemings professionelle Karriere begann in Salzburg, zwar nicht bei den Festspielen, sondern in bescheidenerem Rahmen. Die Absolventin der New Yorker Juilliard School kam mit einem Fulbright-Stipendium nach Europa, um sich bei Arleen Augér und Elisabeth Schwarzkopf zu perfektionieren. Als 1985 in Salzburg der Internationale Mozart-Wettbewerb zum dritten Mal stattfand, trat sie an. Die Jury erkannte ihr zwar nur einen Förderungspreis zu. Am Salzburger Landestheater aber war man entzückt von dem bildhübschen Lockenengel mir der idealen „Mozart-Stimme“. Schon im Jahr darauf feierte sie dort ihr professionelles Debüt als Konstanze. 

Liebe mit Vorbehalt

Der Wunsch zur Zusammenarbeit hat sich bei Fleming und Kissin wie von selbst ergeben. Im New Yorker Lincoln Center traf man sich schließlich zum Brainstorming. „Wir haben uns gegenseitig Vorschläge gemacht“, erzählt der Pianist. „Ich schlug verschiedene Komponisten vor, bei einigen hat Renée zugestimmt, bei anderen nicht. Dann schlug Renée bestimmte Werke vor, bei den meisten hatte ich keine Vorbehalte.“ Vier Schubert-Lieder leiten den Abend ein. Für Fleming naheliegend, für Kissin mit gewissen Einschränkungen. „Seit vielen Jahren liebe ich es, Schubert-Liedern zu lauschen. Ich werde nie vergessen, als ich mit 14 Jahren in Moskau Peter Schreier und Swjatoslaw Richter hörte, wie sie die ‚Winterreise‘ aufführten. Als ich aber selbst Schubert mit Sängern aufführte, begriff ich, dass dies nichts für mich ist. Bei diesen genialen Liedern bleibt der Klavierpart nur Begleitung, für mich, ehrlich gesagt, nicht interessant. Mit Renée machen wir auch Schubert, aber bei diesen Liedern sind die Klavierparts anders. Beim übrigen Repertoire, Liszt, Debussy und Duparc werden Stimme und Klavier gleichrangig behandelt.“ Dazwischen sind einige Solostücke von Liszt und Debussy für Kissin eingeschoben.

Auf dem Wasser zu singen

Schubert-Lieder in der Transkription von Liszt spielt Kissin allerdings seit langem gern und hat dazu auch eine nette Episode parat: „Im Jahr nachdem ich Russland verließ (1991), spielte ich beim Schleswig-Holstein Musik Festival. Danach lud mich der Intendant ein, noch ein wenig zur Erholung in Kiel zu bleiben. Sie gaben mir ein Zimmer in einem Seniorinnenheim und stellten mir sogar einen Steinway zum Üben zur Verfügung. Am Ende meines Urlaubs baten sie mich um ein kleines Konzert für die Bewohnerinnen. Ich spielte einige Lieder in der Liszt-Transkription. Als ich begann mit ‚Auf dem Wasser zu singen‘, sangen die alten Damen auf einmal mit. Das steckte einfach in ihrem Blut!“ 

Pianist, Poet und Komponist

Zwischen seinen Konzertauftritten, in der Mehrzahl Soloabende, betätigt sich der mittlerweile 48-jährige Kissin auf ähnlich vielseitige Weise wie Fleming: als Poet, Literat mit Vorträgen über Shakespeare, Autor von zwei Büchern – und seit einigen Jahren auch wieder als Komponist von professionellem Format. Achtzehn Gedichte, darunter drei Übertragungen sind bereits in Buchform erschienen. Stolz holt Kissin den Band aus dem Bücherschrank und beginnt, eines der Gedichte über die Datscha seiner Großmutter vorzutragen – in seiner „Großmutter-Sprache“, auf Jiddisch. Für ungewohnte Ohren klingt das exotisch und doch nicht völlig fremd wegen der vielen Altwiener Wörter. „Schon seit meiner Kindheit, als ich anfing, Konzerte zu spielen, sagten alle, dass ich sehr poetisch spiele. Ich liebe Poesie in der Musik, Musikalität in der Poesie. Natürlich ist Prosa auch musikalisch, aber in der Poesie ist das Musikalische deutlicher, direkt an der Oberfläche zu erkennen.“ Der russische Komponist und Professor am Moskauer Konservatorium Tichon Chrennikow (1913–2007) habe seinen Schülern immer gesagt: „Wenn du kein einziges Lied zusammenbringst, bist du kein Komponist.“ Kissin schätzt die Musik von Chrennikow sehr und wird ihn auch in seine Konzertprogramme aufnehmen. 

 „Schon seit meiner Kindheit, als ich anfing, Konzerte zu spielen, sagten alle, dass ich sehr poetisch spiele. Ich liebe Poesie in der Musik, Musikalität in der Poesie. " Jewgenij Kissin

Kissin schreibt Lieder

Auch dürfte er sich Chrennikows Ausspruch selbst zu Herzen genommen haben. Denn der Komponist Jewgenij Kissin hat vor kurzem auch eine Vokalkomposition beendet, ein Poem für weibliche Stimme und Klavier. Er schickte am Beginn die ersten paar Seiten an Renée Fleming zur Beurteilung, und diese lobte das Komponierte. Da ihm zwischen seinen Konzertverpflichtungen wenig Zeit für Derartiges bleibt, brauchte er mehr als drei Jahre zur Fertigstellung. „Es hat circa 15 Seiten, der Text ist von dem amerikanischen Schriftsteller und Poeten William Cullen Bryant (1794–1878) und trägt den Titel ‚Thanatopsis‘. Es ist ein philosophisches Gedicht über den Tod, in dem überhaupt keine Traurigkeit, keine negativen Emotionen vorkommen. Es geht darin ausschließlich darum, dass wir Teil der Natur sind – und sterbend werden wir wieder zu einem Teil von ihr.“ Die Opuszahl 4 wird es wohl tragen, nach drei früheren Werken, den Vier Stücken für Klavier, der Sonate für Violoncello und Klavier für Steven Isserlis und einem Streichquartett – alle publiziert von einem renommierten deutschen Musikverlag. Damit nicht genug, komponiert der Pianist derzeit an einem Vokalzyklus auf Verse des russischen symbolistischen Dichters Alexander Blok (1880–1921), „Blasen der Erde“ (Puzri Zemli). Sechs Lieder sollen es insgesamt werden. Außerdem hat er begonnen, die Songs zu einem Musical auf Jiddisch zu komponieren. Einige Manuskriptseiten für den Klavierauszug liegen schon auf seinem Flügel.

Vom Balkon des Buckingham Palace

Sein nächster Auftritt als Pianist hierzulande wird fast schon traditionell im Sommer bei den Salzburger Festspielen stattfinden. Diesmal nicht mit einem Soloabend, sondern mit den Wiener Philharmonikern unter Gustavo Dudamel. Das Erste Klavierkonzert von Franz Liszt steht auf dem Programm, auch einer der Komponisten, die ihm besonders nahestehen. Renée Flemings Auftritte in Europa sind stets Highlights in den Konzertkalendern – wobei sie nicht sehr häufig zu verzeichnen sind. Zu zahlreich sind ihre Verpflichtungen in den USA. Nicht nur als Künstlerin, sondern auch als „public personality“ ist Renée Fleming, übersät mit Ehrendoktorwürden, Preisen und Auszeichnungen, vielgefragt. In London versuchte man da ein wenig nachzuziehen. Renée Fleming sang zum diamantenen Jubiläum der Queen vom Balkon des Buckingham Palace, und sie ist Mitglied der ehrwürdigen Royal Society of Music. Als Intendantin des renommierten amerikanischen Aspen Music Festival, bei dem sie einst als Studentin ihre ersten Bühnenerfahrungen sammeln konnte, gibt sie nun ihre Erfahrung als Dank an diese Institution zurück. 

Glanzpunkt im Jubiläumsjahr

Musizieren, dichten, komponieren: Musik also in jeder Ausformung und Lebenslage gilt für Jewgenij Kissin als selbstverständlich. Eine weitere Passion ihres Duopartners hatte Renée Fleming durch Zufall entdeckt. „Ich bin kein Sänger, aber ich singe sehr gern“, sagt Jewgenij Kissin, „einmal, als ich mit Renée in Paris auf einem Spaziergang war, fragte sie, was für eine Stimmlage ich habe. Ich begann, ein russisches Volkslied zu singen. Sie sagte: ,Du bist Bariton!‘“ Gemeinsam werden sie dem Jubiläumsjahr des Musikvereins einen der Glanzpunkte schenken.

Edith Jachimowicz 

Dr. Edith Jachimowicz, die jahrelang auch in Moskau tätig war, lebt als Musikpublizistin und -dramaturgin in Wien und Salzburg.