Von Engeln und Dämonen 

Riccardo Muti dirigiert Verdi und Hindemith 

Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ und Paul Hindemiths Symphonie „Mathis der Maler“: Beim Gastspiel des Chicago Symphony Orchestra unter Riccardo Muti werden hier wie dort himmlischer Jubel und menschliche Verzweiflung Klang. 

Wie singen die Engel? Jahrtausende hindurch haben Komponisten danach gestrebt, wenigstens ein schwaches irdisches Echo des ewigen „Gloria in excelsis Deo“ einzufangen – mochten sie nun einer Religion angehören oder nicht, aus mehr oder minder tiefer Frömmigkeit heraus handeln oder bloß äußeren Aufträgen nachkommen. Anders, neutraler gesagt: Sie versuchten, eine Musik der Leichtigkeit und der Größe zu schaffen, der Erhabenheit und des Überschwangs. Wie klingt andererseits tiefste menschliche Verzweiflung angesichts von Leid und Tod? Wenn der Glaube auf die härteste Probe gestellt wird oder, sofern jemals vorhanden gewesen, längst abgestorben ist, begraben und erstickt unter dem Unsäglichen? Ein Gefühl von Transzendenz kann uns die Kunst allemal schenken, hier wie dort. Riccardo Muti wird nicht müde zu erzählen, wie es ihm bei seiner ersten Aufführung von Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ gegangen ist – 1972, in der Basilica San Lorenzo in Florenz, als er Chef des Maggio Musicale Fiorentino war. Das bedeutete nämlich: „Verdi in der Kirche Brunelleschis“, das Orchester zwischen den Werken Donatellos, Verrocchios oder Michelangelos ... „Damals war ich wirklich stolz, in einem Land geboren zu sein, das in der Vergangenheit so großartige Köpfe hervorgebracht hat. Aber am Abend, als ich den Einsatz geben wollte, sah ich, wie die Florentiner die Kirche beleuchtet hatten: Die Figuren von Donatellos Kanzeln hoben sich ganz plastisch ab – das hat mich so beeindruckt, dass ich ein paar Sekunden lang gar nicht beginnen konnte. Denn diese Gesichter, die mich da anblickten, so kam mir vor, waren viel dramatischer als das, was ich als Dirigent würde erreichen können ... Ich musste mich dagegen durchsetzen. Diese Atmosphäre habe ich nie wieder so gefühlt.“ 

Innerlichkeit statt Prahlerei

Mit keinem zweiten Komponisten wird Muti so stark verbunden wie mit Verdi – und zu Recht: Als Verfechter einer musikalischen Schule, die die Partitur über alles stellt, verteidigt der Dirigent seit Jahrzehnten mit exemplarischen Aufführungen den schriftlich niedergelegten Willen des Musikdramatikers gegen alle Anfechtungen aus dem Konglomerat falscher Traditionen, Willkür und Eitelkeit von Sängern und das Publikumsverlangen nach quasi zirzensischen Einlagen. Eine Sonderstellung nimmt dabei eben Verdis Totenmesse ein, bei der Muti jedenfalls an den Dirigentenpulten des Musikvereins in Wien und des Großen Festspielhauses in Salzburg zum Nachfolger Herbert von Karajans und dessen spezieller Beziehung zu diesem Werk geworden ist. Auch wenn er, wie diesmal, im Goldenen Saal wieder einmal mit dem Chicago Symphony Orchestra gastiert: Muti hat dem bekanntermaßen brillanten, aber auf dem Konzertpodium beheimateten Klangkörper in den bisher neun Jahren als Chefdirigent verstärkt Opernflexibilität abverlangt – und mit einem auf CD veröffentlichten Mitschnitt des Requiems schon am Beginn seiner Amtszeit zwei Grammy Awards errungen. Vor fünf Jahren schon waren Muti und die Gäste vom Michigansee mit diesem Werk in Wien zu Gast, und bereits damals mit Krassimira Stoyanova und Riccardo Zanellato als Eckpfeiler eines „intelligenten“ Solistenquartetts, wie Muti es ausdrücklich fordert – weil es um verinnerlichten Vortrag geht, nicht um plattes Auftrumpfen –, diesmal ergänzt durch Mezzosopranistin Daniella Barcellona, Tenor Francesco Meli sowie erneut den unverzichtbaren Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde. Dem Requiem nähert sich Muti nicht nur über die möglichst strikte Befolgung der Partitur, sondern er versteht Verdi ergänzend auch aus seiner Biographie heraus – von der großen Generalpause des „Libera me“, in der die Glaubenszweifel eines „mangiapreti“ dröhnen, eines „Pfaffenfressers“, bis hin zu prägenden Kindheitserinnerungen „an Begräbnisse in Busseto und die Trauermärsche der Banda, der Blaskapelle des Ortes: Das ist der Schlüssel für das ,Lacrimosa‘, das genauso wenig verschleppt werden darf wie die Doppelfuge im ,Sanctus‘. Da sind schwebende, freudige Engelschöre gemeint, ohne jede irdische Schwere.“ 

Weihnachtsklänge

Ein einziges Mal war die Musik der Engel auch hienieden „live“ zu hören, wie die Überlieferung es will: bei der Geburt Christi. Aus einem Wolken- und Strahlenkranz schweben sie dunkelgrün und goldfarben herab, sind von Gloriolen umgeben, halten die Hände artig gefaltet und singen wohl, zu Ehren der Madonna mit dem Kind in einer ungewöhnlichen Geburtsszene rechts – ohne Joseph, Stall oder Hirten, aber mit Waschzuber und wohl einem Nachttopf. Im Vordergrund musizieren jedenfalls drei Engel auf Streichinstrumenten, der uns nächste ganz geerdet auf Knien, mit entzückten Zügen, wehenden Locken, weit fallendem orangerotem Gewand und ebensolchen Flügeln. Doch seine Bassviola streicht er gleichsam verkehrt herum, indem er den Bogen am falschen Ende hält: ein Hinweis auf unerhörte, uns unverständliche Himmelsklänge? Praktikabler spielt der rot gekleidete Kollege dahinter auf seiner Armgeige; mit extravagant manierierter Fingerhaltung hingegen der dritte. Halb verdeckt, hebt er sich doch spektakulär ab mit seinem grünlich schimmernden Federkleid nebst Kopfschmuck: Ist es ein Dämon, ein gefallener Engel, der einen teuflischen Kontrapunkt kratzt? Oder eher die personifizierte Natur, die sonor in das Hohelied auf den Erlöser mit einstimmt?

Mathis der Maler

Nach wie vor gibt er in seiner Bildersprache Rätsel auf, dieser Hochaltar – doch nicht etwa jener von San Lorenzo, sondern einer, der Anfang des 16. Jahrhunderts für das Antoniterkloster im elsässischen Isenheim entstand: mit teils feststehenden, teils beweglichen Flügeln und dementsprechend einer Fülle von Schauseiten und Einzelsujets. Ihr Schöpfer ist ein deutscher Maler zwischen Spätgotik und früher Renaissance, der vermutlich Mathis Gothart Nithart hieß, aber besser bekannt ist als Matthias Grünewald. Zeitsprung. 1933, just als im Zuge von Hitlers „Machtergreifung“ ein Gutteil von Paul Hindemiths älteren Werken sogleich als „kulturbolschewistisch“ verboten wurde, nahm diesen Komponisten die Arbeit an Libretto und Musik zur Oper „Mathis der Maler“ gefangen: Im Zentrum steht ebenjener Meister, den Hindemith vor dem Hintergrund der Reformation und der Bauernkriege präsentiert und ihn hin- und hergerissen zeigt zwischen seiner künstlerischen Berufung und der Verpflichtung, in den politisch-religiösen Wirren seiner Zeit Stellung zu beziehen und zu kämpfen – gewiss ein ebenso brandaktuelles wie prekäres Sujet während der Nazidiktatur.

Klingendes Triptychon

Die Symphonie „Mathis der Maler“ entstand 1934, noch lange vor Fertigstellung der Oper, auf Ersuchen Wilhelm Furtwänglers, der auf einer Tournee der Berliner Philharmoniker ein neues Werk Hindemiths vorstellen wollte. Dieser kombinierte die bereits komponierte Ouvertüre, ein Zwischenspiel sowie die instrumentale Version einer Szene zu einem selbständigen Orchesterwerk und stellte mit diesen drei Sätzen drei der Bildtafeln des Isenheimer Altars dar, heute zu sehen im Musée d’Unterlinden in Colmar. Den Anfang macht das erwähnte, weihnachtliche „Engelskonzert“ auf der Mitteltafel der zweiten Schauseite. Aus reinen G-Dur-Akkorden der Streicher erheben sich Bläserlinien und führen zum altdeutschen Lied „Es sungen drei Engel ein’ süßen Gesang“, das zunächst die Posaunen anstimmen, während die Streicher wiegende Umspielungen beisteuern. Im raschen Hauptteil werden dann in Form eines modifizierten Sonatenhauptsatzes drei konkrete Engel mit ihren aus dem Geist der Kirchentonarten geformten musikalischen Themen vorgestellt und diese konzertierend verarbeitet. Der zweite Satz stellt hingegen die Beweinung und Grablegung Christi dar, die auf der Predella sichtbar ist, dem Altarsockel. Ein Requiem erklingt: Trauermarschgestus im punktierten Rhythmus, ein klagendes Oboensolo, aber auch erhabene Größe und tiefes Gottvertrauen sprechen aus der zuletzt tröstlich verklingenden Musik. Mit einem dramatischen Unisono-Rezitativ der Streicher und folgendem zweimaligem Aufschrei hebt schließlich der dritte Satz an, „Versuchung des heiligen Antonius“. Auf dem rechten Flügel der dritten Schauseite ist zu sehen, wie der greise Heilige von Dämonen gequält wird – ein Geschehen, für das Hindemith im raschen Hauptteil mit seinem unerbittlichen 9/8-Takt-Rhythmus erregende Klänge findet, die viele bedeutsame Leitmotive aus der Oper beziehungsreich verarbeiten. Der Choral „Lauda Sion Salvatorem“, den die Holzbläser anstimmen, verheißt jedoch bereits das Ende aller Pein: „Mit aller Kraft“ der Blechbläser erschallt ein Alleluia als krönender Abschluss.

Engel und Dämonen

Furtwänglers Fürsprache blieb damals vergeblich. 1935 wurde Hindemith von seiner Lehrtätigkeit an der Berliner Hochschule für Musik beurlaubt, im Jahr darauf seine Werke generell verboten: Deutschland war realen Dämonen in die Hände gefallen. Ins Exil gedrängt, lebte Hindemith zunächst in der Schweiz, bevor er 1940 in die USA ging. Dort war er nicht zuletzt ein regelmäßiger Gast am Pult des Chicago Symphony Orchestra, auch nach seiner Rückkehr nach Europa noch – zuletzt in seinem Todesjahr 1963. Später wurde die anonym gesponserte Solobratscherstelle, die aktuell der noch von Sir Georg Solti ernannte Li-Kuo Chang innehat, „Paul Hindemith Principal Viola Chair“ getauft. Riccardo Muti ist freilich nicht erst seit seiner Zeit in Chicago ein vehementer Anwalt für Hindemiths Musik. Beim bevorstehenden Gastspiel im Musikverein wölbt sich eine Brücke zwischen Verdi und Hindemith: durch Werke, die eine Ahnung von der Musik der Engel ebenso erklingen lassen wie eine zutiefst irdische, vielleicht dämonisch zu nennende Verzweiflung. 

Walter Weidringer 
Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien. 

Riccardo Muti
© Dieter Nagl

Riccardo Muti 

Chicago Symphony Orchestra

Wiener Singverein 
Riccardo Muti, Dirigent
Krassimira Stoyanova, Sopran
Daniela Barcellona, Alt
Francesco Meli, Tenor
Riccardo Zanellato, Bass

Giuseppe Verdi
Messa da Requiem 

Montag, 13. Jänner 2020, 19.30 Uhr

Riccardo Muti
© Todd Rosenberg

Riccardo Muti 

Chicago Symphony Orchestra

Wiener Singverein 
Riccardo Muti, Dirigent
Krassimira Stoyanova, Sopran
Daniela Barcellona, Alt
Francesco Meli, Tenor
Riccardo Zanellato, Bass

Giuseppe Verdi
Messa da Requiem 

Dienstag, 14. Jänner 2020, 19.30 Uhr