„Lesen Sie nur Shakespeare’s ,Sturm‘“

Zur Musiksprache Ludwig van Beethovens 

Absolute Musik? Auf Beethovens Instrumentalmusik trifft der Begriff nicht wirklich zu, denn wer verstehen will, wie sie gemeint ist, sollte mitunter ins Bücherregal greifen und Literatur lesen. Schlag nach bei Shakespeare, da steht was drin! Das gilt jedenfalls für die „Sturm“-Sonate, die am 16. Jänner von Jewgenij Kissin gespielt wird.

Eines Tages, als ich dem Meister den tiefen Eindruck geschildert, den die Sonaten in D moll und F moll in der Versammlung bei C. Czerny hervorgebracht und er in guter Stimmung war, bat ich ihn, mir den Schlüssel zu diesen Sonaten zu geben. Er erwiderte: ,Lesen Sie nur Shakespeare’s Sturm.‘ Dort also soll er zu finden seyn; aber an welcher Stelle?“ So berichtet uns Ludwig van Beethovens „Adlatus“ und erster Biograph Anton Schindler über seinen Versuch, dem Komponisten den „Inhalt“ der Klaviersonaten op. 31/2 und 57 zu entlocken. Und er überließ es dem Leser, in den Sonaten „Nacherzählungen“ des „Sturm“ zu entdecken.

Affekte im Dialog

Mittlerweile wurde dies nachgeholt, und zumindest in dem Beginn der Sonate konnten musikalische „Nachahmungen“ der Shakespeare’schen Szenerie dingfest gemacht werden. Stellt Beethovens Musik nach kurzer Einleitung doch unzweifelhaft einen Dialog zwischen „Basso“ und Oberstimme dar, analog der zweiten Szene des Dramas: Miranda ist wegen der Stürme, die ihr Vater Prospero entfacht hat, äußerst aufgeregt und bangt um die Insassen des Schiffes. Prospero beruhigt sie laut der Übersetzung J. J. Eschenburgs, die Beethoven besessen und gerne gelesen hat, folgendermaßen: „Fasse dich, meine Tochter! Nicht so bestürzt!“ Sie klagt aber weiter: „O! unglücklicher Tag!“, worauf er sie erneut zu beruhigen sucht: „Kein Schaden. Was ich gethan habe, das habe ich aus Fürsorge für dich gethan.“ Beethovens „Dialog“ entspricht nun genau der Situation im Drama; die Unterstimme verströmt Festigkeit, Sicherheit und Ruhe, während im „unruhigen“ Sopran „klagende“ Seufzer und schließlich eine chromatische „Circulatio“ erklingen, die neben „Umarmungen“ auch Mitgefühl versinnbildlicht. Genau diese Affekte besitzen Mirandas Worte: Klage, Seufzer und Mitleid. Nachdem dann die Linie der Oberstimme in einem „bittenden“ chromatischen Aufstieg gipfelt, folgen „ruhige“ Antworten des Basses sowie erneute „schmerzhafte“ „Circulatio“-Linien – zwei „Principe“, die auch das weitere Geschehen der Sonate prägen.

Bewegte Dualität, bewegende Musik

Das Vorhandensein von zwei (oft programmatischen) „Principen“ innerhalb der Beethoven’schen Hauptthemen entnehmen wir auch analytischen Hinweisen von Beethovens Schüler Carl Czerny. Er deutete etwa den als „grell und scharf“ bezeichneten Anfang des Finales der zweiten „Sturm“-Sonate, der „Appassionata“ f-Moll, op. 57, ganz gemäß der Shakespeare’schen Szenerie folgendermaßen: „Mag sich Beethoven, (der so gerne Naturscenen schilderte) dabei vielleicht das Wogen des Meeres in stürmischer Nacht gedacht haben, während von Ferne ein Hilferuf ertönt, immer kann ein solches Bild dem Spieler eine angemessene Idee zum richtigen Vortrag dieses grossen Tongemäldes geben. Es ist gewiss, dass Beethoven sich zu vielen seiner schönsten Werke durch ähnliche, aus der Lektüre oder aus der eignen regen Fantasie geschöpfte Visionen und Bilder begeisterte, und dass wir den wahren Schlüssel zu seinen Compositionen und zu deren Vortrage nur durch die sich’re Kenntniss dieser Umstände erhalten würden, wenn dieses noch überall möglich wäre.“ Czerny sieht das kontrastierende Gegeneinander von „Sturm“ (bzw. „Meereswogen“) und „Hilferuf“ als zwei „Principe“ des Hauptthemas, wie sie Anton Schindler auch für die Sonaten E-Dur und G-Dur, op. 14, nennt: „Beide diese Sonaten haben einen Dialog zwischen Mann und Frau, oder Liebhaber und Geliebte zum Inhalt. In der zweiten Sonate ist dieser Dialog wie seine Bedeutung prägnanter ausgedrückt, und die Opposition der beiden eingeführten Hauptstimmen fühlbarer noch als in der ersten Sonate. Beethoven nannte diese beiden Principe das bittende und das widerstrebende. Gleich die Gegenbewegung in den ersten Takten zeigt die Opposition beider an: [...] Mit einem sanft beschwichtigenden Uebergang vom Ernst zu einem zarteren Gefühle tritt im 8ten Takte das bittende Princip allein auf: fleht und schmeichelt so fort bis zum Mittelsatz in D-Dur, wo beide Principe wieder einander gegenüber treten [...].“

Musiksprache und Klangrede

Die „Programme“ für seine „Dramen“ bot Beethoven bisweilen selbst an, wenn er einen Auftrag erhielt. So bat er 1815 den Prager Advokaten und Pianisten Johann Kanka folgendermaßen um eine Spezifizierung: „[...] womit soll ich ihnen in meiner Kunst dienen, sprechen sie, wollen sie das selbstgespräch eines geflüchteten Königs oder den Meyneid eines Usurpators besungen haben – oder das Nebeneinanderwohnen zweier Freunde, welche sich nie sehen?“ Beethoven gab hier genaue Inhalte an, die er mit Hilfe seiner Musiksprache bzw. „Klangrede“ (J. Mattheson) instrumental darstellen könnte, zudem sprach er nicht von „ausdeuten“, „nachzeichnen“ oder gar nur „nachempfinden“, sondern von „besingen“. Er stand also noch in jener Tradition, die die Musik als eine spezielle, gehobene Sprache sah, als ein „Singen“ auf der Basis rhetorischen Denkens, Formulierens und Strukturierens. Riet er doch seinen Pianisten sogar, schwer verständlichen Passagen „passende Worte unterzulegen und sie zu singen“, um deren „wahren Sinn“ zu verstehen.

Komponieren mit Worten

Die Einheit von „Inhalt“ und kompositorischer Ausführung in Beethovens Schaffen war seinen Zeitgenossen vertraut, wie uns ein auch Franz Schubert als Zeuge nennender Bericht verrät: „In einem kleinen Wiener Gasthause sah ich Beethoven in den letzten Jahren seines Lebens manchen Winterabend. [...] Bisweilen nahm er ein zweites stärkeres Heft [...] und schrieb. ,Was schreibt er nun wohl?‘ fragte ich eines Abends meinen Nachbar, den unerreichten Liederkomponisten Schubert. ,Er komponiert‘, war seine Antwort. – ,Er schreibt ja aber Worte, keine Noten.‘ – ,Das ist so seine Art: er bezeichnet sich gewöhnlich mit Worten den Ideengang für dieses oder jenes Tonstück und setzt höchstens einige Noten dazwischen. Ihm ist die Kunst bereits Wissenschaft geworden‘.“ Auch den „Ideengang“ der Klaviersonate e-Moll, op. 90, mag Beethoven zunächst mit Worten umrissen haben, ehe er die „Liebesgeschichte“ des Grafen Lichnowsky (samt der Geburt der unehelichen Tochter) mit Noten verklausulierte und dem Grafen erklärte, „wünsche er Ueberschriften, so möge er über den ersten Satz schreiben: Kampf zwischen Kopf und Herz, und über den zweiten: Conversation mit der Geliebten.“

Auf stürmenden Wogen und wissenden Wegen

Und es gibt sogar eine „Textierung“ eines Beethoven’schen Sonatensatzes, des Adagios aus der Sonate f-Moll, op. 2/1. Beethovens Jugendfreund Franz G. Wegeler hat der Melodie mit „Die Klage“ überschriebene Worte unterlegt, die dann „mit Beethoven’s Gutheißen gestochen“ wurden: „Mein Glück ist entflohen!/ Meine Ruhe ist dahin!/ Auf stürmenden Wogen/ schwanket so unstät, so trübe mein Sinn!/ keine Seele hört mein Flehn!/ Mir verschlossen jedes Herz!/ Des Todesengels Weh’n,/ schon fühl’ ich’s, mich tödtet der Schmerz!/ Nirgend Trost! Grosse Götter!/ komm, o Tod! komm, o Retter!/ komm, o Freund! [...] mich tödtet der Schmerz!/ keine Hülfe! Nirgend Hoffnung!/ Ach, wer rettet?/ Nur der Tod befreyet mich.“ Nun ist die F-Dur-Melodie dem äußeren Anschein nach eher nicht problembeladen, doch bei genauer Kenntnis der in ihr verwendeten musikalisch-rhetorischen Figuren wird uns die Negativsymbolik der Seufzer, der Ausrufe sowie des schmerzhaften „Querstandes“ klar, wie sie der (damals) zeitgenössische Musiker Wegeler sofort erkannte – und wie sie heute jeder „wissende“ Musiker ebenfalls erkennen und seinem Publikum deutlich vermitteln wird.

Hartmut Krones
Em. o. Univ.-Prof. Mag. Dr. Hartmut Krones leitete das Institut für Musikalische Stilforschung (mit den Abteilungen „Stilkunde und Aufführungspraxis“ und „Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg“) an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter auch „Ludwig van Beethoven. Sein Werk – sein Leben“.