Lillipizz, der kleine Lipizzaner 

Eine Uraufführung bei „Allegretto“ 

Chris Pichler erzählt in ihrem neuen Kinderstück die Geschichte von einem kleinen scheckigen Schaukelpferd, das auszieht, ein Lipizzaner zu werden. Helmut Schmidinger schreibt die Musik dazu. Vor der Uraufführung in der Reihe „Allegretto“ traf Ulrike Lampert die beiden zum Gespräch. 

Sie sind beide im gleichen Jahr in Wels geboren. Kennen Sie einander seit Kindertagen?
Chris Pichler: Nein, lustigerweise nicht.
Helmut Schmidinger: Wir haben uns über das Kinderprojekt „Ein Bleistiftspitzer packt aus“ kennengelernt. Dieses ist im Rahmen einer Jeunesse-Reihe entstanden, in der es bis dahin eher ältere Herren als Sprecher gab. Wir wollten das Ganze auffrischen. Chris ist auch in Oberösterreich immer wieder aktiv. Ich habe viel von ihr gelesen, sie einfach angeschrieben und gesagt, ich hätte sie gern als Sprecherin – ohne dass wir uns gekannt haben.
CP: Wir haben sofort Ideen ausgetauscht und Spaß daran gehabt. Ich kann den Mund nicht halten, er kann den Mund nicht halten – da hat das eine das andere befruchtet. 

Für den „Bleistiftspitzer“ haben Sie nicht nur die Musik, sondern auch das Libretto selbst geschrieben, Herr Schmidinger. 
HS: Ja, genau. Chris hat sich dann aber auch in den Text eingebracht. Jetzt gibt es eine Fassung mit Anregungen von ihr. Für die letzten Kinderstücke hat immer sie den Text geschrieben.
CP: Mir ist es wichtig, an die Kinder ranzukommen, eine Mischung zu finden aus qualitativer und sehr direkter Sprache. Das ist ja das, was für mich Schauspiel ausmacht: dass man ganz direkt, ganz nah an die Leute rankommt. 

Wie gehen Sie bei der gemeinsamen Arbeit vor? Oder mit Richard Strauss gefragt: Was kommt zuerst, der Text oder die Musik?
HS: Es gibt immer zuerst den Text. Ich fange erst dann zu komponieren an, wenn ich möglichst viel vom Text habe. Sonst habe ich das Gefühl, ich bewege mich in einem luftleeren Raum und weiß nicht, wohin.
CP: Die Geschichte von Lillipizz steht schon lange, aber wir machen auch jetzt noch Korrekturen, und dabei ist wichtig, dass ich Helmut genaue Formulierungen weitergebe: Das ist für seinen Rhythmus von Bedeutung – und für mich beim Sprechen dann natürlich auch. Ich weiß noch nicht, was er de facto vertont und was vom Text er frei stehen lässt. Das wird für mich sehr überraschend sein.
HS: Ich bringe mich schon ein und sage, was ich mir anders wünsche. CP: Und ich sage, in die Musik mische ich mich nicht ein – und mische mich dann doch ein.
HS: Sie mischt sich nicht ein, schreibt aber ins Libretto: hier so und hier so ...
CS: Das finde ich einen richtig spannenden Vorgang. In diesem Fall bin ich Librettistin und Sprecherin und weiß, was mir vorschwebt. Wenn ich sage, es soll fetzen – wie versteht er das?
HS: Das ist dehnbar. Weil mein „fetzen“ sich von ihrem „fetzen“ unterscheidet. Möglicherweise finde ich etwas fetzend, bei dem sie sagt: Na ja, so hab ich mir das nicht vorgestellt. 

Und letztlich ist es ideal, wenn das Stück eine Sprache spricht – textlich wie musikalisch.
CP: Ja, dass es ein Dialog ist. Aber ein Dialog zu dritt: die Musik, der Text und das Publikum. Das gehört immer mitgedacht. Immer.
HS: Kinder sind natürlich das viel strengere Publikum. 
CP: Das ist lustig, weil ich als Darstellerin gar nicht unterscheide, ob ich für Kinder oder Erwachsene spiele. Ich spiele einfach. Das, was ich erzählen will. Und das mache ich mit meinem ganzen Einsatz, mit meinen Gefühlen, mit meiner Fantasie. Ich fühle mich nicht weniger oder mehr geprüft von Kindern als von Erwachsenen. Als Darstellerin. 

Und wie ist das für Sie als Librettistin? Die Sprache, die Sie wählen, ist ja möglicherweise doch eine andere.
CP: Oh ja. Da gibt es Unterschiede. Meine Soloabende schreibe ich ja auch selber; da ist natürlich die Thematik eine andere, die Art der Geschichten ist eine andere. Ich möchte so geradlinig und so schnörkellos wie möglich sein. Und trotzdem kindgerecht. Und damit meine ich kein Oben oder Unten, sondern dass man sich miteinander auf einer Ebene bewegt, wo der Erwachsene sich mit den Kindern in einen Dialog begibt. Beim Schreiben ist es so wichtig, dass man nicht kindisch ist.   

Frau Pichler legt in ihren Texten Wert auf Geradlinigkeit und Schnörkellosigkeit. Welchen Anspruch haben Sie, Herr Schmidinger, beim Komponieren an sich selbst?
HS: Als Komponist sogenannter ernster Musik auch Musik für Kinder zu schreiben ist immer eine besondere Herausforderung. Ich möchte am nächsten Tag in den Spiegel schauen können und einerseits das Gefühl haben, ich bin meiner ästhetischen Überzeugung als Komponist treu geblieben, also ich habe mich nicht verbogen, und ich „lüge“ den Kindern nichts vor. Und auf der anderen Seite möchte ich sagen können, es ist mir gelungen, mich in einer Sprache auszudrücken, die sich trotzdem den Kindern mitteilt. Das ist eine Gratwanderung. 

Als musikalische Besetzung haben Sie Violoncello und Akkordeon gewählt. Wie kam es zu dieser Entscheidung – und zur Entscheidung für das Duo Arcord von Ana Topalovic´ und Nikola Djorić? 
HS: Cello und Akkordeon, das ist eine sehr portable Besetzung, und ich habe trotzdem sowohl ein Harmonieinstrument als auch ein Melodieinstrument zur Verfügung. Das Cello ist mein erklärtes Lieblingsinstrument, weil ich von der Kantilene bis zum groovigen Rhythmus alle Möglichkeiten habe. In Ergänzung durch das Akkordeon bietet diese Besetzung an Klangfarben einfach ganz, ganz viel. Das Duo Arcord ist mir empfohlen worden. Ich habe mir die Website angeschaut und war schwer begeistert. Dann haben wir gemailt und telefoniert, und es war klar: Die beiden spüren das Feuer dafür.

„Mach deine Träume wahr, und du wirst, was du bist.“ Dieser Satz stammt aus Ihrem „Lillipizz“-Libretto. Ein Schlüsselsatz?
CP: Ja, das ist mir so wichtig. Man hat so viele Träume als junger Mensch ...
HS: ... nicht nur als junger.
CP: Man fängt auf dieser Erde als kleiner Wusel an, schaut auf die Welt und versucht, sie wahrzunehmen. Und irgendwie hat man von Anfang an seine eigene Sicht auf die Dinge. Oft passt sie zu dem, was die Großen sagen, oft aber auch nicht. Damit kämpft man dann, und man versucht, seinen Platz in der Welt zu finden. Die Frage nach der eigenen Identität – die ist doch ein Lebensthema. Aber wo ist der Kern? Darum geht es mir, zu spüren: Wer ist man denn im Innersten? Wie auch immer man das nennt. Ich möchte Mut machen, dort hinzuschauen, hinzuspüren, Freude zu haben mit sich selber, mit den anderen, mit der Umwelt, damit man kräftig in der Welt steht. Das kleine scheckige Schaukelpferd wird vernachlässigt und möchte jemand anderer werden: ein Lipizzanerfohlen. Auf diesem Weg begleite ich es in dieser Geschichte, und am Schluss wird es das, was es werden möchte, was es aber im Innersten vielleicht immer schon war.

Das Gespräch führte Ulrike Lampert. 

Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Chris Pichler,

gebürtig aus Wels, ist Schauspielerin, Sängerin, Sprecherin, Regisseurin und Autorin. Eine Besonderheit sind ihre Soloprogramme, in denen sie prominente Frauen ins Zentrum rückt, darunter Marie Antoinette, Cosima Wagner, Marilyn Monroe und Kaiserin Elisabeth. Für ihren Romy-Schneider-Soloabend wurde sie von ORF Ö1 als Schauspielerin des Jahres ausgezeichnet. An der mdw unterrichtet sie Schauspiel für Opernsänger. Kinderprogramme gestaltete sie u. a. für die Jeunesse Österreich und die Staatsoper Berlin. Im Musikverein war sie erstmals 2006 in der Jugendreihe „capriccio!“ zu Gast. 2010 folgte bei „Allegretto“ die Uraufführung von „Der gestiefelte Kater“ – einem Programm, für das sie das Libretto schrieb und das sie selbst präsentierte.

Helmut Schmidinger

wurde in Wels geboren und studierte Komposition bei Gerd Kühr, Hans-Jürgen von Bose und Gerhard Wimmer, Oboe bei Arthur Jensen sowie Klavier bei Gertrud Jetschko und Heinz Walter. Er war Composer in Residence u. a. beim Wiener Concert-Verein und beim Festival Loisiarte, erhielt zahlreiche Stipendien und wurde mit dem Landeskulturpreis Oberösterreich ausgezeichnet. Seine Kompositionen werden in Musikzentren von Wien bis New York und von Paris bis Tokio gespielt. An der Kunstuniversität Graz hat er eine Gastprofessur für Kompositions- und Musiktheoriepädagogik inne. Schmidinger ist Intendant der Welser Abonnementkonzerte und Leiter der Jeunesse-Geschäftsstelle Wels. Im Musikverein gelangen regelmäßig Werke aus seiner Feder zur (Ur-)Aufführung.

Lillipizz, der kleine Lipizzaner
© Wolf-Dieter Grabner

Lillipizz, der kleine Lipizzaner 

Allegretto

Chris Pichler,Schauspiel
Duo Arcord

Lillipizz – der kleine Lipizzaner
Ein Fantasie-Ritt für Sprecherin, 
Violoncello und Akkordeon
(Libretto von Chris Pichler, 
Musik von Helmut Schmidinger)

Samstag, 11. Jänner 2020, 14.00 Uhr

Chris Pichler
© privat

Chris Pichler 

Allegretto

Chris Pichler,Schauspiel
Duo Arcord

Lillipizz – der kleine Lipizzaner
Ein Fantasie-Ritt für Sprecherin, 
Violoncello und Akkordeon
(Libretto von Chris Pichler, 
Musik von Helmut Schmidinger)

Samstag, 11. Jänner 2020, 17.00 Uhr

Chris Pichler und Helmut Schmidinger
© Wolf-Dieter Grabner

Chris Pichler und Helmut Schmidinger 

Allegretto

Chris Pichler,Schauspiel
Duo Arcord

Lillipizz – der kleine Lipizzaner
Ein Fantasie-Ritt für Sprecherin, 
Violoncello und Akkordeon
(Libretto von Chris Pichler, 
Musik von Helmut Schmidinger)

Sonntag, 12. Jänner 2020, 11.00 Uhr

Chris Pichler
© Wolf-Dieter Grabner

Chris Pichler 

Allegretto

Chris Pichler,Schauspiel
Duo Arcord

Lillipizz – der kleine Lipizzaner
Ein Fantasie-Ritt für Sprecherin,
Violoncello und Akkordeon
(Libretto von Chris Pichler,
Musik von Helmut Schmidinger)

Sonntag, 12. Jänner 2020, 16.00 Uhr